Archiv der Kategorie: Erster Weltkrieg

runners at the starting line, camp Hot Springs, North Carolina 1917/1918

Gefangen in Hot Springs, NC – Lagerleben auf Bildern des Schiffsoffiziers Julius Hagenah

Titelbild: Läufer am Start, Sportfest in Hot Springs, NC; Foto aus dem Album von Julius Hagenah, 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Der Beitrag setzt die Serie von Artikeln, die das Leben im Internierungslager Hot Springs, North Carolina, auf den Aufnahmen des Schiffsoffiziers Juluis Hagenah dokumentieren, fort.

Zur Erinnerung: Nach dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg waren im Frühjahr 1917 die deutschen Seeleute von in amerikanischen Häfen liegenden deutschen Schiffen geholt und interniert worden. Die Seeleute der deutschen Handelsmarine in Hot Springs, North Carolina.

Die Links zu den vorangegangenen Berichten aus Hot Springs finden sie am Ende dieses Beitrages.

Sport und Sportfeste

Für Männer, die regelmäßige und zum Teil schwere Arbeit gewohnt waren, war die erzwungene Untätigkeit des Lageralltags eine Strafe. Die Erhaltung der körperlichen Leistungsfähigkeit stand daher für viele Seeleute im Mittelpunkt des Lagerlebens.

Auf der folgenden Abbildung sehen wir eine Männergruppe, die an einem improvisierten Reck trainieren.

gymnast at the high bar, Hot Springs, North Carolina, Internment Camp 1917/1918
Turnübungen am Reck, Foto aus dem Album von Julius Hagenah, 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Die sportliche Betätigung gipfelte in Sportfesten, die neben den Beteiligten auch eine große Zuschauerschar anzogen.

sports festival, Hot Springs internment camp, 1917/1918
Sportfest mit vielen Zuschauern und Hund, Foto aus dem Album von Julius Hagenah, 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Theater und Kabarett

Komödien und Schwänke standen bei den Theateraufführungen im Vordergrund. Sehr beliebt, und das nicht nur in Hot Springs, sondern auch in allen anderen Internierungslagern während des Ersten Weltkrieges über die ich hier berichtet hatte, waren die Stücke von Gustav Kadelburg.

Auf dem folgenden Foto sehen wir eine Szene aus seinem Schwank in einem Akt „In Civil“.

Am bekanntesten von Kadelburg ist sein mit Oscar Blumenthal verfasstes Lustspiel „Im weißen Rössl“ aus dem Jahr 1898. Das liegt sicher auch daran, dass das Stück später als Vorlage für ein Singspiel (1930) diente und mehrfach verfilmt wurde.

theater in Hot Springs, North Carolina 1917/1918
„In Civil“, Theater im Lager Hot Springs, NC; Foto aus dem Album von Julius Hagenah, 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Neben Theaterstücken erfreuten sich Kabarettabende großer Beliebtheit. Im folgenden Foto mit „Timur Dar und seiner Truppe“, die die Zuschauer für eine kurze Zeit in die Welt des Orients entführten.

Cabaret in Hot Springs, North Carolina, 1917/1918
Kabarett im Lager Hot Springs, NC; Foto aus dem Album von Julius Hagenah, 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

An Silvester 1917/1918 hatten die Seeleute Spaß mit einer bayerischen Trachtengruppe:

cabaret in Hot Springs, North Carolina, New Year's Eve 1917/1918
Silvester 1917/1918, Kabarettabend im Lager Hot Springs, NC; Foto aus dem Album von Julius Hagenah; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Nicht im Bild festgehalten hat Julius Hagenah die Konzerte im Lager: Neben den vielen Seeleuten war nämlich auch das komplette kaiserliche Orchester des dritten Seebataillon aus dem chinesischen Protektorat Tsingtao im Jahr 1918 in Hot Springs angekommen. Ihre Konzerte brachten den Gefangenen einige Abwechslung, waren aber auch bei der einheimischen Bevölkerung äußerst beliebt (die den Konzerten von der Plattform des Bahnhofs außerhalb des Lagers zuhören und zusehen konnten). In dem kleinen Ort, der aus nicht einmal 500 Einwohnern bestand, dürfte es sonst nur wenig kulturelle Angebote gegeben haben.

Mündlich ist von Julius Hagenah überliefert, dass im Lager auch Vorträge über Musik gehalten wurden. Der Orchesterleiter des Seebataillons könnte diese organisiert haben.

Ebenfalls hat Hagenah mitgeteilt, dass Unterricht in Seefahrtskunde im Camp stattfand. Nachdem die USA in ihren Häfen 94 deutsche Dampfschiffe beschlagnahmt hatten (Quelle: The New York Herald, 7.4.1917) bestand an Lehrern wahrlich kein Mangel. Nach Aussage Hagenahs haben ihm die Stunden im Lager später bei seiner Ausbildung und Prüfung in Hamburg sehr geholfen.

Swimmingpool und Speiseeis

Zwei Überraschungen liefern uns die beiden folgenden Bilddokumente.

Das erste zeigt uns einen Mann neben einem ausgehobenen Becken. Wie die Männer ein solch großes Becken bauen konnten und welche Hilfsmittel ihnen dabei zur Verfügung standen, wird wohl ihr Geheimnis bleiben.

Der Pool könnte natürlich auch schon zu Hotelzeiten bestanden haben, auch wenn die Beschreibung des Mountain Park Hotels ihn nicht ausdrücklich nennt und später von den Seeleuten reaktiviert worden sein. Auf jeden Fall eine beachtliche Leistung.

Das es sich bei dem hier leeren Becken wirklich um ein Schwimmbad handelte, beweist eine Aufnahme von Adolph Thierbach, auf der drei Männer im Becken schwimmen und ein vierter auf einem Sprungbrett steht. Umgeben sind die vier von etwa zwanzig Schaulustigen. Hier der Link: https://www.ibiblio.org/ww1gd/Swimming_Pool_G0012.html

swimming pool, Hot Springs North Carolina, internment camp, 1917/1918
Schwimmbad im Lager Hot Springs, NC; Foto aus dem Album von Julius Hagenah, 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Das zweite Foto zeigt uns eine Schlange von sommerlich gekleideten Männern vermutlich vor der Lagerkantine.

ice cream at the camp canteen, Hot Springs 1917 or 1918
Eisverkauf in der Kantine, Lager Hot Springs, NC; Foto aus dem Album von Julius Hagenah, 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Dass es sich nicht um eine normale Essensausgabe handelt, sehen wir in einer Bildvergrößerung: Der erste Mann in der Schlange hat eindeutig eine Waffel mit einer Kugel Eis in der Hand. Die verantwortlichen Schiffsköche dürften sich mit dieser Aktion viele Freunde gemacht haben.

ice cream in the camp canteen, Hot Springs, North Carolina, 1917 or 1918
Eisverkauf in der Kantine, Ausschnitt, Lager Hot Springs, NC; Foto aus dem Album von Julius Hagenah, 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Hochwasser in Hot Springs

im folgenden Beitrag mit Bildern aus dem Album von Julius Hagenah sehen wir das Lager bei Hochwasser. Weite Teile des Internierungslagers stehen unter Wasser.

Hagenah hat dieses Ereignis in einer Serie von sieben Aufnahmen festgehalten. Bleiben Sie dran und seinen Sie bei den ersten, die diese unveröffentlichten Aufnahmen zu Gesicht bekommen!

Links

Hier die Links zu den vorangegangenen Artikel über den Schiffsoffizier Julius Hagenah:

Der Offizier, Kapitän und Hafenlotse Julius Hagenah

Julius Hagenah – Internierung in New York und Ankunft in Hot Springs, North Carolina

Gefangen in Hot Springs, Nord Carolina – Das „deutsche Dorf“ auf Bildern des Schiffsoffiziers Julius Hagenah

Einen einführenden Artikel über das amerikanische Internierungslager Hot Springs finden Sie hier:

Angelpartie in Hot Springs

Internment camp Hot Springs, NC "German village"1917

Gefangen in Hot Springs, Nord Carolina – Das „deutsche Dorf“ auf Bildern des Schiffsoffiziers Julius Hagenah

Sehnsucht nach der Heimat

Titelbild: Gartenhaus im deutschen Dorf mit ihren stolzen Besitzern, Internierungslager Hot Springs, North Carolina, USA; Foto aus dem Album von Julius Hagenah, Winter 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Dieser Artikel ist eine Fortsetzung des Blogbeitrags Julius Hagenah – Internierung in New York und Ankunft in Hot Springs, North Carolina. Er berichtet von dem internierten Schiffsoffizier Julius Hagenah im Lager Hot Springs in North Carolina. In den Jahren 1917/1918 waren dort etwa 1300 Seeleute von Schiffen der deutschen Handelsmarine interniert.

Obwohl das Lager nur gut 16 Monate bestand, hatten die Gefangenen in dieser Zeit eine enorme Bautätigkeit an den Tag gelegt. Das belegt auch, dass die Leitung des Lagers den Internierten viele Freiheiten zugestanden hatte.

So entstand in der kurzen Zeit ein kleines Dorf, dass eindeutig deutsche Züge besaß und in dem die Seeleute ihre Sehnsucht nach der Heimat ausdrückten: mehr oder weniger kleine Häuschen, die von gepflegten Gärten umgeben waren, ein Dorfbrunnen, eine Kapelle und im Zentrum sogar eine Dorfkirche, deren Höhe ich auf beachtliche 12 Meter schätze.

Dorfkirche, Internierungslager Hot Springs, Nord Carolina, 1917
Kirche im „Deutschen Dorf“ des Internierungslager Hot Springs, Nord Carolina; Foto aus dem Album von Julius Hagenah, Winter 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Das Foto dürfte bei der Einweihung der Kirche bzw. an Weihnachten 1917 entstanden sein. Vielleicht sind die beiden Ereignisse auch zusammengefallen. Wir werden es nicht mehr erfahren.

Die Gartenhäuser zeugen vom hohen handwerklichen Geschick ihrer Erbauer. Diese dürften Kapitäne oder höhere Offiziere gewesen sein, die es sich leisten konnten, zu ihrem Vergnügen Baumaterial von örtlichen Firmen kommen zu lassen. Bei der Fülle von Gartenhäusern sieht es so aus, als wäre ein regelrechter Wettbewerb beim Bau dieser Häuschen entstanden.

Hot Springs North Carolina, Internment camp 1917/1918
Gartenhaus im deutschen Dorf mit ihrem Besitzer, Internierungslager Hot Springs, Nord Carolina, Foto aus dem Album von Julius Hagenah, Winter 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Die rege Bautätigkeit war eine Möglichkeit, dem eintönigen Lagerleben mit seiner Langeweile zu entkommen. Außerdem waren die Häuschen ein Rückzugsort, der eine Privatsphäre bot, wie sie sonst im Lager nicht anzutreffen war.

German village, Hot Springs, NC, 1917/1918
Bau eines neuen Gartenhauses an der Dorfstraße, Internierungslager Hot Springs, Nord Carolina, Foto aus dem Album von Julius Hagenah, Winter 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

German Village, Internment Camp Hot Springs, North Carolina, 1917/1918
Zwei Seeleute auf einer Bank im „deutschen Dorf“, Internierungslager Hot Springs, Nord Carolina, USA; Foto aus dem Album von Julius Hagenah, 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Aber auch diejenigen, die keine eigenen Häuschen besaßen oder niemanden kannten, der eines besaß, hatten im Lager Möglichkeiten, sich in der Natur zu bewegen. Ein Luxus, dessen sich die Männer bewusst gewesen sein müssen.

Spring Creek, French Broad River, Hot Springs, North Carolina, 1917/1918
Brücke über einen kleinen Zufluss zum French Broad River (vermutlich der Spring Creek), Internierungslager Hot Springs, North Carolina, Foto aus dem Album von Julius Hagenah, 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Das Karussell

Neben den vielen Gartenhäuschen und der Kirche gab es im deutschen Dorf noch eine weitere Attraktion. Ein funktionstüchtiges Karussell mit vier Gondeln, in denen sich jeweils zwei Personen gegenübersitzen konnten. In Größe und Ausstattung hätte es auf einem Jahrmarkt stehen können. Julius Haganah hat es leider nicht in seinem Album, aber es findet sich bei den Fotografien von Adolph Thierbach. Nachdem ich die Bildrechte nicht besitze, kann ich Sie nur darauf verweisen. Sie finden es hier: https://www.ibiblio.org/ww1gd/Carousel_G0065.html

Das deutsche Dorf im Lager Hot Springs hatte allerdings kein langes Leben; im August 1918 wurde das Lager Hot Springs geschlossen und die Internierten nach Fort Oglethorpe überstellt, einem Militärlager, dass solche Freiheiten nicht mehr gewährte.

Bei der Beendigung des Ersten Weltkrieges soll das deutsche Dorf von verbliebenen Lagerwachen zerstört worden sein.

Hot Springs internment camp 1917
Angelpartie, Hot Springs, North Carolina, Aufnahme vermutlich aus dem (Spät-)Sommer 1917, Press Illus. Service über commons.wikimedia.org
Originaltext: A beautiful river forms the western boundary of the camp affording the German fishermen to try their luck.
Männergruppe auf Ellis Island, Julius Hagenah hat hier wahrscheinlich eine Gruppe festgesetzter Seeleute am 6. Juli 1917 aufgenommen; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Julius Hagenah – Internierung in New York und Ankunft in Hot Springs, North Carolina

Titelbild: Männergruppe auf Ellis Island, Julius Hagenah hat hier wahrscheinlich eine Gruppe festgesetzter Seeleute im April 1917 aufgenommen; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Ellis Island, New York

Julius Hagenah lag mit seinem Dampfschiff „Harburg“ seit Ausbruch des Ersten Weltkrieges in New York. SIEHE dazu: Der Offizier, Kapitän und Hafenlotse Julius Hagenah

Ein zweites DADG-Schiff in New York war die „Magdeburg“. Mehr über die beiden Schiffe in New York finden Sie hier: Sabotage in New York (Teil 1)

Am 6. April 1917 traten die USA in den Ersten Weltkrieg ein.

An diesem Tag wurden die Mannschaften der deutschen Schiffe mit Booten der amerikanischen Regierung von ihren Schiffen nach Ellis Island gebracht. Auf Teilen der Insel war ein Internierungslager für enemy aliens eingerichtet worden. Insgesamt handelte es sich um etwa 1.300 Personen.

Die relative geringe Zahl an Besatzungsmitgliedern kommt dadurch zustande, dass nach zweieinhalb Jahren Liegezeit im Hafen nur noch kleine Rumpfmannschaften auf den Schiffen verblieben waren, die zum Betrieb der Dampfer unbedingt notwendig waren.

Ellis Island, New York City, Aufnahme aus dem Jahr 1905; Quelle: Library of Congress, Washington DC via https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ellis_Island_in_1905.jpg
Ellis Island, New York City, Aufnahme aus dem Jahr 1905; Quelle: Library of Congress, Washington DC via https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ellis_Island_in_1905.jpg

Durch die charakteristische Fassade des Hauptgebäudes auf Ellis Island mit den hellen Fensterumrandungen lässt sich das Titelfoto dieses Blogbeitrages gut der Insel zuordnen.

