NDL Lothringen, 1906

Der Schiffsoffizier Friedrich Meier – ein Nachtrag zu den Tagebucheinträgen

Die Spur führt nach Bremerhaven

Über Jacob Jensen und August Lembach

Titelbild:

Der Frachtdampfer „Lothringen“, Norddeutscher Lloyd Bremen, Friedrich Meier war 4. Offizier, als das Schiff im August 1914 in Melbourne beschlagnahmt wurde, Postkarte, eigene Sammlung.

Angaben zum Schiff laut Rückseite:
Dienst: Frachtdampferlinie Bremen – Ostasien. Größe: 5002 Br.-R.-T. Länge: 131 m, Breite: 16 m, Tiefe: 8 m. Pferdestärken: 3200. Geschwindigkeit: 12 Knoten. Besatzung: 50 Mann.

Die Karte stammt offenbar aus einem Postkartenheft des NDL: die linke Kante der Karte weist eine Perforation auf.

Friedrich Meier

In den vergangenen Monaten hatte ich hier im Blog mit den Tagebucheinträgen des Schiffsoffiziers Friedrich Meier über die Gefangenschaft deutscher Seeleute in Australien berichtet.

Meier war als 4. Offizier auf dem Dampfschiff „Lothringen“ des Norddeutschen Lloyd Bremen beschäftigt und im August 1914 nach der Kriegserklärung Großbritanniens an das Deutsche Reich in Melbourne gefangengesetzt worden.

Seine Schilderungen geben Einblick in den Lageralltag und beschreiben eindrucksvoll die Lebensbedingungen der deutschen Gefangenen, die während des Ersten Weltkrieges als feindliche Elemente (enemy aliens) inhaftiert worden waren.

Auch die Seeleute der „Fürth“ waren während des Krieges von Ceylon nach Australien gebracht worden und teilten das Schicksal Friedrich Meiers. Sie dürften sich in den Lagern Holsworthy und Trial Bay begegnet sein.

Hier zusammenfassend noch einmal die Stationen des Friedrich Meier:

1. Gefangenschaft in Melbourne, Meier konnte sich auf Ehrenwort (parole) frei in der Stadt bewegen: In australischer Gefangenschaft

2. Gefangenschaft im Langwarrin Internment Camp (Bundesstaat Victoria) von März bis August 1915: Deutsche Seeleute im Langwarrin Internment Camp

3. Überstellung in das Lager Hol(d)sworthy (Liverpool) bei Sydney (August bis Dezember 1915): Gefangen in Australien – das Liverpool Internment Camp

4. Friedrich Meier im Lager Trial Bay (Dezember 1915 bis Mai 1918):
Trial Bay Camp – Gefängnis am Strand (Teil 1 von 2)
und Das Trial Bay Internierungslager in New South Wales/Australien (Teil 2 von 2)

5. Zurück im Liverpool Internment Camp (Mai 1918 bis Mai 1919):
Im Lazarett – Tagebuch einer Operation im Jahr 1918 und
Tagebuch Friedrich Meier: Die letzten Monate im Holsworthy Internment Camp (NSW, Australien)

Im Mai 1919 endet das Tagebuch Friedrich Meiers.

Lose Blätter

Auf losen Blättern hat Meier dem Tagebuch einige Seiten zugefügt (oder aus demselben herausgetrennt und sie lose wieder beigelegt).

Auf diesen Seiten verzeichnete er jeden eingehenden und jeden geschriebenen Brief bzw. auch Postkarten und Pakete jeweils mit Datum und Absender/Empfänger. Insgesamt hatte Meier während des Ersten Weltkrieges 242 Sendungen erhalten:

242 Briefe und Karten erhielt ich bisher

Das ist zumindest seine Berechnung, die er unter dem Datum 17. November 1918 vermerkt hat und nachdem die Post einen sehr hohen Stellenwert bei den Gefangenen einnahm, gibt es keinen Grund an seinen Aussagen zu zweifeln.

In Bremerhaven

Auf einer eingelegten Seite machte Meier folgenden Eintrag, allerdings ohne einen Namen dazuzuschreiben:

1. Oktober 1914 verzogen nach Kistnerstr. 37 II
am 1. Okt. 1915 verzogen nach Rutenbergstr. 25 I

Beide Straßen befinden sich im Zentrum von Bremerhaven.

