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Lourenço Marques um 1918

Gefangen in Portugiesisch-Ostafrika (1916)

Deutsche (Seeleute) in Lourenço Marques

Titelbild:
Gefangenencamp in Lourenço Marques, Speisesaal, um 1918, © Rotes Kreuz Portugal; Quelle : Archives Audiovisuelles du Comité Internationale du Croix Rouge, https://avarchives.icrc.org/, Référence V-P-HIST-03056-03
Schönes Detail: Die Kuckucksuhr an der rechten Saalwand.

Die Dampfschiffe „Essen“ und „Hof“ – August 1914

Der heutige Blogartikel berichtet über die Gefangenschaft Deutscher in Portugiesisch-Ostafrika nach der Kriegserklärung im März 1916.

Darunter waren auch zwei Schiffsbesatzungen der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft, Hamburg (DADG).

Die Frachtdampfer „Hof“ und „Essen“ hatten nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges in dem neutralen Hafen Lourenço Marques in Portugiesisch-Ostafrika (heute Mosambik) Schutz gesucht.

Im Jahr 1916 kamen sie als „Gaza“ (exHof) und „Inhambané“ (exEssen) unter portugiesische Flagge.

Inhambané, exEssen, about 1920

Das Frachtschiff „Essen“ als „Inhambané“, Postkarte gelaufen 1920, eigene Sammlung

Der Frachtdampfer „Hof“

Im Juli 1914 war das Schiff „Hof“ der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft (DADG) in Westaustralien und wurde von der Reederei für eine sogenannte Zwischenfahrt eingesetzt.

Zwischenfahrten waren Reisen außerhalb des regulären Linienverkehrs der Reederei.

Die „Hof“ sollte eine Ladung Hartholz (jarrah hardwood) von Bunbury (australische Westküste) nach Durban (Südafrika) bringen.

Das neue Schiff war erst im März 1914 für die Reederei in Betrieb gegangen und war wie alle Schiffe ab dem Sommer 1911 mit einer Telefunkenanlage ausgestattet.

Nach dem Abladen des Holzes in Durban wurde die „Hof“ von der DADG aufgefordert, in den neutralen Hafen von Lourenço Marques (Delagoa Bay) in Portugiesisch Ost-Afrika zu laufen, wo das Schiff am 2. August 1914 eintraf.

Das Dampfschiff „Essen“

Drei Wochen später, am 23. August 1914 traf das Schiff „Essen“ in Lourenço Marques ein. Der Frachtdampfer der DADG hatte in Port Pirie (Südaustralien) Erze für Antwerpen geladen und sollte eigentlich Durban anlaufen, um dort auf der Heimreise Kohlen für die Weiterfahrt zu bunkern.

Auch die „Essen“, Baujahr 1912, hatte Telegraphie an Bord und wurde von der DADG nach Delagoa Bay beordert, da die „Essen“ nach der Kriegserklärung Großbritanniens an das Deutsche Kaiserreich am 4. August 1914 sonst in Durban in Kriegsgefangenschaft gelaufen wäre.

Admiral, DAOL

Der Reichspostdampfer „Admiral“ der DOAL (Deutsche Ost-Afrika-Linie), https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Reichspostdampfer_admiral_deutsche_ost-afrika-linie_a.jpg

Anmerkung: In einigen Quellen ist zu lesen, dass das Schiff „Hessen“ in Lourenço Marques lag. Das ist jedoch eine Verwechslung. Die „Hessen“ wurde nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges in Melbourne festgesetzt. Siehe: In australischer Gefangenschaft

Weitere Schiffe

Außer den beiden Frachtdampfern der DADG befanden sich noch zwei weitere deutsche Schiffe in Lourenço Marques: die „Admiral“ und die „Kronprinz“, zwei Reichspostdampfer der Deutschen Ost-Afrika Linie (DOAL).

Ebenfalls in Portugiesisch Ost-Afrika waren zu diesem Zeitpunkt die „Linda Woermann“ (Woermann Linie) in Beira, außerdem die „Zieten“ (Norddeutscher Lloyd Bremen) und die „Khalif“ (Deutsche Ost-Afrika Linie) im Hafen von Ilha de Moçambique (Mosambikinsel).

Lourenço Marques um 1905

Lourenço Marques (das heutige Maputo in Mozambique), Central Avenue, Postkarte, um 1905; comons.wikimedia.org, Lourenco-Marques-pc-c1905.jpg

Februar 1916

Portugal war im Ersten Weltkrieg zunächst neutral geblieben. Das änderte sich 1916.

Auf Veranlassung der britischen Regierung wurden am 23. Februar 1916 alle in portugiesischen Häfen liegenden deutschen Schiffe beschlagnahmt.

Das waren insgesamt 72 Schiffe (inklusive der Schiffe in portugiesischen Überseebesitzungen). Das Deutsche Reich erklärte daraufhin Portugal am 9. März 1916 den Krieg.

Siehe dazu auch den Blogartikel Das Dampfschiff „Fürth“ in Lissabon

Für die Deutschen in Lourenço Marques bedeutete dies, dass sie zu Feinden geworden waren und dass sie in einem Gefangenenlager eingesperrt wurden. Gleiches galt für die Deutschen in anderen Teilen der portugiesischen Kolonie.

Das Lager in Lourenço Marques befand sich in zentraler Lage zwischen Bahnhof und Hafen. Es beherbergte 470 Menschen, vorwiegend Männer, aber auch Frauen und Kinder.

Lourenço Marques um 1916

Gefangenenlager Lourenço Marques 1916, © Rotes Kreuz Portugal; Quelle : Archives Audiovisuelles du Comité Internationale du Croix Rouge, https://avarchives.icrc.org/, Ref.:V-P-HIST-03056-09

Die überwiegende Mehrheit dürften Besatzungen und Passagiere der vier Schiffe gewesen sein.

Die „Hof“ hatte eine Besatzung von 42 Mann, die „Essen“ 50 Mann. Die beiden Reichspostdampfer sind mit 118 bzw. 136 Mann angegeben.

Zu Besatzungen und Passagieren kamen Deutsche, die in Portugiesisch Ost-Afrika lebten. Andere waren nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges aus Südafrika, Rhodesien oder anderen Ländern nach Portugiesisch Ost-Afrika gekommen.

Außer dem Hauptlager in Lourenço Marques gab es in Portugiesisch Ost-Afrika kleinere Gefangenenlager in Quelimane, Beira/Macequece und in Tete.

Die Gefangenen der kleinen Außenlager wurden nach der Schließung im Jahr 1917 nach Lourenço Marques gebracht und im späteren Kriegsverlauf teilweise nach Portugal oder in ein Lager auf den Azoren (dazu in einem späteren Artikel mehr).

Bahnhof in Lourenço Marques, um 1920

Lourenço Marques, Bahnhof, Postkarte, um 1920 ; commons.wikimedia.org ; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Esta%C3%A7%C3%A3o_Ferrovi%C3%A1ria_de_Louren%C3%A7o_Marques_(c._1920).jpg

Lourenço Marques

Lourenço Marques (heute Maputo) liegt in einer Meeresbucht, der Delagoa Bay, die einen großen Naturhafen bildet.

„Hafenstadt in Portugiesisch-Ostafrika, mit 9849 Einw. (4691 Europäer); hier ist 1908 ein deutsches Konsulat eingerichtet“

Das ist der knappe Eintrag in Meyers Konversationslexikon von 1910.

Der deutsche Konsul in Lourenço Marques war von 1908 bis 1916 Dr. Bernhard Reuter.
Quelle: https://www.bundesarchiv.de/aktenreichskanzlei/1919-1933/1000/adr/adrmr/kap1_6/para2_79.html

Aus der Encyclopedia Britannica (1911) erfahren wir mehr:

Unter den Einwohnern waren rund 1700 Asiaten, die den lokalen Handel dominierten.

Der Hafen war seit Beginn des 20. Jahrhunderts gut ausgestattet, die Straßen hatten elektrisches Licht und es gab ein kleines Straßenbahnnetz.

Lourenço Marques um 1920

Lourenço Marques, elektrische Straßenbahn (Maxibombo), um 1920; commons.wikimedia.org ; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Maxibombo(Bolama)Maputo1920.jpg

Die Stadt liegt an der Mündung des Flusses Espirito Santo (auch English River), der hier eine Breite von etwa 2 Meilen hat.

Der Hafen hatte auch für Südafrika und die Provinz Transvaal Bedeutung; über 50 % der Importe nach Johannesburg liefen über den Hafen Lourenço Marques. Aus diesem Grund gab es auch eine Eisenbahnlinie von etwa 400 Meilen über Pretoria nach Johannesburg.

Im Jahr 1975 wurde Mosambik unabhängig von Portugal, seit 1976 heißt die Stadt Maputo. Heute (2021) leben im Großraum etwa 3 Millionen Menschen.

Lourenço Marques map

Kriegsgefangenenlager der 470 internierten Deutschen in Portugiesisch-Ost-Afrika (Lourenço Marques) 1916, © Rotes Kreuz Portugal; Quelle : Archives Audiovisuelles du Comité Internationale du Croix Rouge, https://avarchives.icrc.org/, Ref.:V-P-HIST-03060-14

Das Gefangenenlager in Lourenço Marques

Einen Eindruck von dem Lager in Lourenço Marques gibt eine Zeichnung aus dem Jahr 1916. Angefertigt wurde sie von R. G. Schepers am 19. September (Signatur rechts unten).

Anmerkung: Rudolf Gerhard Schepers war Zimmermann, er wurde am 10. März 1916 in Lourenço Marques interniert. Am 18. Oktober 1917 kam er nach Lissabon und am 21. November 1917 mit seiner Familie in das Lager Peniche etwa 100 Kilometer nördlich der portugiesischen Hauptstadt. Am 3. Dezember 1919 wurde er entlassen und nach Hamburg transportiert. Eine Postkarte wurde von Schepers aus Katernberg (Rheinland) an ihn in Caldas da Rainha adressiert. Diese Adresse wurde durchgestrichen und der Brief nach Peniche weitergeleitet.
Quelle: Edoardo & Luis Barreiros, Portugal in the First World War, Clube Filatélico de Portugal, https://www.cfportugal.pt/

Auf der Zeichnung wird die Größe des Camps mit 26.000 m2 angegeben. Links oben erkennen wir drei große Baracken à 1020 m2, eine davon diente als Speise- und Theatersaal. Rechts davon ist eine kleinere Baracke mit 640 m2 (Größenangaben aus der Zeichnung entnommen).

Ganz oben im Bild gibt einen Gleisanschluss. Unterhalb der langgezogenen Baracken sind einige kleinere Gebäude zu erkennen, vermutlich Waschräume, Toiletten, Wäscherei, Lagerräume usw.

In der rechten Bildhälfte erkennen wir einen langen Streifen mit kleinen Gärten inklusive kleinen Gartenhäuschen und ganz rechts zwei Faustballfelder. Ein weiteres Sportfeld liegt links unten, eventuell der Tennisplatz.

Die Häftlinge waren überwiegend Männer, was nicht überrascht, da die Schiffsmannschaften ausschließlich männlich waren. Auf einigen Fotos ist aber zu sehen, dass auch Frauen und Kinder in dem gleichen Lager untergebracht waren.

Lourenço Marques um 1918

Gefangenencamp Lourenço Marques, 1918, Schlafsaal/Aufenthaltsraum, © Rotes Kreuz Portugal; Quelle : Archives Audiovisuelles du Comité Internationale du Croix Rouge, https://avarchives.icrc.org/, Référence : V-P-HIST-03056-06

Lageralltag

Über den Lageralltag in den australischen Gefangenenlagern hatte ich ausführlich berichtet. Vieles davon hatte ich den Tagebucheinträgen des Schiffsoffiziers Friedrich Meier entnommen.

Daneben sind weitere Tagebücher, von den Häftlingen publizierte Lagerzeitungen und Fotos erhalten, die uns viele Details offenlegen.

In Lourenço Marques müssen wir uns meines Wissens nach auf die Fotos stützen. Falls Sie Kenntnis von anderen Quellen haben, die das Lager beschreiben, lassen Sie mich dies bitte wissen.

Im weißen Rössel, Aufführung um 1916

Gefangenencamp Lourenço Marques, Bühnendekoration und Schauspieler, © Rotes Kreuz Portugal; Quelle: Archives Audiovisuelles du Comité Internationale du Croix Rouge, https://avarchives.icrc.org/, Référence : V-P-HIST-03060-20

Auf den Fotos im Archiv des Internationalen Roten Kreuzes lassen sich folgende Aktivitäten der Lagerinsassen erkennen:

Eines der Fotos zeigt eine Bühne, auf der links ein Schild mit der Aufschrift „Hotel zum weißen Rössel“ zu sehen ist. Dabei dürfte es sich um eine Aufführung des Lustspiels „Im weißen Rössel“ von Oskar Blumenthal und Gustav Kadelburg aus dem Jahr 1896 handeln.

Viele Teilnehmer hatte der Gesang-Verein „Harmonie“, das Foto zeigt die stolze Zahl von 68 Männern. Ein Erinnerungsfoto der Lagerkapelle zeigt 17 Musiker, darunter zwei Jungen.

Orchester, Lourenço Marques, um 1916

Gefangenenlager Lourenço Marques, Lagerkapelle, © Rotes Kreuz Portugal; Quelle : Archives Audiovisuelles du Comité Internationale du Croix Rouge, https://avarchives.icrc.org/, Référence : V-P-HIST-03056-24

Zwei Sportvereine sind ebenfalls bildlich festgehalten: der Faustball-Verein „Hansa“ (39 Männer) und ein Tennis-Club (17 Männer).

Aus der Gefangenenzeitung „Die Welt am Montag“ in Trail Bay (New South Wales, Australien) hatte ich einige Anzeigen vorgestellt, die die Geschäftstätigkeiten einiger Häftlinge dokumentierten. Siehe: Das Internierungslager Trail Bay – Die Geschäfte der Gefangenen

Auch in Lourenço Marques sind zumindest zwei Unternehmen auf den Bildern festgehalten:

Das Foto von Beckers-Küche zeigt eine gut gekleidete Gesellschaft von 18 Personen, darunter 5 Frauen und 5 Kinder. Die drei Tische haben Tischdecken und Blumendekoration. Vielleicht ist es eine Familienfeier. Das Restaurant bot sicher Abwechslung von der Lagerküche, zumindest für diejenigen, die es sich leisten konnten.

Beckers Küche, um 1916

Gefangenencamp Lourenço Marques, Beckers Küche, © Rotes Kreuz Portugal; Quelle : Archives Audiovisuelles du Comité Internationale du Croix Rouge, https://avarchives.icrc.org/, Référence : V-P-HIST-03060-08

Bemerkenswert finde ich das Bild von „Hechler’s Camp Brauerei“. Bemerkenswert deshalb, weil es die Portugiesen offensichtlich tolerierten, dass im Camp Bier hergestellt wurde. Das Plakat am Schuppen bewirbt drei Sorten: ff. Lager, ff. Pilsener und ff. Münchner.

Bei dem gut gekleideten Herrn mit Tropenhelm und Pfeife dürfte es sich um den Braumeister handeln. Dass er drei verschiedene Sorten einbraute, ist für mich ein Hinweis, dass er sein Handwerk verstand und vermutlich den Beruf eines Braumeisters ausgeübt hatte, bevor er in das Lager kam.

Hechlers Brauerei, Lourenço Marques um 1916

Hechlers Camp-Brauerei (Lourenço Marques) 1916, © Rotes Kreuz Portugal; Quelle : Archives Audiovisuelles du Comitée Internationale du Croix Rouge, https://avarchives.icrc.org/, Ref.:V-P-HIST-03060-26

Viel Zeit scheinen die Gefangenen für ihre kleinen Gärten aufgewendet zu haben. Die kleinen Gartenhäuschen und die Anlage der Gärten machen nicht den Eindruck, als ob sie innerhalb eines Gefangenenlagers entstanden wären.

Lourenço Marques um 1916

Lager Lourenço Marques, Gärten der Gefangenen, © Rotes Kreuz Portugal; Quelle : Archives Audiovisuelles du Comité Internationale du Croix Rouge, https://avarchives.icrc.org/, Ref.:V-P-HIST-03060-32

Mir persönlich ist beim Betrachten der Bilder aufgefallen, dass viele der Gefangenen gut oder sogar sehr gut gekleidet sind. Auch die Ausstattung der Räume lässt auf einen gewissen Komfort schließen. So sind zum Beispiel die abgebildeten Betten mit Moskitonetzen versehen.

Auf der anderen Seite meine ich aber auch, in vielen Gesichtern die Eintönigkeit und Langweile des Lageralltags zu erkennen, die für viele nur schwer zu ertragen war.

Lourenço Marques um 1916

Baracke im Lager Lourenço Marques, © Rotes Kreuz Portugal; Quelle : Archives Audiovisuelles du Comité Internationale du Croix Rouge, https://avarchives.icrc.org/, Ref.:V-P-HIST-03056-15

Insgesamt verfügen die Archive des Roten Kreuzes über 26 Aufnahmen aus dem Lager Lourenço Marques. Bei Interesse finden Sie die weiteren Aufnahmen hier: https://avarchives.icrc.org

Das Copyright liegt bei den Archives Audiovisuelles du Comité Internationale du Croix Rouge. Die Bilder können nur für den persönlichen Gebrauch (ohne kommerzielles Interesse) verwendet werden.

Holsworthy Camp, NSW, Australien, WW1

Das Internierungslager Trail Bay – Die Geschäfte der Gefangenen

Und jetzt die Werbung

Titelbild:
„Ladenzeile“ im Holsworthy Camp (Liverpool Camp) um 1916; Australian War Memorial Collection, Canberra; Ref: H17376; public domain

Heute macht der Blog eine Werbepause!

Da der Blog rein persönlich und ohne jegliches kommerzielles Interesse ist, gibt es ganz besondere Werbung mit Bezug zu bereits veröffentlichen Blogartikeln.

Keine Angst also, Sie werden nicht verleitet etwas zu kaufen. Alle folgenden Werbeanzeigen sind von sehr kurzlebigen Unternehmungen, die schon lange nicht mehr existieren.

Trial Bay Internment Camp

Über das australische Lager Trial Bay hatte ich anhand der Tagebucheinträge des Schiffsoffiziers Friedrich Meier hier im Blog ausführlich berichtet.
SIEHE: Trial Bay Camp – Gefängnis am Strand (Teil 1 von 2) und
Das Trial Bay Internierungslager in New South Wales/Australien (Teil 2 von 2)

Das Lager bestand von August 1915 bis Mai 1918 an der Ostküste von New South Wales und beherbergte etwa 500 Personen, meist Angehörige der australischen Oberschicht, Schiffsoffiziere deutscher Handelsschiffe sowie Gefangene aus deutschen Überseegebieten, wie zum Beispiel Deutsch-Neuguinea oder Samoa. Außerdem waren Deutsche aus britischen Besitzungen in Asien dorthin gebracht worden, wie aus Ceylon oder Hong Kong.

Eine Besonderheit der Inhaftierung war, dass es den Gefangenen erlaubt war, eigenen Geschäftstätigkeiten nachzugehen.

Die Unternehmer machten ihr „Business“ den Mitgefangenen bekannt, wozu sie ein „lagereigenes Medienunternehmen“ nutzten: Die Welt am Montag.

Die Welt am Montag war eine Zeitung, die zweiwöchentlich von einigen Gefangen herausgegeben wurde, und die sich wie jede andere Zeitung auch, durch den Verkauf von Abonnements und Anzeigen finanzierte. Auch dies also ein kleines Wirtschaftsunternehmen.

Die Zeitung beschäftigte sich redaktionell von der weltpolitischen Lage bis hin zum Lagerleben. Feste Bestandteil waren die Veröffentlichung des Wochenprogramms (Theater, Vorträge usw.), Anzeigen von den Geschäftsleuten im Lager, private Kleinanzeigen, ein Schachproblem und anderes mehr.

Die Sammlung der 42 Ausgaben befindet sich in digitalisierter Fassung in der State Library of New South Wales in Sydney:

Box 13: Trial Bay Welt Am Montag, Published by German Prisoners at Trial Bay Internment Camp, 1 October 1916-22 December 1918, 1AD.

In der Folge präsentiere ich einige der Geschäfte und ihre Werbung.

Trial Bay Gaol 1917

Trial Bay Camp, Aufnahme 1917; Quelle: Mitchell Library, State Library of New South Wales, file number FL1503963

Gereimte Werbung

Mir persönlich gefällt besonders Werbung in Reimform, wie sie damals von vielen Unternehmen genutzt wurde, um sich in das Gedächtnis der Menschen einzuprägen.

In den zwanziger Jahren warb ein Hersteller von Haushaltgeräten beispielsweise mit dem eingehenden Spruch: „Miele, Miele sagte Tante, die alle Waschmaschinen kannte“.

Oder ein anderes schönes Beispiel: „Feuer breitet sich nicht aus, hast du Minimax im Haus“.

Nachteil dieser flotten Sprüche war, dass der sogenannte Volksmund die gereimten Werbeslogans regelmäßig sehr kreativ weiterentwickelte, wie zum Beispiel: „Aber Minimax ist Mist, wenn du nicht zuhause bist.“

1915 versuchte sich ein kreativer Obsthändler in Trial Bay an dieser Art Werbung:

STETS FRISCHE FRUECHTE!!!

Im Appelladen, klein und eckig,
Ein blonder Hunne, lang und speckig,
Hat bestes Obst dort zu verkaufen;
Drum eilet Euch und kommt gelaufen!

ZU SAISONPREISEN!!!

Die Obstbude.

Der Begriff „Hunne“ ist eine Anspielung auf den Schimpfnamen „the Huns“, den die australischen Medien nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges regelmäßig für die Deutschen verwendeten.

Frischobst war in den Rationen für die Gefangenen nicht vorgesehen und so könnte ich mir vorstellen, dass sich frisches Obst gut verkaufen ließ – vorausgesetzt es war einigermaßen bezahlbar.

Trial Bay Gaol WW1

Korridor im Hauptgebäude, Trial Bay Camp; Quelle: Mitchell Library, State Library of New South Wales, file number FL1503992

Auch der Geschäftsmann Armleder setzte mit seiner Wäscherei auf gereimte Werbung:

WAESCHEREI – „SORGFALT“ – WAESCHEREI

Wenn Sie bei „Sorgfalt“ abonnieren,
Koennen Sie niemals Geld verlieren.
Wir waschen auch fuer billig Geld,
So – dass die Waesche ewig haelt!

6/9 per Monat. – Staerken extra.
Spezialitaet: Anzuege chemisch rei-
nigen und aufbuegeln.

Armleder

Die Preise der Wäscherei

Der Preis des Wäsche Abonnements war in der im Commonwealth üblichen Schreibweise 6/9 angegeben, was 6 Shilling und 9 Pence bedeutet.

Zur Erinnerung: 1 Pfund waren 20 Shilling und 12 Pence wiederum 1 Shilling. 1 Shilling entsprach ziemlich genau einer Mark (Stand bis 1914, also vor dem Ersten Weltkrieg).

Zum Vergleich: Für den (freiwilligen) täglichen Arbeitseinsatz erhielten die Gefangenen pro Tag 1 Shilling. Der Schiffsoffizier Friedrich Meier erhielt vom Norddeutschen Lloyd monatlich 2 Pfund, also 40 Shilling Gehalt.

Wäsche waschen lassen musste man sich also leisten können. Gefangene ohne große finanzielle Mittel werden es selbst gemacht haben.

Eine später erschienene Anzeige der Wäscherei Sorgfalt gibt etwas mehr Einblick in den durchschnittlichen Kleidungsbedarf der Häftlinge:

Wenn Sie pro Woche brauchen: 3 Hemden (9d) 3 Hosen (9d) 3 P. Socken (3d) so bezahlen Sie im Monat dafür 7/-!

Unser Abonnement kostet nur 6/9!!
Sie haben also Nachtanzuege, Taschentuecher, Bettzeug etc. GRATIS!!

Weitere Wäschereien

Neben der Wäscherei Sorgfalt gab es noch die Wäscherei Edelweiß als zweites Unternehmen, dass Reinigungsdienste anbot. Es ist ein Hinweis darauf, dass viele Herren auch in Gefangenschaft auf ein korrektes Äußeres Wert legten (und Geld hatten, waschen zu lassen).

Hier die Anzeige des Wettbewerbs:

WAESCHEREI „EDELWEISS“
empfiehlt sich zum
WASCHEN – STAERKEN – BUEGELN
REINIGEN und AUFBUEGELN
von HERRENGARDEROBE.

Das offenbar gut laufende Geschäft rief später einen weiteren Konkurrenten, Herrn Kaspar & Co., auf den Plan:

NEUE WAESCHEREI!