Zwei weitere Bilder aus dem Album Julius Hagenahs dürften ebenfalls auf Ellis Island entstanden sein. Sie zeigen die festgesetzten Seeleute, die auf einer umzäunten Wiese auf ihren Weitertransport warten.

Männer warten auf einer abgezäunten Wiese; Aufnahme von Julius Hagenah, vermutlich auf Ellis Island am 6./7. April 1917; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie
Männer warten auf einer abgezäunten Wiese; Aufnahme von Julius Hagenah, vermutlich auf Ellis Island im April/Mai 1917; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Eine andere Aufnahme vom gleichen Ort zeigt eine Reihe von Männern, die sich auf Schaukeln die Zeit vertreiben, während andere im Gras sitzen oder liegen.

Männer vertreiben sich Zeit auf Schaukeln; Aufnahme von Julius Hagenah, vermutlich auf Ellis Island am 6./7. April 1917; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie
Männer vertreiben sich Zeit auf Schaukeln; Aufnahme von Julius Hagenah, vermutlich auf Ellis Island im April/Mai 1917; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Die ersten Seeleute sollen am 8. Juni 1917 in Hot Springs angekommen sein. Das würde bedeuten, dass die Männer zunächst etwa zwei Monate auf Ellis Island verbringen mussten.

Von Ellis Island dürfte der Transport der Gefangenen per Fährschiff zu einem Bahnhof erfolgt sein, von wo aus die lange Reise nach Hot Springs, North Carolina erfolgte.

Die Distanz zwischen beiden Orten beträgt über 1000 Kilometer, die Zugfahrt dürfte mehr als einen Tag in Anspruch genommen haben.

Personen vor einem Bahngleis, Aufnahme von Julius Hagenah, Aufnahmeort unbekannt; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie
Personen vor einem Bahngleis, Aufnahme von Julius Hagenah, Aufnahmeort unbekannt; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Ankunft in Hot Springs, NC

Über das Internierungscamp Hot Springs, NC hatte ich hier berichtet. Angelpartie in Hot Springs. Der Artikel bildet eine gute Hintergrundinformation zu diesem Beitrag.

Die erste sichere Aufnahme von Hot Springs im Album von Julius Hagenah zeigt uns ein Panorama, dass aus zwei Fotos zusammengesetzt ist.

Panorama von Hot Springs, North Carolina, Fotos von Julius Hagenah, 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie
Panorama von Hot Springs, North Carolina, Fotos von Julius Hagenah, 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Die beiden Aufnahmen wurden auf einer Anhöhe gemacht, die sich auf der anderen Seite des French Broad Rivers befindet, den wir im rechten Bildteil sehen und der auf der Höhe der Baumwipfel von einer zweibogigen Brücke überquert wird. Die Straße in der Fortsetzung der Brücke teilt das Lager, das wir ebenfalls im rechten Bildteil am Fluss sehen, in zwei Teile: die engstehenden Baracken des neueren Lagers B von dem anderen, älteren Lagerteil A mit dem ehemaligen Hotel und einem von U-förmig angeordneten Baracken um einen großen Platz. Zum besseren Verständnis hier eine Ausschnittvergrößerung:

Panorama von Hot Springs, North Carolina, Fotos von Julius Hagenah, 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie
Ausschnitt des Lagerbereichs mit Barracken und dem Hotelkomplex (rechts oben) aus dem Foto von oben

Oberhalb des Lagers verläuft eine bogenförmige Bahnlinie, die den Lagerbereich am Fluss von dem Ort Hot Springs, NC abtrennt.

Das fehlende Laub auf den Bäumen und der fortgeschrittene Barackenbau deuten darauf hin, dass die Aufnahme nicht nach der Ankunft Hagenahs, sondern im Winter/Frühjahr 1917/1918 entstanden ist.

Eine weitere, aus drei Einzelfotos zusammengesetzte Aufnahme zeigt die U-förmig angeordneten Baracken des älteren Lagerteils mit dem ehemaligen Hotel im Hintergrund.

Panorama des älteren Lagerteils mit U-förmig um einen großen Platz angeordneten Baracken; das ehemalige Hotel ist im linken Foto im Hintergrund zu erkennen; Fotos von Julius Hagenah, 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie
Panorama des älteren Lagerteils mit U-förmig um einen großen Platz angeordneten Baracken; das ehemalige Hotel ist im linken Foto im Hintergrund zu erkennen; Fotos von Julius Hagenah, 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Außerhalb des Lagers ließen sich 27 deutsche Frauen mit neunzehn Kindern nieder, um in der Nähe ihrer Männer zu sein. Sie mieteten Häuser oder Wohnungen an und hatten freien Zugang zum Camp. Ihre Kinder besuchten die örtliche Schule.

Das Mountain Park Hotel

Bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte James Patton aus Asheville das Potential des Ortes für den Tourismus erkannt und kaufte die Thermalquellen im Jahr 1831. Sechs Jahre später hatte er ein erstes prestigeträchtiges Hotel mit 350 Zimmern errichtet. Dieses Hotel fiel 1884 einem Brand zum Opfer. Inzwischen hatte auch die Eisenbahn den Ort erreicht (1882), was weitere Entwicklungspotentiale bot.

Das Mountain Park Hotel wurde 1886 erbaut und gleichzeitig eine heißere Thermalquelle entdeckt. Der Ort änderte daraufhin seinen ursprünglichen Namen, Warm Springs in das heute noch gültige Hot Springs.

Mountain Park Hotel, Foto aus dem Album von Julius Hagenah, 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie
Mountain Park Hotel, Foto aus dem Album von Julius Hagenah, 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

In seiner Blütezeit galt das Mountain Park Hotel als eine der ersten Adressen des Landes. Es verfügte über 200 Zimmer, Stallungen, eine Scheune, ein Quell- und ein Badehaus mit sechzehn Marmorbecken. Zum Hotel gehörten ebenfalls Croquet- und Tennisplätze sowie der erste organisierte Golfclub im Südosten der USA mit einem 9-Loch-Platz.

1917 zog das in die Jahre gekommene Hotel immer weniger Gäste an und wurde an die Bundesregierung verpachtet, die es als Internierungslager nutzte.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Mountain Park Hotel im Jahr 1920 durch Brandstiftung zerstört.

Quelle zur Geschichte von Hot Springs: https://www.hotspringsnc.org/about/#history

Die folgende Aufnahme zeigt das zum Mountain Park Hotel gehörige Badehaus.

Mountain Park Hotel, Badehaus, Foto aus dem Album von Julius Hagenah, 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie
Mountain Park Hotel, Badehaus, Foto aus dem Album von Julius Hagenah, 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

In den folgenden Blogartikeln kann ich weitere unveröffentlichte Fotos von Julius Hagenah in Hot Springs, NC präsentieren.

Das fotografische Interesse Hagenahs galt unter anderem dem „deutschen Dorf“, das wirklich beachtliche Ausmaße angenommen hatte, dem Barackenbau im Lager, einem Hochwasser (vermutlich im Winter/Frühling 1917/1918) und dem Lagerleben (Sport, Theater und anderer Zeitvertreib).

Bleiben Sie dran und gehören Sie zu den ersten, die diese historischen Aufnahmen zu Gesicht bekommen!

Hinweis für Interessierte: Ein zweiter Gefangener in Hot Springs, der Fotos vom Lager machte, war Adolph Thierbach. Seine Fotos finden Sie auf den Seiten der Madison County Public Library, Marshall, North Carolina. https://www.ibiblio.org/ww1gd/AboutThisProject.html

Ich hätte gerne einige der Aufnahmen Hagenahs und Thierbachs gegenübergestellt, eine Anfrage beim Rechteinhaber blieb aber leider unbeantwortet.

Die Offiziere der "Harburg" am 25. Juni 1914 in Savannah, Georgia

Der Offizier, Kapitän und Hafenlotse Julius Hagenah

Beitragsbild: Die Offiziere der „Harburg“ am 25. Juni 1914 in Savannah, Georgia. Julius Hagenah, der dritte Decksoffizier, ist in der hinteren Reihe in der Mitte, rechts hinter Kapitän Bettaque (vorne in der Mitte)

Steuermann auf der „Harburg“ und Gefangener in Hot Springs, North Carolina

Die schönste Anerkennung für mich als Verfasser dieses Geschichtsblogs über das Dampfschiff „Fürth“, über die Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft (DADG) und die Internierung deutscher Seeleute während des Ersten Weltkrieges ist es, wenn mir Blogleser persönliche Dokumente anvertrauen und mir erlauben, sie hier im Blog zu veröffentlichen.

In diesem Fall handelt es sich um ein ganzes Fotoalbum mit rund neunzig (!) Aufnahmen, sowie zusätzlichen Dokumenten des Schiffsoffiziers Julius Hagenah, der auf dem Frachtdampfer „Harburg“ seinen Dienst tat, bevor er den Ersten Weltkrieg zuerst als Gestrandeter und später als Gefangener in den Vereinigten Staaten von Amerika verbringen musste.

Doch der Reihe nach.

Die frühen Jahre

Julius Hagenah wurde am 13. Juni 1890 in Kollmar an der Elbe (Kreis Steinburg, Schleswig-Holstein) geboren.

Nach seiner Schulzeit, die 1906 endete, durchlief er eine klassische Ausbildung auf See als Junge, Leichtmatrose und Matrose. Am 30. Januar 1912 bestand er seine Prüfung als Steuermann und erhielt auch eine Stellung als solcher, bevor er im Oktober des gleichen Jahres in den einjährigen Wehrdienst eintrat.

Am 1. Dezember 1913 schließlich heuerte Hagenah bei der DADG an und wurde vierter Steuermann auf dem Frachtdampfer „Harburg“. Das Schiff war zu diesem Zeitpunkt eines der älteren Dampfer der DADG. Es gehörte zur sogenannten Meißen-Klasse, die sich durch einen doppelten Schornstein von allen anderen Schiffen der Reederei unterschied. Die Schiffe dieser Kleinserie von sieben Frachtern waren bewährt und so sollten noch fünf der sieben „Zweischornsteiner“ bis zum Ersten Weltkrieg bei der DADG in Fahrt sein.

Hagenahs erste Reise auf der „Harburg“ unter Kapitän Stahl dauerte bis zum 28. Mai 1914, insgesamt 4 Monate und 28 Tage. Seine Heuer betrug 110 Mark monatlich.

Hier die Seite der Anmusterung aus Hagenahs Seefahrtsbuch und darunter diejenige der Abmusterung:

Seefahrtsbuch von Julius Hagenah, Seite 10, Anmusterung als vierter Offizier auf dem Frachtdampfer „Harburg“ am 1. Dezember 1913; in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie
Seefahrtsbuch von Julius Hagenah, Seite 10, Anmusterung als vierter Offizier auf dem Frachtdampfer „Harburg“ am 1. Dezember 1913; in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Seefahrtsbuch von Julius Hagenah, Seite 11, Abmusterung als vierter Offizier auf dem Frachtdampfer „Harburg“ am 28. Mai 1914; in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie
Seefahrtsbuch von Julius Hagenah, Seite 11, Abmusterung als vierter Offizier auf dem Frachtdampfer „Harburg“ am 28. Mai 1914; in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Hagenah sollte dem Schiff treu bleiben und wurde jetzt zum dritten Steuermann unter dem neuen Kapitän Bettaque befördert. Seine Heuer stieg leicht auf jetzt 120 Mark.

Viel Zeit in der Heimat blieb Hagenah nicht, denn er musste bereits am 3. Juni seinen Dienst antreten. Zu diesem Zeitpunkt wusste er nicht, dass es über fünf Jahre dauern sollte, bis er wieder nach Hamburg zurückkehren konnte.

Seefahrtsbuch von Julius Hagenah, Seite 12, Anmusterung als dritter Offizier auf dem Frachtdampfer „Harburg“ am 3. Juni 1914; in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie
Seefahrtsbuch von Julius Hagenah, Seite 12, Anmusterung als dritter Offizier auf dem Frachtdampfer „Harburg“ am 3. Juni 1914; in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Gestrandet und interniert in den USA

Am 4. Juni 1914 verließ die „Harburg“ in der Nacht um 2.45 Uhr den Hamburger Hafen. In der Zeitungsmeldung wird noch Kapitän Stahl genannt. Es dauerte oft einige Zeit, bis die Kapitänswechsel in den Redaktionen der Hamburger Zeitungen bekannt wurden. Als Reiseziel war Australien angegeben, jedoch sollte die Fahrt der „Harburg“ zunächst in die Vereinigten Staaten gehen und erst von dort um das Kap der Guten Hoffnung in Richtung Niederländisch-Indien und Australien.

„Harburg“, abgegangen von Hamburg am 4. Juni 1914 um 2.45 Uhr; Quelle: Hamburgischer Correspondent und neue hamburgische Börsenhalle vom 5. Juni 1914; Quelle: europeana.eu
„Harburg“, abgegangen von Hamburg am 4. Juni 1914 um 2.45 Uhr; Quelle: Hamburgischer Correspondent und neue hamburgische Börsenhalle vom 5. Juni 1914; Quelle: europeana.eu

Eine auf den 25. Juni 1914 datierte Aufnahme eines Fotografen zeigt die Offiziere der „Harburg“ in Savannah, Georgia (siehe Titelabbildung dieses Blogartikels). Das Schiff dürfte diesen für die DADG durchaus ungewöhnlichen Hafen mit einer Zwischenfracht angelaufen sein, bevor es am 17. Juli 1914 in New York eintraf, um für Java zu laden (Quelle: Harms, 1933). Grundlage für die Linie New York – Java war ein Vertrag mit der Standard Oil Co. über die Lieferung von Petroleum nach Java. Siehe: Im Auftrag Rockefellers.

Der erste Weltkrieg bricht aus

Durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges Ende Juli/Anfang August 1914 waren alle deutschen Schiffe in den USA gezwungen, dort zu verbleiben, um nicht im Atlantik von den Alliierten aufgebracht zu werden.

Der Frachtdampfer „Harburg“, Aufnahme von Julius Hagenah, vermutlich am Liegeplatz in New York mit Segler an Backbord, 1914/1915; Quelle: privates Album, mit freundlicher Genehmigung der Familie
Der Frachtdampfer „Harburg“, Aufnahme von Julius Hagenah, vermutlich am Liegeplatz in New York mit Segler an Backbord, 1914/1915; Quelle: privates Album, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Laut einem Dokument des Senates der Freien und Hansestadt Hamburg vom 16. Mai 1955 über die „Festsetzung des Diäten- u. des Besoldungsdienstalters für den Hafenlotsen Julius Hagenah“ war Hagenah bis zum 6. April 1917 Offizier auf der „Harburg“. An diesem Tag begann auch seine Internierung in den USA, die bis zum 15. Juli 1919 dauern sollte.

Zunächst wurde Hagenah in das Internierungslager Hot Springs, North Carolina und später nach Fort Oglethorpe, Georgia gebracht.

Hagenah hat diese Zeit in zahlreichen, bisher unveröffentlichten Fotografien festgehalten. Diese spannenden Zeitdokumente kann ich Ihnen in den nächsten Blogbeiträgen präsentieren.