Leider enthalten die online verfügbaren Bremischen Adressbücher auf den Seiten der Universität Bremen zu dieser Zeit nicht mehr die Einwohner von Bremerhaven, dies endet zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Eine Recherche vor Ort könnte mehr Klarheit bringen.

Über seinen Vater schreibt Meier:

Am 8. Juni 1866 trat mein Vater in die Dienste des Nordd Lloyd.

Ein Eintrag, der den Wohnort Bremerhaven bestätigt.

Die meisten Briefe erhält Meier von seinen Eltern und schreibt diesen auch sehr häufig.

Kaiser Wilhelm II., 1903

Doppelschrauben-Schnellpostdampfer „Kaiser Wilhelm II.“, Baujahr 1903, Norddeutscher Lloyd Bremen; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Themistokles_von_Eckenbrecher_Kaiser_Wilhelm_II.jpeg

Willi, Adolf und Hermann

Weitere Einträge betreffen drei männliche Vornamen, eventuell Brüder von Friedrich:

Willi verheiratete sich am 20. Mai 1911

Auch ihm schreibt er regelmäßig und viel. Dieser Willi wurde ev. Vater:

Willi Heinrich Simon Meyer jr. geboren am 4. April 1915

Interessanterweise schreibt Meier den Namen hier mit „y“. Auf einer Suche nach der Familie Meiers sollte daher auch der Familienname Meyer geprüft werden.

Adolf – im 1. halben Jahr des Krieges Assistent auf LazS. Scharnh.
dann auf D. „Amisia“ Reederei Seefahrt. Ostseefahrt. Nov 1915
bis 1. Juni beim Lloyd Dreher. Am 2. Juni 1916 zur Marine,
ausgebildet in W’haven. Heizer auf S.M.S. Schwaben.
dann in Blauhand, Ellesserdamm, Oldbg.

Hermann – Ostern 1913 beim Lloyd Maschinenbauer. 21. Jan 1917
eingezogen zur Infanterie, ausgebildet in Lübeck.
Seit 8. März in Belgien.

Das Wort Belgien ist durchgestrichen (ist Hermann eventuell gefallen?)

Blauhand, eigentlich Fort Blauhand in der Nähe des kleinen Ortes Blauhand, war ein Verteidigungsbauwerk zum Schutz des Marinehafens Wilhelmshaven.

Seriennummern

Meier machte zwei weitere Vermerke auf dieser Seite: er notierte die Seriennummern von drei Banknoten, zwei 50-Mark-Scheine und einen 100-Mark-Schein. Vielleicht seine eiserne Reserve, die er irgendwo in seine Kleidung eingenäht hatte.

Bremerhaven, Stadtplan, 1901

Bremerhaven um 1901, Bibliograph. Institut, Leipzig; Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Unterweserorte_um_1901.jpg

August Lembach und Jacob Jebsen

Der letzte Eintrag auf den losen Seiten im Tagebuch Meiers gibt zwei interessante Namen preis:

Erinnerungsbuch: J. Jebsen, Apenrade
A. Lembach, Berlin Westend, Reichsstr. 5

Die zwei Namen führen zu Personen mit ganz unterschiedlichen Lebensläufen.

Lembach hatte sich in Trial Bay an das Schreiben eines Erinnerungsbuches gemacht, dass er seinen Leidensgenossen zum Kauf anbot. Darüber wurde auch in der Lagerzeitung „Die Welt am Montag“ berichtet. SIEHE: Das Internierungslager Trail Bay – Die Geschäfte der Gefangenen

Jebsen muss ebenfalls seine Erinnerungen niedergeschrieben haben. Erschienen sollen sie sein in den Schriften der Heimatkundlichen Arbeitsgemeinschaft für Nordschleswig, Heft 29-30, im Jahr 1974. Hier bin ich noch auf der Suche nach dieser Ausgabe.

Jacob Jebsen war erfolgreicher und kosmopolitischer Reeder und Unternehmer. August Lembach hingegen galt als erfolgloser Autor und Dramatiker, der in Berlin in einfachen Verhältnisse gelebt hatte.