Empfehlen dem Lager unsere neueroeffnete Waescherei. Aeusserst billige Preise! Zuverlaessigste Bedienung! Sorgfaeltige Behandlung!

KEINE BUERSTE – KEINE CHEMIKALIEN
NUR HANDARBEIT!

Spezialitaet:
Waschen von Schlafdecken!
je nach Groesse von 6d bis 1/-
Kaspar & Co.

Trial Bay WW1

Waschtag im Trial Bay Camp; Quelle: Mitchell Library, State Library of New South Wales, file number FL1503985

Alle Anzeigen waren mit der Schreibmaschine getippt. Es war offensichtlich eine britische Maschine, denn Umlaute waren nicht vorhanden. Heraushebungen wurden mit Großschreibung oder mit gesperrtem Text gemacht, wobei ich auf eine gesperrte Wiedergabe hier im Blog verzichtet habe.

Schneider und Schuster

Die von der australischen Regierung ausgegebene Kleidung war sehr knapp bemessen. Diesen Eindruck vermitteln zumindest die Tagebücher. Deshalb konnten sich auch Schneider und Schuster im Trial Bay Camp etablieren. Eine Schneiderei wurde von den Herren Beuermann und Boll betrieben:

SCHNEIDEREI.

Anfertigung nach Mass unter
Garantie fuer tadellosen Sitz,
sowie saemtliche Reparaturen
uebernehmen gut & billigst
BEUERMANN & BOLL

Weniger auf Anfertigungen, sondern auf Änderungen und Ausbesserungen dürfte Herr Schlichting spezialisiert gewesen sein, der zudem noch einen Second-Hand-Shop betrieb:

Fuer saemtliche im Fach vorkommende Schneider-Arbeiten empfiehlt sich:

ADOLF SCHLICHTING.

Gleichzeitig empfehle ich mich zum An-& Verkauf von Sachen aller Art!

Was für die knappe Kleidung galt, war für Schuhe nicht anders. Oft waren die von der Lagerleitung ausgegeben Schuhe aus zweiter Hand und wer es sich leisten konnte, gab eigenes Schuhwerk in Auftrag. Herr Primke machte das möglich:

SCHUHE ! ! STIEFEL ! ! SANDALEN ! !

NUR BESTES MATERIAL.

Anfertigung saemtlicher Schuhwaren
nach MASS unter Garantie
für tadellosen Sitz.
REPARATUREN GUT UND BILLIG!

Primke

Trial Bay Camp a7247041h

Theaterstück “The King’s Order” mit Friedrich dem Großen (sitzend); Trial Bay Camp, Quelle: Mitchell Library, State Library of New South Wales, file number FL1504040

Friseure und Apotheker

Wer nun schick eingekleidet war, für den gab es auch die Möglichkeit, sich im Friseursalon von Heidrich und Behrent entsprechend frisieren zu lassen. Natürlich durften dort auch Zeitungen und Illustrierte nicht fehlen.

BARBIER-& HAARSCHNEIDE SALON
(Heidrich & Behrent)

Geoeffnet :
Vorm: 7 – 10.30
Nachm: 1.30 – 5

Angenehmer Aufenthalt
Sechs Herren gehen auf eine Bank!
Saemtliche Tageszeitungen!
Neueste illustr. Blaetter !!!

Toiletten-Artikel.

Die beworbenen Toilettenartikel wiederum wurden von zwei anderen Herren hergestellt, die sie entweder direkt anboten und auch im Friseursalon verkauften:

Pfefferminz-Camphor-Carbol
Zahnpulver
Aromatische Zahnpasta!
Zahnwasser
Bor Talcumpuder
Eiskopfhaarwasser – Jakobin
Shampooloesung – Lanolin

Zu haben bei :

GIESE, A.58 A. KUBY, E.9

Im Barbierladen.

In einer späteren Ausgabe der Welt am Montag lautete die Anzeige wie folgt:

Aromatische Zahnpasta!
Unuebertroffen an Wohlgeschmack, Desinfektionskraft und Billigkeit!!
JAKUBIN!!!
(Lanolin-Paraffinemulsion)
Mit Baryum nach wissenschaftlicher erprobter Vorschrift von Dr. Jacob. Das beste und sparsamste Heilmittel!
Herabgesetzter Preis: 1/-.

A. Kuby & E. Giese
Apotheker.

Wellness

Sogar Schwitzbäder und Massagen waren im Camp im Angebot. Offeriert hat sie der Unternehmer Raetzsch:

MASSAGE!
Koerpermassage – Gesichtsmassage.

Spezialitaet:
Behandlung von Magen-& Nervenleiden.

SCHWITZBAD!!!
Sorgsamste Behandlung.

A.E. Raetzsch

Für viele Gefangene waren Schwitzbäder offenbar etwas unbekanntes, weshalb es Raetzsch in einer späteren Anzeige ausführlich erklärte:

HEISSLUFTBAD: Das roemische Heissluft- oder Schwitzbad bezweckt vor allem die Oeffnung der Hautporen und eine beschleunigte und staerkere Absonderung der im Koerper vorhandenen Giftstoffe. – Seife und Wasser vermoegen nicht dieselbe gruendliche Reinigung der Hautporen zu erzielen, wie es bei einem Heissluftbad der Fall ist. – Der Gebrauch des Schwitzbades ist absolut unschaedlich und hinterlaesst ein angenehmes Gefuehl der Erfrischung des ganzen Koerpers. –
Die Baeder, mit oder ohne Massage, koennen zu jeder Tageszeit verabreicht werden.

Uhrmacher und Juwelier

Erstaunlich finde ich die Tatsache, dass es im Lager Trial Bay auch einen Uhrmacher und Juwelier gab, das Unternehmen Fröhlich und Sethmacher:

FROEHLICH & SETHMACHER
Uhrmacher & Juweliere.

Reparaturen und Neuanfertigungen
werden sauber und gewissenhaft ausgefuehrt.

GROSSES LAGER IN EDELSTEINEN, UHREN, usw.

In einer späteren Anzeige spezifizieren die Unternehmer ihren Edelsteinvorrat:

Neues Lager von EDELSTEINEN: OPALE – TURMALINE – PERIDOTS.

Es handelt sich um drei Edelsteine, die in Australien vorkommen. Am bekanntesten davon sind die Opale aus Coober Pedy, einer Stadt im südaustralischen Outback. Die Suche nach Opalen begann hier um 1916.

Außerdem hatte sich die Geschäftstätigkeit der Herren sogar über das Lager Trial Bay hinaus ausgeweitet und es wurden zusätzlich Lederwaren aus dem Lager Liverpool gehandelt.

Neue Sendung von PORTEMONNAIES und BRIEFTASCHEN
im Liverpool-Lager angefertigt!!

Holsworthy (Liverpool) Camp, WW1

Schuppen mit verschiedenen Werkstätten, rechts vorne ein Hersteller von Lederwaren, im Holsworthy Camp (Liverpool Camp); Australian War Memorial Collection, Canberra; Ref: H17377; public domain

Fotografie

Über den Fotografen Dubotzki hatte ich bereits berichtet. Er war nach Kriegsausbruch im Lager auf Torrens Island bei Adelaide gefangen gehalten worden und konnte auch dort schon seinem Beruf nachgehen.

Ihm war es, zusammen mit dem Boxer Frank Bungardy zu verdanken, dass die Missstände in diesem Lager nach außen drangen und der Öffentlichkeit bekannt wurden. SIEHE: Auf den Spuren der Seeleute des Dampfschiffes „Fürth“

In Trial Bay konnte er ebenfalls fotografieren und hatte sich ein Fotoatelier eingerichtet:

WERKSTAETTE
fuer
BILDMAESSIGE PHOTOGRAPHIE.

Aufnahmen von
Visitgroesse bis zu 40/30 cm

VERGROESSERUNGEN JEDER ART.

F. Dubotzki

In einer später erschienenen Anzeige macht Dubotzki Angaben zu seinen Tarifen:

P.F. Dubotzki
empfiehlt Aufnahmen jeder Art!

VISISTGROESSE
Aufnahme mit:
12 Bildern – 8/6
6 Bildern – 5/-

KABINETTGROESSE
Aufnahme mit:
12 Bildern – 17/6
6 Bildern – 10/-

Anmeldungen fuer Portraits erbitte ich durch Bestellscheine im Kasten bei der Dunkelkammer aufzugeben.
! Naechster Aufnahmetag voraussichtlich am 30. Nov. !

Das Visitformat bezeichnete Fotos mit einer Größe von etwa 6 cm x 9 cm; das Kabinettformat solche von etwa 10 cm x 15 cm. In einer anderen Anzeige bot Dubotzki beide Formate – gegen Aufpreis – auch auf grünem Karton an.

Paul Dubotzki

Plattenkamera der Marke Globus von Paul Dubotzki im Heimatmuseum Dorfen; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Heimatmuseum_Dorfen_16.jpg

Zahnarzt

Im Trial Bay Internierungslager gab es sogar eine zahnärztliche Praxis. Ganz im Sinne des Eids von Hippokrates war ein Angebot für mittellose Lagerinsassen inbegriffen:

Bekanntmachung !

Meinen werten Kriegskameraden mache ich hiermit bekannt, dass die
Ordinationsstunden fuer Zahnleidende wie folgt festgesetzt sind:

Vorm: 9 Uhr – 11.30
Nachm: 1.30 – 3.00

Sonnabend: 9 – 12 Uhr
Sonntag: geschlossen

Poliklinik fuer Unbemittelte: Dienstag & Freitag 2-3 Uhr.

Preise: Fuellungen 7/6
(Porzellan & Amalgam)

Kronen von £ 1.5 an
Extraktionen  – 1.6

KUENSTLICHE GEBISSE UND BRUECKEN-ARBEITEN nach Uebereinkunft.

Kukulus & Pap.

Billard

Im Lager Trial Bay – und sicher auch in den anderen Lagern – wurde viel gespielt. Kartenspeielen und Würfeln waren beliebte Zeitvertreibe.

Allerdings darf nicht verschwiegen werden, dass einige Gefangene über ihre Verhältnisse Geld beim Spiel „verzockt“ haben und bei ihren Kameraden oft verschuldet waren. Spielsucht war ein Problem.

Siehe dazu das Tagebuch des Gefangenen Otto Wortmann. Wortmann war Pflanzer in Deutsch-Neuguinea. Im Lager hatte er bei seinen Kameraden regelmäßig Spielschulden. https://www.sl.nsw.gov.au/collection-items/otto-wortmann-internment-camp-papers-23-march-14-july-1916

Auch beim Billard dürfte es in der Regel um Geld gegangen sein. Herr Borchert machte Werbung für seine Billard-Halle:

BILLARD-HALLE.
(Besitzer: H. Borchert)

2 – Erstklassige Billards – 2

RUSSISCH POOL ! TEUFELS POOL !

SNOOKER.

Geöffnet von:

morgens 8 Uhr bis abends 9.30

Das Billardspiel erfreute sich offenbar großer Beliebtheit, später investierte Borchert in einen Neubau:

BILLARD-HALLE

Der Neubau sichert ein ungestoertes und ruhiges Spielen!!!
Spielzeit & Preise wie frueher!

BORCHERT

Trial Bay, WW1, Deutsches Lager

Trial Bay Camp, Café mit Billardtisch; Mitchell Library, State Library of New South Wales, file number FL1504086; out of copyright

Demnächst im Blog

Nicht nur in Australien wurden Deutsche während des Ersten Weltkrieges gefangen gehalten.

Zwei Schiffe der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft (DADG) suchten nach Kriegsbeginn Zuflucht in Portugiesisch-Ostafrika: die Dampfschiffe „Essen“ und „Hof“.

Nach dem Kriegseintritt Portugals im März 1916 wurden in Lourenço Marques (heute Maputo/Mosambik) deutsche Schiffsbesatzungen, aber auch Passagiere, Farmer, Geschäftsleute und in einem Lager der Stadt interniert.

Freuen Sie sich auf wenig bekannte, aber eindrucksvolle historische Aufnahmen aus den Jahren 1916-1919.

Liverpool NSW 1916

Tagebuch Friedrich Meier: Die letzten Monate im Holsworthy Internment Camp (NSW, Australien)

Ausbruch der Spanischen Grippe in Australien

Titelbild:
Holsworthy Internment Camp, 1916, Modelle einer Drehbank und zweier Dreifach-Expansions-Dampfmaschinen, die von den drei Gefangenen im Lagerbereich 1 hergestellt wurden; Quelle: Australian War Memorial Collection, H17387, public domain

Die Vorgeschichte

Im August 1914 war der Schiffsoffizier Friedrich Meier mit seinem Schiff „Lothringen“ vom Norddeutschen Lloyd Bremen in Melbourne festgesetzt worden.

Vier Jahre dauerte nun bereits seine Gefangenschaft in Australien.

Die Links zu den bisherigen Beiträgen über unseren fleißigen Tagebuchschreiber Meier finden Sie am Ende des Beitrags.

Zuletzt hatte er sich am 13. August 1918 bei einem Sportunfall die Speiche gebrochen und wurde im Garrison Hospital in Sydney operiert. SIEHE: Im Lazarett – Tagebuch einer Operation im Jahr 1918

Anschließend wurde der Gefangene zurück in das Internment Camp Holsworthy gebracht, in dem etwa 5600 Deutsche, Österreicher, Ungarn, Bulgaren und Türken auf das Ende des Krieges warteten und ihrem ungewissen Schicksal entgegensahen.

Zusätzliche Verunsicherung unter den Lagerinsassen verbreitete die „Spanische Grippe“, die Anfang 1919 ihren Weg nach Australien gefunden hatte.

Zurück in Holsworthy

Von August bis November 1918 notierte Meier seine monatlichen Zahlungseingang vom Norddeutschen Lloyd: viermal je zwei Pfund.

Anschließend schrieb er weiter in sein Tagebuch:

Anfang November erhielt ich von der Austral. Regierung Jacke, Hose und Handtuch.

Der Krieg neigt sich dem Ende

Seit Mitte August 1918 haben wir ein Kino im Lager. Der Apparat ist in der oberen Esshalle eingebaut und es werden an 3 bis 4 Abenden in der Woche Aufführungen gegeben.
Der Bau eines Theaters wurde auch noch begonnen, doch da der Krieg scheinbar seinem Ende zu geht, wurde der Bau aufgegeben. Nur der Zuschauer-Raum wurde fertiggestellt und der Kinematograph aus der Eßhalle hierher gebracht.

Anfang Oktober schloß Bulgarien mit den Entente Mächten Waffenstillstand. Ende Oktober folgten die Türkei und Oesterreich-Ungarn. Da blieb auch für Deutschland nichts anderes übrig, es war der Übermacht nicht gewachsen.

Am 11. November begann der Waffenstillstand zwischen Deutschland und den Ententemächten, und die Bedingungen waren sehr hart für uns: Übergabe der Flotte, Räumung des linksrheinischen Gebietes, Herausgabe der Gefangenen (ohne Gegenseitigkeit) u.s.w. Der Deutsche Kaiser mußte abdanken und nach Holland flüchten – alles niederdrückende Nachrichten, man konnte es nicht begreifen wie sich unsere Lage in wenigen Monaten so verändern konnte.

Doch eine Hoffnung haben wir jetzt, daß unsere Gefangenschaft nun bald ein Ende haben wird. Wenn es auch noch einige Monate dauern wird, so muß doch endlich die Stunde der Freiheit auch für uns schlagen.

Am 10.12.18 erhielt ich von der Austral. Reg. ein paar Schuhe (getragene) u. 1 Mütze.

Am 13.12.18 erhielt ich vom Lloyd £ 3/10 (£ 2/10 für Dezember u. 1 £ zu Weihnachten).

Eben vor Weihnachten wurden 8 Deutsche (naturalisierte Australier) aus diesem Lager und eine Anzahl aus dem Hauptlager entlassen.

Liverpool camp 1917, WW1

Essenszeit im Lager Holsworthy, 1917; Quelle: Australian War Memorial Collection, H18944, public domain

Langes Warten

Die Mehrzahl von uns wird wohl noch bis März oder April 1919 hierbleiben müssen, bisher hat sich unsere Lage durch den Waffenstillstand noch in keiner Weise gebessert.

Die hier fast jeden zweiten oder dritten Tag auftretenden Staubwinde sind es, die einem das Leben zur Hölle machen. Man kann nirgends davor flüchten, und abends ist man dann dreckig wie ein Mohr, man wäscht sich, doch am andern Tage ist’s wieder dasselbe. Man muß sich nur wundern, daß man bei dem vielen Staubschlucken so gesund bleibt. Der Staub ist unvermeidlich, weil so viele Menschen auf einem kleinen Platze eingesperrt sind, wird die Erde stets von neuem los getreten zu feinem Mehl, und der hier so häufige, heftige Tageswind wirbelt dann ungeheure Staubmassen durch das Lager. Die Barracken bieten keinen Schutz, der Staub dringt überall ein.

Weihnachten 1918 ist nun auch vorüber, ohne Sang und Klang, am Heiligen Abend und auch Sylvester saßen wir im Kino, man hörte kaum einen Glückwunsch zum Neuen Jahre, und doch erhofft man soviel vom Jahre 1919, soll es uns doch die heißersehnte Freiheit bringen.

Mein rechter Arm wird jetzt wieder kräftiger, ich kann nun ein wenig anfangen zu Turnen. Es hat aber auch sehr lange gedauert, bis es soweit war. Lange Zeit konnte ich ein Knacken an der Bruchstelle deutlich fühlen.

Am 3.1.1919 betrug mein Gewicht (mit Hemd u. Hose bekl.) 139 Pfund englisch.
(gleich 63 kg oder 126 Pfd. metrisch)

Das ist ein erster Hinweis, den Meier zu seiner eigenen Person gibt.

Liverpool camp WW1, kitchen buildings

Holsworthy Internment Camp, 1916, Fässer und Säcke mit Vorräten werden bei der Kantine von einem Pferdefuhrwerk abgeladen; Quelle: Australian War Memorial Collection, H17372, public domain

Kein Ende

Am 10.1.1919 erhielt ich vom Lloyd für Monat Januar £ 2/10/-

Am 23.1.19 erhielt ich von der Regierung 2 Paar Strümpfe u. 1 Hemd.

Mitte Januar erfuhren wir aus der Zeitung, daß die englische Regierung es nicht länger nötig erachte, die deutschen Zivilgefangenen festzuhalten und daß die Heimbeförderung derselben von England am 6. Januar 1919 beginnen sollte; dienstuntaugliche u. ältere Zivilisten seien schon im Dezember heimbefördert worden.

Hier sind erst wenige naturalisierte Deutsche freigelassen worden. In den australischen Zeitungen wird Propaganda gemacht, daß alle Deutschen, ob naturalisiert oder nicht, zwangsweise nach Deutschland befördert werden sollen und gegen die Freilassung der Deutschen wird heftig protestiert.

Ende Januar 1919 meldeten die Zeitungen, daß Anfang Februar der Heimtransport der in Australien internierten Deutschen beginnen soll.

Wie wir hören, sind sämtliche alliierte Gefangenen in Deutschland schon in ihre Heimat zurückbefördert, während die Auslieferung der gefangenen Deutschen noch nicht einmal begonnen hat.

Liverpool camp, cafe, WW1

Holsworthy Internment Camp, „Franz-Josef-Café” und Billardraum, Quelle: Australian War Memorial Collection, H17375, public domain

Die Spanische Grippe – Grenzschließungen, Maskenzwang und Isolierung

Den 12. Februar 1919.
Ende vorigen Monats ist nun auch in Australien die Spanische Influenza (Grippe) (epidemische Lungenentzündung) ausgebrochen, von der in der zweiten Hälfte von 1918 fast alle Länder der Erde heimgesucht worden sind und die unzählige Opfer gefordert hat. Dadurch, daß man in den australischen Häfen über alle aus infizierten Ländern kommenden Schiffe die Quarantäne verhängte, hatte man die Influenza aus Australien ferngehalten, bis sie schließlich nach Melbourne eingeschleppt wurde und dort Fuß fasste.

Die dortigen Behörden suchten die vorgekommenen Fälle zu verheimlichen, bis in Sydney Ende Januar 1919 einige Erkrankungen vorkamen von Personen, die vorher in Melbourne gewesen waren.

Die Regierung von New South Wales unternahm sofort drastische Maßnahmen um die Seuche im Keim zu ersticken. Die Grenzen wurden geschlossen und in Sydney wurde Maskenzwang eingeführt und alle Kranken isoliert.

Jedermann auf der Straße und in den Bahnen mußte eine Maske über Mund und Nase tragen zum Schutze gegen die Influenzabazillen.

Bis zum 1. März (ca. 6 Wochen) kamen in Victoria 7943 Erkrankungen vor, wovon 492 tödlich verliefen; in N.S.W. 296 Erkrankungen u. 13 Todesfälle.

Die Gefangenenlager hier in Holdsworthy sind als besonderes Quarantänegebiet isoliert worden und bis jetzt (2. März) ist hier noch keine Erkrankung an Grippe vorgekommen.

Anmerkung: Die Gefangenschaft in Holsworthy sollte noch länger dauern, als Meier ahnen konnte. Im Juli 1919 erreichte die Spanische Grippe auch das Holsworthy Internment Camp. Es waren 94 Tote zu beklagen.
Quelle: Holsworthy Internment Camp during Word War I, Beverley Donald 2014; dictionaryofsydney.org

In ganz Australien gab es zwischen 12.000 bis 15.000 Opfer.

Am 1. März ist in Sydney der Maskenzwang wieder aufgehoben worden und Theater, Vergnügungslokale, Kinos, Kirchen, Bierlokale, die während der letzte 5 Wochen geschlossen waren, sind wieder geöffnet worden (die Zahl der Erkrankungen hat sich jedoch sehr vermehrt).

Liverpool camp, internees at work, WW1

Holsworthy Internment Camp, 1916, Gefangene bei der Arbeit; Quelle: Australian War Memorial Collection, H17640, public domain

Am 14. Febr. 1919 erhielt ich vom Nordd. Lloyd (für Monat Febr.) £ 2/10/-

Letzter Kassensturz

Zum 1. März 1919 macht Meier noch einmal einen Kassensturz.

Bei seinem ersten im September 1916 war er auf einen Durchschnittsverbrauch von 25,9 Mark pro Monat gekommen. Am ersten März 1918 hatte er erneut einen Kassensturz für 18 Monate gemacht und hatte jetzt Ausgaben in Höhe von durchschnittlich 46,45 Shilling notiert, was etwa dem gleichen Betrag in Mark entsprach. Für das letzte Jahr kam er nun im Schnitt auf 51,25 Shilling pro Monat.

Viele Güter waren während des Krieges deutlich teurer geworden, was ausreichen würde, um die gestiegenen Ausgaben zu erklären.

Einnahmen u. Ausgaben vom 1. März 1918 bis zum 1. März 1919. (12 Monate)

Einnahmen £ 28/10/- (vom Lloyd)
oder 570 s
Bestand am 1.3.18: 908 s
1478 s

Best. am 1.3.19:        863 s

Gesamtausgabe   615 Shilling in 12 Mon.

oder monatlich 615/12 = 51,25 s

Während der 4 Jahre hinterm Stacheldraht (1.3.1915 bis 1.3.1919) habe ich ausgegeben
1923,1 s od.
£ 96/3/1
das ist monatlich 40 s od.
£ 2/-/-

Während derselben Zeit erhielt ich vom Nordd. Lloyd als Unterstützung
£ 91/5/- (+ 18 s 6 d von Pfaff) (Agentur Melbourne)

Vom Agenten des Nordd. Lloyd in Melbourne erhielt ich zu Anfang des Krieges £ 6/-/-.

Liverpool camp, store, WW1

Holsworthy Internment Camp, Lagerkantine (Laden), alle Gewinne kamen den Gefangenen zugute, entweder über das Lagerkomitee für Verbesserungen im Lager oder in Form einer Auszahlung; Quelle: Australian War Memorial Collection, H17374, public domain

Letzte Einträge von März bis Mai 1919

Am 6. März erhielt ich vom Nordd. Lloyd (für Monat März) £ 2/10/-

Am 14. April erhielt ich vom Nordd. Lloyd (für Monat April) £ 2/10/-

Wie wir Anfang April durch die Zeitungen erfuhren, sind von England bereits 26000 deutsche Zivilgefangene heimbefördert worden. 5000 sind noch in England und davon wollen 4000 dort bleiben.