Über seine Zeit bei der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft ist Hagenahs Zeugnis erhalten. Die DADG hatte nach dem Krieg mit der Dampfschifffahrtsgesellschaft Kosmos fusioniert. Mehr dazu hier: Schiffsregister: Löschung des Dampfschiffes „Fürth“

Zeugnis der Deutsch-Austral und Kosmos Linien für Hermann Julius Hagenah vom 28. Juli 1925; Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der Familie
Zeugnis der Deutsch-Austral und Kosmos Linien für Hermann Julius Hagenah vom 28. Juli 1925; Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der Familie

Rückkehr nach Deutschland und Arbeit als Hafenlotse

Viele Seeleute hatten nach dem Ersten Weltkrieg Schwierigkeiten wieder eine Anstellung zu bekommen, schließlich war Deutschland gezwungen, seine Flotte als Reparationszahlung an die Alliierten abzugeben. Hagenah konnte bereits ab August 1920 wieder als Offizier arbeiten und erwarb am 5. Februar 1921 das Befähigungszeugnis zum Schiffer auf großer Fahrt. Er arbeitete in der Folge als Kapitän und erster Offizier auf verschiedenen Schiffen, bevor er am 28. November 1929 als Hilfslotse auf Probe in die Dienste der Hansestadt Hamburg eintrat.

Die Lotsentätigkeit in Hamburg sollte er viele Jahre begleiten. Ein Kuriosum: Bei seiner Pensionierung im Jahr 1955 stellte man fest, dass man über all die Jahre vergessen hatte, ihn zu befördern und so wurde Hagenah erst am Ende seiner Berufslaufbahn offiziell vom Hilfslotsen zum Hafenlotsen.

Hermann Julius Hagenah war verheiratet und hatte zwei Söhne, er starb am 19. November 1976 im Alter von 86 Jahren in Hamburg.

Demnächst im Blog:

Julius Hagenah wurde nach Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg im April 1917 zunächst auf Ellis Island (New York) und anschließend in Hot Springs (North Carolina) interniert.

Er hat dies in bisher unveröffentlichten Aufnahmen fotografisch festgehalten. Einmalige Zeitdokumente hier im Blog! Bleiben Sie dran!

steam ship Tasmania in Liverpool 1921

Das Dampfschiff „Tasmania“ in Liverpool

Titelbild: Das Dampfschiff „Tasmania“, Postkarte, Fotostudio Cabonora, Liverpool; Aufnahme vermutlich aus dem Jahr 1921, das ehemalige DADG-Schiff „Tasmania“ wurde 1921 von der New Zealand Shipping Co. gekauft und in Plymouth registiert. Der Name „Tasmania“ wurde beibehalten. Der Eigentümerwechsel ist an der neuen Schornsteinmarke (Lackierung des Schornsteins) auf den ersten Blick erkennbar, Fotograf unbekannt, Postkarte aus eigener Sammlung.

Nach einiger Zeit bin ich bei meiner Suche nach Ansichtskarten von Dampfschiffen der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft (DADG) wieder fündig geworden.

Die seltenen Karten der zugegebenermaßen schmucklosen Schiffe dürften schon zu ihrer Produktionszeit nur eine kleine Anzahl von Käufern gefunden haben.

Spannenderweise stammt die Postkarte der „Tasmania“ aus Liverpool. Die Karte entstand also, nachdem das Schiff seinen ursprünglichen Eigentümer, die Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft (DADG) gewechselt hatte.

Im Ersten Weltkrieg

Die „Tasmania“ war 1913 für die DADG bei der Flensburger Schiffbau-Gesellschaft fertiggestellt worden und kam am 17. September für die Reederei in Fahrt. Mehr als zwei Fahrten sollte der Frachtdampfer aber nicht mehr für die DADG durchführen, denn bei der Heimreise von Makassar (Niederländisch-Indien, heute Indonesien) lief das Schiff im August 1914 Antwerpen an und musste zunächst auf Reede in Vlissingen an der Scheldemündung liegen. Die belgischen Behörden beschlagnahmten das Schiff, denn der Erste Weltkrieg war ausgebrochen. Ihm wurde der Liegeplatz 90 im Antwerpener Hafenbecken zugewiesen. Eine in Zeitungsanzeigen für den 22. August von Antwerpen angekündigte Abfahrt konnte somit nicht mehr stattfinden.

Antwerp, Schelde, Steen, about 1910
Antwerpen, Partie an der Schelde mit Burg Steen, Postkarte, gelaufen Juli 1917, Aufnahme vermutlich vor dem Ersten Weltkrieg; Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Antwerpen_-_Schelde.jpg

Der Vorstand der DADG, Otto Harms, gibt zu der Ankunft der „Tasmania“ in Antwerpen eine detaillierte Schilderung. Der Dampfer hatte zuvor den Hafen von Marseille am 26. Juli 1914 verlassen.

„Funkentelegraphische Anweisungen von uns haben das Schiff nicht erreicht. Am 2. Aug. war es bei Dover und wir gaben Auftrag nach Vlissingen zu laufen, anstatt nach Amsterdam, da die englische Flotte als an der holländischen Küste kreuzend gemeldet war. Es erreichte Vlissingen am 3. August, konnte dort aber nicht in den Hafen gehen und da auch viel Ladung für Antwerpen an Bord war, fuhr es dahin weiter. Dort brachen am 4. August Unruhen aus und am 6. August wurde die Besatzung ausgewiesen. Der Kapitän ist am Bahnhof vom Pöbel beraubt und mißhandelt worden. Fast alle Leute der Besatzung haben ihre Sachen an Bord zurücklassen müssen.“

Quelle: Otto Harms (1933): Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft, Hamburg, Schröder & Jeve, Hamburg, S. 167-168.

Unruhen in Antwerpen

Die von Harms angesprochenen Unruhen zielten auf die große deutsche Minderheit in Antwerpen. 1914 sollen etwa 20.000 Deutsche in Antwerpen gelebt haben, was etwa sechs Prozent der Stadtbevölkerung entsprach. Im August wurden deutsche Kaufleute von der Börse vertrieben, deutsche Geschäfte und Gaststätten angegriffen und teilweise zerstört und geplündert. „Bereits am 4. August 1914 befahl der Antwerpener Kriegsgouverneur, dass alle deutschen und österreich-ungarischen Untertanen die in Antwerpen lebten die Stadt bis zum 6. August um Mitternacht zu verlassen hätten.“ (Zitat Antwerpen 1914: Krawalle gegen Deutsche, flanderninfo.be, vrt.be, abgerufen am 19.11.2025). Dieser Befehl galt auch für andere Städte und letztlich für ganz Belgien.

Unruhen in Antwerpen, August 1914
Angriff auf deutsches Eigentum am 4. August 1914 in der Sauciersstraat in Antwerpen; Foto von Jozef Emiel Borrenbergen; Quelle: https://dams.antwerpen.be/asset/e1aWdJTRJZNSTIjbHXxWsDdT (gemeinfrei

Im September 1914 konnten Eigentümer an der Ladung der „Tasmania“ diese am Schiff gegen Vorlage eines Eigentumsnachweises abholen und im Oktober ging das Schiff bei der Einnahme Antwerpens durch deutsche Truppen wieder in deutschen Besitz über. Es kam während des Krieges allerdings nicht mehr in Fahrt.

Antwerpen, Belagerung, Erster Weltkrieg, 1914
Die Räumung von Antwerpen nach der Belagerung durch die Deutschen Truppen 1914; Gemälde des bekannten deutschen Marinemalers Willy Stöwer (1864 – 1931); https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Willy_Stöwer_-_Antwerpen_1914.JPG

Die „Tasmania“ bei der New Zealand Shipping Co.

1919 musste die „Tasmania“ wie alle großen deutschen Schiffe als Reparaturleistung abgegeben werden. Sie wurde am 3. Mai an Großbritannien abgeliefert und kam unter die Verwaltung von „The Shipping Controller“, der verantwortlichen Regierungsstelle für die Verwaltung der übernommenen Schiffe. Die Bereederung, also das Management des Schiffes, übernahm die Reederei New Zealand Shipping Co. Diese Reederei kaufte das Schiff schließlich 1921 und registrierte es in Plymouth.

New Zealand Shipping Company
New Zealand Shipping Company Ltd., das Plakat aus den frühen 1930er Jahren zeigt R.M.S. Rangitata im Gaillard Cut (Panamakanal); Quelle: National Library NZ on the Commons; über https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Shipping_poster,_1930s_(6297424880).jpg; gemeinfrei.

Die New Zealand Shipping Company (NZSCo.) war 1873 in Christchurch/Neuseeland von Landwirten und Händlern gegründet worden, mit dem Ziel Neuseelands stark wachsenden Agrarmarkt zu neuen Kunden zu verhelfen. Die Reederei war im Passagier- und Frachtverkehr zwischen Neuseeland und England tätig, wobei sich das Frachtgeschäft im Wesentlichen auf Kühlschiffe konzentrierte.

1880 wurde der Geschäftssitz nach London verlegt und strategische Allianzen mit Partnern geschlossen, die andere Ziele ansteuerten. 1912 wurde schließlich die Federal Steam Navigation Co. übernommen, die im australischen Markt eine starke Position hatte.

1916 ging die Mehrheit der NZSCo. an die übermächtige Peninsular und Oriental Steam Navigation Co., wobei die NZSCo. allerdings ihre Eigenständigkeit nach außen beibehielt.

Die „Tasmania“ als Kühlschiff

Das Dampfschiff „Tasmania“ war von der DADG als normales Frachtschiff gebaut worden und muss daher von der NZSCo. zu einem Kühlschiff umgebaut worden sein, denn sie wird in den Listen der Reederei als solches geführt (Quelle: https://www.newzealandshipping.co.nz/History/Vessels/index.htm).

Es liegt nahe, dass die Reederei mit ihren Kühlschiffen in großem Rahmen gefrorenes Lammfleisch nach England exportiert hat.

„Bauernhof“ des industriellen Englands

Der erste Export von Gefrierfleisch nach UK erfolgte bereits im Februar 1882. Damit konnte die Überproduktion an Lammfleisch erfolgreich abgesetzt werden. Die neuseeländische Lebensmittelindustrie verzeichnete danach ein rasantes Wachstum: Der Export von Karkassen wuchs von 2,3 Millionen (1895), über 3,3 Mio. (1900) auf 5,8 Mio. (1910). Aber auch Molkereiprodukte, wie Butter und Käse, wurden erfolgreich nach UK verschifft.

frozen mutton, new zealand 1947
Gefrorene Lämmer am Haken, Hawkse’s Bay Farmers Meat Co. (Nordinsel Neuseeland) in Hastings, Aufnahme aus dem Januar 1947; Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Frozen_Mutton,_Hawke%27s_Bay,_January_1947.jpg

Das Dampfschiff „Tasmania“ war bis 1936 im Eigentum der New Zealnd Shipping Co., im gleichen Jahr wurde es in Rosyth abgewrackt, einem Werftstandort am Firth of Forth an der Ostküste Schottlands.

Tasmania, Flaggengala, 1913
Die „Tasmania“ in Flaggengala, Aufnahme vermutlich aus dem Jahr 1913; Quelle: Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft 1888-1926, R. Schmelzkopf, Cuxhaven 1984 (Eigenverlag), Foto aus der Sammlung A. Kludas

Carbonora Co.

Die Postkarte der „Tasmania“ wurde erstellt durch das bekannte Liverpooler Fotostudio Carbonora Co.

Der Waliser Gwilym Eiriol Mills trat 1907 als Angestellter in das Liverpooler Fotostudio der Weisker Brothers ein und kaufte es im darauffolgenden Jahr. Nach dem Kauf benannte er es in klingenden Namen Carbonora um, ein Name, der in Liverpool zu einiger Bekanntheit kommen sollte. Bereits 1909 wurde Carbonora offizieller Fotograf der Liverpool City Police und 1928 dann sogar der offizielle Fotograf des berühmten FC Liverpool.

(Angaben nach Billy’s Liverpool of Yesterday von Billy Vitch auf Facebook, die ausführlichere Geschichte dort)

Carbonora Co., about 1921
Angaben des Fotostudios Carbonora auf der Rückseite der Postkarte (Abbildung Titelbild: „Tasmania“ in Liverpool, ca. 1921

Ich kann mir gut vorstellen, dass die New Zealand Shipping Company das Foto anlässlich des Kaufs des Schiffes im Jahr 1921 in Auftrag gegeben hat.

Für den 19. Februar 1921 ist die Abfahrt des Schiffes aus Liverpool mit Fahrtziel Auckland in Neuseeland dokumentiert (Sheffield Daily Telegraph vom 22. Februar 1921). In Liverpool war es bereits am 6. des Monats angekommen. Zeit genug also, für einen Fotografen von Carbonora, eine Aufnahme zu machen.

Die „Tasmania“ war damit wie bereits 1913/1914 wieder Richtung Ozeanien unterwegs, statt wie früher als DADG-Schiff nach Australien, jetzt also zum Nachbarn nach Neuseeland. Selbst den Namen hatten die neuen Eigentümer beibehalten. Er war ja unverdächtig und ließ keine Erinnerungen an die deutschen Vorbesitzer aufkommen.

Neben dem späteren Schulschiff „Australia“ war die „Tasmania“ damit das einzige DADG-Schiff, dass beim Wechsel der Eigentümerschaft nach dem Ersten Weltkrieg den ursprünglichen Schiffsnamen beibehielt.

Neumunster, German-Australian Line, August 1914

Schwesterschiffe der „Fürth“: Die „Neumünster“

Endstation Fremantle (Westaustralien)

Dieser Blogartikel fasst die Geschichte eines der Schwesterschiffe der „Fürth“ zusammen, dem Dampfschiff „Neumünster“.

Er setzt damit die Reihe fort, die mit der „Reichenbach“ begonnen wurde (Schwesterschiffe der „Fürth“: Die „Reichenbach“ ) und mit der „Plauen“ weitergeführt wurde (Schwesterschiffe der „Fürth“: die „Plauen“ ).

Die Geschichte jedes dieser Schwesterschiffe hat interessante Details zu bieten. Bei der „Neumünster“ ist bemerkenswert, wie viele Originaldokumente von diesem Schiff noch erhalten sind.

Aber beginnen wir mit dem Bau des Schiffes „Neumünster“.

Bildnachweis Titelbild: Das Dampfschiff “Neumünster” im Hafen von Fremantle, Zeitungssausschnitt (Western Mail, 21. Aug 1914), Quelle: National Library of Australia (trove.nla.gov.au)

Das Schiff

Die Bestellung der „Neumünster“ erfolgte nur einen Tag, nachdem die „Plauen“ bestellt worden war, nämlich am 1. Februar 1906. Der Baubeginn erfolgte dann mit einiger Verzögerung am 11. Oktober 1906, der Stapellauf am 16. April 1907 und die Lieferung an die Reederei am 18. Mai 1907. (Alle Angaben nach Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft, Otto Harms, Hamburg, 1933.)

Der Bau erfolgte damit zeitlich sehr synchron mit dem der „Plauen“, lediglich einen Monat nach hinten versetzt und auch dem der „Fürth“, die im Zeitplan drei Monate nach der „Neumünster“ lag. Erstaunlich finde ich die Tatsache, dass jedes dieser knapp 120 Meter langen Schiffe in einer Bauzeit von nur rund 200 Arbeitstagen fertiggestellt werden konnte. Das zeugt von einem hohen Organisationsgrad der Flensburger Schiffsbau-Gesellschaft.