Zwei völlig unterschiedliche Lebensläufe, die lohnen, einen Blick auf sie zu werfen.

August Lembach, Berlin

August Lembach, Adresseintrag im Berliner Adressbuch 1914, Zentral- und Landesbibliothek Berlin, Digitale Landesbibliothek Berlin; https://digital.zlb.de/viewer/index/

August Lembach

Ein Eintrag in einem Berliner Adressverzeichnis vermerkt Lembach als Schriftsteller.

Im Jahr 1913 plante er, „die deutschen Kolonien mit einem Kinematographen zu bereisen“.

Zum einen hatte er die Absicht, Filme in den Kolonien aufnehmen und zum anderen „wollte er die ‚pädagogische‘ Absicht verfolgen, den Afrikanern die Institutionen des Reiches vorzustellen – allen voran den Kaiser“.

Für dieses Projekt suchte er finanzielle Unterstützung bei der Reichsregierung. Diese wurde ihm jedoch nicht zuteil, nachdem ihm das Berliner Polizeipräsidium ein negatives Zeugnis ausgestellt hatte: Lembach sei ein erfolgloser Autor, lebe in einfachen Verhältnissen und die Finanzierung seines Plans sei fraglich.

Informationen nach: Der Kaiser und das Kino, Herrschaftsinzenierung, Populärkultur und Filmpropaganda im Wilhelminischen Zeitalter, D. Petzold (2012), Schöningh, Paderborn; https://www.schoeningh.de/view/book/9783657773213/B9783657773213-s011.xml

In den Jahren 1911 und 1912 hatte Lembach zwei Dramen veröffentlich, beide sind heute immerhin noch antiquarisch zu finden: Samson und Don Juan. Erfolg hatte er damit anscheinend nicht.

Allerdings hat Lembach sein Projekt mit den Kolonialfilmen offenbar auch ohne Unterstützung der Regierung weiterverfolgt, denn schließlich landete er spätestens im März 1916 im Trial Bay Internment Camp in Australien. Zu diesem Zeitpunkt wird er das erste Mal in einem Tagebuch des Gefangenen Otto Wortmann erwähnt, der mit ihm viel Zeit verbrachte.

Trial Bay Gaol 1917

Trial Bay Concentration Camp, Aufnahme 1917; Quelle: Mitchell Library, State Library of New South Wales, file number FL1503963

Wortmann war vor dem Krieg Pflanzer in Deutsch-Neuguinea und führte in den Lagern Trial Bay und Holsworthy Tagebuch.
Otto Wortmann internment camp papers, Mitchell Library, State Library of NSW, Sydney.

In diesem Tagebuch findet Friedrich Meier keinerlei Erwähnung und auch Jebsen ist in Zusammenhang mit der Diskussion um die Anschaffung eines Projektors für ein Lagerkino nur einmal genannt.

Laut Wortmann und Zeitungsartikeln in der Lagerzeitung Die Welt am Montag hatte Lembach in Trial Bay die Idee, ein Buch über die Gefangenschaft zu veröffentlichen. Er hatte Wortmann als Sekretär angeheuert, der außerdem einen Bericht über das Lager in Rabaul (Deutsch-Neuguinea) beisteuern sollte. Wortmann hatte jedoch schnell die Lust an seinem Sekretärsposten verloren. So bleibt es im Dunkeln, ob Lembachs Buchprojekt jemals einen Abschluss fand.

Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete Lembach dann als künstlerischer Leiter bei der Akme-Film in Berlin. Als Drehbauchautor wirkt er 1920/1921 bei Filmen mit den heute unbekannten Titeln „Die Verschleierte“, „Planetenschieber“, „Hochstapler“ und „Haschisch, das Paradies der Hölle“ mit.

Mehr Informationen sind sicher recherchierbar, würden mich aber zu weit vom eigentlichen Thema des Blogs wegführen.

So muss Lembach vor dem Ersten Weltkrieg zeitweise am Schauspielhaus Düsseldorf gearbeitet haben. https://emuseum.duesseldorf.de/people/28193/august-lembach/objects

Falls Sie mehr über August Lembach wissen, freue mich über Ihre Hinweise. Die spannendste Frage für mich ist natürlich, ob er sein groß angekündigtes Buchprojekt jemals umsetzte. Immerhin hatte er beim Verkauf seines geplanten Buches in Australien von seinen Mitgefangenen Vorkasse eingefordert.