Am 6. Mai erhielt ich vom Nordd. Lloyd (für Monat Mai) £ 2/10/-

Am 19. Mai erhielt ich vom Nordd. Lloyd (für Monat Juni) £ 2/10/-

Holdsworthy, den 20. Mai 1919.
Jetzt will man doch endlich mit unserer Heimbeförderung beginnen, es werden jetzt alle Vorbereitungen dafür getroffen. Alle von Ceylon, Singapore, Hongkong, Borneo usw. hierher geschickten Deutschen werden zwangsweise nach Deutschland zurückgebracht.
Von den hier in Australien Internierten dürfen nur die hierbleiben, die hier geboren sind und die eine austral. Frau haben. Die aus Neu Guinea u. den früheren deutschen Schutzgebieten kommenden Deutschen bleiben noch hier, bis entschieden ist, ob sie nach dort zurückkehren dürfen oder nicht.

Liverpool, internees clearing land, WW1

Gefangene beim Roden von Land, Holsworthy Internment Camp, 1916; Quelle: Australian War Memorial Collection, H17639, public domain

Rücktransport

Jeder Internierte hat 84 lbs engl. Gepäck frei, außer etwas Handgepäck. Die große Mehrzahl von uns hat jedoch bedeutend mehr Gepäck. Dieses Übergepäck müssen wir durch eine Firma verschicken lassen und es kosten 112 lbs. engl. (ca. 50 kg) 30 Shilling von hier bis Rotterdam.

Alle werden jetzt zwangsweise gegen span. Grippe geimpft. Ich wurde zweimal geimpft, am 12.5. u. 17.5.19.

Am 15.5.19 ist der D. Willochra (8500 t) von Wellington, Neu Seeland abgefahren mit ca. 400 deutschen Zivilgefangenen an Bord. Derselbe wird in den nächsten Tagen von Sydney abfahren und noch etwa 800 bis 900 Mann von hier mitnehmen.

Die Mehrzahl aus unserem Lager soll am 25. od. 26. d. M. mit dem D. „Kursk“ (8900 t), welcher augenblicklich in Sydney liegt, abfahren.

Das ist der letzte Eintrag im Tagebuch Friedrich Meiers.

Das Lager Holsworthy bestand noch bis in das Jahr 1920 fort, der letzte Gefangene verließ das Lager am 5. Mai 1920.
Quelle: Holsworthy Internment Camp during Word War I, Beverley Donald 2014; dictionaryofsydney.org

Der Krieg war zu diesem Zeitpunkt fast achtzehn Monate vorbei.

Sydney harbour, internees arrving for Liverpool camp, 1916

Hafen Sydney, 1916, ein Überseedampfer mit Gefangenen für das Lager Holsworthy beim Anlegemanöver; Quelle: Australian War Memorial Collection, H18468, public domain

Weitere Tagebuchauszüge Friedrich Meiers im Blog

In australischer Gefangenschaft

Deutsche Seeleute im Langwarrin Internment Camp

Gefangen in Australien – das Liverpool Internment Camp

Trial Bay Camp – Gefängnis am Strand (Teil 1 von 2)

Das Trial Bay Internierungslager in New South Wales/Australien (Teil 2 von 2)

Im Lazarett – Tagebuch einer Operation im Jahr 1918

Copyright-Hinweis

Auf dem Tagebuch des Offiziers Meier ist ein © Copyright, das nach dem Zeitpunkt des Todes des Verfassers für 70 Jahre fortbesteht.

Der Todeszeitpunkt Friedrich Meiers ist mir trotz Nachforschungen nicht bekannt. Ich weise deshalb pflichtgemäß darauf hin, dass deshalb noch ein © Copyright auf den Dokumenten bestehen könnte.

Demnächst im Blog

Die Abschiebung der Deutschen nach Europa: Auf den überfüllten Schiffen kommt es zu Ausbrüchen der Spanischen Grippe und einigen Todesfällen. Eindrucksvolles Bildmaterial von den Überfahrten wird den Blogartikel illustrieren.

Außerdem: Ein Nachtrag zu den Tagebucheinträgen Friedrich Meiers. Auf einigen losen Blättern verzeichnete Meier die an ihn adressierte und von ihm verschickte Post. Wenige zusätzliche Einträge geben Hinweise auf seine Identität und andere Gefangene.

x-ray, elbow 1900, Melbourne

Im Lazarett – Tagebuch einer Operation im Jahr 1918

Ein Ausflug in die Geschichte der Medizin

Titelbild:
Aufnahme des Ellbogens von W. H. Ying mit dem ersten Röntgenapparat am Krankenhaus Melbourne, ca. 1900-1910, Fotograf William Henry Ying;
Quelle: State Library Victoria, H84.296/12 über die National Library of Australia (https://trove.nla.gov.au/)

 

Zurück in Holsworthy

Im Mai 1918 musste der in Australien gefangen gehaltene Schiffsoffizier der Deutschen Handelsmarine, Friedrich Meier, zurück in das Lager Holsworthy in der Nähe von Sydney.

Kurz nach seiner Ankunft hatte er einen Sportunfall und musste operiert werden.

Aus diesem Anlass gibt der heutige Blogbeitrag einen Einblick in die medizinische Versorgung in einem Militärhospital im Jahr 1918.

Viele von uns waren schon einmal im Krankenhaus und dieser Artikel zeigt, wie ein Krankenhausaufenthalt etwa 100 Jahre früher ausgesehen hat.

Eine Besonderheit ist allerdings, dass unser Verletzter zu diesem Zeitpunkt ein „feindliches Subjekt“ (enemy alien) und in Gefangenschaft war.

Unter diesen alles andere als günstigen Umständen, ist es Friedrich Meier in dem Militärhospital in Sydney jedoch gut ergangen. Seinen Schilderungen nach kam es nicht zu Anfeindungen und er wurde von australischen Krankenhausmitarbeitern und Leidensgenossen gut behandelt.

Rückkehr von Trial Bay

Zunächst beschreibt Meier seinen Rücktransport in das Lager Hol(d)sworthy. Am 19. Mai 1918 mussten alle Gefangenen das Trial Bay Internment Camp verlassen. Das Lager wurde geschlossen und die Gefangenen waren in die Stadt Kempsey, etwa 450 Kilometer nordöstlich von Sydney, gebracht worden, um von dort mit dem Zug weitertransportiert zu werden.

Anmerkung: Das Tagebuch des Friedrich Meier finden Sie im Original hier:
Mitchell Library, State Library of New South Wales and Courtesy copyright holder; Call No. MLMSS 261 / Box 6 / Item 54 (Friedrich Meier diary)

Bitte auch den Copyright-Hinweis am Ende des Beitrages beachten.

Zu den ersten Etappen der Gefangenschaft des Schiffsoffiziers Meier siehe die folgenden Artikel:

In australischer Gefangenschaft
Deutsche Seeleute im Langwarrin Internment Camp
Gefangen in Australien – das Liverpool Internment Camp
Trial Bay Camp – Gefängnis am Strand (Teil 1 von 2)
Das Trial Bay Internierungslager in New South Wales/Australien (Teil 2 von 2)

Von Trial Bay zurück nach Holsworthy

Ich verließ Kempsey mit dem ersten Sonderzuge um 5h p.m. Wir waren zu 8 in einem Abteil 2. Klasse (in Australien gibt es nur 1. u. 2. Klasse) und hatten genügend Platz. Wir passierten 5.50 Telegraph Point, 6.22 Wauchope, 6.50 Kendall, 7.35 Coopernook, 8.10 Taree, 10.30 Glouchester, 11.50 Duncoe, 12.10 a.m. (20.V.18) Wallarobba, 2.00 Newcastle, 3.45 Gosford, 4.45 Cowan, 5.20 Ryde, 5.55 Granville, 6.05 Liverpool, dann fuhren wir von den deutschen Gefangenen erbauten Zweigbahn direkt nach dem German Concentration Camp, Holdsworthy, wo wir um 6.35 morgens, den 20. Mai 1918 ankamen.

steam locomotive A2-985, about 1919

Dampflokomotive A2-985 und der Sydney Express Zug am Bahnhof Albury, ca. 1919, Museums Victoria Collections, Item MM9106; public domain

Bei der nun folgenden Leibesvisitation wurden uns alle Papiere, Briefe, schriftl. Sachen (sogar Klosettpapier) abgenommen, um zensiert zu werden. Manche mußten sich bei der Durchsuchung bis auf’s Hemde ausziehen, Strümpfe u. Säume wurden nachgesehen. Darauf wurden wir in das Lager abgeführt und erhielten zum Frühstück Hafergrütze u. Kaffee. Auf der Reise hatten die meisten wenig zu essen gehabt, und keine Gelegenheit, irgend etwas zu kaufen deshalb schmeckte das Essen vorzüglich.

Das Lager im Lager

Unser Lager, welches ein Teil des Hauptlagers ist mit neuerbauten Barracken, war am Tage vor unserer Ankunft durch doppelten Stacheldrahtzaun vom Hauptlager abgetrennt worden. An beiden Seiten des Zaunes sind nun Wachposten aufgestellt und jeglicher Verkehr und Sprechen über den Zaun ist verboten und wird mit 1 bis 3 Tagen Haft bestraft.
Unerhört, da hat man nun Freunde und Bekannte drüben und darf ihnen nicht mal zunicken oder mit ihnen sprechen!
Unsere Barracken sind, ebenso wie im Hauptlager, lange, schmale, nach Norden (Sonnenseite) offene Veranden die durch Segeltuchvorhänge geschlossen werden können. Aber, wie in Australien nie etwas zur rechten Zeit fertig wird oder zur rechten Zeit ankommt, so fehlen auch hier noch fast überall die Vorhänge, und man wohnt so ziemlich im Freien. Dabei sinkt die Temperatur in dieser Jahreszeit hier nachts fast auf 0 Grad wogegen es tagsüber meist 20-24 °C warm ist. Die früher so lästige Staubplage im Liverpool Lager hat man durch Asphaltierung des Bodens ziemlich behoben. Küche sowie Wasch- und Badegelegenheit ist sehr gut.
Die Barracken sind mit zu Dreien übereinander angeordneten eisernen Betten versehen, sodaß man wenigstens nicht mehr auf dem Boden schlafen braucht.

In diesem Lager sollen wir übrigens nicht lange bleiben, denn 500 m östlich wird ein neues Lager für uns gebaut (als wir ankamen, wurde gerade damit angefangen!) mit Barracken (Messen zu je 4 Mann), 3 Essälen, Theater, Turnhalle, Schule, Musikpavillon u. Sportplätzen.

Liverpool Camp, about 1916

Das Lager Holsworthy (Liverpool) vom Beobachtungsturm aus gesehen; G. C. C. Album 1914 – 1916 / [Bilder, Zeichnungen und Entwürfe von Stefan Pokora, Otto Hermann und Richard Kunze], Herausgegeben in Liverpool 1916 von Jacobsen, © Digitale Version: Potsdam : Universitätsbibliothek, 2015 Bitte beachten Sie den Copyright-Hinweise am Ende dieses Artikels.

Das Gepäck kommt nach

Am 27. Mai 18 kam unser großes Gepäck an, welches gründlich durchsucht wurde. Petroleum- und Spirituskocher sowie alle Werkzeuge wurden uns abgenommen. Ein unglaubliches Volk, diese Australier! Da kann man Werkzeuge aller Art durch die Kantine beziehen und wenn man von einem Lager ins andere kommt, wird alles abgenommen! Holz und Nägel kann man hier kaufen und hat kein Werkzeug, sich Tisch u. Stühle zu bauen!

Es ist hier sehr langweilig, tagsüber ist es ganz schön warm, aber abends sitzen wir wintermäßig angezogen in den offenen Barracken und frieren wie die Schneider. Nebenan im Hauptlager gibt es Theater, Kino, Rollschuhbahn, Cafés usw., für uns nicht erreichbar, ja man darf nicht mal mit seinen eigenen Landsleuten sprechen!

Am 5. Juni 18: Kompaniegeld (für Mai): £ 2

Am 7. Juni 1918 erhielt ich meine Papiere u. Photographien zurück, die mir abgenommen worden waren.

Entgangene Ernte

In Trial Bay mußten wir unseren wohlbestellten Lagergemüsegarten, der gerade anfing, gute Erträge zu liefern, im Stich lassen. Eine kleine höhnische Notiz darüber stand in der Sydneyer Zeitung „Sun“ vom 9. VI. 1918:

Meier zitiert im Tagebuch den hier abgebildeten Artikel im Wortlaut

Germans help soldiers 1918

The Sun, Sydney, So 9. Juni 1918, S. 4, News in Brief; Quelle: trove.nla.gov.au

Von all den Buden, sowie vom Lagergemüsegarten in Trial Bay durften wir nichts verkaufen, die austral. Regierung schuldete dem Lager sogar noch für etwa 300 £ Rationen.

Ende in Sicht – oder?

24. Juni 1918. Im Lager herrscht jetzt fortgesetzt fieberhafte Aufregung, da alle Augenblicke Gerüchte entstehen, daß wir ausgetauscht werden sollen, Verhandlungen über Austausch von Gefangenen sind im Haag im Gange und es sind alle Aussichten vorhanden, daß wir auch berücksichtigt werden, aber es wird wohl noch eine Weile dauern, ehe was daraus wird.
700 Mann sollen in nächster Zeit heimbefördert werden.

Die Barracken in unserm neuen Lager sind beinahe fertiggestellt, doch jetzt wird nicht mehr dran weiter gearbeitet, angeblich wegen Streitigkeiten mit den Labor Unions (Gewerkschaften), die es nicht zulassen wollen, daß das Lager für niedrige Löhne von Gefangenen gebaut wird.

Am 29. Juni 1918 Kompaniegeld für Juni u. Juli: £ 4/-/-

Am 1. Juli 1918 erhielt ich ein Paar Stiefel und ein Hemd von d. Austr. Regierung.

Erneuter Umzug

Nachdem wir lange vergeblich auf die Fertigstellung unseres neuen Lagers gewartet haben, konnten wir endlich am Sonntag, den 28. Juli 1918 dahin übersiedeln. Wir konnten den ganzen Tag vom Interimslager zum neuen Lager hin und hergehen und mußten den größten Teil des Gepäcks selbst hinüber tragen. Nur das schwere Gepäck wurde hinüber gefahren. Es war regnerisches Wetter und der Boden total aufgeweicht, sodaß wir tief in den lehmigen Boden einsanken. Doch waren wir froh, daß wir endlich in das neue Lager einziehen konnten um uns mal wieder häuslich einzurichten.

Das eigentliche Lager (Eastern Compound) ist etwa 200 m im Quadrat, dazu kommt noch ein Erholungs- oder Sportplatz von 200 m Länge und 100 m Breite, der tagsüber geöffnet ist. Im Lager befinden sich 13 Wohnbarracken, davon 2 für die Reserveoffiziere mit Einzelmessen, und die übrigen Barracken haben jede 12 Messen für je 4 Mann und eine Kompanieführermesse.

Jede Messe ist 3,40 m lang und 2,70 m breit und mit 4 zu je zweien übereinander angebrachten eisernen Kojen versehen.

Holsworthy Camp, WW1

G. C. C. Album 1914 – 1916 / [Bilder, Zeichnungen und Entwürfe von Stefan Pokora, Otto Hermann und Richard Kunze], Herausgegeben in Liverpool 1916 von Jacobsen, © Digitale Version: Potsdam : Universitätsbibliothek, 2015; https://digital.ub.uni-potsdam.de/content/pageview/201826

Nicht weit vom Tore steht die Kantine, und in demselben Gebäude ist die Genossenschaft untergebracht, wo Kaffee, Bier und Kuchen verkauft werden und unser Kamporchester seine Konzerte gibt. Auch eine Küche ist eingerichtet worden, sodaß man Speisen nach der Karte bestellen kann. Der Raum in diesem sog. „Entenstall“ ist ziemlich beschränkt.

Weiter am westl. Zaun entlang steht die sehr gut eingerichtete Kampküche, dann folgt in gewissem Abstand das Waschhaus mit 9 Brausen und eine ganze Anzahl hölzerner Waschtröge mit je einem Wasserhahn. In derselben Reihe steht auch der Abort.

Zwischen Küche und Barracken sind 3 geräumige Esshallen errichtet, die jedoch nur nach der Südseite eine 2 m hohe Wand haben. Die beiden oberen Esshallen, mit Tischen und Bänken versehen, stehen uns allen zur Verfügung, zum Essen, Lesen usw., während die untere Esshalle teils den Res. Off. als Messe dient und teils als Gepäckraum gebraucht wird, auch ist die Lagerbibliothek darin untergebracht.

Sportverletzung

Am 13. August brach ich mir beim Turnen den einen Knochen des rechten Unterarms bei der Übung (am Reck): Schwungholen, Handkehre rechts u. Absprung beim Verschwingen. Ich fiel dabei rückwärts mit dem Körper auf meinen rechten Arm, welcher auf dem harten Boden brach.
Eine Landgrube hatten wir in der kurzen Zeit noch nicht anlegen können.
Dr. Herz legte mir einen Notverband an, und darauf ging ich hinüber ins Kamphospital, wo mir Mayor Dr. Walley den Arm in Schienen legte. Nach einer schlaflosen Nacht nahm am anderen Morgen Dr. Walley die Schienen wieder ab, wobei es sich zeigte, daß durch ein Heftpflaster eine große Wasserblase entstanden war. Die Schienen wurden wieder angelegt und nachher wurde alle 2-3 Tage der Verband erneuert.

Das Lagerhospital hat 4 Krankensäle (Wards) mit je 10 Betten und eine Anzahl Zelte, ist besonders eingezäunt. Das Essen ist ganz gut und man wird auch ganz gut behandelt. In jedem Ward sind 2 Wärter (Orderlies). An jedem Mittwoch ist Besuchstag, jeder darf jedoch nur einen Besucher empfangen. Vom Hauptlager kommen Besucher Dienstags u. Donnerstags. Sonntags konnte ich tagsüber ins Lager zum Besuch gehen.

hospital ward, holsworthy, 1916

Einer der vier Krankensäle im Lagerhospital Holsworthy, Aufnahme von 1916; Australian War Memorial, H17367, public domain.

 

Komplikationen

Am 27. Aug. 1918 wurde ich nach Sydney gesandt um meinen Arm mit Roentgen-Strahlen durchleuchten zu lassen. Ich fuhr morgens gegen 10 Uhr unter Begleitung eines Soldaten mit dem Krankenwagen nach dem Bahnhof Liverpool. Gegen 12.00 in Sydney angekommen, fuhren wir mit der Straßenbahn nach dem „Garrison Hospital“ in „Victoria Barracks“, Oxford St., Paddington, wo wir uns beim Arzt melden mußten. Die Roentgen-Aufnahme konnte nur im großen Militär-Hospital zu Randwick gemacht werden, wohin uns um 1.30 p.m. ein Ambulanz-Auto bringen sollte, so hatten wir noch Zeit, in einem Restaurant zu Mittag essen.

Um 2.00 langten wir in Randwick an und es wurden 2 Roentgen Aufnahmen gemacht, ohne daß der Verband vom Arm abgenommen wurde. Zum Garrison Hospital zurückgekommen, mußten wir uns noch einmal beim Arzt melden und gingen von da langsam zum Bahnhof, von wo wir um 5.10 nach Liverpool zurückfuhren. Vom Liverpool Bahnhof wurden wir dann im Auto zum Lager und ins Hospital zurückbefördert.

x-ray hand about 1900

Aufnahme mit dem ersten Röntgenapparat am Krankenhaus Melbourne, ca. 1900-1910, Fotograf William Henry Wong Ying; Quelle: State Library Victoria, H84.296/11 über die National Library of Australia (https://trove.nla.gov.au/)

Zurück ins Krankenhaus

Am 29.8., also 2 Tage später, wurde ich wieder nach Sydney geschickt und im Garrison Hospital aufgenommen, weil sich inzwischen aus der Roentgen-Aufnahme ergeben hatte, daß der Knochen schlecht angewachsen war. Nachmittags gegen 3 Uhr wurde ich in den Krankensaal 2 (Ward 2) geführt, wo ich sogleich einen Schlafanzug, Hemd u. Halbschuhe erhielt, ein Bad nehmen mußte und mich dann zu Bett legen (Bett No. 10). Alle Zivilkleider wurden mir für die Dauer meines Aufenthalts im Lazarett abgenommen. Der Arzt Capt. Mac Innes erschien bald darauf und erklärte mir, daß ich am folgenden Tage operiert werden solle, er wolle den Knochen mit Draht zusammenbinden. Er schrieb auf meinen Krankenzettel: „fracture of right radius, X-Ray photo shows mal position of right radius and fragments“ (Bruch der rechten Speiche, X-Stahlungfotographie zeigt den Knochen in schlechter Lage u. Splitter).

Anmerkung: Die deutsche Übersetzung (Text in Klammern) ist in Frakturschrift vorgenommen worden, der Rest des Tagesbuch ist immer in lateinischer Schrift). Die Handschrift scheint mir aber die gleiche zu sein.

Die Operation wird vorbereitet

Die Krankenschwester gab mir dann Rizinusöl ein und machte sich daran, meinen Arm vorzubereiten. Dabei stellte es sich heraus, daß eine Wunde, herrührend von dem Heftpflaster des mir am ersten Tage angelegten Verbandes, noch nicht ganz verheilt war. Deswegen wurde die Operation um 5 Tage verschoben, bis zum Mittwoch, den 4.9.1918. Am Dienstag Morgen wurde ich um 5 Uhr geweckt, erhielt eine Tasse heisse Milch und ein Klystier, wobei mir gesagt wurde, ich solle am selben Morgen operiert werden. Mein Protestieren half nichts, nachher erklärte mir die Tagesschwester, es sei ein Versehen gewesen, ich würde erst am nächsten Tag operiert.

sister Monckton, Garrison Hospital 1915

Schwester Nonie Monckton arbeitete von Mai 1915 bis September 1916 im Garrison Hospital; Quelle: State Library of Queensland, Image number: 704259-s0187-0002

Nachmittags erhielt ich dann wieder ein Glas Rizinusöl und mein Arm wurde rasiert und mit Äther gewaschen. Abends mußte ich ein Bad nehmen und reine Wäsche anziehen.

Am Mittwoch, 4.9.1918, erhielt ich um ½ 5 Uhr morgens einen Teller Mehlspeise und nachher ein Klystier. Zum Frühstück erhielt ich nichts mehr zu essen, und 10 Min. vor 9 wurde ich in den Operationssaal geführt. Nachdem ich etwa 10 Minuten auf dem Operationstisch gelegen hatte, kam Dr. Mac Innes, untersuchte mein Herz und drückte mir dann die Maske aufs Gesicht (Äther u. Chloroformgemisch), wobei er mir befahl, schnell u. tief zu atmen. Es war ein widerlich süßlicher Geruch, ich mußte zuerst husten. Dann aber konnte ich schnell und tief einatmen. Nach wenigen Atemzügen fing es im Kopf an zu sauen, mein Herz begann zu klopfen, immer schneller und schneller – und weg war ich! Das ganze dauerte nur wenige Sekunden.

hospital about 1915

Im Krankenhaus; Aufnahme aus den USA, ca. 1915-1923; Library of Congress, https://www.loc.gov/item/2016885431/

Meier wacht auf

Das erste, dessen ich mich erinnere als ich wieder zu mir kam, war, daß ich den Mund voll Speichel hatte und wie festgeschnürt im Bett lag, doch nachdem ich einigemale ausgespuckt hatte wurde ich besser zu wege.

Als ich zuerst die Uhr erkennen konnte, war es halb zwölf, ich hatte also 2 ½ Stunden in der Narkose gelegen. Die Operation hatte über eine Stunde gedauert, wie man mir später erzählte, und war ausgeführt von dem Chefarzt Lieutenant-Colonel Crawford Robertson u. Captain Mac Innes. Man hatte mir eine Stahlplatte auf den Knochen mit Schrauben befestigt …

Zur Besinnung gekommen, fühlte ich mich wie neugeboren. Mein Arm war fest eingeschient und lag in einer Schlinge auf einem Kissen. Die Schmerzen waren nicht so sehr stark, und der Äther- u. Chloroformgeschmack im Munde verlor sich allmählich. Nachmittags um 4 Uhr erhielt ich schon wieder mein regelrechtes Essen. Als ich abends heftigere Schmerzen bekam, erhielt ich eine Morphium-Einspritzung, worauf ich die Nacht ganz gut schlafen konnte. Die heftigsten Schmerzen hatte ich am Tage nach der Operation, aber abends und nachts liessen sie allmählich nach und am folgenden Tage konnte ich schon wieder aufstehen und herumlaufen.

Fürsorge

Ich hatte also nur 2 Tage zu Bett gelegen, während dieser Zeit hat der neben mir liegende austral. Soldat (Rudder) sehr für mich gesorgt und mir jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Überhaupt haben sich die Soldaten, mit denen ich zusammen lag, sehr anständig und zuvorkommend mir gegenüber benommen. Die Behandlung von seiten der Ärzte, Schwestern u. Krankenwärter war sehr gut, man wurde ebenso gut behandelt wie die Tommies.