Für die Maße und die Motorisierung des Schiffes verweise ich auf den Artikel der „Fürth“: Bau, Stapellauf und Probefahrt der „Fürth“ . Hier gibt es auch für die Neumünster nichts Neues. Lediglich das Vermessungsergebnis sei hier genannt, da dieses für jedes Schiff trotz gleicher Baupläne unterschiedlich ausfällt: Die „Neumünster“ hatte 4224 Bruttoregistertonnen („Fürth“ 4229). Der Baupreis war mit 1,255 Millionen Mark identisch mit dem der „Plauen“ und 17 tausend Mark unter dem der „Fürth“.

Neumünster in Norwegen

Das Schiff „Neumünster“ in Norwegen, © Reinhart Schmelzkopf, Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft, Hamburg, 1984.

Die Stadt Neumünster

Das kleine Städtchen Neumünster in Schleswig-Holstein hatte im 19. Jahrhundert die typische Entwicklung einer Industriestadt genommen. Durch die Textilindustrie wuchs die Stadt von 1867 als sie gerade einmal 9.000 Einwohner hatte auf 35.000 Einwohner im Jahr 1910. Zu diesem Zeitpunkt prägten Betriebe wie die Tuchfabrik Christian Friedrich Köster oder die Lederfabrik Emil Köster AG das Stadtbild; Neumünster wurde Holsteins „Manchester“ (Quelle: vimu.info).

Schafwolle war Australiens wichtigstes Exportprodukt und auch Tierhäute, Schaffelle und Gerbstoffe wurden in großer Zahl nach Europa exportiert, sicher auch über den Hamburger Hafen nach Neumünster. Zu den deutschen Importen australischer Produkte: Australische Exporte nach Deutschland

Aber auch in entgegengesetzter Richtung könnten Geschäftsbeziehungen zwischen Unternehmen aus Neumünster und Australien bestanden haben, waren doch Kleidung und Textilien die wichtigsten Exporte des Deutschen Reichs nach Australien. Deutsche Exporte nach Australien

Mehr über die Industriegeschichte Neumünsters erfahren Sie in dem kleinen Prospekt der Stadt Neumünster „Route der Industriekultur, Neumünster, 25 Stationen der Industriegeschichte“, abrufbar auf der Seite metropolregion.hamburg.de

Neumünster Schleswig-Holstein 1895

Ansicht von Neumünster, 1895, Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wd_b187.JPG

Auf Australienfahrt

Wie alle Schiffe der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft (DADG) bediente die „Neumünster“ bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges die Linien der Reederei nach Australien und Niederländisch Indien.

Entscheidend für das weitere Schicksal des einzelnen Schiffes war die geografische Position Ende Juli/Anfang August 1914 beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Wie alle Schiffe der Kleinserie war auch die „Neumünster“ noch nicht mit einer Telegrafenanlage ausgestattet und musste sich daher von den politischen Entwicklungen im nächsten Hafen überraschen lassen.

Die „Neumünster“ hatte Hamburg am 30. Juni und Antwerpen am 4. Juli 1914 verlassen und war für den 14. August 1914 in Fremantle an der Westküste Australiens angekündigt. Danach sollte die „Neumünster“ die südaustralischen Hafenstädte Adelaide und Port Pirie anlaufen.

Anm.: Normalerweise waren die Schiffe der DADG auf ihrer Reise zwischen Europa und Australien (mindestens) einen Hafen in der Kapkolonie bzw. Südafrikanischen Union angelaufen. Das war bei dieser Reise nicht der Fall. Die „Neumünster“ hatte den Bedarf an Bunkerkohle für die ganze Fahrt nach Australien in Europa gedeckt. Oft waren die Schiffe bei der Ausreise nach Australien nicht voll beladen, so dass genug Platz für Bunkerkohle vorhanden war.

Am 16. August 1914 um 6.30 Uhr wurde die „Neumünster“ unter Führung von Kapitän Carl Herrmann vor der australischen Westküste in der Nähe von Rottnest Island von dem Kreuzer HMAS „Pioneer“ gestoppt und anschließend in den Hafen von Fremantle gebracht.

Die Mannschaft wurde auf Rottnest Island interniert.

Gerichtsverhandlung

Gegen die Beschlagnahmung der „Neumünster“ wurde von Kapitän Herrmann im Namen der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft Einspruch erhoben. Es ging darum, ob die „Neumünster“ eine rechtmäßige Prise (“prize“) war oder ob sie nur festgehalten werden konnte (“detention“). Zentraler Streitpunkt war die Frage, ob die Kaperung noch auf hoher See stattfand, oder ob sich das Schiff zum Zeitpunkt der Kaperung bereits im Hafengebiet von Fremantle befand. Details dazu unter anderem in: The Daily News, Perth, Fr. 4. Dez. 1914, S. 8, THE NEUMUNSTER (Quelle: trove.nla.gov.au).

Das Urteil fiel dann erwartungsgemäß aus: Die „Neumünster“ wurde in der Urteilsverkündung am 22. Dezember 1914 als rechtmäßige Prise anerkannt. Auch dazu gibt es mehrere Zeitungsartikel, unter anderem sehr ausführlich in The West Australian, Perth, Mi 23. Dez 1914, S. 7-8, PRIZE COURT (Quelle: trove.nla.gov.au).

Unabhängig von der Gerichtsentscheidung war die „Neumünster“ bereits ab Ende Oktober wieder auf See und brachte eine Woll-Lieferung nach England.

Cooee, Neumünster

„Cooee“, exNeumünster; Quelle: © Maritime Museum of Tasmania, https://ehive.com/collections/3906/objects/620489/cooee

„C3“, „Cooee“ und „Bomarsund“

Ab Januar erhielt das Schiff den provisorischen Namen „C3“, bevor es später in „Cooee“ umgetauft wurde. Es blieb bis Ende 1925 im Verkehr zwischen Australien und England.

Im Januar 1926 wurde die „Cooee“, ex-Neumünster für £ 190.000 an die Fa. A/B Naxos Prince des finnischen Reeders und Geschäftsmanns Robert Mattson in Helsinki verkauft und umbenannt in „Bomarsund“.

Anm.: Quelle für den Verkaufspreis: Daily Mercury, Mackay (Queensland), Mo 18. Jan 1926, S. 5, COMMONWEALTH SHIPS)

Mehr Informationen über die „Bomarsund“, ex-Neumünster sowie Bilder finden Sie auf der sehr informativen Webseite über die finnische Schifffahrt Äänimeri: https://www.aanimeri.fi/piwigo/index.php?/category/89

Im Oktober 1935 wurde die „Bomarsund“ zum Abbruch an die Fa. Van Heyghen ins belgische Gent verkauft.

Falls Sie mal ein altes Schiff los werden wollen: Van Heyghen Recycling gibt als Teil der belgischen Galloo-Gruppe noch heute. Schiffe werden im Hafen von Gent abgewrackt und der Schrott anschließend verkauft.

Spannende Originaldokumente

Zu den eingangs erwähnten Originaldokumenten: Der Festsetzung des Schiffes in Fremantle ist es zu verdanken, dass zahlreiche Schiffsdokumente im nahegelegenen Perth erhalten geblieben sind (heute ist Fremantle Teil des Ballungsraumes Perth).

Man ist dort sehr sorgfältig mit den Unterlagen der beschlagnahmten Schiffe umgegangen, da die Beschlagnahmungen jeweils Gerichtsprozesse nach sich zogen. Neben Dokumenten der „Neumünster“ sind auch zahlreiche Unterlagen der ebenfalls im August 1914 beschlagnahmten Schiffe „Greifswald“ und „Thüringen“ des Norddeutschen Lloyd (Bremen), archiviert worden.

Von der „Thüringen“ liegt sogar ein alter Schlüssel im Archiv: http://sro.wa.gov.au/blogs/key-prize-war-ww1-wa

Der Schlüssel und all diese historisch sehr interessanten Papiere finden sich im State Records Office of Western Australia in Perth. Für das Schiff „Neumünster“ sind das

– das Schiffszertifikat
– der Messbrief
– die Musterrolle
– ein Gesundheitspass vom Britischen Generalkonsulat in Antwerpen
– ein Gesundheitspass vom Generalkonsulat der Niederlande in Antwerpen
– eine Bescheinigung vom Hafenarzt in Hamburg
– ein „Sailing und Arrival Code“ der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft für telegrafische Nachrichten
– eine Bescheinigung von Lloyd’s Register, ausgestellt in Rotterdam
– eine Liste der Schiffs-Vorräte für den australischen Zoll (Getränke & Lebensmittel; Öle, Lacke etc.)
– eine Inventarliste der Schiffsausstattung
– das Logbuch (Schiffstagebuch, ab 20. Juni 1914)

Logbuch Neumünster 1914, log book

Schiffstagebuch der „Neumünster“, Juni bis August 1914, © State Records Office of Western Australia, Perth, Cons. 4230/1.2

Calulu at Urangan, 1929

Schwesterschiffe der „Fürth“: der Frachtdampfer „Osnabrück“

Inklusive der späteren Karriere als „Calulu“ und „Sung Peng“

Bildnachweis Titel: Die „Calulu“, ex-Osnabrück beim Laden von Kohle in Urangan; schöne detailreiche Aufnahme von schräg achtern auf das Maschinenhaus bzw. Bootsdeck, wahrscheinlich vom 13. April 1929; Quelle: State Library of Queensland, Ref.: oai:bishop.slq.qld.gov.au:167443; mehr Informationen zum Bild im Text

Kleinserienfertigung

Das Dampfschiff „Osnabrück“ ist ein weiteres Schwesterschiff der „Fürth“.

Der Bau der „Osnabrück“ erfolgte parallel zu dem des Dampfschiffes „Fürth“, nur mit etwa vier Wochen Verzögerung.

Die Bestellung bei der Flensburger Schiffbau-Gesellschaft erfolgte am 5. Dezember 1906, die Kiellegung am 14. März 1907 und nach nur 188 Tagen Bauzeit wurde das Schiff am 21. September 1907 an den Auftraggeber, die Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft (DADG) übergeben. Der Stapellauf war genau einen Monat vorher, am 21. August 1907, erfolgt.

Die Baukosten betrugen 1,270 Millionen Mark, die Einstandskosten 1,301 Millionen. Die „Osnabrück“ hatte 4240 Brutto-Registertonnen und eine Tragfähigkeit von genau 7000 Tonnen. (alle Angaben: Otto Harms, Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft, Hamburg, Schröder & Jeve, Hamburg 1933)

Alle weiteren technischen Daten zum Schiff finden Sie hier: Bau, Stapellauf und Probefahrt der „Fürth“

Advertisement German Australian Steam Ship Co., Hansa, August 1908

Anzeige der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft in der Zeitschrift HANSA vom August 1908, S. 774.

In Fahrt für die DADG

Die Fahrten der „Osnabrück“ in den Jahren 1907-1914 sind mit denen der „Fürth“ sehr vergleichbar. Deshalb liegt der Schwerpunkt dieses Artikels in der Zeit danach. Die Kaiserliche Handelsmarine verlor fast alle ihre Schiffe bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges (Die deutsche Handelsmarine beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges). Die an andere Staaten abgegebenen Frachtdampfer der DADG hatten anschließend sehr unterschiedliche „Lebensläufe“.

Für die „Osnabrück” ist charakteristisch, dass sie während ihrer gesamten Lebensdauer in Australienfahrt blieb. Auch wenn sie mehrfach die Flagge und den Eigentümer wechselte, wurden stets australische Häfen angelaufen. Das Dampfschiff „Fürth“ hingegen war nach Juli 1914 nie mehr dort.

Die Jungfernfahrt

Die Australier freuten sich über neue Schiffe der DADG, da sie ein kontinuierliches Wachstum der Handelsbeziehungen widerspiegelten. Die Reporter der Tageszeitungen waren stets voll des Lobes über die guten Ausstattungen der Dampfer:

THE G.A.S.S. OSNABRUCK

The latest addition to the fleet of the G.A.S.S. Co. of Hamburg, the Osnabruck, reached Fremantle yesterday morning, at 1.50, from Hamburg via Rotterdam, Antwerp. Mossel Bay, and East London. The steamer which is the thirty-second owned by this Company is one of the finest cargo steamers ever placed in the Australian service. She is 404ft long, 50ft. 10in. beam and 27ft. 9in. depth, while her gross tonnage is 4,240 tons, and her dead-weight capacity 7,000 tons. In her water ballast tanks she carries 1.040 tons, and 600 tons of coal in her bunkers. The engines, triple expansion, are 2,200 horse power. Steam is procured in three double-ended boilers, with forced draught, and when fully loaded a speed of 12 knots is obtainable. She has five hatches, each worked by two winches, besides large store spaces for cargo, et., fore and aft are provided. She is fitted with the electric light throughout.

The Osnabruck is in charge of Captain L. Maier. late of the Company’s Duisburg, who reported a fine passage, the best day’s run being 350 miles, and the average speed across the Indian Ocean was 12 knots. The Osnabruck will discharge 900 tons of general cargo, and sail probably for the Eastern States to-morrow night. The accommodation for the officers is amidships, and very extensive.

The West Australian, Perth, Sa 16. Nov 1907, S. 10, SHIPPING.

Anmerkungen:

G.A.S.S. Co = German Australian Steam Ship Company

Ein Etmal (24-Stunden-Distanz) von 350 Meilen entspricht einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 14,6 Knoten. Der Wind hat also ordentlich „geschoben”. Ein so hoher Wert war wirklich außergewöhnlich.

Ein Feuer an Bord und eine Kollision

Aus der Zeit des Frachtschiffes „Osnabrück“ für die DADG kann ich über zwei Ereignisse berichten, die beide aber keinen recht großen Schaden anrichteten.

1909 brach im Roten Meer ein Feuer in einem (Lager-)Raum aus und 1913 kollidierte das Schiff mit einem anderen Dampfer beim Verlassen des Hamburger Hafens:

OSNABRUCK’S CARGO FIRED
The Sydney Marine Underwriters‘ and Salvage Association are in receipt of a cable confirming the report that the steamer Osnabruck is at Suez, and that her cargo has been on fire.
The Star, Sydney, Mi 30. Juni 1909, S. 5

THE OSNABRUCK
It will be recalled that soon after leaving Hamburg on May 17 for Australian ports the well-known German Australian liner Osnabruck had the misfortune to come into collision with a vessel and received some damage. The message announcing the mishap stated that the injury done was above the water-line, so she continued her passage. In due course the Osnabruck reached Antwerp to load addition cargo, and of course repair, and that the work was done expeditiously is evident from the fact that a cable received yesterday stated that she left the Belgian port on the 24th May.
Daily Commercial and Shipping List, Sydney, Di 3. Juni 1913, S. 18

Anmerkung: Das bei der Kollision beteiligte Schiff war der deutsche Dampfer Doris (Zielhafen Danzig). Beide Schiffe wurden oberhalb der Wasserlinie beschädigt und konnten die Fahrt fortsetzen.
Quelle: Scheepvart, 21. Mai 1913, http://www.delpher.nl

SS Osnabruck 1907

Dampfschiff “Osnabrück”, © Reinhart Schmelzkopf, Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft Hamburg 1888-1926, Strandgut-Publikation, Cuxhaven 1984.