Jacob Jebsen, Apenrade

Jacob Jebsen (1870-1941); Quelle: commons.wikimedia.org, Jacob Jebsen (1870–1941).jpg

Jacob Jebsen

Jacobs Vater, Michael Jebsen war Kapitän und Reeder in Apenrade. Apenrade heißt heute Aabenraa, die Stadt kam 1920 zu Dänemark.

Es bestanden gute Geschäftsbeziehungen nach China und Michael Jebsen betrieb dort mit einigen Dampfern eine Küstenschifffahrtslinie.

Nach Aufenthalten in Vlissingen und Rotterdam machte sein Sohn Jacob Jebsen sein Abitur in Flensburg, studierte in Karlsruhe und Berlin Chemie, bevor er sich entschloss Kaufmann zu werden.

Die Lehre machte er bei Armaments Deppe in Antwerpen. Zu dieser Reederei siehe den Artikel: „Elisabeth von Belgien“

Mit seinem Cousin Heinrich Jessen gründete Jacob Jebsen 1895 in Hongkong die Firma Jebsen & Co. Sie wurden dort Schiffsmakler der väterlichen Reederei. Außerdem übernahmen die beiden Industrievertretungen.

Einen ersten großen Coup landeten sie 1897 mit der Übernahme der Vertretung der Badischen Anilin & Soda-Fabrik, Ludwigshafen, der heutigen BASF.

Diese Firma hatte im gleichen Jahr die industrielle Produktion von synthetischem Indigo aufgenommen.

Von 1900 bis 1910 verzehnfachten Jebsen & Co. den Absatz der Badischen Anilin & Soda-Fabrik in HongKong und Teilen Chinas. Jacob Jebsen und Heinrich Jessen wurden reiche Geschäftsleute und die Verbindung mit der BASF sollte bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts bestehen bleiben.

1904 kaufte Jessen auf dem Hongkong Peak ein repräsentatives Anwesen, das er fortan „Lysholt“ nannte. 1906 gab Jebsen die Jugendstilvilla Lansnack in Apenrade in Auftrag, die noch heute in Familienbesitz ist.

BASF Ludwigshafen

Aufkleber für Farbstoffe der Badischen Anilin & Soda-Fabrik, um 1900; Quelle: https://digital.sciencehistory.org/works/tb09j693r, public domain

Im Jahr 1914

Im Februar 1914 reiste Jebsen geschäftlich nach Hongkong, seine Rückreise war für den 10. August 1914 mit der Transsibirischen Eisenbahn geplant. Es sollte anders kommen.

Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges dachte Jebsen zunächst noch, normal weiterarbeiten zu können. Er war schließlich in der Hongkonger Gesellschaft bestens vernetzt.

Im Oktober 1914 wurde Jebsen jedoch, wie rund 350 andere Deutsche in Hongkong, gefangen genommen. Jebsen musste sein luxuriöses Heim nun mit einem Internierungslager auf der Kowloon-Halbinsel eintauschen.

Anfang des Jahres 1916 wurde Jebsen mit den anderen Deutschen nach Australien transportiert und kam nach Trial Bay, später nach Holsworthy.

Das Unternehmen Jebsen & Co. besteht bis heute fort und ist unter anderem Marketing- und Vertriebspartner zahlreicher renommierter Unternehmen für den chinesischen Markt.

Weitere Informationen:

https://www.jjsea.com/about-us/our-history/
Auf dieser Webseite steht auch die lesenswerte und reich bebilderte Firmengeschichte zur Verfügung: Three Mackerels, The Story of the Jebsen and Jessen Family Enterprise

https://www.basf.com/global/en/who-we-are/history/130-years-of-basf-in-china/how-it-all-began/in-the-beginning-were-the-dyes.html

Ein Gedanke zu „Der Schiffsoffizier Friedrich Meier – ein Nachtrag zu den Tagebucheinträgen

  1. Pingback: Gefangen in Portugiesisch-Ostafrika (1916) | Das kurze, aber bewegte Leben des Frachtdampfers „Fürth“

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