Anschließend listet Meier die Namen des medizinischen Personals:

Sister Sinclair, MacNamara, Lowie
Priv. Whatmore, Pyke, Thew, Callow, Carrol

Anmerkung: Priv. steht für private, einem (niedrigen) Dienstgrad der Streitkräfte; das Äquivalent in Deutschland war der Gemeine.

hospital about 1915

Krankenhaus in Tuskegee (Alabma) ca. 1910-1915 ; Bain News Service; Quelle: Library of Congress, https://www.loc.gov/item/2014700311/

Im Krankensaal befanden sich 11 Betten. Eine Schwester hatte die Aufsicht, die gröberen Arbeiten verrichteten 1 oder 2 Krankenwärter (Orderlies). Auf der Veranda war stets ein Posten von der Garrison Military Police, der die im Hospital befindlichen Deutschen bewachen mußte. Jede Woche kam ein Offizier und fragte uns Deutsche ob wir irgendwelche Beschwerden hätten.

Gute Versorgung

Das Essen war ganz gut, morgens um 8 Uhr gab es Hafergrütze, 2 Schnitten Brot mit Butter und Tee; mittags 12 Uhr: Kraftsuppe, Fleisch mit Kartoffeln u. Gemüse und einen Teller Süßspeise als Nachtisch; nachmittags 4 Uhr: 2 Schnitten Brot mit Butter, 1 Ei und Tee, dazu wochentags vom Roten Kreuz geliefert: 1 Sandwich, 1 Scone u. ein Stück Kuchen. Abends um 7 Uhr kochten wir uns selbst Tee oder Schokolade und hatten fast immer Kuchen oder Brot dazu. Die Tommies erhielten von ihren Angehörigen oft Kuchen, Obst usw., wovon sie mir immer reichlich abgaben.

Wundversorgung

4 Tage nach der Operation wurde zuerst der Verband abgenommen, die Wunde eiterte etwas aber nur 2 Tage. Nach 10 Tagen wurden die Fäden herausgezogen, es waren 9 Stiche mit Roßhaar genäht. Der Schnitt war 10 cm lang. Am 19. Sept. entfernte der Arzt Dr. Brown (Capt.) eine Schiene und verordnete mir Massage. Mein Arm wurde nun also jeden Tag eine halbe Stunde lang massiert.

Am 24.9.18 wurde die andere Schiene nebst Verband gänzlich entfernt, der Arzt war sehr zufrieden mit der Heilung, er sagte sogar, es sei der größte Erfolg in seiner Praxis.

Am 28. September 1918 wurde ich aus dem Hospital entlassen und zum Gefangenenlager zurückgebracht.

NB.
Das Eßgeschirr im Hospital ließ viel zu wünschen übrig. Die Emailleteller wurden in der Küche aufgewaschen und waren, mit einer Ausnahme, immer sauber, aber die Emaillebecher waren sehr abgestoßen, einige ohne Henkel. Diese sowie die Messer, Gabel und Löffel wurden von dem Wärter in einem anstoßenden Raume aufgewaschen und waren selten sauber. Unter demselben Wasserhahn reinigte man auch die Bettflaschen.

Demnächst im Blog

Der Erste Weltkrieg geht zu Ende, aber die in Australien gefangenen Deutschen müssen noch viele Monate ausharren, bis die Rücktransporte nach Europa organsiert werden.

Nur wenige Deutsche dürfen in Australien bleiben, der überwiegende Großteil wird ausgewiesen und mit Schiffen nach Europa deportiert.

Zunächst sehen wir uns jedoch die letzten Tagebucheinträge des Schiffsoffiziers Meier an, die im Mai 1919 enden. Die letzten Monate im Lager mit der andauernden Ungewissheit, was kommen wird, stellen die Gefangenen auf eine sehr harte Probe.

Copyright-Hinweis

Auf dem Tagebuch des Offiziers Meier, den Bildern und Zeichnungen ist ein © Copyright, das nach dem Zeitpunkt des Todes der Verfasser für 70 Jahre fortbesteht.

Für die genannten Autoren ist mir der Todeszeitpunkt nicht bekannt. Ich weise deshalb pflichtgemäß darauf hin, dass deshalb noch ein © Copyright auf den Dokumenten, Bildern oder Zeichnungen bestehen könnte.

Trial Bay Camp 1916

Das Trial Bay Internierungslager in New South Wales/Australien (Teil 2 von 2)

Theater – Kassensturz – Tragischer Tod des Arno Friedrich – Der „Problemwal“ – Maschinistenschule – Unerwarteter Aufbruch

Titelbild: Bunter Abend, Programmankündigung (Ausschnitt), Trial Bay Concentration Camp; Quelle: Mitchell Library, State Library of New South Wales, file number FL1504047 (siehe Copyright-Hinweis am Ende des Beitrags)

Im Dezember 1915 war der in Melbourne gefangen genommene deutsche Schiffsoffizier Friedrich Meier in das Lager Trail Bay an die australische Ostküste verlegt worden. Etwa 500 Personen teilten dort sein Schicksal der Kriegsgefangenschaft. Über seine erste Zeit in Trial Bay hatte ich bereits berichtet: Trial Bay Camp – Gefängnis am Strand (Teil 1 von 2)

Dieser Blogartikel erzählt nun die wenig bekannte Geschichte deutscher Kriegsgefangenschaft in Australien während des Ersten Weltkrieges anhand seiner Tagebucheinträge weiter. Die Bilder des Artikels stammen aus der State Library of New South Wales (Mitchell Library) in Sydney, wo auch das Tagebuch inventarisiert ist. 

Bühne frei: Das deutsche Theater in Trial Bay

Am Sonnabend den 12. August wurde unser neuerbautes Theater eingeweiht. Es wurde ein Liederabend veranstaltet, welcher sehr schön verlief.
Das Theatergebäude ist aus Holz erbaut und wurde von der Regierung bezahlt (Kantinenüberschuß). Bühneneinrichtung und Kostüme mußten wir jedoch selbst anschaffen. Das Theater ist 40 m lang und 8 m breit und faßt über 250 Personen. Eintrittspreise sind 1s, 6d, 8d und 1d.
Jede Aufführung wird zweimal gegeben, damit alle Lagerinsassen es sehen. Es wird abwechselnd ein „bunter Abend“ oder ein Lustspiel aufgeführt, zwei Vorstellungen pro Woche. Bis jetzt wurden folgende Lustspiele aufgeführt: „Der Herr Senator“, „Most“ und „Das Stiftungsfest“.

Trial Bay Camp 1916

Bunter Abend, Programmankündigung, Trial Bay Concentration Camp; Quelle: Mitchell Library, State Library of New South Wales, file number FL1504047

Der Herr Senator ist ein Lustspiel von Franz von Schönthan und Gustav Kadelburg aus dem Jahr 1895. Von Franz von Schönthan ist heute das Stück „Der Raub der Sabinerinnen“ das einzige, das einem breiten Publikum bekannt ist.

Most ist ein Lustspiel von Gustav von Moser und Otto Girndt. Gustav von Moser ist auch der Autor des Lustspiels „Das Stiftungsfest“. Beide Autoren sind heute mehr oder weniger vergessen.

Das Theater von Trial Bay war ein kultureller Mittelpunkt für die Gefangenen. Zahlreiche Aufnahmen von Szenenbildern und Programmankündigungen belegen das.

Friedrich Meier scheint jedoch kein großer Fan des Theaters gewesen sein. Darauf weist zumindest die Tatsache hin, dass dieser Tagebucheintrag der einzige ist, in dem das Theater des Lagers erwähnt wird.

Trial Bay Camp a7247041h

Theaterstück “The King’s Order” mit Friedrich dem Großen (sitzend); Trial Bay Concentration Camp, Quelle: Mitchell Library, State Library of New South Wales, file number FL1504040

Die Versorgung der Gefangenen mit Lebensmitteln

Anschließend widmet sich Meier wieder den praktischen Dingen zu: dem Essen.

Trial Bay, den 15. September 1916.

Seit dem 2. d. M. wird die Kantine von uns verwaltet, deren Verdienst von jetzt ab dem Lager zu Gute kommt. Zwar mußten wir alle Schulden mit übernehmen, die, wie es sich seit einiger Zeit herausstellte, sich auf 193 £ beliefen ( ̴3860 M). Aber die sind bald abbezahlt und dann können wir alle Überschüsse für das Lager verwenden.
Von jetzt ab werden unsere täglichen Rationen sehr verkürzt werden und zwar bekommen wir jetzt pro Mann und Tag:
Fleisch 10 oz = 283 gr
Brot 12 oz = 340 gr
Kartoffeln u. Gemüse 8 oz = 226 gr
Milch 1/20 Pfd. = 23 gr (oder den gleichen Wert Gemüse)
Erbsen u. Bohnen 2 oz = 57 gr
Marmelade 2 oz = 57 gr
Zucker 2 oz = 57 gr
Kaffee ¾ oz = 21 gr
Thee 1/8 oz = 3,5 gr
Salz ½ oz = 14 gr
Pfeffer 1/72 oz = ¼ gr

Außerdem erhalten wir pro Tag für 500 Personen 150 Pfd. (68 kg) Mehl welches in der Genossenschaftsbäckerei verarbeitet wird, wo täglich Kuchen und Brödchen sowie 2 mal in der Woche Schwarzbrot gebacken werden.

Anschließed listet Meier die Rationen auf, die vorher verteilt wurden. Im Großen und Ganzen waren die Gefangenen auf halbe Kost gesetzt worden.

Bisher erhielten wir:
Fleisch 20 oz = 566 gr
Brot 1 Pfd. = 454 gr
Kartoffeln 1 Pfd. = 454 gr
Gemüse ½ Pfd. = 227 gr
Marmelade 3 3/8 oz = 95 gr
u.s.w.

Seit dem 3. Sept. wird nur noch einmal täglich Appell abgehalten und zwar abends um 5 ½ Uhr. Die Tore werden jetzt schon vor 7 Uhr morgens geöffnet.

Trial Bay Camp, 1914-1918

Krankenstation, Trial Bay Concentration Camp; Quelle: Mitchell Library, State Library of New South Wales, file number FL1504110

Kassensturz

Friedrich Meiers macht eine Auflistung seines Kassenbestandes für die ersten 18 Monate seiner Internierung in Australien. Er hat pro Monat knapp 26 Mark verbraucht.

Einnahmen in der Zeit vom 1. März 1915 bis zum 30. September 1916. (18 Mon.)

Taschengeld erhalten von d. Austral. Regierung £ 4/6/00
Lohn für geleistete Arbeit
£ 13/6/00
Vorschüsse vom Nordd. Lloyd £ 21/3/6

Guthaben am 1. März 1915 30 s
Schulden bei Flocke
£ 2
Schulden bei Kamenz 14s/1 ½ d
Schulden bei Bühler 2/

Gesamteinnahme £ 43/1/7 ½
Kassenbestand am 1. Sept. 1916 £ 19/15/00

Gesamtausgabe £ 23/6/7 ½

Durchschnittsausgabe pro Monat = 25s 10d
̴ 25,9 M monatl. verausgabt

Trial Bay Beach

Trial Bay Concentration Camp, Aufnahme 1918, viele der Gefangenen hatten sich aus eigenen Mitteln Strandhütten gebaut, in denen sie einen Teil ihrer Tage verbrachten; Quelle: Mitchell Library, State Library of New South Wales, file number FL1503967

Fluchtversuch

Im Oktober 1916 kam es zu einem Fluchtversuch aus Trail Bay:

Seit dem 10. Oktober ist wieder morgens und abends Appell, weil ein Mitgefangener zu entkommen suchte. Derselbe wurde jedoch am 2. Tage kaum 30 ml von hier wieder eingefangen.

Der neue Kommandant

Trial Bay, den 1. November 1916

Vor einigen Tagen war hier der neue Kommandant der Australischen Gefangenenlager, Oberst Holman zu Besuch. Auf unser Gesuch um Grenzerweiterung und Spaziergänge unter Bewachung hat er uns mitgeteilt, daß wir in nächster Zeit Tagesparole und Bewegungsfreiheit auf 2 Meilen im Umkreis haben sollen. Auch soll eine elektrische Lichtanlage gebaut werden zur Kampbeleuchtung und zur Beleuchtung des Stacheldrahtzauns, welcher unser Kampgebiet begrenzt. Vielleicht bleiben dann die Gefängnistore nachts geöffnet und die Wache wird vermindert um 30 (?) Soldaten.

Anmerkung: Bei der Zahl 30 bin ich mir nicht sicher, deshalb das Fragezeichen.

Außerdem sollen wir 100 neue Blechteller bekommen, da die alten stark verrostet sind.
Unsere Post soll nicht mehr über Liverpool Kamp, sondern direkt nach Sydney zum Zensor gehen.
Die übernommenen Kantinenschulden haben sich als höher herausgestellt, nämlich   ̴260 £, jedoch will der neue Kommandant 100 £ zurückerstatten.

Trial Bay beach hut
Die Hütte des Prisoners of War (POW) mit Namen Ribitsch (auf der Rückseite Ribitzch geschrieben), Aufnahme undatiert; Quelle: Mitchell Library, State Library of New South Wales, file number FL1503976

Schlechte Nachrichten

Trial Bay, den 25. Dezember 1916.

Unser Gesuch wegen Tagesparole auf 2 Meilen im Umkreis, welches der neue Kommandant befürwortet hatte, ist nunmehr in Melbourne abschlägig beschieden worden.
Die Kantinenverwaltung ist uns auch wieder genommen worden, und zwar von der „Military Garrison“. Sie wird zwar nach unserem System von unseren Leuten weitergeführt, aber der Verdienst geht an die genannte Behörde nach Sydney, welche sämtliche Kantinen der Gefangenenlager übernommen hat, und auch alle Einkäufe für dieselben macht. Der Kantinenüberschuß soll für unser Wohl verwendet werden, doch wollte die Behörde uns nichts schriftlich garantieren.

Seit heute fällt der Morgenappell wieder aus, wir brauchen daher nur noch abends 5.30 antreten.

Melbourne war während des Ersten Weltkrieges noch die Hauptstadt Australiens, Canberra wurde es erst in den zwanziger Jahren.

Weihnachten 1916

Zu Weihnachten durfte sich jeder eine Flasche Rotwein kaufen (2/6). Jeder erhielt eine kleine Bescherung im Werte von 1/6.
Die Weihnachtsfeier fand am ersten Weihnachtstage statt. Am Tage vor Weihnachten starb nämlich einer unserer Mitgefangenen an Blutvergiftung und wurde am 1. Feiertag morgens etwa 500 m vom Lager entfernt am Bergabhange beerdigt.

Trial Bay funeral 1916
Beerdigung des Gefangenen Adam (1916), Trial Bay Concentration Camp,; Quelle: Mitchell Library, State Library of New South Wales, file number FL1504013

Daylight Saving Time

Am 1. Januar wurde in ganz Australien die Uhr eine Stunde vorgerückt um Tageslicht zu sparen. Diese Kriegsuhrzeit gilt hier in Zukunft vom 1. Oktober bis zum 1. April.
Unser Abendappell ist daher auf halb sieben verlegt worden und seit dem 11. Februar ist erst um 11h Licht aus.
Seit dem 1. Januar 1917 bekommen wir nur Mehl geliefert und backen unser Brot im Lager selbst. Es gibt jetzt statt des ewigen Weißbrotes deutsches Fein-, Grau- und Schwarzbrot.

Am 19. III. 17 wurde uns die Zeitung gestoppt und zwar, wie uns gesagt wurde, auf Befehl vom Defence-Department von Melbourne.
Vielleicht war es auch wegen der guten Nachrichten, der Revolution in Rußland, welche hier die Gemüter sehr erregten.
Am 23. III. 17 wurde uns die Zeitung auf unser Ansuchen wieder erlaubt.

Gute Aussicht

Trial Bay, den 3. April 1917.

Heute ist unser Kampgebiet erweitert worden, wir haben den Bergabhang des südöstlich vom Kamp gelegenen Berges zubekommen. Unser altes Kampgebiet hatte etwa 1,5 km Umfang, oder etwa 14 ha Fläche. Das neue Gebiet hat etwa 1 km Umfang, oder etwa 6-7 ha Fläche.
Der höchste Punkt, zu dem wir jetzt gehen können, liegt   
̴65m über dem Meeresspiegel, sodaß wir jetzt eine wunderbare Aussicht auf das Meer und die Bucht haben.

Am 25. III. 17 wurde die Uhr wieder eine Stunde zurückgestellt und der Appell ist darum wieder auf 5.30 p.m. gesetzt, und das Signal „Licht-aus“ auf 10h p.m.

Trial Bay 1914-1918, beach
Der Signalmast sorgte bei der Zivilbevölkerung für Spekulationen, dass die Gefangenen Kontakt mit Schiffen aufnehmen könnten; Trial Bay Concentration Camp, Aufnahme undatiert; Quelle: Mitchell Library, State Library of New South Wales, file number FL1503981

Über die Post der Gefangenen

ohne Datum (Mai 1917)

Vor einigen Tagen ist uns erlaubt worden, außer den zwei Briefen noch 2 Postkarten pro Woche abzusenden. Doch nach einigen Wochen kam eine neue Verordnung, daß jede Karte, die mehr als Adresse und Absender enthält, als Brief gerechnet wird. Folglich ist also der Postverkehr auf das alte Maß beschränkt worden, denn Postkarten nur mit Adresse und Absender schickt doch keiner ab.

Der Abendappell findet wegen der früher eintretenden Dunkelheit jetzt um 5.15 statt.

Trial Bay, den 11. Juni 1917.

Von gestern ab ist der Briefwechsel mit den Gefangenen in anderen Kamps in Australien verboten. Für Ausnahmefälle muß die besondere Erlaubnis des Kommandanten eingeholt werden.

Heute erhielt unser hier internierter Inspektor des N.D. Lloyd Herr Plate von der Agentur des N.D.L. in Shanghai einen Brief, wonach verheiratete Schiffsoffiziere noch 60% ihrer Heuer erhalten, während die ledigen Schiffsoffiziere nur noch 25% ihrer Heuer bekommen.

Am 6. Juni 17 wurden sämtliche Internierte auf Anordnung der Austr. Regierung photographiert. Jeder bekam eine Nummer, welche er vor der Brust halten mußte bei der Aufnahme.

Viele Fotos der Gefangenen mit der vierstelligen Nummer sind heute noch erhalten und auf den Seiten der National Archives of Australia verfügbar.

Der Tod des Arno Friedrich

Den 22. Juni 1917.

Heute ereignete sich ein höchst trauriger Vorfall. Unser Kompanieführer Arno Friedrich wurde beim Baden von einer zurücktretenden Welle mitgerissen und von der Strömung ins Meer hinausgetragen. Der Vorfall wurde sofort bemerkt, aber bei dem hohen Seegang und dem starken Sturm erwiesen sich alle Rettungsmaßnahmen als erfolglos. Mehrere Kameraden versuchten mit einer langen Rettungsleine herauszuschwimmen, wurden aber von den hereinbrechenden Wogen stets zurückgeworfen. Innerhalb 20 Minuten war Friedrich soweit herausgetrieben, daß man ihn nicht mehr sehen konnte. Inzwischen erboten sich einige Kameraden, mit einem Fischerboot herauszufahren und erhielten nach längerem Zögern auch die Erlaubnis unseres Kommandanten. Der Fischer wohnte 1 km von der Unfallstelle entfernt, und als das Boot endlich auf der Unfallstelle erschien und das Meer absuchte waren 1 ½ Std. vergangen und vom Verunglückten nichts mehr zu entdecken. Das Boot fuhr noch nach einem in der Bucht ankernden Dampfer, doch die Besatzung hatte auch nichts gesehen, den Unfall und die Menschenansammlung überhaupt nicht bemerkt. Bei der bewegten See hat Friedrich, der kein guter Schwimmer war, sich nicht sehr lange über Wasser halten können und ist ertrunken. Seine Leiche hat das Meer nicht wieder herausgegeben, vielleicht ist sie den Haifischen zum Opfer gefallen.

Cairn Trial Bay
Gedenksäule an fünf Gestorbene während der australischen Gefangenschaft, zerstört 1919, wiederaufgebaut 1959, Trial Bay Concentration Camp; Quelle: Mitchell Library, State Library of New South Wales, file number FL1504095

Anschließend beschreibt Meier wieder den Alltag im Lager:

Unsere Kantine hat einen monatlichen Umsatz von 1500 £ bis 1800 £ und hat sicher einen ansehnlichen Überschuß bei den gepfefferten Preisen.
Alle Waren, die man nicht durch die Kantine bezieht, müßen 5% Aufschlag an dieselbe bezahlen.

Die Preise für frei verkäufliche Waren in den Lagern waren sehr hoch. Auch Seeleute der „Fürth“, die in Ragama auf Ceylon interniert waren, hatten sich darüber beschwert:

Von der Kantine, die auf unsere Beschwerden eingerichtet wurde, konnten wir keinen Gebrauch machen, da die Preise lächerlich hoch waren.
(Hamburgischer Correspondent und neue hamburgische Börsen-Halle, 31. Oktober 1914, S. 3)

Zurück zu Friedrich Meier:

Unsere Küche, welche für annähernd 500 Mann kocht, erhält einen Zuschuß von 100 £ bis 200 £ monatlich aus der Lagerkasse für Fleisch und Gemüse usw. Diese 100 £ kommen zum Teil aus dem Kantinenüberschuß, zum Teil aus der Genossenschaft und der Rest aus monatlichen Beiträgen von 1s pro Mann.

Wieviel Geld in diesem Kamp von den Internierten ausgegeben wird, kann man daraus ersehen, daß allmonatlich über 1000 £ Bankgelder abgehoben werden, von der Regierung etwa 150 £ monatlich an Löhnen ausgezahlt werden, und viele bekommen ihr Geld in eingeschriebenen Briefen. …

Das Lager Trial Bay bildete eine Ausnahme: viele Internierte waren aus der australischen Oberschicht und wurden von ihren Familien oder von Freunden versorgt. Andere, wie die Schiffsoffiziere, erhielten Vorschüsse auf ihre Heuer.

Trial Bay beach, New South Wales
Wolkeneffekt am Strand der Trial Bay, Aufnahme undatiert (1914-1918); Quelle: Mitchell Library, State Library of New South Wales, file number FL1503970

Der „Walfisch“

Die folgende Episode in Meiers Tagebuch gebe ich stark verkürzt wieder:

Als wir am 3. Juli morgens früh an den Strand gingen, entdeckten wir einen großen Walfisch, welcher an unserem Badestrande auf eine Sandbank festgeraten war und bei dem fallenden Wasser nicht wieder loskommen konnte. Bald war das ganze Lager am Strand versammelt und es wurde beratschlagt wie das Tier am besten zu erlegen sei. Es kamen auch einige Soldaten unserer Wache mit einem Gewehr herbei und gaben einige Schüsse auf den Wal ab, welche aber wenig Eindruck auf ihn machten. Als das Wasser nun fiel gingen einige kräftige Kameraden mit einer Harpune an den Wal heran und bohrten ihm dieselbe in den Körper und erreichten damit, daß der Wal nach einiger Zeit unter heftigen Todeszuckungen verschied. Ringsherum war das knietiefe Wasser vom Blute ganz rot gefärbt. …

Meier schildert nun ausführlich, wie der Wal, den er als 16 Meter lang beschreibt, aus dem Wasser gezogen und zerlegt wurde. Die Gefangenen hatten den Plan, Tran und Barten (Fischbein) zu verkaufen. Allerdings war die anfängliche Euphorie bald verflogen, denn neben dem bestialischen Gestank des verwesenden Kadavers gab es auch ungebetene Gäste:

Außerdem haben das Blut und die Fleischstücke des Wals soviele Haifische angelockt, daß das Baden fast unmöglich gemacht wurde.

Der in der Nähe wohnende Fischer hat in den folgenden Wochen 8 bis 10 Haifische mit der Angel gefangen und wir fingen eines Morgens auch einen. Die Haie kamen zuweilen bis auf 1 m an das Ufer heran, aber alle Versuche, dieselben mit einer Harpune zu erlegen, mißlangen.

Zur gleichen Zeit hatten einige Gefangene die Erlaubnis bekommen, zu fischen:

Einige unserer Kameraden haben endlich die Erlaubnis bekommen, sich ein Boot zum Fischen anzuschaffen. Das Boot kam am 24. VI. hier an, also 2 Tage nach dem Ertrinken unseres Kameraden Friedrich.

Nachdem der Tran und das Fischbein des Wals trotz großer Anstrengungen und Kosten keine Abnehmer fanden, resümiert Meier:

… so ist der Walfischfang ein großes Fiasko geworden und hat dem Lager ein schönes Stück Geld gekostet.