Endstation Sydney

Anfang August 1914 war die „Osnabrück“ im Hafen von Sydney und konnte nicht mehr ausklarieren, da die Zollbehörden am 4. August (einen Tag vor der Kriegserklärung nach australischer Zeit) Anweisungen erhalten hatten, deutsche Schiffe nicht mehr abzufertigen.

„Instructions have been given to the Customs Department that no further clearances are to be given to German vessels.”
The Mercury, Hobart, 5. Aug 1914, S. 5, AUSTRALIA AT WAR.

Neben der “Osnabrück” lagen zu diesem Zeitpunkt noch zwei weitere Schiffe der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft in Sydney: die „Sumatra“ und die „Melbourne“.

Durch eine Verfügung des Prisengerichtes vom 8. Oktober 1914 wurde die Beschlagnahmung und Requisition des Schiffes rechtsgültig. Im November wurde die Entladung vorgenommen, wobei die Beauftragung der Stevedoring and Shipping Co., einer australischen Tochtergesellschaft der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft, durch die australischen Behörden für Empörung sorgte, weil deren Eigentümer alle Deutsche, also „Enemy Aliens“ waren.

Über die Stevedoring and Shipping Co. siehe: Logbuch (13) der „Fürth”: In Sydney

Zu Entscheidungen der Prisengerichte siehe: Das Dampfschiff „Fürth“ wird kondemniert

„C9“

Die „Osnabrück“ war anschließend für die australische Regierung in Fahrt und erhielt den provisorischen Namen „C9“. Unter diesem Kürzel transportierte das Schiff eine große Holzlieferung von Tasmanien nach London:

C9, s.s. (late Osnabruck), 4,240 tons, C.J. Plunkett, for London, via Sydney. Agents M. Jones and Co.

EXPORTS – Februuary 4.

C9, s.s., for London – 300,000ft. timber

The Mercury, Hobart, Fr 5. Feb. 1915, S. 4

Anmerkung: Das ebenfalls in Australien festgesetzte Schiff „Neumünster“ hatte die vorläufige Bezeichnung „C3“ erhalten.

C9, ex-Osnabruck

Die „C9”, später „Calulu”, Aufnahme von 1915, © State Library of Western Australia, Referenz: slwa_b3148312_1, http://purl.slwa.wa.gov.au/slwa_b3148312_1

Die „Calulu”

Im Verlauf des Jahres 1915 erhielt die „Osnabrück“ dann ihren neuen Namen: „Calulu“.

Der Ort Calulu ist eine kleine Gemeinde in Victoria und liegt rund 200 Kilometer östlich von Melbourne.

Typische Frachten waren kriegswichtige Massengüter, wie Kohle (von Australien) und Zucker (nach Australien).

LATEST CHARTERS.
Calulu, s, 4242 tons, Newcastle to Java – coal.
Daily Commercial News and Shipping List, Sydney, Di 21. Sep 1915, S. 4

SUGAR FROM JAVA.
The steamers Carawa, Carina, and Calulu, expected to arrive at Melbourne with cargoes of sugar from Java, will be to the agency of Messrs. W. Crosby and Company.
Daily Commercial News and Shipping List, Sydney, Do 9. Dez 1915, S. 4

Commonwealth Government Line of Steamers

1916 wurde auf Initiative des australischen Premierministers Billy Hughes die Commonwealth Government Line of Steamers gegründet, eine staatseigene Reederei, die unter anderem auch das Management der beschlagnahmten deutschen Schiffe übernahm. Sein Nachfolger Stanley Bruce, ab 1923 im Amt, löste die Staatsgesellschaft wieder auf und verkaufte die Flotte nach und nach an andere Schifffahrtsunternehmen. Weitere Informationen zur Commonwealth Government Line of Steamers: http://www.theshipslist.com/ships/lines/index.htm

Anmerkung: Die „Cooee“, ex-Neumünster (und weitere ehemalige Schiffe der DADG) waren ebenfalls für diese Gesellschaft in Fahrt.

Der Verkauf der „Calulu“ im Jahr 1925

Der Verkauf der „Calulu“, ex-Osnabrück erfolgte im Jahr 1925 an die neugegründete Austral-China Navigation Co. in Sydney, registriert war das Schiff in Hong Kong.

The Austral-China Navigation Co., has been registered in New South Wales with a nominal capital of £50,000 in £1 shares. The company has acquired the steamship Calulu and takes all the interests of Mr. B. B. Wiltshire in the contract of purchase from the Australian Commonwealth Shipping Line, and all his assets and liabilities in connection therewith, and will carry on business as steamship proprietors. First directors: B. B. Wiltshire and Albert Sims. Registered office: Wiltshire Buildings Phillip Street, Sydney.
The Daily Telegraph, Sydney, 10. Sep 1925, S. 8

Das Schiff wurde auf Fahrten zwischen Australien und Hong Kong über Neuguinea und den Philippinen eingesetzt:

The Howard Smith steamer Chronos (4864 tons) has been purchased by the Austral-China Navigation. Company, and in association with the Calulu, is to provide a service of sailings every six weeks between Australian ports and Hongkong, via Rabaul and Manila.
The Maitland Weekly Mercury, Sa 12. Jan 1929, S. 7

Anmerkung: Die Stadt Rabaul liegt auf der Insel Neubritannien (ehemals Neupommern). Von 1909-1914 war Rabaul Sitz des Gouverneurs von Deutsch-Neuguinea.

Calulu at Urangan, 1929

Die „Calulu“ beim Laden von Kohle in Urangan. schöne detailreiche Aufnahme von schräg achtern auf das Maschinenhaus bzw. Bootsdeck, wahrscheinlich vom 13. April 1929; Quelle: State Library of Queensland, Ref.: oai:bishop.slq.qld.gov.au:167443

Zu dem Bild der „Calulu“ in Urangan (siehe auch Titelbild des Beitrags):

Urangan liegt an der Ostküste Australiens ca. 250 Kilometer nördlich von Brisbane (Queensland). Das Anlegen des Schiffes war für Urangan und die angrenzende Region (Burrum District) ein Großereignis. Politik und Wirtschaft erhofften sich durch den Export von Kohle neue Impulse. Entsprechend ausführlich ist auch der Zeitungsartikel (hier lediglich kurze Ausschnitte):

„The Calulu was, in fact, the first vessel to call at the Urangan pier for the purpose of loading coals for about twelve years…”
Maryborough Chronicle, Wide Bay and Burnett Advertiser, Mo 15. April 1929, THE PORT TAKES LIFE.

Mehr Informationen aus dem langen Artikel: Kapitän der „Calulu“ war zu diesem Zeitpunkt Captain Bundred, die Offiziere englisch und die Crew chinesisch. Der erste Maschinist hieß R. Drummond McPherson.

Verladen wurden rund 11 Loren Kohle pro Stunde, insgesamt 130 Loren, wobei es beim Entladen der Loren Probleme mit dem Öffnungsmechanismus gab: „that the release pins on the hoppers occasioned considerable delay“.

Gleichzeitig wurden 16.000 Gallonen Wasser aufgenommen, auch hier lief nicht alles perfekt. Die Crew war am Samstag damit beschäftigt, Beleuchtung für die Arbeit in der Nacht zu installieren, da das Beladen am Sonntag früh um 10 Uhr abgeschlossen sein sollte.

„…the crew also had important work to perform in running wires from the engine room on to the pier to provide electric light for night working.”

Im Jahr 1930 brach ein Feuer an Bord der „Calulu“ aus:

FIRE ON CALULU
The Sydney Marine Underwriters‘ Association received advice yesterday from London that a fire had occurred on the, steamer Calulu at Hongkong. The fire was extinguished, No. 5 hold being flooded.
The Daily Telegraph, Sydney, 11. Jan 1930, S. 3

 

Auflegung in Sydney

Die Unterbrechung der australischen Kohleförderung im Jahr 1929 („Coal Deadlock“) führte zur Auflegung der „Calulu“, ex-Osnabrück im Hafen von Sydney für 18 Monate. Am Ende dieser Zeit wurde sie laut australischen Medien an eine chinesische Reederei abgegeben.

STEAMERS LAID IDLE.

On account of the coal deadlock, the Austral-China Navigation Co., Ltd., has decided to lay up the steamers Calulu and Caburita, which have been carrying coal to the East via Rabaul.
The Sun, Sydney, 20. März 1930, S. 13

CALULU SOLD TO EAST
The steamer Calulu, which has been idle in the harbor since March of last year, has been sold to Chinese buyers.
Formerly the German steamer Osnabruck, she made her last voyages under the British flag for the Austral-China navigation Co. It is probable that she will load a cargo of wheat for Shanghai, and that a Chinese crew will be sent down to man her.
The Daily Telegraph, Sydney, 29. Juli 1931

An diesem Punkt wird die Geschichte der „Calulu“ etwas unübersichtlich: In Lloyd’s Register 1931-32 ist zwar ein neuer chinesischer Eigner eingetragen (Feng Fan Wing S.S. Co), aber wieder durchgestrichen worden und ersetzt durch die Anglo-Danish Shipping Co. (M. L. Justesen, Mgr.) in Kopenhagen.

Calulu, Lloyd's Register 1931-32

„Calulu“, Llyod’s Register, Ausgabe 1931-32; Quelle: https://plimsoll.southampton.gov.uk/shipdata/pdfs/31/31b0203.pdf

Über Lloyd’s Register siehe den Artikel: Die „Fürth“ in Lloyd’s Register

Das beide Angaben nicht unbedingt im Widerspruch stehen, belegt der folgende Artikel nach dem Tod des Reeders Justesen im Dezember 1936. Justesen war zwar Däne, aber er lebte in Schanghai, wo auch sein Unternehmen ansässig war:

SHIPOWNER DIES
Veteran Dane of Shanghai Has Heart Stroke
Mr. M.L. Justesen, long a popular figure on the Shanghai waterfront, succumbed to a heart stroke in Shanghai recently.
As owner of the Anglo-Danish Shipping Company, he was known among shippers and trading executives up and down the China Coast. His office on The French Bund was a favorite gathering place for veteran captains and seamen.

Mr Justesen was a Dane and a native of Jutland. With the exception of a holiday spent in his native country now and then, he spent most of his time in the East which he considered his second home.

Malaya Tribune, 30. Dez 1936, Quelle: https://eresources.nlb.gov.sg/newspapers/Digitised/Article/maltribune19361230-1.2.6

Dass die „Calulu“ in Dänemark registriert war, belegt auch Danmarks Skibsliste aus dem Jahr 1933 (https://mfs.dk/wp-content/uploads/2016/05/1933.pdf). In Fahrt war sie aber zwischen China und Australien.

Calulu ex-Osnabruck, about 1915

„Calulu“, Fotograf Allan C. Green (1878-1954), State Library Victoria, ID H91.325/817

Chinesische oder dänische Flagge?

Nach einer so langen Liegezeit im Hafen musste das Schiff zunächst im Dock generalüberholt werden:

CALULU ENTERS DOCK.
The freighter Calulu, which after a long period of idleness in Port Jackson, was recently sold to the East, will enter Mort’s Dock for overhaul. She will leave shortly for her new port of registration.
The Sydney Morning Herald, 9. Sep 1931, S. 15

Danach wurde die „Calulu“ für Weizen und Kohlelieferungen nach Ostasien eingesetzt.

Im Bericht vom Oktober 1931 hat die „Calulu“ noch eine chinesiche Flagge, ein Jahr später dann die dänische.

S.S. Calulu
AN EX-GERMAN SHIP
An ex-German ship which became the property of the Commonwealth Government and was later sold to a Sydney firm, the s.s. Calulu (4399), which is loading wheat in port, is now sailing the Chinese flag. She had been lying idle in Sydney for 18 months until a few weeks ago when she was bought by a Chinese firm and manned by a crew sent from China, after which she came to Bunbury, after coaling at Port Kembla, for a cargo at wheat. The Calulu was formerly known as the Ossenabruck, and was a prisoner of war.
Captain N. Pennson told our representative yesterday that the Australian exchange rate was the reason why so much wheat for the East had been bought in Australia this season. There was a permanent market for wheat in China, he said, but prior to this season most of the requirements had been bought in the United States. Just at present, however, wheat could be obtained cheaper here than elsewhere.
South Western Tribune, Bunbury, 14. Okt 1931, S. 3

Anmerkung: Bunbury liegt an der australischen Westküste knapp 200 Kilometer südlich von Perth, Port Kembla ist bei Wollongong in New South Wales.

CALULU RETURNING TO AUSTRALIA.
The well-known steamer Calulu, which was sold to Eastern buyers last year and is now under the Danish flag, and has been trading in the Far Eastern ports, has recently been fixed to load a cargo of wheat at Melbourne or Geelong for Shanghai, late December or early January loading. She will be to the agency of the Victorian Wheat Pool.
Daily Commercial News and Shipping List, Sydney, 29. Nov. 1932, S. 4

Calulu, exOsnabruck, about 1920

„Calulu“, Fotograf Allan C. Green (1878-1954), State Library Victoria, ID H91.325/816

Erneuter Verkauf und Umbenennung in „Sung Peng“

In der Ausgabe 1933-34 von Lloyd’s Register ist noch die Anglo-Danish Shipping Co. als Reeder der „Calulu“ verzeichnet, aber bereits mit dem Zusatz Now „Sung Peng“, see No.41545 in Supplement. Dort erscheint dann die Ming Sing S.S. Co. in China als neuer Eigentümer.

Unter diesem neuen Namen erscheint die ex-Osnabrück dann 1934 wieder in den australischen Medien.

Gleich zweimal geriet das Schiff in schwere Stürme vor der australischen Ostküste, beide Mal lief sie dabei nur unter Ballast nach Süden, was das Abwettern der Stürme unangenehmer machte.

TO LOAD AT NEWCASTLE
Sung Peng, ex Calulu.
The steamer Sung Peng, ex the Calulu, is now bound to Newcastle to load a full cargo of coal for the Philippine Islands on behalf of J. & A. Brown – Abermain – Seaham Collieries. The vessel was due at Thursday Island yesterday.
The Sung Peng, which was formerly well-known on the Australian coast as the German-Australia S.S. Co.’s vessel Osnabruck, is a steamer of 4399 tons gross tonnage, built in 1907, and is now owned by the Ming Sing Steam ship Co., of Shanghai.
Daily Commercial News and Shipping List, Sydney, 28. Aug 1934, S. 4

Das Schiff erreichte Newcastle, NSW aufgrund des starken Sturms mit zwei Tagen Verspätung:

SungPeng, ex-Calulu, ExOsnabruck, 1934

„Sung Peng“, Bildreportage aus: Newcastle Morning Herald and Miner’s Advocate, 6. Sept. 1934, S. 5

Ein anderer Zeitungsartikel macht die die Internationalität der Schiffsgeschichte und der Crew zum Thema:

NEW “TOWER OF BABEL”

The nearest approach to a “floating League of Nations” that Newcastle has seen is the Chinese ship Sung Peng.

The ship has a varied career, having been German, Australian and Chinese successively, and her officers consist of a Danish captain, Norwegian chief officer, Russian chief engineer, and Norwegian wirless operator. To complete the mixture, the crew is Chinese and the common language English.

Morning Bulletin, Rockhampton, 2. Okt 1934, S. 2

Dabei übersieht der Artikel, dass die „Sung Peng, ex-Calulu, ex-Osnabrück, auch kurzzeitig die dänische Flagge führte. In dieser Zeit könnte auch der dänische Kapitän an Bord gekommen sein.