Trial Bay art and handicraft exposition 1918
Ausstellung von Werken der Gefangenen im Trial Bay Concentration Camp, 1918; Quelle: Mitchell Library, State Library of New South Wales, file number FL1503996

Die Maschinistenschule

Im Oktober 1917 wurde im Lager Trial Bay eine Schule für Seeleute gegründet, an der auch Meier als Schüler eingeschrieben war.

Trial Bay, 23. Oktober 1917.

Heute wurde die hiesige Maschinistenschule für einen Kursus 1. Klasse mit einer kleinen Feier eingeweiht. Direktor der Schule ist Dr. Pupke (von der Deutsch-Austral. D.S.Gesell.). Lehrer sind die Herren Klock, Dr. Defregger, Dr. Jakob, Ing. Mewes, Ing. Butzmüller, Ing. Loeblein und Schiffsing. Zinnius. Es nehmen 11 Herren am Unterricht teil sowie etwa 6 Hörer in einigen Fächern. Fittig, Maskow, Macfarlane, E. Meier, Conrad H. Bade, I. Jessen, Stehl, Aden, H. Hegerhorst, I. Meentzen.

Hörer: C. Baur, F. Meier, Mencke, A. Schlesinger, H. Martens,

Die Kosten für das Schulgebäude haben die Schüler und Lehrer unter sich aufgebracht, das Segeltuch fürs Dach stiftete Herr Plate. Das Schulgebäude ist etwa   m lang,    m breit u. 3 m hoch, von den Schülern selbst erbaut. Die Materialkosten belaufen sich auf 500-600 M.

Anmerkung: Länge und Breite sind im Tagebuch nicht benannt.

Kleidung und Heuer

19. November 1917

Von der Regierung erhielt ich folgende Bekleidungsstücke: Hemd, Hose, Hut, Handtuch u. Schuhe.

Im Jan. 17 erhielt ich: Hemd, Handtuch, Hut. wollene Jacke, im April 1914 erhielt ich: Hose, Schuhe u. Schwitzer.

Am 16. Dezember 1917 rief Herr Plate uns Schiffsoffiziere vom Lloyd zusammen und teilte uns mit, daß verheiratete Schiffsoffiziere volle Gage für die Dauer des Krieges bekämen und ledige 25%. Wir mußten uns verpflichten, im Falle die monatl. Unterstützung die 25% Gage übersteigt, das Geld nach Friedensschluß dem Lloyd zurück zu zahlen.

Trial Bay 1918 tennis match
Tennismeisterschaft: Spitz vs Moding; laut Rückseitentext zwei bekannte Spieler im Osten Australiens; Quelle: Mitchell Library, State Library of New South Wales, file number FL1503999

Weihnachten 1917

Weihnachten 1917 nahm einen ziemlich trübseligen Verlauf, wir hatten zwar einen Tannenbaum und Konzert, aber es wollte keine Feststimmung aufkommen. Diesmal wurde uns auch keine Flasche Wein oder Bier erlaubt.

Ich bekomme jetzt wieder £2 (40 M) pro Monat vom Lloyd, weil ich jetzt die Schule besuche und mir nichts verdienen kann.
Von Mitte Januar bis Ende Febr. 1918 fand der Abendappell erst um 7 Uhr abends statt. Die Tore bleiben bis 7 Uhr abends geöffnet.

Zweiter Kassensturz

Mittlerweile war Meier drei Jahre oder 36 Monate in australischer Lagerhaft. Zeit für einen zweiten Kassensturz für die zweiten 18 Monate.

Einnahmen in der Zeit vom 1. Sept. 1916 bis zum 1. März 1918. (18 Monate)

Monatl. Unterstützung vom Lloyd £ 42/10/-

Löhnung £ 25/4/6

Einnahmen 1354/6
+ Bestand am 1. IX. 16 395s
= 1749,5 s
– Bestand am 1. III. 18: 908
Ausgabe in 18 Monaten: 841,5 s

Monatliche Ausgabe = 46,45 s

Zur Erinnerung: in den ersten 18 Monaten lagen seine Ausgaben bei 25,9 Mark, jetzt bei knapp 46,5 Mark monatlich.

Viele Dinge des täglichen Lebens dürften sich während des Krieges verteuert haben. Das wäre in Übereinstimmung mit den gestiegenen Ausgaben des Schiffskochs Wilhelm Holst, der den Ersten Weltkrieg auf der Insel Ambon in Niederländisch-Indien verbringen musste. SIEHE dazu: Die „Ulm“ in Ambon (Teil 1 von 2) und Die „Ulm“ in Ambon (Teil 2 von 2)

Am 27. III. 18 erhielt ich von der austral. Reg. 1 Hemd, 1 Hose, 1 Hut, 1 Überzieher u. 1 Handtuch.

Trial Bay beach huts
Verlassene und zum Teil zerstörte Strandhütten in Trial Bay, Aufnahme undatiert (vermutl. 1918); Quelle: Mitchell Library, State Library of New South Wales, file number FL1503973

Plötzlicher und unerwarteter Aufbruch

Am 18. Mai 1918, 9 Uhr morgens wurde der Befehl herausgegeben, alle Sachen zu packen, das Lager wird aufgelöst, und am folgenden Morgen um 9 Uhr hat alles marschbereit zu sein.
Reiseziel unbekannt, jeder hat eine Tagesration mitzunehmen.
Die Nachricht traf uns wie ein Blitz aus heiterem Himmel, denn keiner hatte daran gedacht, daß wir vor Friedensschluß noch in ein neues Lager kämen, wo man doch ganz von vorne anfangen und sich alle kleinen Bequemlichkeiten selbst schaffen muß. Hunderte von Strandbuden, Theater, Maschinistenschule, Einjährigenschule usw. mit einem Werte von vielen Tausenden M müssen wir zurücklassen.
In der kurzen 24stündigen Frist konnte man natürlich nicht alles einpacken u. mitnehmen, viele der Budenbesitzer steckten deshalb ihre Buden in Brand aus Wut und auch, damit den Australiern nichts davon in die Hände falle.
Der Turnverein nahm nur seine bewegliche Habe mit.

Decken u. Handgepäck werden gleich mitbefördert, während das große Gepäck in der Halle gelagert und später nachgeschickt werden soll. Für die notwendigen Arbeiten bleiben etwa 25 Mann zurück.

Der Abmarsch erfolgte am 19. Mai 1918 (1. Pfingsttag) um 9 Uhr morgens nach Jerseyville, dem Anlegeplatz am Macleay River ( ̴8 km entfernt), wo wir um 11 Uhr ankamen und sogleich auf 4 kleine Flußdampfer (2 Schraubendampfer und 2 Heckraddampfer) geführt wurden. Dann wurde unser Handgepäck u. Bettzeug, das inzwischen von Automobilen herangeschafft worden war, auf die 2 Heckraddampfer verladen, und um 12.20 Uhr fuhren wir ab von Jerseyville nach der  ̴35 km flußaufwärts gelegenen Bahnstation Kempsey.

[Bei unserem Abmarsch von Trial Bay lag der australische Kreuzer „Brisbane“ in der Bucht vor Anker]

Um 4h p.m. in Kempsey angekommen, wurden wir sofort ausgeschifft, und wir marschierten nach dem Bahnhof wo 2 Extrazüge für uns bereit standen. Das Gepäck wurde von einigen Freiwilligen verladen. Während unseres Durchmarsches durch die Straßen von Jerseyville und Kempsey ( ̴6000 Einw.) wurden wir von den Leuten nicht gerade freundlich angesehen, aber nicht im geringsten belästigt.

Wohin wird die Reise gehen?

Im Ausstellungstext von „The Enemy at Home“ (s. u.) heißt es, dass das Lager im Vorgriff auf das bevorstehende Kriegsende geschlossen wurde. Außerdem sei die Lage an der Küste mit einer möglichen Kontaktaufnahme der Gefangenen mit feindlichen Schiffen eine Gefahr für die Sicherheit des Landes. Spekulationen über eine geplante Befreiung der Inhaftierten mit Schnellbooten kamen hinzu.
http://www.migrationheritage.nsw.gov.au/exhibition/enemyathome/trial-bay-internment-camp/index.html

Demnächst im Blog: Das weitere Schicksal des Schiffsoffiziers Friedrich Meier.

Weitere Bilder und eine ausführliche Beschreibung des Lagers (in englischer Sprache) finden Sie auf der Seite The Enemy at Home vom New South Wales Migration Heritage Centre.

http://www.migrationheritage.nsw.gov.au/exhibition/enemyathome/trial-bay-internment-camp/index.html

Copyright-Hinweis

Auf dem Tagebuch, den Bildern und Zeichnungen ist ein © Copyright, das nach dem Zeitpunkt des Todes der Verfasser für 70 Jahre fortbesteht.

Für die Autoren ist mir der Todeszeitpunkt nicht bekannt. Ich weise deshalb pflichtgemäß darauf hin, dass deshalb noch ein © Copyright auf den Dokumenten bestehen könnte.

Hier die Quelle der Tagebucheinträge: © mit freundlicher Genehmigung der Mitchell Library, State Library of New South Wales and Courtesy copyright holder; Call No. MLMSS 261 / Box 6 / Item 54 (Friedrich Meier diary)

Die abgebildeten Fotos sind gemeinfrei (out of copyright). Sie sind ebenfalls aus der Sammlung der Mitchell Library, State Library of New South Wales, Sydney, Australien:
https://archival.sl.nsw.gov.au/Details/archive/110044344.

Trial Bay Gaol 1915

Trial Bay Camp – Gefängnis am Strand (Teil 1 von 2)

Das australische Gefangenlager für die Oberschicht und deutsche Schiffsoffiziere

Titelbild:
Trial Bay Concentration Camp, Aufnahme 1915;
Quelle: Mitchell Library, State Library of New South Wales, file number FL1503954

Der Schiffsoffizier Meier wurde nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges mit dem Rest der Besatzung der „Lothringen“ (Norddeutscher Lloyd, Bremen) in Melbourne gefangen genommen. SIEHE: In australischer Gefangenschaft

Über seine Aufenthalte im Langwarrin Internment Camp und später im Liverpool Internment Camp habe ich anhand seiner Tagebuchaufzeichnungen ausführlich berichtet. SIEHE: Deutsche Seeleute im Langwarrin Internment Camp und Gefangen in Australien – das Liverpool Internment Camp

Anfang Dezember 1915 war es für Meier endlich so weit, und er konnte in ein privilegierteres Lager umziehen: nach Trial Bay.

Das Trial Bay Gaol war ein von 1886 bis 1902 genutztes Gefängnis an der Ostküste Australiens im Norden von New South Wales. Als Lager für deutsche Kriegsgefangene bestand es seit August 1915.

Es war ein Lager für die bessergestellten Mitglieder der Gesellschaft:

At Trial Bay the elite of the German civilian internees were confined.
Zitat: The enemy at Home, Migration Heritage Centre, http://www.migrationheritage.nsw.gov.au/exhibition/enemyathome/trial-bay-internment-camp/index.html

Trial Bay harbour project 1911

Karte der Trial Bay, 1911, mit geplanten Hafenmolen, das Projekt wurde nie realisiert; auf der Landspitze links liegt der Ort South West Rocks, unten rechts der Ort Arakoon; Quelle: National Library of Australia, https://nla.gov.au:443/tarkine/nla.obj-234153711

Im Oktober 1915 waren sehr wahrscheinlich auch Offiziere und Ingenieure vom Frachtdampfer „Fürth“ in Trial Bay eingetroffen (die anderen Mannschaftsmitglieder in Holsworthy). Rund 150 Gefangene waren im Oktober 1915 von Ceylon nach Australien verlegt worden:

It is understood, says a message from Melbourne, that the German prisoners who recently arrived in Australia from Ceylon numbered 150. These prisoners, who included the crew of the Emden, were escorted by a detachment of native and Indian infantry.
Malaya Tribune, 21. Okt. 1915, S. 7; Quelle: National Library Board, Singapore, eresources.nlb.gov.sg

Die Seeleute von SMS „Emden“ waren Verletzte, die in einem Militärhospital in Colombo behandelt worden waren. SIEHE: SMS „Emden“ versenkt die „Diplomat“

Aber zurück zum Schiffsoffizier Meier. Zunächst beschreibt er seinen „Umzug“ vom Liverpool Camp nach Trial Bay:

Von Liverpool nach Trial Bay

Sonnabend, den 4. Dezember 1915.

Nachmittags 1.20 marschierten wir 75 Mann stark vom Kamp ab und waren um 2.55 am Bahnhof Liverpool, von wo wir sofort per Extrazug nach Sydney fuhren direkt zum Hafen vor das an der Sussexstreet liegende Schiff. Wir wurden gleich an Bord gebracht und einige mußten unser Gepäck aufladen. * Um 5.30 p. m. fuhren wir dann mit dem Dampfer „Yulgilbar“ (800 t) ab. Wir waren im Zwischendeck untergebracht, das Essen war ganz gut, doch schlafen mußten wir die Nacht mit 2 Wolldecken irgendwo auf dem Fußboden, was natürlich nicht besonders angenehm war.
Am Sonntag den 5. Dez. nachmittags 2.30 kamen wir vor Macleay River Heads (Trial Bay) an und nachdem wir 2 Std. auf Hochwasser gewartet hatten fuhren wir den Fluß hinauf. Um 5 h p. m. kamen wir zur Anlegestelle und marschierten gleich ab nach dem Kamp wo wir um 6.15 ankamen.
Wir bekamen erst Abendessen und mußten uns dann selbst Zelte aufbauen, für je 6 Mann ein Zelt. Für 36 Mann war eine Barracke fertig und für die übrigen sollen noch welche gebaut werden.

*in anderer Tinte hat Meier ergänzt: Entfernung von Sydney nach South-West-Rocks = 209 sml

Die „Yulgilbar“ war ein 1907 in Schottland gebauter, 60 Meter langer Küstendampfer der für die North Coast Steam Navigation Co. Ltd. in Sydney in Fahrt war. (siehe: http://www.clydeships.co.uk/view.php?ref=244)

Trial Bay and Liverpool Camp

Die Lager der Internierungslager Liverpool/Hol(d)sworthy (unten links) und Trial Bay (oben rechts) in New South Wales (australische Ostküste); zur Orientierung sind auch Sydney und Newcastle markiert; Quelle: Commonwealth of Australia map, Bird & Co. 1916, Ausschnitt; mit freundlicher Genehmigung der Perry-Castañeda Map Collection, University of Texas Libraries.

Das Trial Bay Camp und der Tagesablauf

Im Anschluss berichtet Meier sehr ausführlich über das Camp und die Einteilung der Tage:

Trial Bay, 8. Dezember 1915

Wir wohnen hier innerhalb der Mauern einer seit 1902 leer stehenden Strafanstalt für politische Verbrecher, welche auf den South-West-Rocks an der Trial-Bay liegt.
Nach der Seeseite zu ist das Ufer felsig und es herrscht dort eine ewige Brandung, während nach der Bucht zu ein schöner flacher Badestrand vorhanden ist. Nach dem Hinterland zu sind Berge. Auf dieser Landspitze, in Mitte das Zuchthaus hoch auf Felsen liegt, dürfen nun die Internierten von morgens 9h bis nachmittags ½ 6 Uhr frei herumlaufen. Zwei Posten bewachen tagsüber die Grenze nach der Landseite zu und nachts müssen alle Internierten im Camp sein. Das uns zur Verfügung stehende Gelände hat einen Umfang von ca.
1,5 km.
Morgens um 6 ½ Uhr ist Wecken bis 7 ½ Uhr wird Frischwasser ausgegeben, und zwar erhält jeder knapp ½ l Regenwasser zum Zähneputzen und 1 ½ l Brunnenwasser zum Waschen, mehr gibt es für den ganzen Tag nicht.
Um 7 ½ Uhr gibt es die tägliche Brotration, für 4 Mann 1 Brot pro Mann etwa 1 Pfd. Alle 8 Tage erhält jeder eine Büchse Marmelade (1 ½ Pfd.). Um 8 h ist Frühstück und im 9 h Appell und Arbeitsverteilung. Die Arbeit ist freiwillig, man erhält einen Shilling (1 M) für den halben Tag. Nach dem Appell kann man an den Strand gehen, Badezeit ist morgens von 11 bis 12 h und nachmittags von 3 ½ bis 4 ½ h. Um 1 h p.m. gibt es Mittagessen und um 5.30 p.m. muß alles im Kamp sein zum Appell. Gleich darauf gibt es Abendessen, um 9.30 Schlafengehen und um 10 h Licht aus. Jede Woche kann man sich einmal einen Eimer Brunnenwasser holen zum Zeugwaschen, man ist also darauf angewiesen sich in der See zu baden.

Anmerkung: Die Rationierung des Wassers war eine Folge der Trockenzeit, ab April 1916 wurde die Wasserversorgung deutlich besser (s. u.).

Trial Bay WW1

Waschtag im Trial Bay Camp; Quelle: Mitchell Library, State Library of New South Wales, file number FL1503985

Einkleidung

Auch über die Einkleidung der Inhaftierten gibt Meier Auskunft:

Trial Bay, den 20. Dezember 1915

Im Laufe der Woche erhielten wir Kleidungsstücke, nämlich 1 Hose, 1 Hemd (wollens), 1 Hut, 1 Paar Schuhe, 1 wollene Jacke und ein Handtuch. Am Ankunftstage erhielt jeder von uns 3 Wolldecken, später bekamen wir Strohsäcke, d. h. wir mußten diese selbst nähen und füllen.
Für gewöhnlich trägt man hier nur Hemd, kurze Hosen und Sandalen, denn die Witterung ist sehr beständig und es wird nachts nicht so sehr kalt, wie z. B. im Liverpool Camp, auch wird es tagsüber nicht so heiß wie dort, wegen der Seebrise.

Weihnachten 1915

Trial Bay, den 2. Januar 1916.

Am 25. Dez. [?] erhielt ich von unserem Agenten 30 Shilling (30 M) Vorschuss.
Am Heiligenabend bekam jeder Internierte einige Nüsse und Früchte und je 3 bekamen 2 Flaschen Lagerbier und am 1. Feiertag morgens ein Stück Kuchen von Regierungs (Kantine) wegen.
Außerdem gab es am Heiligenabend Kalbfleisch mit Kartoffel und grünen Bohnen, Fisch und Erbsensuppe mit Speck als Festessen. Im Speisesaal hatten wir einen Tannenbaum aufgeputzt es wurden Weihnachtslieder gesungen und musiziert. Zu Sylvester durften wir uns jeder eine halbe Fl. Bier kaufen und wir durften bis 1 h nachts feiern.

Trial Bay WW1

Essensausgabe, Trial Bay Concentration Camp, Aufnahme undatiert; Quelle: Mitchell Library, State Library of New South Wales, file number FL1503988

Zwangsimpfung

Trial Bay, den 16. Januar 1916.

Am 8. I. 1916 erhielt ich von A. Flocke aus Boston 2 £ ( ̴40 M) im Einschreibebrief [der Rest des Eintrages ist durchgestrichen], wovon ich 1 £ (20 M) Herrn Kreth geliehen habe.
Heute, Sonntag, wurde ich gegen Blattern geimpft.
Vor einigen Tagen kamen nämlich mit dem Dampfer „Yulgibar“ zwei Herren von Liverpool hier an. Wie sich nachträglich herausstellte, war während der Reise auf dem Schiff ein Pockenfall vorgekommen, weshalb die Herren isoliert wurden, und alle diejenigen im Camp, die in den letzten 3 Jahren nicht geimpft wurden, zwangsweise sich impfen lassen mußten.

Trial Bay 1917

Trial Bay Concentration Camp, Aufnahme 1917; Quelle: Mitchell Library, State Library of New South Wales, file number FL1503958

Streik im Lager Trial Bay

Trial Bay, 30. Januar 1916.

Am 28. I. 16 erhielt ich als Arbeitslohn 19 s (ca. 19 M).
Gestern morgen um 10 h legten alle Arbeiter (freiwilligen) die Arbeit nieder als Protest gegen die plötzliche Überführung eines Kameraden, welcher in der letzten Generalversammlung den Antrag gestellt hatte, den Amerikanischen Konsul um einen Besuch zu bitten zwecks Regelung der Kantinenpreise und sonstigen Sachen, nach Liverpool. Daraufhin ließ der Kommandant Lieutenant Eaton sofort die Tore und die Kantine schließen, sodaß wir nur noch auf dem Gefängnishof herumlaufen können.

Auch ließ er alle Lampen, Kochapparate und Petroleumkannen fortnehmen, wir bekommen keine Zeitung mehr, bekommen keine Post und dürfen nicht schreiben.
Die Ecktürme und Balkons der Gefängnismauer sind jetzt von Wachtposten besetzt und nachts ist die Mauer beleuchtet, sodaß es den Anschein hat, als ob wir meuterten. Heute hat uns der Kommandant verboten, auf den Versammlungen deutsch zu sprechen, es dürfen nicht mehr als 12 Personen zusammenstehen. Das Küchenpersonal, die Holzhacker, Feger und Sanitäter arbeiten weiter.

Trial Bay, 3. Februar 1916.

Heute kamen 94 Internierte von Hongkong hier an, welche, da wegen des Streiks keine Barracken gebaut wurden, im großen Speisesaal auf dem Steinfußboden schlafen müssen. Der Streik dauert fort, wir haben einen zweiten Brief mit sämtlichen Unterschriften an den Amer. Konsul abgeschickt. Der Kommandant will nicht eher mit uns verhandeln bis wir die Arbeit wieder aufgenommen haben, und wir wollen erst den Amerik. Konsul hierher haben. Es wurden weitere 5 Herren nach Liverpool gesandt, die Reserveoffiziere und die Geistlichen haben sich solidarisch erklärt. Jetzt werden wir jeden Tag zum Baden geführt.

Trial Bay, 13. Februar 1916.

Gottseidank, der Streik ist beendet. Heute war der Amerik. Vizekonsul im Kamp und hat unsere Beschwerden entgegen genommen und versprochen, sich für uns zu verwenden. Nachmittags wurde eine Generalversammlung abgehalten und die Wiederaufnahme der Arbeit beschlossen. Es soll alles wieder sein wie vor dem Streik, nur die Zeitungen bekommen wir vorläufig nicht wieder. Es ist zwar kein günstiges Ergebnis, doch Kriegsgefangene müssen wohl immer nachgeben obwohl die Arbeit freiwillig ist.

Trial Bay WW1

Laden im Trial Bay Concentration Camp; Quelle: Mitchell Library, State Library of New South Wales, file number FL1504075

Die Post der Gefangenen

In seinem Tagebucheintrag vom 18. Februar 1916 schreibt Meier über die Post, die die Gefangenen schreiben konnten:


An Post ist uns pro Woche erlaubt: 1 Brief und 1 Karte innerhalb Australiens und 1 Brief und eine Karte nach außerhalb. Statt des Briefes und der Karte nach außerhalb dürfen wir auch 3 Ansichtskarten schreiben. Erlaubt sind 150 Worte pro Brief oder Karte, wie im Liverpool Camp.
Die Briefe nach innerhalb Australien müssen englisch geschrieben sein, die nach außerhalb können wir deutsch schreiben.

Über Seife, Personal und das Café

Hier bekommen wir keine Seife geliefert während es in Liverpool ¼ Pfd. pro Woche gab.
Das Küchenpersonal, die Geschirrreiniger (Backschafter) und Sanitäter müssen wir selbst bezahlen und zwar bezahlen wir pro Monat 2 s (2 M).
Wir müßten wohl mehr bezahlen, doch seit November letzten Jahres wird das Café in der Halle vom Kamp aus betrieben. Der Reinertrag kommt dann dem ganzen Camp zu gute. Auch wird Gemüse für die Allgemeinheit gekauft.
Am Verkaufsstand gibt es morgens zum Frühstück Hafergrütze mit Milch, 2 d (16 Pfg.) pro Teller, eine Tasse Kaffee kostet 1 d (8 Pfg.) und eine Tasse Schokolade 2 d (16 Pfg.) außerdem werden alkoholfreie Getränke, Zigarren, Zigaretten usw. verkauft.

Enterprise Café Trial Bay WW1

Enterprise Café, Trial Bay Concentration Camp; Schild links an der Theke “Baader Bretzeln Freiburg 6 Stk. 2 d)”; Quelle: Mitchell Library, State Library of New South Wales, file number FL1504089

Anmerkung: Die Bretzel-Fabrik Julius Baader in Freiburg war ein großer und bekannter Hersteller kleiner Knabberbrezeln: „Baader’s Freiburger Bretzeln, Täglicher Versandt ca. 100,000 Stck“. Der Thekenaufsteller ist genau einer Reklamemarke des Herstellers nachempfunden.