Ein halbes Jahr später dann erneut eine Alptraumfahrt:

NIGHTMARE TRIP
CHINESE SHIP BATTERED IN GALE
NEWCASTLE, Friday.
After a nightmare voyage down the coast in the teeth of a 60-mile-an-hour gale, the Chinese steamer Sung Peng entered Nobby’s early this morning.
DELUGED by mountainous seas, the speed of the ship was reduced to two knots an hour, and refuge was sought under the lee of Dangar Island for 24 hours.
The master, Captain Madsen, said it was one of the worst gales ho had experienced off the Australian coast. The vessel was in light trim, and at times the bow was lifted many feet out of the water.
The Sung Peng will load a cargo of coal and return to the Philippine Islands.
The Labor Daily, Sydney, 30. März 1935, S. 4

Anmerkungen: Nobby’s Head ist eine Landzunge an der südlichen Einfahrt zu Newcastle Harbour. Dangar Island muss richtig Danger Island heißen, eine kleine Insel vor der Küste Queenslands.

Sung Peng Sold for Scrap 1937

Sung Peng zum Abbruch verkauft, The Advertiser, Adelaide, 31. Aug 1937, S. 14

Verkauf und Abbruch

Verschiedenen Medien, hier eine Tageszeitung aus Adelaide, berichten 1937 über den Verkauf und Abbruch der „Sung Peng“, ex-Calulu, ex-Osnabrück.

Anmerkung: Das zweite deutsche Schiff, von dem in dem Artikel die Rede ist, ist die „Germania“ (gebaut 1904), ein Schiff der deutschen Jaluit-Gesellschaft, die die deutschen Südseegebiete versorgte. Dieses Schiff war bei Kriegsausbruch im Hafen von Sydney zur Reparatur und ebenso wie die „Osnabrück“ dort festgehalten und kondemniert worden.

In Lloyd’s Register ist die „Sung Peng“ noch bis in die Ausgabe 1939-1940 verzeichnet, erst hier findet sich die Anmerkung Broken up.

Sung Peng 1939, Lloyd's Register

„Sung Peng“, Lloyd’s Register of Ships, 1939-1940, Quelle: https://plimsoll.southampton.gov.uk/shipdata/pdfs/39/39b0855.pdf

Nachtrag

Im Jahr 1935 kam wieder ein Schiff mit dem Namen „Osnabrück“ in Fahrt, es war ein sogenanntes Kombischiff (Fracht und Passagiere) des Norddeutschen Lloyd.

Eine Nachfrage zu dem hier vorgestellten Dampfer „Osnabrück“ (1907) beim Landesarchiv Niedersachsen, Zweigstelle Osnabrück, verlief übrigens negativ. Das Schiff ist dort nicht bekannt.

An alle Leser daher die Frage: Wer könnte die Namensgebung des Schiffes „Osnabrück“ veranlasst haben? Welches Osnabrücker Unternehmen hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Australien exportiert und könnte an einer Namensgebung interessiert gewesen sein? Gibt es dafür auch einen Beleg?

Mein Favorit sind die Eisen- u. Stahlwerke AG Osnabrück, diese hatten bereits 1880 auf der Weltausstellung in Melbourne ausgestellt und der Bedarf an Eisen-, Straßen-, Industrie-, Minen-, und Hafenbahnen in Australien war zu dieser Zeit enorm.

Osnabrück, Weltausstellung Melbourne 1880

Weltausstellung Melbourne 1880, Verzeichnis der Aussteller der „Deutschen Abtheilung“, Ausschnitt, Berlin 1880; Quelle: State Library Victoria, Melbourne

Anhang

Hier die Links zu den anderen Schwesterschiffen:

Schwesterschiffe der „Fürth“: Die „Reichenbach“

Schwesterschiffe der „Fürth“: die „Plauen“ und Das Schwesterschiff „Plauen“ – ein Nachtrag

Schwesterschiffe der „Fürth“: Die „Neumünster“

Sowie eine Abbildung der „Hagen“: Die „Hagen“: Schwesterschiff der „Fürth“

Schwesterschiff „Hanau“: Schwesterschiffe der „Fürth“: die „Hanau“

Und schließlich ein weiteres Schwesterschiff, welches jedoch nicht bei der DADG in Fahrt war:  „Elisabeth von Belgien“

 

Lourenço Marques um 1918

Gefangen in Portugiesisch-Ostafrika (1916)

Deutsche (Seeleute) in Lourenço Marques

Titelbild:
Gefangenencamp in Lourenço Marques, Speisesaal, um 1918, © Rotes Kreuz Portugal; Quelle : Archives Audiovisuelles du Comité Internationale du Croix Rouge, https://avarchives.icrc.org/, Référence V-P-HIST-03056-03
Schönes Detail: Die Kuckucksuhr an der rechten Saalwand.

Die Dampfschiffe „Essen“ und „Hof“ – August 1914

Der heutige Blogartikel berichtet über die Gefangenschaft Deutscher in Portugiesisch-Ostafrika nach der Kriegserklärung Deutschlands an Portugal im März 1916.

Darunter waren auch zwei Schiffsbesatzungen der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft, Hamburg (DADG).

Die Frachtdampfer „Hof“ und „Essen“ hatten nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges in dem neutralen Hafen Lourenço Marques in Portugiesisch-Ostafrika (heute Mosambik) Schutz gesucht.

Im Jahr 1916 kamen sie als „Gaza“ (exHof) und „Inhambané“ (exEssen) unter portugiesische Flagge.

Inhambané, exEssen, about 1920

Das Frachtschiff „Essen“ als „Inhambané“, Postkarte gelaufen 1920, eigene Sammlung

Der Frachtdampfer „Hof“

Im Juli 1914 war das Schiff „Hof“ der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft (DADG) in Westaustralien und wurde von der Reederei für eine sogenannte Zwischenfahrt eingesetzt.

Zwischenfahrten waren Reisen außerhalb des regulären Linienverkehrs der Reederei.

Die „Hof“ sollte eine Ladung Hartholz (jarrah hardwood) von Bunbury (australische Westküste) nach Durban (Südafrika) bringen.

Das neue Schiff war erst im März 1914 für die Reederei in Betrieb gegangen und war wie alle Schiffe ab dem Sommer 1911 mit einer Telefunkenanlage ausgestattet.

Nach dem Abladen des Holzes in Durban wurde die „Hof“ von der DADG aufgefordert, in den neutralen Hafen von Lourenço Marques (Delagoa Bay) in Portugiesisch Ost-Afrika zu laufen, wo das Schiff am 2. August 1914 eintraf.

Das Dampfschiff „Essen“

Drei Wochen später, am 23. August 1914 traf das Schiff „Essen“ in Lourenço Marques ein. Der Frachtdampfer der DADG hatte in Port Pirie (Südaustralien) Erze für Antwerpen geladen und sollte eigentlich Durban anlaufen, um dort auf der Heimreise Kohlen für die Weiterfahrt zu bunkern.

Auch die „Essen“, Baujahr 1912, hatte Telegraphie an Bord und wurde von der DADG nach Delagoa Bay beordert, da die „Essen“ nach der Kriegserklärung Großbritanniens an das Deutsche Kaiserreich am 4. August 1914 sonst in Durban in Kriegsgefangenschaft gelaufen wäre.

Admiral, DAOL

Der Reichspostdampfer „Admiral“ der DOAL (Deutsche Ost-Afrika-Linie), https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Reichspostdampfer_admiral_deutsche_ost-afrika-linie_a.jpg

Anmerkung: In einigen Quellen ist zu lesen, dass das Schiff „Hessen“ in Lourenço Marques lag. Das ist jedoch eine Verwechslung. Die „Hessen“ wurde nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges in Melbourne festgesetzt. Siehe: In australischer Gefangenschaft

Weitere Schiffe

Außer den beiden Frachtdampfern der DADG befanden sich noch zwei weitere deutsche Schiffe in Lourenço Marques: die „Admiral“ und die „Kronprinz“, zwei Reichspostdampfer der Deutschen Ost-Afrika Linie (DOAL).

Ebenfalls in Portugiesisch Ost-Afrika waren zu diesem Zeitpunkt die „Linda Woermann“ (Woermann Linie) in Beira, außerdem die „Zieten“ (Norddeutscher Lloyd Bremen) und die „Khalif“ (Deutsche Ost-Afrika Linie) im Hafen von Ilha de Moçambique (Mosambikinsel).

Lourenço Marques um 1905

Lourenço Marques (das heutige Maputo in Mozambique), Central Avenue, Postkarte, um 1905; comons.wikimedia.org, Lourenco-Marques-pc-c1905.jpg

Februar 1916

Portugal war im Ersten Weltkrieg zunächst neutral geblieben. Das änderte sich 1916.

Auf Veranlassung der britischen Regierung wurden am 23. Februar 1916 alle in portugiesischen Häfen liegenden deutschen Schiffe beschlagnahmt.

Das waren insgesamt 72 Schiffe (inklusive der Schiffe in portugiesischen Überseebesitzungen). Das Deutsche Reich erklärte daraufhin Portugal am 9. März 1916 den Krieg.

Siehe dazu auch den Blogartikel Das Dampfschiff „Fürth“ in Lissabon

Für die Deutschen in Lourenço Marques bedeutete dies, dass sie zu Feinden geworden waren und dass sie in einem Gefangenenlager eingesperrt wurden. Gleiches galt für die Deutschen in anderen Teilen der portugiesischen Kolonie.

Das Lager in Lourenço Marques befand sich in zentraler Lage zwischen Bahnhof und Hafen. Es beherbergte 470 Menschen, vorwiegend Männer, aber auch Frauen und Kinder.

Lourenço Marques um 1916

Gefangenenlager Lourenço Marques 1916, © Rotes Kreuz Portugal; Quelle : Archives Audiovisuelles du Comité Internationale du Croix Rouge, https://avarchives.icrc.org/, Ref.:V-P-HIST-03056-09

Die überwiegende Mehrheit der Internierten dürften Besatzungen und Passagiere der vier Schiffe gewesen sein.

Die „Hof“ hatte eine Besatzung von 42 Mann, die „Essen“ 50 Mann. Die beiden Reichspostdampfer sind mit 118 bzw. 136 Mann angegeben.

Zu Besatzungen und Passagieren kamen Deutsche, die in Portugiesisch Ost-Afrika lebten. Andere waren nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges aus Südafrika, Rhodesien oder anderen Ländern nach Portugiesisch Ost-Afrika gekommen.

Außer dem Hauptlager in Lourenço Marques gab es in Portugiesisch Ost-Afrika kleinere Gefangenenlager in Quelimane, Beira/Macequece und in Tete.

Die Gefangenen der kleinen Außenlager wurden nach der Schließung im Jahr 1917 nach Lourenço Marques gebracht und im späteren Kriegsverlauf teilweise nach Portugal oder in ein Lager auf den Azoren (siehe: Unfreiwilliges Treffen auf den Azoren).

Lourenço Marques

Lourenço Marques (heute Maputo) liegt in einer Meeresbucht, der Delagoa Bay, die einen großen Naturhafen bildet.

„Hafenstadt in Portugiesisch-Ostafrika, mit 9849 Einw. (4691 Europäer); hier ist 1908 ein deutsches Konsulat eingerichtet“

Das ist der knappe Eintrag in Meyers Konversationslexikon von 1910.

Der deutsche Konsul in Lourenço Marques war von 1908 bis 1916 Dr. Bernhard Reuter.
Quelle: https://www.bundesarchiv.de/aktenreichskanzlei/1919-1933/1000/adr/adrmr/kap1_6/para2_79.html

Aus der Encyclopedia Britannica (1911) erfahren wir mehr:

Unter den Einwohnern waren rund 1700 Asiaten, die den lokalen Handel dominierten.

Der Hafen war seit Beginn des 20. Jahrhunderts gut ausgestattet, die Straßen hatten elektrisches Licht und es gab ein kleines Straßenbahnnetz.

Lourenço Marques um 1920

Lourenço Marques, elektrische Straßenbahn (Maxibombo), um 1920; commons.wikimedia.org ; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Maxibombo(Bolama)Maputo1920.jpg

Die Stadt liegt an der Mündung des Flusses Espirito Santo (auch English River), der hier eine Breite von etwa 2 Meilen hat.

Der Hafen hatte auch für Südafrika und die Provinz Transvaal Bedeutung; über 50 % der Importe nach Johannesburg liefen über den Hafen Lourenço Marques. Aus diesem Grund gab es auch eine Eisenbahnlinie von etwa 400 Meilen über Pretoria nach Johannesburg.

Im Jahr 1975 wurde Mosambik unabhängig von Portugal, seit 1976 heißt die Stadt Maputo. Heute (2021) leben im Großraum etwa 3 Millionen Menschen.

Lourenço Marques map

Kriegsgefangenenlager der 470 internierten Deutschen in Portugiesisch-Ost-Afrika (Lourenço Marques) 1916, © Rotes Kreuz Portugal; Quelle : Archives Audiovisuelles du Comité Internationale du Croix Rouge, https://avarchives.icrc.org/, Ref.:V-P-HIST-03060-14

Das Gefangenenlager in Lourenço Marques

Einen Eindruck von dem Lager in Lourenço Marques gibt eine Zeichnung aus dem Jahr 1916. Angefertigt wurde sie von R. G. Schepers am 19. September (Signatur rechts unten).

Anmerkung: Rudolf Gerhard Schepers war Zimmermann, er wurde am 10. März 1916 in Lourenço Marques interniert. Am 18. Oktober 1917 kam er nach Lissabon und am 21. November 1917 mit seiner Familie in das Lager Peniche etwa 100 Kilometer nördlich der portugiesischen Hauptstadt. Am 3. Dezember 1919 wurde er entlassen und nach Hamburg transportiert. Eine Postkarte wurde von Schepers aus Katernberg (Rheinland) an ihn in Caldas da Rainha adressiert. Diese Adresse wurde durchgestrichen und der Brief nach Peniche weitergeleitet.
Quelle: Edoardo & Luis Barreiros, Portugal in the First World War, Clube Filatélico de Portugal, https://www.cfportugal.pt/

Auf der Zeichnung wird die Größe des Camps mit 26.000 m2 angegeben. Links oben erkennen wir drei große Baracken à 1020 m2, eine davon diente als Speise- und Theatersaal. Rechts davon ist eine kleinere Baracke mit 640 m2 (Größenangaben aus der Zeichnung entnommen).

Ganz oben im Bild gibt einen Gleisanschluss. Unterhalb der langgezogenen Baracken sind einige kleinere Gebäude zu erkennen, vermutlich Waschräume, Toiletten, Wäscherei, Lagerräume usw.

In der rechten Bildhälfte erkennen wir einen langen Streifen mit kleinen Gärten inklusive kleinen Gartenhäuschen und ganz rechts zwei Faustballfelder. Ein weiteres Sportfeld liegt links unten, eventuell der Tennisplatz.

Die Häftlinge waren überwiegend Männer, was nicht überrascht, da die Schiffsmannschaften ausschließlich männlich waren. Auf einigen Fotos ist aber zu sehen, dass auch Frauen und Kinder in dem gleichen Lager untergebracht waren.