500 Personen im Trail Bay Camp

Augenblicklich sind etwa 500 Menschen im Camp, etwa 30 Reserveoffiziere, welche von uns abgesondert sind und die übrigen sind Kaufleute und kaufmännische Angestellte von Colombo, Singapore, Hongkong und Australien, einige Pastoren und Pater, einige Buddhisten, einige Obermaaten von der „Emden“ und etwa 70 Schiffsoffiizere.

Unter den kaufmännischen Angestellten aus Colombo war sicherlich auch Personal der Fa. Freudenberg. SIEHE: Freudenberg und Co. in Colombo

In dem Artikel über die Familie Freudenberg gibt es zwei Abbildungen des Lagers Diyatalawa auf Ceylon. Hier sind auch einige der erwähnten Pater (Pater Vogel), Buddhisten (Bappo) und Mannschaftsmitglieder der „Emden“ zu sehen.

Für Familien gab es in Australien ein eigenes Lager: das Bourke Internment Camp.
Siehe dazu : http://www.migrationheritage.nsw.gov.au/exhibition/enemyathome/bourke-internment-camp/index.html

Die Unterkunft

In den A und B Flügeln des Hauptgebäudes wohnen 254 Mann zu je 2 in einer Zelle und haben so die beste Wohngelegenheit. Die Reserveoffiziere wohnen in zwei Nebengebäuden. Dann wohnen noch einige in einem anderen Steingebäude und für die übrigen sind Holzbarracken gebaut worden bzw. werden noch gebaut. Das Hospital ist ein kleines Steingebäude und die Kantine steht außerhalb der Gefängnismauern.

Trial Bay Gaol WW1

Korridor im Hauptgebäude, Trial Bay Concentration Camp; Quelle: Mitchell Library, State Library of New South Wales, file number FL1503992

Dr. Herz und Pakete

Jetzt haben wir einen deutschen Arzt aus Sydney, der früher in Liverpool interniert war, als Kamparzt. (Dr. Herz)
Die Packetbeförderung ist in Australien sehr langweilig. 2 Weihnachtspackete, am 21. Dez. von Melbourne abgeschickt und nach Liverpool adressiert, kamen hier am 20. Februar an! Von Deutschland hierher dauert 2, 3, 4 Monate. Viele Packete werden auch unterwegs ihres Inhalts beraubt oder einige kommen überhaupt nicht an.

Anmerkung: Dr. Max Markus Herz (1876 – 1948) war ein bekannter orthopädischer Chirurg, er hatte sich 1910 in Sydney niedergelassen.
Seine Biografie finden Sie hier: https://adb.anu.edu.au/biography/herz-max-markus-6654

Zeitungen

Trial Bay, 29. Februar 1916.


Seit dem 27. II. sind uns die Zeitungen wieder erlaubt, einen Monat lang hatten wir also keine. Alle sind sehr erfreut darüber, denn man kann doch wenigstens den Fortschritt des Krieges daraus entnehmen.

Die neue Messe

Den 5. März 1916

Die australische Regierung hat uns Schiffsoffizieren in Trial Bay ein Taschengeld von 2 s (2 M) pro Woche bewilligt und so erhielt ich heute 22 sh für die Zeit vom 5. XII. 15 bis zum 19. II. 16.

In anderer Tinte hat Meier ergänzt: (Wird nicht mehr weitergezahlt.)

An Löhnung erhielt ich heute 17 s (17 M).
Gestern zogen wir aus dem Zelt in die neuerbaute Barracke [sic] ein. Dieselbe ist   m lang
[Angabe fehlt], 2,75 m breit, 2,6 m hoch und ist in 7 Messen geteilt, 6 zu je 10 Mann und eine zu 8 Mann. In der letzteren wohne ich jetzt mit den Herren E. Oppermann, E. Kreth, P. Rahn, D. Buthmann, G. Turm, W. Blesse und L. Alberding. Unsere Messe (D 3) ist 6,4 m lang, die Betten müssen übereinander angebracht werden um Platz für Tisch und Stühle zu gewinnen. Die Rückseite der Baracke bildet die Gefängnismauer, die Vorderseite besitzt pro Messe eine Tür und zwei Holzfenster, der Fußboden ist aus Holz und das Dach ist Wellblech.

Trial Bay WW1

Beach Café, Trial Bay Concentration Camp; Quelle: Mitchell Library, State Library of New South Wales, file number FL1504081

Über Trial Bay

Den 12. März 1916

Heute erhielt ich von unserem Agenten £ 2/10 ( ̴50 M).
Trial Bay ist ein ziemlich entlegener Platz, die nächste Bahnstation Kempsey liegt 30 engl. Meilen entfernt im Lande. 5 Meilen von hier am Macleay River liegt Jerseyville, ein kleiner Ort welcher wöchentliche Dampferverbindung mit Sydney hat. Uns gegenüber an der Trial-Bay, etwa 3 engl. Meilen entfernt, liegt ein kleiner Badeort, genannt „South-West-Rocks“.
Unsere Post kommt per Bahn über Kempsey, von wo aus sie per Auto nach hier gebracht wird. Aller Proviant, außer Fleisch, kommt mit dem Dampfer von Sydney.

Trial Bay, den 18. III. 16.

Heute erhielt ich 16/ (16 M) als Löhnung.
Seit einer Woche werden die Tore schon um 8h morgens geöffnet. Wasserausgabe von 6 ½ h bis 7.15, Brotausgabe 7.15, Appell um 7.45; Frühstück 8.00.
Seit ein paar Tagen dürfen wir nur noch wöchentlich einen Brief nach Europa und einen nach Australien schreiben.

In einem Eintrag vom 26. April 1916, schreibt Meier, wurde diese Vorschrift wieder geändert:

Von jetzt ab dürfen wir pro Woche zwei Briefe schreiben, einerlei, wohin.

Trial Bay Gaol 1917

Trial Bay Concentration Camp, Aufnahme 1917; Quelle: Mitchell Library, State Library of New South Wales, file number FL1503963

Wasser

Über die Wasserversorgung des Lagers Trial Bay berichtet Meier in einem Eintrag vom 4. Juni 1916:


Seit Anfang April hat unser Wassermangel ein Ende, denn nach der Regenperiode im März ist hier im Camp die Frischwasserleitung wieder in Betrieb gekommen, die von einer ½ Stunde entfernten Talsperre gespeist wird. Während des Sommers war diese Talsperre leer und wir mußten in Zisternen und anderen großen Behältern angesammeltes Regenwasser benutzen.
In dieser Gegend gibt es zwei Regenzeiten im Jahre, im Frühjahr und im Herbst, doch im allgemeinen ist das Wetter stets sehr schön.

Nächste Woche im Blog: Die Schließung des Lagers Trial Bay

Meier sollte noch fast zwei Kriegsjahre im Trial Bay Camp verbringen. Über diese Zeit und die Schließung des Lagers berichtet der nächste Blogartikel:

Im August 1916 wird das Theater eingeweiht – Friedrich Meier macht zweimal Kassensturz und listet seine Einnahmen und Ausgaben auf – der tragische Tod des Kameraden Arno Friedrich – ein „Walfisch“ kostet die Gefangenen viel Geld und Arbeit – die Gründung einer Maschinistenschule – und der plötzliche und unerwartete Aufbruch im Mai 1918.

Das Trial Bay Internierungslager in New South Wales/Australien (Teil 2 von 2)

Copyright-Hinweise

Auf dem Tagebuch ist ein © Copyright, das nach dem Zeitpunkt des Todes des Verfassers für 70 Jahre fortbesteht.

Das Todesdatum des Schiffsoffiziers Meier ist mir nicht bekannt und ich konnte es auch nicht in Erfahrung bringen. Ich weise deshalb darauf pflichtgemäß darauf hin, dass deshalb noch ein © Copyright auf dem Tagebuch bestehen könnte.

Die abgebildeten Fotos sind gemeinfrei (out of copyright). Sie sind aus der Sammlung der Mitchell Library, State Library of New South Wales, Sydney, Australien:
https://archival.sl.nsw.gov.au/Details/archive/110044344.

Liverpool Camp, about 1916

Gefangen in Australien – das Liverpool Internment Camp

Titelbild: Das Lager Holsworthy vom Beobachtungsturm aus gesehen; G. C. C. Album 1914 – 1916 / [Bilder, Zeichnungen und Entwürfe von Stefan Pokora, Otto Hermann und Richard Kunze], Herausgegeben in Liverpool 1916 von Jacobsen, © Digitale Version: Potsdam : Universitätsbibliothek, 2015
Bitte beachten Sie den Copyright-Hinweis am Ende dieses Artikels.

Schiffsoffizier Meier muss umziehen

Vorgeschichte: Die „Lothringen“ wird in Melbourne festgesetzt

Friderich Meier war im Jahr 1914 der 4. Offizier auf dem Schiff „Lothringen“ des Norddeutschen Lloyd in Bremen. Das Schiff war nach der Kriegserklärung Großbritanniens an das Deutsche Reich von den australischen Behörden in Melbourne festgesetzt worden.

Glücklicherweise hat Meier der Nachwelt ein Tagebuch hinterlassen, so dass wir uns ein Bild von den Lebensbedingungen deutscher Schiffsoffiziere in australischer Gefangenschaft machen können.

Hier die Quelle der folgenden Tagebucheinträge: © mit freundlicher Genehmigung der Mitchell Library, State Library of New South Wales and Courtesy copyright holder; Call No. MLMSS 261 / Box 6 / Item 54 (Friedrich Meier diary)
Bitte den Copyright-Hinweis am Ende des Beitrages beachten.

Meier konnte sich von August 1914 bis Ende Februar 1915 in Melbourne relativ frei bewegen, er musste sich nur regelmäßig auf einer Polizeiwache melden. Die britische Rechtsprechung nennt dies parole.

Von März bis August 1915 wurde Meier dann im Lager Langwarrin bei Melbourne interniert, bis dieses aufgelöst wurde und die Gefangenen in andere Lager nach New South Wales überführt wurden.

Die beiden ersten Teile seiner Schilderung finden Sie hier:

In australischer Gefangenschaft und Deutsche Seeleute im Langwarrin Internment Camp

Am 19. August begann der Gefangenentransport nach Liverpool, wo sich das Holsworthy Camp befand:

Anmerkung: Die Begriffe Liverpool Internment Camp und Hol(d)sworthy Camp bezeichnen das gleiche Lager. Beide Namen wurden und werden parallel zueinander verwendet.

In Holsworthy muss Meier auf Besatzungsmitglieder der „Fürth“ getroffen sein, die in der zweiten Jahreshälfte 1915 von Ceylon ebenfalls dorthin verlagert worden waren.

GERMAN PRISONERS FROM CEYLON.
SYDNEY, Thursday.
A contingent of Germans reached here from Ceylon as prisoners of war. A special steamer was chartered. The men are now interned in the concentration camp at Liverpool.
The North Western Advocate and the Emu Bay Times, Tasmania, Do 5. August 1915, S. 5

Weitere Gefangene aus Ceylon folgten im Oktober.

 

steam locomotive A2-985, about 1919

Dampflokomotive A2-985 und der Sydney Express Zug am Bahnhof Albury, ca. 1919, Museums Victoria Collections, Item MM9106; public domain

Eine lange Bahnfahrt

Meier beschreibt seine Verlegung von Langwarrin nach Liverpool sehr ausführlich:

Liverpool, den 30. August 1915.

Die letzte Nacht in Langwarrin war für uns ziemlich schlaflos, denn unser Gepäck, Bettstelle, Matratze mußte am Tage vorher zur Bahn befördert werden und so hatten wir nur eine Wolldecke und einen Handkorb.
Am Donnerstag, den 19. August, um 7 Uhr 45 min. a. m. marschierten wir also los vom Kamp zum Bahnhof. Wir waren etwa 300 Menschen und bekamen einen Extrazug mit 2. Klasse Wagen (In Australien gibt es nur 1. und 2. Klasse.), welche wie die deutschen 3. Klasse Wagen eingerichtet sind. Um 9.15 morgens fuhren wir von Langwarrin ab.

Albury Station about 1916

Albury Railway Station, um 1916 mit Werbung für die Armee (BE A MAN – ENLIST NOW!); State Library of South Australia [PRG 1258/2/2435]; public domain

Anschließend beschreibt Meier die Stationen seiner Bahnfahrt:

Die Entfernungen sind etwa: von Langwarrin nach Melbourne 30 Meilen, von Melbourne nach Albury 191 Meilen, von Albury bis Liverpool 350 Meilen und Liverpool liegt 24 Meilen von Sydney entfernt.
Um 10.45 a. m. fuhren wir durch Melbourne und kamen um 1.10 p. m. in Seymour an, wo wir Schiffsoffiziere aussteigen durften und im Bahnhofsrestaurant essen konnten. Die anderen bekamen nur Schiffszwieback und Büchsenfleisch und Tee. Um 1.38 p. m. Abfahrt von Seymour und um 5.30 p. m. Ankunft Albury. Albury ist die Grenzstation zwischen Victoria und New-South-Wales und da in jedem Staat andere Spurweiten sind, muß hier alles umsteigen. Nachdem wir umgestiegen waren durften wir wieder aussteigen und Abendbrot essen. Um 7.20 abends fuhren wir in zwei Züge geteilt von Albury ab. Nun fuhren wir die ganze Nacht durch und kamen am Freitag, den 20. August um 8.35 morgens in Liverpool an. Alles mußte aussteigen und um 9.30 marschierten wir ab zum German-Concentration-Camp, wo wir um 11.30 a. m. ankamen.

Zu dieser Zeit hat man in Australien noch den Begriff Concentration Camp verwendet, später und heute spricht man von Internment Camp.

Albury Station 1910, Sydney trains

Bahnsteig in Albury, 1910; Museums Victoria Collections, Item MM6168; public domain

Zwischenstation Holsworthy

Meier hatte von Beginn an die Hoffnung, dass das neue Lager für ihn nur eine Zwischenstation darstellte. Seine Geduld wurde jedoch auf die Probe gestellt. Er musste sich zunächst in Holsworthy einrichten.

Es wurde uns gleich gesagt, daß wir Schiffsoffiziere später nach Berrima sollen. Wir wurden dann zu je 50 Mann in eine Barracke untergebracht, lange, schmale Holzgebäude mit Wellblechdächern und nach der Sonnenseite nur mit Vorhängen versehen und daher sehr luftig. Je 2 nebeneinander stehende Barracken bilden eine Kompanie und sind in 10 Messen geteilt zu je 10 Mann. Die Messen sind 7 ½ Meter lang und 2,40 breit, sodaß auf jeden Mann 1,85 qm Platz kommt und man die Betten zu zweien übereinander bauen muß, um Platz zu gewinnen. In diesem Raum muß man wohnen, essen und schlafen.

Die Messe ist auf einem Schiff ein Raum zur Essensaufnahme und zur Verbringung von Freizeit, also eine Mischung aus Speise- und Aufenthaltsraum. Als Seemann verwendet Meier den Begriff auch für das Lager.

Holsworthy Camp, WW1

G. C. C. Album 1914 – 1916 / [Bilder, Zeichnungen und Entwürfe von Stefan Pokora, Otto Hermann und Richard Kunze], Herausgegeben in Liverpool 1916 von Jacobsen, © Digitale Version: Potsdam : Universitätsbibliothek, 2015; https://digital.ub.uni-potsdam.de/content/pageview/201826


Anschließend schildert Meier die Organisation in Holsworthy:

Lagerorganisation in Holsworthy

Jede Kompanie hat einen Deutschen als Führer, der für die Kompanie Brot und Marmelade verteilt, bei dem täglich zweimal stattfindenden Appell alle Namen verliest, mit seinen Leuten zur Arbeit antritt, und für alles aufzukommen hat. Hier im Camp kann jeder arbeiten und zwar eine Hälfte morgens und die andere Hälfte nachmittags. Es sind 44 Barracken vorhanden oder 22 Kompanien zu je 10 Messen mit je 10 Mann, sodaß hier etwa 2200 Deutsche interniert sind.

 Die privilegierten Reserve- und Schiffsoffiziere

Die Reserveoffiziere haben einen Camp für sich, wohnen in Zelten und haben eine eigene Messe und Küche. Hier sind nicht nur die Internierten von Sydney, sondern auch die von Singapore, Colombo, Neu-Guinea, Nauru, Tasmanien, von Adelaide, Brisbane und von Melbourne. Der Camp für die Kapitäne und Schiffsoffiziere befindet sich in Berrima (Station Mossvale) etwa 90 km von hier, da dort jedoch wenig Platz ist, so wurden nur die Kapitäne, 1. Offiziere und 1. Ingenieure von uns dahin überführt (11.9.15). In Berrima bekommt jeder Schiffsoffizier 4 Schilling pro Woche, während wir hiergebliebenen nichts bekommen und uns nur durch Arbeit etwas verdienen können.

Meier musste sich zunächst damit abfinden, in Holsworthy zu bleiben.

Seit dem 6. d. M. Sept. arbeiten wir hier täglich einige Stunden und bekommen 1 Schilling pro Tag, man muß Bäume ausroden und andere machen verschiedene Arbeiten. Für Küchenpersonal und Klosettreinigung muß jeder 3 d (25 Pfg.) pro Woche bezahlen.

Das Lagerkomitee und der Tagesablauf

Alle Kampangelegenheiten werden von einem selbstgewählten Komite (sic) geregelt, wie auch die meisten Einrichtungen von internierten Deutschen eingeführt worden sind. Mit den Soldaten oder Offizieren der Wache kommen wir fast gar nicht in Berührung, da wir eine eigene Kamppolizei haben. Der Reihe nach muß jeder im Kamp einen halben Tag Polizeidienst tun. Es sind 2 Küchen vorhanden. Um 6 ½ Uhr morgens wird zum Wecken geblasen um 7.45 antreten zum Appell und Frühstück empfangen, um 8.45 antreten zur Arbeitsverteilung, um 12.45 antreten zum Mittagessen empfangen, um 1.45 p. m. antreten zur Arbeitsverteilung, um 5.30 antreten zum Appell und Tee empfangen und um 10h abends Licht aus.

Liverpool Camp about 1916

Lagerappell um 17.30 Uhr; G. C. C. Album 1914 – 1916 / [Bilder, Zeichnungen und Entwürfe von Stefan Pokora, Otto Hermann und Richard Kunze], Herausgegeben in Liverpool 1916 von Jacobsen, © Digitale Version: Potsdam : Universitätsbibliothek, 2015

Die Verpflegung im Lager

Zum Frühstück gibt es Fleisch mit Sauce und Tee, zu Mittag gibt es Gemüse (meist Steckrüben und Wurzeln zuweilen auch Kürbis oder Kohl) mit Fleisch und Kartoffeln, dann Suppe oder Kaffee und abends gibt es Tee. Jede Messe à 10 Personen bekommt täglich 3 Weizenbrote und jeden 8ten Tag bekommt jeder eine Büchse Marmelade (ca. 1 ½ Pfd.).
Das Essen ist sehr schmackhaft zubereitet und es gibt genügend, doch Tee und Kaffee sind ziemlich schlecht. Die Kantine hat in einem Jahre über 40 000 M Überschuß gehabt, wofür Barracken erbaut wurden, sowie ein Theater und eine elektrische Anlage zur Beleuchtung des Zaunes.

Garküche zur Boomrinde, Liverpool Camp, WW1

Garküche „Zur Boomrinde“; G. C. C. Album 1914 – 1916 [Bilder, Zeichnungen und Entwürfe von Stefan Pokora, Otto Hermann und Richard Kunze], Herausgegeben in Liverpool 1916 von Jacobsen, © Digitale Version: Potsdam : Universitätsbibliothek, 2015

Sanitäreinrichtungen, Garküche und Theater

Die Waschgelegenheit ist sehr unzulänglich, es sind für 2200 Mann 8 Wasserhähne und 6 Brausen die außerdem halbe Tage lang abgestellt sind. Für 10 Mann gibt es ein Waschbecken und für je 50 Mann einen Eimer. Einige unternehmungslustige Deutsche haben hier ein Warmbrausebad eingerichtet, für die Benutzung ist jedesmal 1 d (8 1/3 Pfg.) zu entrichten. Dann ist hier noch eine Garküche und Speisehaus „Zur Boomrinde“, wo die bemittelten Internierten essen. Daneben steht eine Kaffee- und Kuchenbude, wo stets Kaffee, Schokolade und Kuchen zu haben sind. Das aus Wellblech erbaute Theater hat über 300 Sitzplätze und 50 Stehplätze, es hat verschiedene schöne Bühnendekorationen und es werden gute Stücke gespielt. Drei- oder viermal pro Woche ist Theatervorstellung, zweimal Konzert und einmal Vortagsabend. Eintritt zum Konzert und Theater kostet 1 Penny (8 Pfg.), Vorträge sind frei.

Liverpool Camp, WW1

Deutsches Theater Liverpool, G. C. C. Album 1914 – 1916 [Bilder, Zeichnungen und Entwürfe von Stefan Pokora, Otto Hermann und Richard Kunze], Herausgegeben in Liverpool 1916 von Jacobsen, © Digitale Version: Potsdam : Universitätsbibliothek, 2015

Die finanzielle Situation

Regelmäßig schreibt Meier seine Einnahmen in das Tagebuch:

Liverpool, den 24. September 1915.

(v. A.R. Summa 64 s – 3 £ ‚ 4 s)

Heute bekam ich von der A. Reg. 8 s (8 M) für die letzten 14 Tage in Langwarrin und für 11 Tage Arbeit 11 s (11 M). Gestern erhielt ich 4/4 (4,30 Mark) aus dem Erlös der verkauften Wellblechdächer unserer Häuser in Langwarrin.

Anmerkung: A. R. oder A. Reg. steht für Australische Regierung

Meier und einige andere Gefangene hatten sich im Lager Langwarrin bei Melbourne eigene Hütten als Unterkunft gebaut, damit sie nicht mehr in Zelten wohnen mussten. Das Material dafür hatten sie aus eigenen Mitteln bezahlen müssen. Persönlich finde ich es bemerkenswert, dass sie in Holsworthy Geld dafür zurückerstattet bekamen.

Liverpool, den 11. Oktober 1915

Heute erhielt ich für 12 Tage Arbeit 8s6 in bar und 3/6 bleiben in der Sparkasse. Am 5. d. M. erhielt ich 15 s (15 M) Vorschuß von unserem Agenten.

T 0/08/00         L 1/03/00     K   /15/00

Bei diesem letzten Eintrag am unteren Seitenrand dürfte es sich um Schulden handeln, die Meier bei einem T, L und K hatte oder um Beträge, die diese ihm schuldeten.

Liverpool Camp, theater, WW1

Gruppenportrait, Deutsche Theater Gesellschaft, Liverpool, um 1917, Aufnahme von Heinrich Jacobsen, National Library of Australia, https://nla.gov.au/nla.obj-152011029/view

Wieder wird Meier nicht berücksichtigt …

Neidvoll blickt Meier auf seine Kollegen, die nach Berrima gebracht wurden, nicht ohne wieder auf die Vorzüge dieses anderen Lagers hinzuweisen:

Liverpool, den 22. Oktober 1915.

Heute erhielt ich für 11 Arbeitstage 7 s 6 d und einen Bankschein auf 3/6.
Am 15. d. M. wurden 80 Schiffsoffiziere nach Berrima gebracht, sodaß jetzt fast nur noch 4. Offiziere und 4. Ingenieure hier sind. Es heißt einfach: es ist dort kein Platz mehr für uns. In Berrima wohnen die Internierten in einem ehemaligen Zuchthaus und dürfen von morgens 9h bis nachmittags 5h in einem Umkreis von 2 Meilen (3 km) frei herumlaufen.

Liverpool, den 9. November 1915.

Heute erhielt ich von unserem Agenten Pahnke 30 s (30 M) Vorschuß.

L 0/11/00               K 1/10/

Die Gefangenen von Rottnest Island

Liverpool, 30. November 1915.

Am 24. d. M. wurden die Reserveoffiziere nach Trial-Bay gebracht und gestern kamen etwa 900 Deutsche und Österreicher von Fremantle (West Australien) hier an, welche auf Rottnest Island  vor Fremantle interniert waren, sodaß jetzt alle in Australien festgehaltenen Deutschen, Österreicher, Ungarn, Türken und Bulgaren hier zusammen sind, im ganzen etwa 3300 Mann.

Die Gefangenen von Rottnest Island waren mit dem Schiff SS „Demosthenes“ am 22. November 1915 um 21 Uhr von Rottnest abgefahren. Die Distanz beträgt etwa 2150 Seemeilen, das entspricht bei einer durchschnittlichen Fahrt von 13 Knoten einer Reisezeit von knapp 7 Tagen.