Lourenço Marques um 1918

Gefangenencamp Lourenço Marques, 1918, Schlafsaal/Aufenthaltsraum, © Rotes Kreuz Portugal; Quelle : Archives Audiovisuelles du Comité Internationale du Croix Rouge, https://avarchives.icrc.org/, Référence : V-P-HIST-03056-06

Lageralltag

Über den Lageralltag in den australischen Gefangenenlagern hatte ich ausführlich berichtet. Vieles davon hatte ich den Tagebucheinträgen des Schiffsoffiziers Friedrich Meier entnommen.

Daneben sind weitere Tagebücher, von den Häftlingen publizierte Lagerzeitungen und Fotos erhalten, die uns viele Details offenlegen.

In Lourenço Marques müssen wir uns meines Wissens nach auf die Fotos stützen. Falls Sie Kenntnis von anderen Quellen haben, die das Lager beschreiben, lassen Sie mich dies bitte wissen.

Im weißen Rössel, Aufführung um 1916

Gefangenencamp Lourenço Marques, Bühnendekoration und Schauspieler, © Rotes Kreuz Portugal; Quelle: Archives Audiovisuelles du Comité Internationale du Croix Rouge, https://avarchives.icrc.org/, Référence : V-P-HIST-03060-20

Auf den Fotos im Archiv des Internationalen Roten Kreuzes lassen sich folgende Aktivitäten der Lagerinsassen erkennen:

Eines der Fotos zeigt eine Bühne, auf der links ein Schild mit der Aufschrift „Hotel zum weißen Rössel“ zu sehen ist. Dabei dürfte es sich um eine Aufführung des Lustspiels „Im weißen Rössel“ von Oskar Blumenthal und Gustav Kadelburg aus dem Jahr 1896 handeln.

Viele Teilnehmer hatte der Gesang-Verein „Harmonie“, das Foto zeigt die stolze Zahl von 68 Männern. Ein Erinnerungsfoto der Lagerkapelle zeigt 17 Musiker, darunter zwei Jungen.

Orchester, Lourenço Marques, um 1916

Gefangenenlager Lourenço Marques, Lagerkapelle, © Rotes Kreuz Portugal; Quelle : Archives Audiovisuelles du Comité Internationale du Croix Rouge, https://avarchives.icrc.org/, Référence : V-P-HIST-03056-24

Zwei Sportvereine sind ebenfalls bildlich festgehalten: der Faustball-Verein „Hansa“ (39 Männer) und ein Tennis-Club (17 Männer).

Aus der Gefangenenzeitung „Die Welt am Montag“ in Trail Bay (New South Wales, Australien) hatte ich einige Anzeigen vorgestellt, die die Geschäftstätigkeiten einiger Häftlinge dokumentierten. Siehe: Das Internierungslager Trail Bay – Die Geschäfte der Gefangenen

Auch in Lourenço Marques sind zumindest zwei Unternehmen auf den Bildern festgehalten:

Das Foto von Beckers-Küche zeigt eine gut gekleidete Gesellschaft von 18 Personen, darunter 5 Frauen und 5 Kinder. Die drei Tische haben Tischdecken und Blumendekoration. Vielleicht ist es eine Familienfeier. Das Restaurant bot sicher Abwechslung von der Lagerküche, zumindest für diejenigen, die es sich leisten konnten.

Beckers Küche, um 1916

Gefangenencamp Lourenço Marques, Beckers Küche, © Rotes Kreuz Portugal; Quelle : Archives Audiovisuelles du Comité Internationale du Croix Rouge, https://avarchives.icrc.org/, Référence : V-P-HIST-03060-08

Bemerkenswert finde ich das Bild von „Hechler’s Camp Brauerei“. Bemerkenswert deshalb, weil es die Portugiesen offensichtlich tolerierten, dass im Camp Bier hergestellt wurde. Das Plakat am Schuppen bewirbt drei Sorten: ff. Lager, ff. Pilsener und ff. Münchner.

Bei dem gut gekleideten Herrn mit Tropenhelm und Pfeife dürfte es sich um den Braumeister handeln. Dass er drei verschiedene Sorten einbraute, ist für mich ein Hinweis, dass er sein Handwerk verstand und vermutlich den Beruf eines Braumeisters ausgeübt hatte, bevor er in das Lager kam.

Hechlers Brauerei, Lourenço Marques um 1916

Hechlers Camp-Brauerei (Lourenço Marques) 1916, © Rotes Kreuz Portugal; Quelle : Archives Audiovisuelles du Comitée Internationale du Croix Rouge, https://avarchives.icrc.org/, Ref.:V-P-HIST-03060-26

Viel Zeit scheinen die Gefangenen für ihre kleinen Gärten aufgewendet zu haben. Die kleinen Gartenhäuschen und die Anlage der Gärten machen nicht den Eindruck, als ob sie innerhalb eines Gefangenenlagers entstanden wären.

Lourenço Marques um 1916

Lager Lourenço Marques, Gärten der Gefangenen, © Rotes Kreuz Portugal; Quelle : Archives Audiovisuelles du Comité Internationale du Croix Rouge, https://avarchives.icrc.org/, Ref.:V-P-HIST-03060-32

Mir persönlich ist beim Betrachten der Bilder aufgefallen, dass viele der Gefangenen gut oder sogar sehr gut gekleidet sind. Auch die Ausstattung der Räume lässt auf einen gewissen Komfort schließen. So sind zum Beispiel die abgebildeten Betten mit Moskitonetzen versehen.

Auf der anderen Seite meine ich aber auch, in vielen Gesichtern die Eintönigkeit und Langweile des Lageralltags zu erkennen, die für viele nur schwer zu ertragen war.

Lourenço Marques um 1916

Baracke im Lager Lourenço Marques, © Rotes Kreuz Portugal; Quelle : Archives Audiovisuelles du Comité Internationale du Croix Rouge, https://avarchives.icrc.org/, Ref.:V-P-HIST-03056-15

Insgesamt verfügen die Archive des Roten Kreuzes über 26 Aufnahmen aus dem Lager Lourenço Marques. Bei Interesse finden Sie die weiteren Aufnahmen hier: https://avarchives.icrc.org

Das Copyright liegt bei den Archives Audiovisuelles du Comité Internationale du Croix Rouge. Die Bilder können nur für den persönlichen Gebrauch (ohne kommerzielles Interesse) verwendet werden.

Lüneburg, exFreiberg, um 1926

Aus „Freiberg“ wird „Lüneburg“

Warum ein Schiff der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft zwei Namen hatte

Titelbild: Lüneburg (1914), DADG.- Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft, Hamburg, Peter Tamm Sen. Stiftung, https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/EEEMRBQJLSOJTFSOMZQPWHEWLQCXA4EB, https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/

Die Tatsache, dass ein Schiff im Lauf seiner Existenz mehrere Namen besitzt, ist sehr alltäglich. Ungewöhnlich hingegen ist, dass die Reederei eines ihrer Schiffe einen neuen Namen gibt. Warum das damals so war, darüber informiert dieser Blogartikel.

Die Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft (DADG) hatte viele ihrer Schiffe nach deutschen Industriestädten benannt, in den Firmen beheimatet waren, die entweder Versender oder Empfänger von Gütern waren, die mit der Reederei befördert wurden.

„Freiberg“ war eines der letzten Frachtschiffe der DADG, die vor dem Ersten Weltkrieg für die Reederei noch in Fahrt kamen. Das Schiff war auf der Tecklenborg-Werft in Geestemünde gebaut wurden und nahm seinen Service am 11. April 1914 auf.

Später im Jahr 1914 wurden nur noch „Ulm“ und „Lübeck“ in Dienst gestellt, über beide hatte ich hier im Blog ausführlich berichtet. SIEHE: Die „Ulm“ in Ambon (Teil 1 von 2), Die „Ulm“ in Ambon (Teil 1 von 2) und Das Projekt DigiPEER

Mit diesen beiden Schiffen teilte „Freiberg“ das Schicksal, auf der ersten Fahrt nur bis Niederländisch-Indien zu gelangen und dort nach dem Ausbruch des Krieges interniert zu werden. Für die „Freiberg“ war dies der Hafen Soerabaya auf Java, in dem das gerade einmal drei Monate alte Schiff die Kriegsjahre verbringen musste.

Kalimas Surabaya, ca. 1913
Soerabaya, Neuer Krahn am Kalimas, Ansichtskarte, Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft, Aufnahme undatiert, Karte ungelaufen, veröffentlicht 1913; eigene Sammlung

Im Jahr 1919 ging „Freiberg“ als Kriegsentschädigung an die britische Regierung, die das Management des Frachtdampfers der British India Steam Navigation Company überließ.

1921 wurde „Freiberg“ innerhalb Englands an Montgomery and Workman verkauft und umbenannt in „City of Sydney“.

Im Jahr 1923 schließlich kaufte die DADG ihr altes Schiff zurück:

Freiberg Sold 1923
Former Steamer Freiberg Sold, The Sydney Herald, 24. November 1923, S. 18; über trove.nla.gov.au

Die Information in der Zeitungsmeldung, dass die DADG mittlerweile ein anderes Schiff „Freiberg“ genannt hätte, ist zwar nicht ganz zutreffend, erklärt aber, dass der Name „Freiberg“ nicht wieder verwendet werden konnte.

Im März 1923 hatte die DADG nämlich den Passagier- und Frachtdampfer „Freiburg“ in Dienst gestellt. Der Betrieb zweier fast namensgleicher Schiffe hätte nur Verwirrung gestiftet. Ein Beleg dafür ist eine Zeitungsmeldung des Moree Gwydir Examiner and General Advertiser, der den neuen Dampfer „Freiburg“ als „Freiberg“ benennt.

Freiburg, first German passenger ship to Australia 1923
First German Passenger Ship, Moree Gwydir Examiner and General Advertiser, 2. Juli 1923, S. 2, über trove.nla.gov.au

Wiederaufnahme der Passagierfahrt

Der Meldung nach war „Freiburg“ das erste deutsche Schiff, das nach dem Ersten Weltkrieg wieder Passagiere nach Australien beförderte. Mit einer Ankunft in Sydney am 29. Juni 1923 hatte es also fast fünf Jahre gebraucht, dass ein deutsches Schiff wieder mit Fahrgästen in einem australischen Hafen festmachte.

Mit günstigen Tarifen versuchte die DADG den ausländischen Linien Konkurrenz zu machen. Die Ticketpreise von Sydney nach Europa werden zwischen 30 Pfund in der dritten und 55 Pfund in der ersten Klasse angegeben.

Zur Erinnerung: Die DADG hatte in ihrer Anfangszeit von 1889 bis 1894 Auswanderer nach Australien befördert, dieses Geschäft aber aufgegeben und sich in der Folgezeit ausschließlich auf den Frachtverkehr konzentriert.

Ein Novum für die Reederei war, dass nun erstmals Passagiere auch von Australien nach Europa befördert wurden. Allerdings blieb die Personenbeförderung nur ein Zusatzgeschäft. Die gemischten Passagier- und Frachtdampfer der DADG (sogenannte Kombischiffe) waren nur für wenige Fahrgäste ausgelegt. Die „Freiburg“ verfügte über eine Kapazität von lediglich 18 Fahrgästen. Bei den anderen Kombischiffen lag die Zahl ebenfalls nur zwischen 18 – 20 Passagieren.

Passengers on deck, SS Amsterdam, about 1910
Passagiere an Deck der SS Amsterdam, um 1910, Aufnahme von Frances Benjamin Johnston; Quelle: Library of Congress, Washington DC, https://www.loc.gov/resource/cph.3a50316/

Anmerkung: Ab 1923 wurden noch die Passagier- und Frachtdampfer „Essen“ (1923) und „Gera“ (1923) in Verkehr gebracht. „Duisburg“ (1925) war dann bereits ein Passagier- und Frachtmotorschiff mit einem MAN-Dieselmotor. 1926 ging die DADG mit allen Schiffen in der HAPAG auf. SIEHE: Schiffsregister: Löschung des Dampfschiffes „Fürth“

Lüneburg II

Nachdem der Name „Freiberg“ nicht verwendet werden konnte, erhielt das Schiff den neuen Namen „Lüneburg“.

Zwar hatte die DADG bereits 1912 ein Schiff gleichen Namens in Fahrt gebracht („Lüneburg I“), aber auch dies musste 1919 abgegeben werden und war seit 1920 als „Padua“ bei der großen britischen Reederei Peninsular & Oriental.

Luneburg steamer 1912
Frachtdampfer „Lüneburg“ (1912, Lüneburg I), Quelle: R. Schmelzkopf, Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft, Hamburg 1888 – 1926, Eigenverlag (Strandgut), Cuxhaven 1984, Aufnahme aus der Sammlung Vonarb

Insgesamt hatte die DADG 17 Schiffe in Fahrt, deren Namen im Lauf der Unternehmensgeschichte (1888-1926) doppelt vergeben wurden. Spitzenreiter bei den Namenspaten war mit drei Schiffen die Stadt Essen. Die dort ansässige Gussstahlfabrik dürfte ein sehr guter Kunde der Hamburger Reederei gewesen sein.

Krupp Essen about 1915
Eingang der Krupp-Werke in Essen, Aufnahme zwischen 1915-1920; Sammlung Bain News Service, Quelle: Library of Congress, Washington DC, https://tile.loc.gov/storage-services/service/pnp/ggbain/25300/25348v.jpg
Rio Negro in Hamburg

Der blinde Passagier

Titelbild: Das Dampfschiff „Rio Negro“, Hamburg Südamerikanische Dampfschifffahrts-Gesellschaft (kurz Hamburg Süd) im Hamburger Hafen; Postkarte, nicht datiert, ungelaufen; eigene Sammlung

Für Kaiser und Vaterland

Bei meinen Recherchen über das Schicksal deutscher Seeleute in Barcelona nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges bin ich auf eine spannende Abenteuergeschichte gestoßen, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte.

In dem Blogartikel Gestrandet in Barcelona hatten wir gesehen, dass der Rückweg aus dem neutralen Spanien nach Deutschland durch den Krieg versperrt war. Zumindest galt das für Männer im wehrfähigen Alter, die beim Versuch nach Deutschland zu gelangen, bei Patrouillen der Alliierten von neutralen Schiffen geholt und in Kriegsgefangenschaft gesteckt wurden.

Von einem deutschen Schiffsoffizier, dem die Reise trotzdem gelungen ist, handelt dieser Artikel. Er hatte sich von Portugal bis nach Deutschland durchgeschlagen und erzählte anschließend den Altonaer Nachrichten seine abenteuerliche Geschichte.

Die Begebenheit liest sich wie die Erzählung einer Flucht. Aber nein! Der Offizier der Deutschen Handelsmarine nahm alles nur in Kauf, um für sein Vaterland in den Krieg zu ziehen.

Aus heutiger Sicht ist dies nur schwer nachvollziehbar. Der Zeitungsartikel ist jedoch ein Zeitdokument, der die Stimmungslage zu Kriegsbeginn im Jahr 1914 einfängt. Zum besseren Verständnis gebe ich ihn mit einigen Kommentaren wieder. Die damalige Rechtschreibung habe ich beibehalten, die Originaltexte gebe ich kursiv wieder.