Über das Lager auf Rottnest Island hatte ich hier berichtet:
Rottnest Island: Die Internierung deutscher Seeleute in Westaustralien

 

Die Seeleute von SMS „Emden“

Meier erinnert daran, dass fast alle Internierten in Holsworthy Zivilgefangene und keine Kriegsgefangenen waren:

Die einzigen wirklichen Kriegsgefangenen im Kamp sind etwa 45 Mann von S.M.S. „Emden“, darunter einige Krüppel und wieder hergestellte Verwundete und ein paar Mann vom S.M.S. „Planet“.

Die von Meier angegebene Zahl von etwa 45 Mann deckt sich mit der Meldung des Militärkrankenhauses in Colombo, wo diese Verletzten versorgt worden waren.

Sie waren zunächst in das Camp Diyatalawa auf Ceylon und dann im Oktober 1915 nach Australien gebracht worden. Das Sri Lanka College of Military Medicine spricht von 46 Verletzten.

SIEHE dazu den Blogbeitrag: SMS „Emden“ versenkt die „Diplomat“

SMS „Planet“ war ein Vermessungsschiff der Kaiserlichen Marine. Nach Kriegsausbruch wurde es von der eigenen Besatzung im Westpazifik versenkt.

SMS Emden, Mannschaft (Teil) in Liverpool, WW1
Mannschaft von SMS Emden (nicht vollständig); G. C. C. Album 1914 – 1916 / [Bilder, Zeichnungen und Entwürfe von Stefan Pokora, Otto Hermann und Richard Kunze], Herausgegeben in Liverpool 1916 von Jacobsen, © Digitale Version: Potsdam : Universitätsbibliothek, 2015

Anmerkung: Auf der Internetseite der Bordgemeinschaft der Emdenfahrer (bgef.de) finden Sie die Namen der Seeleute auf dem Foto.(http://bgef.de/dieschiffe/emdeni/woehner-erich-obermaschinistenmaat.html)

Nicht Berrima, sondern Trial Bay

Die Hoffnung Meiers, nach Berrima zu kommen, erfüllte sich nicht, stattdessen führte sein Weg nach Trial Bay:

Jetzt endlich sollen wir mit den von W. A. gekommenen Schiffsoffizieren zusammen in einen anderen Kamp gebracht werden und zwar nach Trial-Bay, welches zwischen New-Castle und Brisbane liegt. Die Ing. Assistenten müssen zurückbleiben.

Über das Trial Bay Camp berichte ich noch ausführlich.

Hier dürften auch Schiffsoffiziere und Ingenieure der „Fürth“ interniert worden sein, die von Ceylon dorthin verlegt worden waren.

Auch in Trial Bay hat Meier weiter Tagebuch geführt.

Trial Bay war ein Internierungslager, in dem viele Gefangene aus der australischen Oberschicht inhaftiert waren. Im Vergleich zu Holsworthy war das Trial Bay Camp für Meier ganz klar eine Verbesserung.

Hinweis zu den Abbildungen:

Das Album von Jacobsen enthält noch zahlreiche weitere Bilder, Zeichnungen und Entwürfe vom Lager, von Schauspielern und Theaterprogrammen. Es findet sich unter anderem in der Universitätsbibliothek Potsdam.

Ein anderes Exemplar des Albums ist in der Library of Congress (Washington DC) erhalten.

G. C. C. Album 1914 – 1916 / [Bilder, Zeichnungen und Entwürfe von Stefan Pokora, Otto Hermann und Richard Kunze], Herausgegeben in Liverpool 1916 von Jacobsen, © Digitale Version: Potsdam : Universitätsbibliothek, 2015;
https://digital.ub.uni-potsdam.de/content/titleinfo/199947

Copyright-Hinweis

Auf dem Tagebuch des Offiziers Meier, den Bildern und Zeichnungen ist ein © Copyright, das nach dem Zeitpunkt des Todes der Verfasser für 70 Jahre fortbesteht.

Für die genannten Autoren ist mir der Todeszeitpunkt nicht bekannt. Ich weise deshalb pflichtgemäß darauf hin, dass deshalb noch ein © Copyright auf den Dokumenten bestehen könnte.

Ich bedanke mich im Voraus für Ihre Hinweise für eventuelle Copyright-Verletzungen. Das betreffende Material werde ich dann unverzüglich von den Blogseiten entfernen.

Torrens Island Prisoner of War Camp 1915

Auf den Spuren der Seeleute des Dampfschiffes „Fürth“

Die skandalösen Zustände im Torrens Island Internment Camp

Titelbild: Torrens Island Concentration Camp, Aufnahme um 1915, Fotograf P. Dubotzki, © Mitchell Library, State Library of New South Wales, Sydney, ref code: 877360

Über den Boxer Frank Bungardy, den Fotografen Paul Dubotzki und den Trimmer Friedrich Horning

Jeder der australischen Bundesstaaten hatte nach Kriegsausbruch sein eigenes Concentration Camp.

Über das Lager Rottnest Island (West-Australien) hatte ich hier im Blog berichtet, ebenso wie über den Schiffsoffizier Meier, der im August 1914 in Melbourne „gestrandet“ war (In australischer Gefangenschaft) und im März 1915 in das Lager Langwarrin (Victoria) gesteckt wurde.

Am schlechtesten hatte es aber diejenigen getroffen, die von den Polizeibehörden in Südaustralien festgenommen worden waren und in das Torrens Island Internment Camp gebracht wurden.

Zur Erinnerung: Alle Gefangenen waren Zivilgefangene. Es war kein einziger feindlicher Soldat darunter, der bei Kampfhandlungen gefangen genommen worden war.

Adelaide map 1946

Karte von Adelaide, 1946, http://nla.gov.au/nla.obj-887241747

Zur Karte: Die Lage von Torrens Island. Das Stadtzentrum von Adelaide ist unten im Bild, links daneben Port Adelaide mit dem Schiffsanleger Semaphore. Der Outer Harbour ist oben links.

Das Internierungslager Torrens Island lag im Mündungsgebiet des Port River bei Adelaide in Südaustralien. Hierhin wurden nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges Deutsche und Deutschstämmige gebracht, die aufgrund ihrer Herkunft und Abstammung plötzlich Staatsfeinde (enemy aliens) geworden waren. Das gleiche galt auch für Österreicher, Ungarn und Türken.

Das Lager Torrens Island

Torrens Island liegt etwa 15 Kilometer nordwestlich vom Stadtzentrum Adelaide.

Auf der unbewohnten Insel wurde im 19. Jahrhundert eine Quarantänestation errichtet, bei diesen Gebäuden gab es auch den einzigen Bootsanleger.

Ab dem 9. Oktober 1914 diente die Insel als Internierungslager, in dem etwa 400 Personen festgehalten wurden: Seeleute der Schiffe ebenso wie Deutsche oder deutschstämmige Personen.

Direkt nach Ausbruch des Krieges waren die Gefangenen zunächst in eine Militärkaserne (Keswick Barracks) gebracht worden, die sich ähnlich wie in Melbourne dafür auf Dauer zu klein erwies.

Ein erstes Lager auf Torrens Island wurde am Ufer des Port River etwa 500 Meter südlich der Quarantänestation gebaut: eine Zeltstadt, die von bewaffneten Soldaten bewacht wurde.

Torrens Island Camps 1915

Torrens Island mit der Quarantänestation (oben), dem ersten Lager (unterhalb der Quaratänestation) und dem zweiten Lager am südlichen Ende der Insel; Quelle: South Australian Medical Heritage Society; https://www.samhs.org.au/Virtual%20Museum/hospital-andother-orgs/Torrens_Island_Quarantine/Torrens_Island_Quarantine.html

Die ersten Monate waren gekennzeichnet durch schlechte Bedingungen, aber durch eine akzeptable Behandlung: das Camp stand oft unter Wasser und die Gefangenen wurde durch Mücken geplagt.

Die Internierten improvisierten und bauten eine Küche und Toiletten, sammelten Feuerholz und vieles mehr. Sie gründeten Sportvereine oder feierten des Kaisers Geburtstag – sie versuchten sich mit den Bedingungen zu arrangieren und die Zeit herumzubringen. Unter dem Namen „Der Kamerad“ erschienen auch Ausgaben einer handgeschriebenen Lagerzeitung (Digitalisat in der Mitchell Library verfügbar).

Kaiser's birthday 1915, Torrens Island

Kaisers Geburtstag, 1915, Gefangene des Torrens Island Internment Camp, © National Archives of Australia, Referenz MP367/1, 567/3/2202 PART 1

Der neue Kommandant

Die Bedingungen im Lager verschlechterten sich abrupt am 29. Januar 1915: Captain Hawkes löste den bisherigen Kommandanten Captain Butler ab und unter seiner Führung kam es zu den skandalösen Zuständen, für die der Name Torrens Island ab diesem Zeitpunkt stand.

Der Zeitpunkt des Führungswechsels fällt auch mit einer Verlegung des Lagers an das Südende von Torrens Island zusammen, die wohl aus Gründen der Trinkwasserversorgung durchgeführt wurde.

Unter Captain Hawkes kam es zu vielerlei Verstößen gegen die internationalen Regeln von Gefangenen:

– die Rationen entsprachen nicht den vorgegebenen Mengen, das ausgegeben Fleisch bestand oft nur auch Knochen und war für den menschlichen Verzehr nicht geeignet
– die Versorgung der Inhaftierten mit Kleidung war völlig unzureichend
– die Gefangenen mussten Arbeiten verrichten, für die sie nicht bezahlt wurden
– Gefangene wurden bei kleinen Vergehen in einem Strafcamp zusammengepfercht, der Witterung ausgesetzt und schikaniert
– Gepäck wurde von Wachen durchsucht und Wertsachen gestohlen
– ausgehende Post musste frankiert werden, usw.

Am skandalösesten waren jedoch regelmäßig vorkommende tätliche Übergriffe der Wachen auf die Gefangenen, die in Schlägen und anderen Misshandlungen gipfelten: so sollen über 25 Gefangene Verletzungen durch Stiche mit dem Bajonett erhalten haben. Am schlimmste jedoch erwischte es zwei Lagerinsassen, die nach einem Fluchtversuch gefangen genommen und ausgepeitscht worden waren.

Den Gefangenen gelang es, Beweise der Misshandlungen (Fotos) aus dem Lager schmuggeln und dem amerikanischen Konsul zukommen zu lassen. Es gab zwar anschließende Untersuchungen, aber Hawkes sollte es dennoch später bis zum Sergeant bringen.

Zwei Lagerinsassen ist es zu verdanken, dass die skandalösen Haftbedingungen auch heute noch dokumentiert sind.

Das Torrens Island Internment Camp wurde am 16. August 1915 geschlossen und die Gefangenen mit dem Zug nach Liverpool bei Sydney (Lager Holsworthy) gebracht.

Torrens Island camp 1915

Internierte auf Torrens Island, 1915, State Library of South Australia, Ref. B8999

 

Der Boxer Frank Bungardy

Frank Bungardy wurde als Frank von Bungardy 1883 in Hagen geboren. Mit 14 fuhr er zur See, desertierte, lernte in den USA boxen, fuhr erneut zur See, desertierte in Australien, fand Arbeit in einem Hüttenwerk und blieb bis 1909 in Australien. Nach einer kurzen Rückkehr nach Europa beschloss er nach Australien zurückzugehen, wo er als Preisboxer ganz gut Geld machte. Sein Name im Ring: The Iron German. Er heiratete die deutschstämmige Australierin Ida Klopp, mit der er zwei Töchter hatte: Delores und Muriel.

Am 8. Januar 1915 wurde Bungardy verhaftet und nach Torrens Island gebracht. Er hätte sich nicht bei den Behörden gemeldet, ein Vorwurf, den er als unwahr beschreibt.

Bungardy machte auf Torrens Island schriftliche Aufzeichnungen (in englischer Sprache), die heute in der Nationalbibliothek von New South Wales in Sydney erhalten und auch digital abrufbar sind. Eine Transkription davon findet sich hier: http://acms.sl.nsw.gov.au/_transcript/2012/D04276/a2922.html

Zusammen mit dem Fotografen Paul Dubotzki (siehe unten) dokumentierte er die Misshandlungen. Auch diese Unterlagen sind in Sydney erhalten und liegen als Digitalisate vor.

Photographs taken during internment on Torrens Island Camp, ca. 1914-1915, Bungardy, Frank W., MLMSS 261/Box 2/Item 17; seine Erzählungen über Ereignisse im Lager sind im Original an dieser Stelle: MLMSS 261/Box 2/Item 15

1919 wurde Bungardy wie die meisten Internierten nach Deutschland abgeschoben. Er starb 1923 im Alter von 40 Jahren nach einem Knockout bei einem Boxkampf in Kiel.

Eine ausführlichere Biografie finden Sie in einem Artikel der Tageszeitung The Advertiser, Adelaide aus dem Jahr 2014 (in englischer Sprache):
https://www.adelaidenow.com.au/news/south-australia/boxer-frank-bungardy-became-a-minor-celebrity-in-adelaide-only-to-be-locked-up-in-the-torrens-island-internment-camp-during-world-war-i/news-story/0f7b00b3f19389cc51f43b199c488f3e

Internment Camp auf Torrens Island, 1915,

Internment Camp auf Torrens Island, 1915, State Library of South Australia, Ref. B46793

Der Fotograf Paul Dubotzki

Paul Dubotzki wurde 1891 in Ingolstadt geboren. 1914 schloss er sich einer Expedition nach Südostasien als Expeditionsfotograf an, kam auf irgendwelchen Wegen nach Adelaide, wurde dort verhaftet und wurde am 1. Februar 1915 ebenfalls auf Torrens Island interniert.

Völlig überraschend ist für mich, dass er sowohl auf Torrens Island, als auch in den beiden späteren Lagern Holsworthy und Trial Bay, in die er im Anschluss überführt werden sollte, nicht nur seine Kamera behalten durfte, sondern sogar als Fotograf weiterarbeiten konnte. Von dem Verkauf von Fotos konnte er sich wieder neues Material kaufen.

War es die Eitelkeit der Verantwortlichen oder war damals die Kraft von Bildern noch gänzlich unterschätzt? Eine Frage, auf die es wohl heute keine Antwort mehr gibt.

Dubotzki machte in australischer Gefangenschaft über 1000 Fotos. Ans Licht kamen sie jedoch erst 2007 bei Nachforschungen des New South Wales Migration Heritage Center bei Dubotzkis Töchtern in Dorfen im Landkreis Erding.

Die meisten Bilder sind nicht gemeinfrei. Unter dem Stichwort „Dubotzki Collection“ finden Sie in den Suchmaschinen zahlreiche Bildergebnisse online.

Dubotzki wurde nach der Gefangenschaft im Jahr 1919 ebenfalls nach Deutschland abgeschoben. Er eröffnete ein Fotogeschäft in Dorfen, daneben arbeitete er als Maler und Schauspieler. Dubotzki starb 1969.

Paul Dubotzki

Plattenkamera der Marke Globus von Paul Dubotzki im Heimatmuseum Dorfen; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Heimatmuseum_Dorfen_16.jpg

 

Der Kohlenzieher Friedrich Horning

Die dritte Person, von der hier die Rede sein soll, ist der Trimmer (Kohlenzieher) Friedrich Horning. Der Grund dafür ist, dass er mit dem Dampfschiff „Fürth“ nach Australien kam. Über ihn kann ich jedoch nur wenig berichten:

Horning desertierte direkt nach der Ankunft der „Fürth“ in Melbourne:

In der Nacht vom 25./VI. bis 26./VI. desertierten die Trimmer K. F. Paul Jenke (?) u. der Trimmer Fr. Ph. Horning unter Mitnahme ihrer Effekten. Ich stelle Strafantrag gegen obige Schiffsleute wegen Desertion nach den § S.O. W. Richter (Unterschrift)
Siehe: Dampfschiff „Fürth“: Tagebuch-Spezial – Deserteure, Einschleicher und wechselndes Personal

Horning hatte auf der Fahrt von Algoa Bay nach Melbourne den Maschinen-Assistenten W. Heidepriem tätlich angegriffen, ihn erwartete deswegen eine Strafanzeige: SIEHE: Tagebuch (11): Die „Fürth“ in den Roaring Forties

Von Melbourne muss Horning nach Südaustralien gekommen sein (Adelaide liegt von Melbourne gut 700 km entfernt). Horning wurde am 23. Dezember 1914 auf Torrens Island interniert. Er war nach Kriegsausbruch zunächst auf freiem Fuß, meldete sich aber vielleicht nicht regelmäßig auf einer Polizeistation, was den Enemy Aliens zur Auflage gemacht worden war. So heißt es als Grund für die Internierung Not complying with parole.

Anmerkung: Ich gehe derzeit davon aus, dass es sich bei dem Trimmer Friedrich Horning um die gleiche Person handelt, die auf Torrens Island interniert wurde. Eine zufällige Namensgleichheit kann ich nicht ausschließen, halte sie aber für sehr unwahrscheinlich.

Wer erkennt in Friedrich Horning einen seiner Vorfahren?

Außer dem Foto und den beiden Hinweisen aus dem Logbuch der „Fürth“ und dem Namenseintrag in der Liste der internierten Personen auf Torrens Island habe ich leider keine weiteren Hinweise auf seine Identität.

Friedrich Horning 1917

Friedrich Horning, Aufnahme vom Juni 1917; Quelle: https://torrensislandinternmentcamp.com.au/internees_2.html

Weitere Informationen

Einen sehr ausführlichen Artikel (in englischer Sprache) über das Lager Torrens Island gibt es auf der Facebookseite der Port Adelaide Historical Society Incorporated. Er wurde am 19. November 2020 veröffentlicht. Dort finden sich auch ein paar Tagebuchauszüge von Frank Bungardy (ebenfalls in englischer Sprache).

Langwarrin Camp, gate 1915

Deutsche Seeleute im Langwarrin Internment Camp

Interniert in Australien

Titelbild: Eingang zum Langwarrin Camp, 1914-1915; Museums Victoria Collection, Item MM 140043
Anmerkung: Die in diesem Beitrag gezeigten Aufnahmen vom Lager Langwarrin stammen meist aus dem Jahr 1917. Zu diesem Zeitpunkt war Langwarrin kein Internierungslager mehr, sondern eine Krankenstation des australischen Militärs. 1914/1915 dürfte das Lager weit primitiver und weniger „aufgeräumt“ ausgesehen haben.

7000 Internierte

Im Ersten Weltkrieg gab es in Australien verschiedene Internierungslager für Deutsche, Österreicher, Ungarn und Verbündete, wie Türken oder Bulgaren.

Insgesamt waren im Ersten Weltkrieg in Australien etwa 7000 Personen interniert. Das größte dieser Lager war Holsworthy in New South Wales in der Nähe von Sydney.

Zu Beginn des Krieges hatte es noch in jedem Bundesstaat kleinere Lager gegeben, die meist bereits im Jahr 1915 aufgelöst wurden. Eines davon war in Victoria etwa 30 Meilen südöstlich von Melbourne: Das Langwarrin Internment Camp.

Friedrich Meiers Tagebuch

Die Tagebucheinträge eines Offiziers der Kaiserlichen Handelsmarine geben einen Eindruck von den Bedingungen, unter denen die deutschen Seeleute lebten.

Der vierte Offizier Friedrich Meier war zunächst auf seinem Schiff, der „Lothringen“ des Norddeutschen Lloyd verblieben, kam kurzzeitig in eine Polizeikaserne und konnte dann auf Ehrenwort (parole) relativ frei in Melbourne leben. SIEHE: In australischer Gefangenschaft

Ab März 1915 wurden die Bedingungen für die Kriegsgefangenen wieder verschärft und Meier musste zusammen mit anderen deutschen Seeleuten in das Lager Langwarrin.

Das Lager Langwarrin

In Victoria waren die ersten Kriegsgefangenen in die Polizeikaserne an der St. Kilda Road in Melbourne und in eine Artilleriekaserne nach Maribyrnong, einem Vorort von Melbourne, gebracht worden. Als klar war, dass die Kapazitäten dort ungenügend sind, entschied die Militärbehörde, das Camp Langwarrin einzurichten.

Langwarrin liegt auf der Mornington Halbinsel südöstlich von Melbourne.

Bis zu 500 Personen waren hier zu Beginn des Jahres 1915 im Wesentlichen in Zelten untergebracht. Einige Gefangene bauten sich aus eigenen Mitteln einfache Hütten.

Die Internierten hatten die Möglichkeit, zu arbeiten: Verbesserung der Infrastruktur, Zäune bauen oder Flächen roden; sie wurden für diese Arbeiten bezahlt.

Im November 1915 war die Zahl der Internierten stark angestiegen: es sollen 769 Deutsche, 104 Österreicher und 72 Türken im Camp gelebt haben.

Ankunft in Langwarrin

Der vierte Offizier Friedrich Meier kam Anfang März 1915 nach Langwarrin und berichtet von seiner Ankunft:

Langwarrin, den 9. März 1915
Seit 8 Tagen sind wir hier im German Prisoners‘ Camp interniert; wie uns gesagt wurde, aus politischen Gründen sind wir hier eingesperrt worden. Am Montag, den 1. März, um 4 Uhr p.m. mußten wir, d. h. die Kapitäne, Offiziere und Ingenieure der verschiedenen Dampfer, uns beim Military-Intelligence Department am St. Kilda Road melden und wurden von da aus unter militärischer Bedeckung zur Bahn gebracht. Um 5h9 fuhren wir ab nach Langwarrin, wo wir um 6 ½ Uhr ankamen und sogleich nach dem „German Prisoners‘ Camp“ geführt wurden, welcher etwa 20 min. von der Bahnstation liegt. Langwarrin liegt an der Bahnlinie Melbourne-Frankston-Mornington, etwa 30 sml von Melbourne und 4 sml von der See entfernt. Unser Camp liegt auf einer kleinen Anhöhe, ist mit Stacheldrahtzäunen umgeben und von dem der Mannschaft getrennt. Wir wohnen in runden Zelten, die Kapitäne zu Zweien, alle übrigen zu Dreien und Vieren in einem Zelt. Ein größeres Zelt mit Tischen und Bänken dient uns als Messe.

Melbourne, Langwarrin, map 1907

Sands & McDougall’s Melbourne, suburban & country directory map of Victoria, 1907, State Library of Victoria; BIB ID 659032, Ausschnittsvergrößerung

Zur Karte: Der Großraum Melbourne liegt oben links im Norden der großen Bucht Port Phillip. Langwarrin liegt am Ostufer der Bucht (gelb umrandet). Ganz unten rechts Wilson’s Promontory, der südlichste Punkt Victorias.


Ich hatte das Glück, ein Zelt zu Dreien zu bekommen. Jeder bekam ein wasserdichtes Gummilaken, einen Strohsack und zwei wollene Decken, und da unser Gepäck noch nicht angekommen war, mußten wir uns die erste Nacht damit behelfen. Wegen Kälte und Sturm schliefen wir sehr schlecht. Am folgenden Abend kam unser Gepäck und unsere selbst gekauften Feldbetten, sodaß wir jetzt schon etwas menschlicher hausen. Das Essen ist zwar nicht besonders reichhaltig, aber es genügt. Es gibt täglich drei Mahlzeiten, zum Frühstück gibt es Fleisch mit Sauce (zuweilen auch mit Kartoffeln), Brot, Marmelade und schwarzen Kaffee; mittags gibt es Suppe und einen Gang Fleisch, Sauce und Kartoffeln (ab und zu auch mit Gemüse) u. Brot; nachmittags um 3 ½ Uhr gibt es schwarzen Kaffee und zum Abendbrot gibt es Fleisch mit Sauce, Brot, Marmelade und Tee. Zuweilen gibt es auch zum Frühstück oder Abendbrot statt des Fleischgangs Reis, Käse oder kaltes Fleisch. Butter, Milch und Eier u.s.w. gibt es nicht, man kann es aber kaufen, – wenn man Geld hat. An Brot bekommen wir nur Weizenbrot. Gemüse bekommen wir nur einmal in der Woche.
Solange hier gutes Wetter ist kann man es ganz gut aushalten. Wenn es stürmisch und trocken ist, so ist hier ein fürchterlicher Staub der manchmal in einen Samum ausartet. Bei starkem Regen ist es nicht minder ungemütlich, da die Zelte nicht recht wasserdicht sind, besonders bei starkem Winde geht der Regen auf der Windseite in dicken Tropfen hindurch, und man kann sich freuen wenn das Zelt nicht auch noch überkopf geht, wie es uns vor ein paar Tagen passierte. Jeden Tag darf die Hälfte von uns aus der Umzäunung heraus auf das Gelände zwischen unserem Camp und dem Bahnhof. Wir spielen viel Schlagball dort und sonstige Spiele um uns die Zeit zu vertreiben und uns auszuarbeiten. Briefe können wir so viel schreiben wie wir wollen, doch müssen die deutschgeschriebenen möglichst kurz gehalten sein. Die Briefe brauchen nicht mit Briefmarken versehen werden.