Der Titel des Artikels ist

Der blinde Passagier

In der Einleitung des Artikels heißt es:

* Nachstehender Brief eines Offiziers der Hamburg Südamerika-Linie, der uns freundlichst zur Verfügung gestellt wurde, dürfte gewiß in weiteren Kreisen Beachtung finden:

Ob der Artikel tatsächlich in weiteren Kreisen Beachtung fand, kann ich heute nicht beurteilen. In jedem Fall erzählt er eine äußerst abenteuerliche Geschichte.

Die Hamburg Südamerikanische Dampfschifffahrts-Gesellschaft (kurz Hamburg Süd) war bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges die viertgrößte deutsche Reederei noch vor der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft (und hinter HAPAG, Nordd. Lloyd und DDG Hansa). Die wichtigsten Reiseländer der Hamburg Süd waren Brasilien und Argentinien. Die Titelabbildung zeigt mit der „Rio Negro“ einen Dampfer dieser Linie.

Lassen wir aber jetzt den Schiffsoffizier zu Wort kommen:

… Am 2. August, dem Tage der Kriegserklärung, erreichten wir mit unserem Dampfer Leixoes.

Die Kriegserklärungen zum Ersten Weltkrieg erfolgten in mehreren Schritten. Deutschland hatte am 1. August Russland den Krieg erklärt. Am 2. August drangen deutsche Truppen in Luxemburg und Frankreich ein, die offizielle Kriegserklärung gegenüber Frankreich erfolgte erst am 3. August 1914.

Leixoes liegt wenige Kilometer nördlich von Porto (weiter unten im Text als Oporto bezeichnet) an der Atlantikküste. Der Hafen wurde seit Ende des 19. Jahrhunderts regelmäßig erweitert und die Schiffe der Hamburg Süd legten hier und auch in Lissabon regelmäßig auf der Linienfahrt nach Brasilien an.

Leixoes (Porto) 1931

Hafen von Leixoes im Jahr 1931; Gazeta dos Caminhos de Ferro No. 1055, Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Porto_de_Leixoes_-_GazetaCF_1055_1931.jpg

Hier war bereits ein Telegramm von der Reederei eingelaufen, daß unser Dampfer liegen bleiben sollte. Es erschien mir undenkbar, nicht fürs Vaterland kämpfen zu sollen, deshalb machten der Kapitän, der auch Reserveoffizier ist, und ich uns auf den Weg zur Heimat. Wir wollten durch Spanien und Italien nach Deutschland. Aber schon in Oporto erfuhren wir durch den deutschen Konsul, daß nach Aussage des Berufskonsuls in Madrid nach den neuesten Bestimmungen für Wehrpflichtige vorläufig keine Aussicht sei, die Iberische Halbinsel auf dem See- oder Landwege zu verlassen. Betrübt mußten wir daher wieder unser Schiff aufsuchen.

Wie wir noch sehen werden, wurden Schiffe neutraler Staaten im Mittelmeer regelmäßig kontrolliert und Wehrpflichtige Deutsche von Bord geholt. Kapitän Richter und seinem dritten Offizier war es auf der Reise von Colombo nach den Niederlanden ebenso ergangen. SIEHE: Die abenteuerliche Reise des Kapitäns der „Fürth“, W. Richter, auf der „Koningin Emma“

Der Gedanke, nur als Zuschauer an dem Krieg um deutsches Sein oder Nichtsein teilzunehmen, war mir unerträglich. An Bord war nichts zu tun, die Ausflüge – auf denen wir durch besonders lebhafte Bettelei belästigt wurden – und das Segeln befriedigten wenig. Das einzige war noch der Besuch im deutschen Klub, wo wir die verspätet eintreffenden Kriegsnachrichten verschlangen.

Ich bemühte mich nun, einen fremden Pass zu erlangen. Da England das gesamte Völkerrecht außer Kurs gesetzt hatte, mußte ich es mal im Nebenfahrwasser versuchen. Nach wochenlangen Mühen fand ich einen brotlosen portugiesischen Barbier, der mir seine Papiere abtreten wollte. Doch zu meinem größten Aerger hatte der Mensch eine solche Personalbeschreibung, daß ich selbst dem kurzsichtigsten Gesetzeswächter damit nicht entwischt wäre. Also warten! Die Portugiesen sind ziemlich deutschfeindlich gesinnt. Vergeblich bemühten wir uns, ihnen begreiflich zu machen, daß ein Eingreifen ihrerseits ihnen nur zum Schaden gereichen würde; ihre geringe Macht könne nicht den bescheidensten Einfluß auf das endgültige Ergebnis ausüben; die Engländer wollten sie ja doch nur, wie alle ihre Verbündeten, als Kanonenfutter gebrauchen. Den besten Beweis hätten sie doch in den 300 in Oporto lebenden Engländern, für die der Weg in die Heimat frei war – und von denen ganze drei Mann sich freiwillig meldeten zu einem Kampfe, wie ihn England noch nie erlebt.

Ich lasse die Zahl so stehen, ich habe sie nicht überprüft.

Die Kerle waren nicht zu überzeugen, so hatten die englischen und französischen Blätter hier die öffentliche Meinung verseucht. Nur der sehr stark um sich greifenden Revolution haben wir es zu verdanken, daß das portugiesische Heer mit sich selbst genug zu tun hat.

Der portugiesische König und sein Thronfolger waren 1908 in Lissabon erschossen und 1910 die Republik ausgerufen worden. Die innenpolitische Lage blieb jedoch in den Folgejahren äußerst instabil, bis 1926 ein Putsch die lange Militärdiktatur des Estado Novo einleitete.

Endlich – es war mittlerweile Oktober geworden – lieh mir ein stamm- und blutsverwandter Skandinavier seinen Miltärpaß. Damit versuchte ich nun nochmals mein Glück. Sechs Mann der Besatzung schlossen sich mir an. Dazu eine deutsche Dame, die nach Madrid wollte. Am 18. Oktober verließen wir in der Frühe Oporto und erreichten am Morgen des 19. Madrid. Hier schlossen sich noch 90 Deutsche uns an, und am abend des 20. langten wir in Barcelona an. Wir wurden vom Deutschen Hilfsverein in Empfang genommen und an Bord der deutschen Dampfer „B.“ und „D.“ beherbergt und ausgezeichnet verpflegt.

Der Deutsche Hilfsverein in Barcelona existiert seit 1868. Er hilft „deutschsprachigen Menschen in Barcelona in einer gesundheitlichen, rechtlichen oder sozialen Notlage“. Mehr über den gemeinnützigen Verein erfahren Sie auf dessen Internetpräsenz. Nachdem es ein Verein nach deutschem Recht ist, können sie Spenden an diese engagierte und tatkräftige Organisation sogar von der Steuer absetzen.
https://www.deutscher-hilfsverein-barcelona.org/

Barcelona 1908, Stereokarte

Barcelona, Hafen und Zollgebäude, detailreiche Stereolithographie, 1908; Quelle: Library of Congress, https://www.loc.gov/resource/stereo.1s37393/

Unser Schiffsoffizier nennt die Namen der deutschen Schiffe nur mit den Anfangsbuchstaben. Bei „B.“ handelt es sich um das Schiff „Brasilia“ der Hamburg-Amerika Linie (HAPAG) und „D.“ steht für „Düsseldorf“, einem Frachtdampfer der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft. SIEHE dazu den Artikel Gestrandet in Barcelona

Nun mußte ich mir zu meinem Militärpaß einen Reisepaß besorgen, den konnte ich aber vom schwedischen Konsul nicht bekommen, weil ich der Sprache nicht genügend mächtig war. Da es mir außerdem ratsamer schien – es lugten hier unendlich viele Deutsche nach Fahrgelegenheit aus -, mein Glück allein zu versuchen, so verließ ich meinen Gefährten und fuhr nach einem kleinen Nest nahe der französischen Grenze, wo ich in der Nacht eintraf. Zu meinem Pech war nun hier wieder kein schwedischer Konsul ansässig. Ich setzte jetzt dem deutschen Konsul mein Vorhaben auseinander, und der erzählte mir zu meiner großen Freude, daß Montag mittag ein schwedischer Dampfer nach Genua abfahren sollte.

Bei dem „Nest“ könnte es sich um Portbou handeln, hier gab es den deutschen Konsularagenten Eduard Font. Einen deutschen Vizekonsul gab es nördlich von Barcelona auch in der Hafenstadt Sant Feliu de Guíxols (Carl August Bender). Beide waren dem Generalkonsul in Barcelona unterstellt, im Jahr 1914 Georg Alfred Plehn.

Ich bat nun den Kapitän, mich in die Mannschaftsliste auf den Namen meines schwedischen Passes einzutragen. Der wollte aber nicht, um Unannehmlichkeiten aus dem Wege zu gehen. Nachdem ich der Worte genug gewechselt, schritt ich zu Taten. Mit den Verhältnissen an Bord gut vertraut, wartete ich den günstigen Augenblick der Nachtwachenablösung ab. Um die Geisterstunde schlich ich mich an Bord und in einen kleinen dunklen Raum, dessen nähere Bezeichnung hier überflüssig ist. Um in den zu gelangen, mußte ich durch zwei Luken steigen.

Hier behält es der Autor für sich, wo er sich versteckt hatte. Er war sich offenbar recht sicher, dass ihn vor der Abfahrt hier keiner finden würde.

In der Hoffnung, nach 30 Stunden aus meinem selbstgewählten Gefängnis erlöst zu sein, versuchte ich, mich so häuslich wie möglich einzurichten. Mein Lebensunterhalt bestand aus zwei Broten und einem Futterpäckchen, das mir die liebenswürdige Frau Konsul mitgegeben hatte, als sie erfuhr, auf welche Weise ich Genua erreichen wollte. Zum Glück war ich im Besitz meiner Taschenuhr und einiger Streichhölzer, sodaß ich die Zeit genau verfolgen konnte.

Mit Unbehagen bemerkte ich, daß der Dampfer gegen Mittag nicht loswarf, erst abends um 8 Uhr lichtete er die Anker. Somit war ich 20 Stunden umsonst in dem kleinen Raum. Feucht und kalt war es geworden, beschweren konnte ich mich auch nicht, also vertrieb ich mir zähneklappernd die Zeit mit Schlafen, Essen und Trinken. Das Futterpäckchen war in meiner dunklen Einöde zum Lichtstrahl geworden. Außer appetitlichen Brötchen und schönem Obst fand ich auch eine Flasche Rotwein darin. Der erste Schluck galt der edlen Spenderin.

Nachdem glücklich 16 Stunden Fahrt vergangen waren, wurde ich plötzlich durch das Fallen des Ankers aus meinen mehr oder weniger süßen Träumen geweckt. Schnell voltigierte ich durch die eine Luke und hob den Deckel der andern mit äußerster Vorsicht: es wirkte nicht gerade beruhigend, als ich ein französisches Torpedoboot entdeckte. Mein gastlicher Dampfer sollte auf Konterbande and deutsche Reservisten untersucht werden. Es waren ein paar ungemütliche Augenblicke. Vor allem hielt ich erst mal von innen die Luke krampfhaft fest, um dadurch ein Ausgequollensein vorzutäuschen. Da kamen auch schon über mir Schritte. Das Gefühl der Sicherheit hatte nahezu den Nullpunkt erreicht. – Sie entfernten sich. Nach kurzer Zeit setzte sich das Schiff wieder in Bewegung. Ich glaubte, nie eine schönere Melodie gehört zu haben, als das Rasseln der Ankerketten. Ich war dabei schön warm geworden und die weiteren 13 Stunden verbrachte ich im Halb- und Ganzschlummer. Nachts 1 Uhr ankerten wir auf der Reede von Genua, und morgens 7 Uhr liefen wir in den Hafen ein.

Vorsichtshalber hielt ich mich noch einige Stunden versteckt, um möglichst unbemerkt von Bord zu kommen und den Kapitän vor einem nachträglichen Schreck zu behüten. Nach 62 Stunden verließ ich dann ohne Trauer mein Logis und atmete an Land wirklich befreit auf. Im nächsten anständigen Gasthof – um nicht Hotel, Alberga [sic] oder Trattoria zu sagen – machte ich mich wieder menschlich, um dann am andern Tage meine Fahrt durch das schöne Tirol nach der Heimat anzutreten. Sonntag, den 1. November, erreichte ich meine Vaterstadt Altona.

Altona war zu dieser Zeit noch eigenständig, erst am 1. April 1938 wurde es nach Hamburg eingemeindet.

Am andern Tage ging es nach Kiel, wo ich auf einem Torpedoboot eine förmliche Luxuskabine – im Vergleich zu meinem Dampferlogis – besitze.

Heil und Sieg!

W. B.

Quelle: Altonaer Nachrichten, Abendausgabe am Freitag, 20. November 1914; http://www.europeana.eu

Genua Hafen ca. 1880-1890; Giorgio Sommer

Der Hafen von Genua, ohne Datumsangabe (ich vermute spätes 19. Jahrhdt.), Fotografie von Giorgio Sommer (1834-1914); Quelle: Commons.wikimedia.org

Seinen Namen gibt der Offizier im Artikel nicht preis, lediglich seine Initialen. Zu seinem vollständigen Namen und über sein weiteres Schicksal kann ich leider keine Angaben machen.

Wohl aber kann ich das Schiff der Hamburg Süd identifizieren, mit dem er in Portugal angekommen war.

„Santa Ursula“ (1908)

Das Schiff, auf dem unser Schiffsoffizier W. B. seinen Dienst tat, muss der Frachtdampfer „Santa Ursula” (1908) gewesen sein. Er war zu Kriegsbeginn das einzige Schiff der Reederei Hamburg Süd in Leixões:

A 10 de Setembro chega a barca alemã Sachsen, que fundeia no porto de Leixões, proveniente de Nova Orleães, ao lado do vapor alemão Santa Ursula, que já se encontrava no mesmo porto desde o eclodir da guerra.

Quelle: A ATIVIDADE MARÍTIMA ALEMÃ DURANTE A PRIMEIRA GUERRA MUNDIAL (1914-1918) NA COSTA PORTUGUESA MIGUEL CASTRO BRANDÃO, in A Grande Guerra (1914-1918): Problemáticas e Representações; https://ler.letras.up.pt/uploads/ficheiros/14691.pdf

Laut anderen Quellen war die „Santa Ursula“ (1908) in Lissabon interniert. Das ist allerdings kein Widerspruch, denn nach folgender Meldung wurde die „Santa Ursula“ Anfang September 1914 unter Begleitung des Kreuzers „Almirante Reis“ von Leixões nach Lissabon gebracht.

Den Zusatz (1908) habe ich hinter den Namen „Santa Ursula“ gestellt, da die Hamburg Süd im Jahr 1950 noch einmal ein Schiff mit dem gleichen Namen in Fahrt gebracht hat. Dieses war natürlich kein Dampfschiff mehr, sondern ein Motorschiff mit Dieselmotor.

Die Hamburger Reederei wurde 2017 Teil des dänischen Unternehmens Maersk, bevor der Name Hamburg Süd im Januar 2023 endgültig vom Markt verschwand.

Weitere Blogartikel über Deutsche in Portugal

Das Dampfschiff „Fürth“ in Lissabon

Unfreiwilliges Treffen auf den Azoren

„Wart ihr auch alle brav …?“

Erstveröffentlichung von „Der blinde Passagier“ hier im Blog am 19. Februar 2022.