Quelle dieses und der folgenden Tagebucheinträge: © mit freundlicher Genehmigung der Mitchell Library, State Library of New South Wales and Courtesy copyright holder; Call No. MLMSS 261 / Box 6 / Item 54 (Friedrich Meier diary)
Siehe auch den Copyright-Hinweis am Ende des Artikels.

Anmerkung: Der von Meyer erwähnte Samum ist ein heißer Wüstenwind, oft mit Sandverwirbelungen; der Begriff wird in Nordafrika und im Nahen Osten verwendet.

Langwarrin camp, WW1

Langwarrin Camp, Rotkreuz-Baracke und Rotunde, Aufnahme von 1917, zu dieser Zeit diente das Camp bereits als Krankenstation des australischen Militärs für Geschlechtskrankheiten; Museums Victoria Collection, Item MM 140042

Rege Bautätigkeit und ein „Unterseeboot“

Meier gehörte zu den Internierten, die sich auf eigene Rechnung eine kleine Hütte gebaut hatten. Außerdem wurde von den Gefangenen ein großer Gemeinschaftsraum in die Erde gegraben.

Langwarrin, den 6. April 1915.
Unser Camp liegt auf einer kleinen Anhöhe, ist 100 x 140 m groß und beherbergt 43 Personen sowie 8 Mann zur Bedienung. Die zwei Lloydkapitäne haben sich auf eigene Kosten ein Wellblechhaus errichten lassen und 9 von uns bauen sich zu je Dreien ein Blockhaus, wozu dieselben sich das Holz selber fällen müssen in der Umgebung. Hier herum ist viel Busch, und fast nur Eucalyptusbäume sind hier zu finden. Letzte Woche haben wir uns mit vereinten Kräften eine Höhle gebaut für die kommenden kalten Tage. Es ist eine runde Ausschachtung von 7 m Durchmesser und etwa 1,7 m Tiefe. Das Dach haben wir aus rohen Stämmen gebaut, mit Busch bedeckt und darüber Erde geworfen. In der Mitte der Höhle haben wir einen alten würfelförmigen Wassertank als Ofen aufgesetzt und mit einem Schornstein versehen. Die Höhle faßt etwa 50 Personen und bietet einen sehr schönen, warmen Aufenthaltsort. Sie wurde „Unterseeboot“ getauft. Diese Höhle scheint eine Sehenswürdigkeit zu werden, denn jeden Tag kommen der Mayor Lloyd, der das Campkommando hat, oder die Offiziere und Soldaten, auch mit Freunden, alle wollen die Höhle sehen. Letzte Woche habe ich ein Paar derbe Stiefel bekommen, wie die Soldaten sie hier tragen. Im Camp der Mannschaft, welcher neben dem unserigen liegt, sind etwa 400 Deutsche, ein paar Österreicher und ein Türke.

Anschließend listet Meier alle Personen auf, die sich zu diesem Zeitpunkt im Camp der Offiziere befanden. Nur wenige waren darunter, die nicht zu den Schiffsbesatzungen gehörten.

Die Höhle wurde später für gemeinsame Abende verwendet, die einmal die Woche veranstaltet wurden. Sie hatten die passende Bezeichnung: „Höhlenabend“.

Meier berichtet, dass es insgesamt 4 Camps gab: Mannschafts-Camp, Offiziers-Camp, Verbrecher-Camp und Trippary-Camp.

Meier schreibt, im Verbrecher-Camp hat man „einige rüpelhafte Matrosen und Feuerleute eingesperrt, die im anderen Camp stets Unfrieden stifteten.“

Mit Trippary-Camp ist die Krankenstation für geschlechtskranke australische Soldaten gemeint, dass ebenfalls auf dem Gelände war.

Langwarrin camp, about 1917

Langwarrin Camp, Soldaten und Rotkreuz-Baracke, Aufnahme vermutlich von 1917; Museums Victoria Collection, Item MM 140043

Die Stimmung kippt

Die hohen Verluste australischer Truppen bei der Schlacht um Gallipoli in der Türkei und die Versenkung der „Lusitania“ am 7. Mai 1915 vor der irischen Küste durch ein deutsches U-Boot verstärkten die antideutsche Stimmung in Australien erheblich. Meier notiert am 30. Mai 1915:

Die Australier sind Ende April auf Gallipoli gelandet zur Eroberung der Dardanellen, sie haben schon viel Verluste gehabt. Diese Verluste und vor allen Dingen das Sinken der „Lusitania“ haben die Bevölkerung sehr aufgeregt. Die deutschen Klubs und Turnvereine in Melbourne sind geschlossen worden.

Die neue Hütte

Im Mai 1915 ist auch die Hütte fertiggeworden, dessen Miteigentümer Meier war:

Langwarrin, den 30. Mai 1915

Vor 8 Tagen bin ich zusammen mit Herrn Kamenz und Kreth in unser neuerbautes Häuschen eingezogen, welches wir nach der neuesten Mode aus Buschwerk erbaut haben. Es ist 4 m lang und 4 m breit, die Wände sind aus Busch hergestellt und mit Lehm bedeckt, das Dach ist mit Wellblech gedeckt. Drei Fenster geben die nötige Helligkeit und da es hier oft sehr kalt ist, haben wir auch einen Ofen eingebaut. Dieser wurde aus einem kleinen Ölfaß hergestellt, welches mit Tür, Aschfall, Rost und Schornstein versehen einen sehr praktischen Dauerbrenner gab. Der Schornstein wurde aus ineinander gesteckten Konservenbüchsen gemacht. Einen Tisch, 4 Bänke und eine Garderobe haben wir aus Kistenholz angefertigt. So wohnen wir jetzt warm und gemütlich, nachdem wir 12 Wochen im Zelt gewohnt hatten.

Seit 1. Mai bekamen Kapitäne, Offiziere und Ingenieure ein Taschengeld: 4 Shilling/Woche so dass sie kleine Ausgaben tätigen konnten. Meier notiert im gleichen Eintrag vom 30. Mai weiter:

Da wir von der Regierung nur einen Blechteller und Becher bekamen, so hat die Mehrzahl von uns selbst Porzellanteller und Tassen angeschafft.
Ebenfalls müssen wir zwei Stewards für unser Meßzelt selbst bezahlen, die anderen beiden bezahlt der Mayor Lloyd. Die Stewards bekommen 1 S (1 M) pro Tag.

Anmerkung: Mayor Lloyd war der Lagerkommandant.

Im Mai wurde gegen die Langeweile im Camp ein Turnverein gegründet.

Am 3. Juni notiert Meier, dass das Lesen von Zeitung wieder erlaubt war. Daraus erfuhren die Camp-Bewohner im Juli auch, dass geplant war, alle Deutschen nach New South Wales zu verlegen.

Langwarrin Camp 1917

Langwarrin Camp, Rotkreuz-Baracke, Aufnahme von 1917, zu dieser Zeit diente das Camp bereits als Krankenstation des australischen Militärs für Geschlechtskrankheiten; Quelle: Australian War Memorial, AO3662

Tödlicher Zwischenfall

Am 30. Juni 1915 kam es im Matrosen-Lager Langwarrin zu einem tödlichen Zwischenfall, wörtlich schreibt Meier von einem tragischen Vorfall.

Ein Matrose kam der Aufforderung, sich von einem Frischwassertank in der Nähe des Lagereingangs zu entfernen, nicht nach, was eventuell auf Sprachproblemen beruhte. Die Lagerwache legte daraufhin mit dem Gewehr an und der Matrose erlitt einen Durchschuss des Unterleibes. Er wurde schwer verwundet, überlebte die Verletzung jedoch. Die durchgeschlagene Kugel traf aber einen Österreicher in seinem Zelt in die Brust; er starb noch am gleichen Abend im Hospitalzelt.

Lagerkommandant Mayor Lloyd bedauerte gegenüber den Gefangenen den Zwischenfall; er ließ alle Wachen ersetzen.

Verlegung nach New South Wales

Im August wurden die Pläne der Verlegung der Gefangenen konkret:

Langwarrin, den 17. August 1915.

Nachdem wir 7 Wochen in Ungewißheit waren, ob wir von hier fortkommen oder nicht, wurde und am letzten Sonntag mitgeteilt, daß wir am Donnerstag, den 19. d. M. mittels Eisenbahn nach den Concentration Camps von New-South-Wales transportiert werden sollen. Die Mannschaften sollen nach Liverpool und die Schiffsoffiziere nach Berrima.

Der vierte Offizier Meier sollte allerdings enttäuscht werden. Das Lager Berrima war zu diesem Zeitpunkt schon völlig überfüllt und so kamen nur die höheren Dienstgrade dorthin. Er selbst musste vorläufig im Mannschaftslager in Liverpool (Holsworthy) bleiben.

Im Dezember 1915 wurde Meier dann in das Lager Trial Bay überstellt. Dieses Lager war ebenfalls in New South Wales, hier waren meist höhergestellte Deutsche oder Deutschstämmige interniert, wie Geschäftsleute, Akademiker und Schiffsoffiziere.

Eine gute Übersicht über die australischen Internierungslager gibt es hier (in englischer Sprache):
http://www.migrationheritage.nsw.gov.au/exhibition/enemyathome/the-enemy-at-home/index.html

Demnächst im Blog

Das Lager Liverpool/Holsworthy bei Sydney war das größte Kriegsgefangenenlager in Australien und hatte die Einwohnerzahl einer Kleinstadt. In einem Eintrag Ende November 1915 spricht Meier von 3300 Mann.

Seine Tagebucheinträge zwischen August und Dezember 1915 geben einen Eindruck von diesem Lager, in dem auch Seeleute der „Fürth“ interniert waren, die im Herbst 1915 von Ceylon dorthin gebracht worden waren.

Copyright-Hinweis

Auf dem Tagebuch ist ein © Copyright, das nach dem Zeitpunkt des Todes des Verfassers für 70 Jahre fortbesteht.

Das Todesdatum des Schiffsoffiziers Meier ist mir nicht bekannt und ich konnte es auch nicht in Erfahrung bringen. Ich weise deshalb darauf pflichtgemäß darauf hin, dass deshalb noch ein © Copyright auf dem Tagebuch bestehen könnte.

Rottnest Island Internment Camp, 1914-1915

Rottnest Island: Die Internierung deutscher Seeleute in Westaustralien

Das Schicksal der Seeleute der „Neumünster“

Titelbild: Lagerkapelle, Rottnest Island, Foto von Karl Lehmann, Quelle: commons.wikimedia; File:The camp band, Rottnest Island, Western Australia, ca. 1915 – Karl Lehmann (16651432240).jpg
Ganz links im Bild (stehend mit Geige) ist der Matrose Erich Czech zu sehen, er kam mit der „Neumünster“ nach Australien.

Die „Neumünster“

Die „Neumünster“ war ein Schiff der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft (DADG) und ein Schwesterschiff der „Fürth“. Über das Schiff hatte ich mehrfach hier im Blog berichtet, einen Überblick über die Geschichte dieses Dampfers finden Sie hier: Schwesterschiffe der „Fürth“: Die „Neumünster“

Einen besonderen Einblick in die letzte Fahrt des Schiffes vor dem Ersten Weltkrieg gibt uns ein im Nationalarchiv Westaustraliens erhaltenes Tagebuch. Auszüge daraus habe ich hier ebenfalls vorgestellt: Aus dem Logbuch des Schiffes „Neumünster“

Der Erste Weltkrieg bricht aus

Die „Neumünster“ hatte den Hamburger Hafen am Samstag, den 27. Juni 1914 um 20.41 Uhr verlassen und danach noch in Rotterdam und Antwerpen angelegt.

Nach dem Ablegen von Antwerpen am 4. Juli 1914, am Abend um 20.30 Uhr, hatte die „Neumünster“ keinen Kontakt mehr zur Außenwelt. Das Schiff hatte keine Telegrafenanlage an Bord.

Von Antwerpen lief das Schiff nonstop nach Fremantle/Perth in Westaustralien. Die letzte Landpeilung war am 28. Juli 1914 das Danger Point Lighthouse zwischen dem Kap der Guten Hoffnung und Kap Agulhas in Südafrika.

Die Kriegserklärung Großbritanniens an das Deutsche Reich erfolgte am 4. August 1914. Zu diesem Zeitpunkt kämpfte sich die „Neumünster“ durch die schweren Seen der „Roaring Forties“ im südlichen Indischen Ozean. Das Schiff näherte sich also Australien an, ohne Nachricht vom Ausbruch des Krieges zu haben

16. August 1914, Indischer Ozean, einige Meilen vor Fremantle

Die Logbucheinträge des Kapitäns und seines ersten Offiziers enden mit den Routine-Einträgen am Mittag des 15. August 1915. Der letzte Eintrag erfolgte dann von zwei britischen Offizieren am 16. August, die die Übernahme der „Neumünster“ durch die Royal Navy dokumentierten.

Über den Ablauf der Kaperung der „Neumünster“ durch HMAS „Pioneer“ erfahren wir aus dem Logbuch nicht viel: die „Neumünster“ wurde um 5.40 Uhr gestoppt und angewiesen, HMAS „Pioneer“ in den Hafen Fremantle zu folgen. Die beiden britischen Offiziere kamen um 8.30 Uhr an Bord. Die lange Verzögerung hatte sich dadurch ergeben, weil schwere See ein früheres Anbordgehen unmöglich machte.

Anmerkung: HMAS steht für Her Majesty’s Autralian Ship

Aus Zeitungsmeldungen über eine Gerichtsverhandlung werden wir später erfahren, dass HMAS „Pioneer“ zwei Warnschüsse abgegeben hatte, um die „Neumünster“ zu stoppen.

Das Kriegsschiff fuhr ohne Licht auf das unbekannte Schiff zu. Erst als es sich bis auf eine Dreiviertelmeile genähert hatte, schaltete die Pioneer die Schiffsbeleuchtung an, umrundete das abgefangene Boot von Steuerbord nach Backbord und sandte eine Botschaft, in der nach dem Namen des Schiffes gefragt wurde. Außerdem wurde ein Schuss über Bug gefeuert, verbunden mit der Aufforderung anzuhalten. Als keine Reaktion erfolgte, wurde ein zweites Mal gefeuert. Erst darauf hielt das Dampfschiff an.
Zitat in deutscher Übersetzung aus: Alexandra Ludewig, Versuche einer Visualisierung: Deutsch-Australische Bilder aus dem Ersten Weltkrieg in Westaustralien; Zeitschrift für Australienstudien (ZfA) 27/2013; https://australienstudien.org/ZfA/2013%2027/ZfA_27-2013_67-85_Ludewig.pdf

Kapitän Carl Herrmann wird später aussagen, dass er gedacht habe, die Schüsse seien abgegeben worden, um ihn vor Riffen/Untiefen zu warnen. Es war seine erste Fahrt als Kapitän und er kannte die Gewässer vor der australischen Westküste noch nicht. Auch hielt er das andere Schiff in der Dunkelheit und den stürmischen Bedingungen zunächst für einen Lotsen.

Nach der Eskortierung der „Neumünster“ wurde in den Hafen von Fremantle kamen bewaffnete Wachen an Bord. Die Mannschaft musste bis zum 21. August 1914 an Bord bleiben, sie durfte das Schiff nicht verlassen.

Neumunster, German-Australian Line, August 1914

Das bewachte Dampfschiff “Neumünster” im Hafen von Fremantle, Zeitungssausschnitt, Quelle: National Library of Australia

Am 21. August 1914 wurden alle Mannschaftsmitglieder zu einem anderen Schiff im Hafen gebracht, welches sie nach Rottnest Island bringen sollte.

Fremantle Wharf, German Prisoners, August 1914

Bewaffnete Soldaten bringen deutsche Kriegsgefangene zum Kai nach Fremantle, Western Mail, Perth, 21. August 1914, Quelle: http://www.trove.nla.gov.au

Fremantle Harbour, German Prisoners, August 1914

Die deutschen Gefangenen bei der Einschiffung in Fremantle auf dem Weg nach Rottnest Island, wo sie interniert wurden, Western Mail, Perth, 21. August 1914, Quelle: http://www.trove.nla.gov.au

Rottnest Island: Gefängnis, Lager und Ferienparadies

Rottnest Island oder Wapjemup in der Sprache der Aborigines liegt etwa 9 Seemeilen vor der australischen Westküste bei Perth/Fremantle und hat eine Länge von 11 Kilometern.

Die Insel hatte eine dunkle Vergangenheit als Gefängnis für Aborigines. Von 1839 bis 1904 kamen rund 370 Inhaftierte durch Krankheiten ums Leben, mindestens fünf wurden gehängt. Sie wurden auf dem Wadjemup Aboriginal Burial Ground begraben.

Ab August 1914 wurde dort in aller Eile ein Kriegsgefangenenlager eingerichtet, in das deutsche und österreich-ungarische Staatsangehörige gebracht wurden.

Die Insel war wenige Tage nach dem Ausbruch des Krieges unter Militärverwaltung gestellt und als Internierungslager hergerichtet worden. Nun wurden Wachen mobilisiert, Vorräte zusammengetragen und alles Notwendige mit kleinen Passagierdampfern auf die neun Meilen vom Festland entfernte Insel transportiert.
Zitat aus: Alexandra Ludewig, Versuche einer Visualisierung: Deutsch-Australische Bilder aus dem Ersten Weltkrieg in Westaustralien; Zeitschrift für Australienstudien (ZfA) 27/2013; https://australienstudien.org/ZfA/2013%2027/ZfA_27-2013_67-85_Ludewig.pdf

Die ersten Gefangenen waren Besatzungen der feindlichen Handelsschiffe. Denn neben dem Schiff „Neumünster“ waren auch zwei Schiffe des Norddeutschen Lloyd in Fremantle festgesetzt worden: die „Thüringen“ und die „Greifswald“.

Zu den Schiffsbesatzungen hinzu kamen später viele Gefangene, die in den Goldminen um Kalgoorlie oder in Holzfällersiedlungen gearbeitet hatten. Sie hatten meist Österreichisch-Ungarische Staatsbürgerschaft; es waren überwiegend Männer vom Balkan, zum Beispiel Serben und Kroaten.

Die Zahl der Gefangenen auf Rottnest Island wuchs bis zum Herbst 1915 auf über 1000 Personen an, es waren nur Männer.

Rottnest Island, about 1920

Rottnest Island, 20er Jahre, National Library of Australia über https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rottnest_map_nla.jpg

Primitive Unterkunft

Während die Schiffsoffiziere das Privileg genossen, in festen Unterkünften eines ehemaligen Gefängnisses (The Quod) und einer Erziehungsanstalt (State Hostel) zu wohnen, musste die Mehrzahl der Gefangenen in Zelten leben, die kaum Schutz vor der Kälte des Winters oder der Hitze des Sommers gaben. Im Laufe des Jahres 1915 ankommende Männer mussten ihre Zelte schließlich selbst aufbauen.

Ein großes Problem auf der Insel war die Versorgung der Menschen mit Frischwasser, aber auch der ganze Proviant musste vom Festland herangeschafft werden.

Die Insellage des Lagers hatte aber auch gewisse Vorteile. Die Gefangenen konnten sich relativ frei bewegen, denn die gut 16 Kilometer bis zum Festland bildeten eine natürliche Barriere.

Die Internierten durften außerhalb des Lagers schwimmen und angeln oder im Laden der Siedlung einkaufen, eine Freiheit, die schon allein deshalb notwendig war, weil sich die Gefangenen weitgehend selbst versorgen mussten. In den Anfangszeiten des Internierungslagers wurden die abgezählten Lebensmittel, darunter auch Fleisch (Hammel) und Gemüse, vor jedem Zelt abgelegt, und die Gefangenen mussten selbst kochen. Einige Monate später wurden die Vorräte auf den Proviantplatz in der Nähe des Haupteingangs gebracht und pro Zelt wurde eine Person abgestellt, die den jeweiligen Anteil abholen sollte. Darüber hinaus gab es einen Gefangenen, “der Bäcker war” und das Lager mit Brot versorgte (O’Donoghue 9).
Zitat aus: Alexandra Ludewig, Versuche einer Visualisierung: Deutsch-Australische Bilder aus dem Ersten Weltkrieg in Westaustralien; Zeitschrift für Australienstudien (ZfA) 27/2013; https://australienstudien.org/ZfA/2013%2027/ZfA_27-2013_67-85_Ludewig.pdf

Rottnest Island Internment Camp, 1914-1915

Lagerinsassen beim Boxkampf; Rottnest Island, Foto von Karl Lehmann, Quelle: commons.wikimedia; File:Internees‘ boxing match, Rottnest Island, Western Australia, ca. 1915, 2 – Karl Lehmann (34735917032).jpg

Erich Czech, Karl Lehmann und Otto Ferdinand Dreissig

Drei Seeleuten ist es zu verdanken, dass vom Rottnest Island Internment Camp Bilder und Zeichnungen vorhanden sind.

Erich Czech war Matrose auf der „Neumünster“. Er hatte die Abfahrt des Schiffes in Hamburg verpasst und war auf eigene Faust nach Antwerpen gereist und meldete sich dort beim Kapitän:

Erich Czech, Berlin, Schiff Neumünster

Schiffstagebuch der „Neumünster“, Juni bis August 1914, © State Archives of Western Australia, Perth, Cons. 4230/1

Er machte einige Zeichnungen vom Lager und spielte auch in der „Lagerkapelle“ (siehe Titelbild).

Karl Lehmann war dritter Offizier auf der „Greifswald“ und Amateurfotograf. Er durfte nach der Festsetzung überraschenderweise seine Kamera behalten und machte über 300 Fotos.

Otto Ferdinand Dreissig schließlich ist es zu verdanken, dass es eine detailgetreue Karte des Internierungslagers gibt.

Mehr über die drei Seeleute erfahren Sie bei:
Alexandra Ludewig, Versuche einer Visualisierung: Deutsch-Australische Bilder aus dem Ersten Weltkrieg in Westaustralien; Zeitschrift für Australienstudien (ZfA) 27/2013; https://australienstudien.org/ZfA/2013%2027/ZfA_27-2013_67-85_Ludewig.pdf

Dort finden Sie auch einige der Zeichnungen und Fotos.

Aufgabe des Lagers auf Rottnest Island im November 1915

Das Lager Rottnest wurde im November 1915 aufgegeben und alle Gefangenen wurden mit einem Schiff in Lager nach New South Wales verbracht. Geringere Verwaltungskosten wurden als Grund aufgeführt.

Am 22. November 1915 legte das Linienschiff SS „Demosthenes“ abends um 21 Uhr ab.
Zitat aus: Alexandra Ludewig, Versuche einer Visualisierung: Deutsch-Australische Bilder aus dem Ersten Weltkrieg in Westaustralien; Zeitschrift für Australienstudien (ZfA) 27/2013; https://australienstudien.org/ZfA/2013%2027/ZfA_27-2013_67-85_Ludewig.pdf

GERMAN PRISONERS.
REMOVED FROM ROTTNEST ISLAND
SENATOR PEARCE’S EXPLANATION.
* Melbourne, Nov. 26.
The Minister for Defence (Senator Pearce) referred to-day to the fact that the German prisoners had been removed from Western Australia. It seems, said the Minister, that some people think Western Australia is being singled out for special treatment. This is not so. It was decided some time ago to concentrate German prisoners from all the States in the Commonwealth military training area at Liverpool, New South Wales, where we have between 40,000 and 50,000 acres of land, mostly scrub.

A large number of prisoners were being employed clearing scrub to make the land available for military purposes. This concentration also lessens the cost of administration, as the administration of one concentration camp costs less than six separate ones. It has been found far more satisfactory to have all the prisoners in one area, and Western Australia is not being treated differently to other States.

The West Australian, Perth, Sa. 27. November 1915, S. 11, GERMAN PRISONERS; Quelle: http://www.trove.nla.gov.au

 

Holsworthy, Trial Bay und Berrima Internment Camps

In der Tat wurden in der zweiten Jahreshälfte 1915 auch andere Camps in Australien aufgegeben und die Gefangenen in das Lager Holsworthy bei Liverpool gebracht, das etwa 30 Meilen südwestlich von Sydney lag.

Anmerkung: Das Holsworthy Internment Camp findet sich auch unter der Schreibweise Holdsworthy Internment Camp oder auch unter dem Namen Liverpool (Internment) Camp.

Die Offiziere der Handelsschiffe wurden nach Trial Bay gebracht, eventuell auch nach Berrima.

In das alte Gefängnis Trial Bay Goal und darum herum waren deutsche Zivilisten aus der Oberschicht gebracht worden, wie Konsuln, Geschäftsleute, Akademiker und andere.

Das Berrima Internment Camp lag in New South Wales etwa 130 Km SW’ von Sydney. Ab März 1915 waren hier Offiziere deutscher Handelsschiffe und auch Offiziere von SMS „Emden“ einquartiert worden. Das alte Gefängnis war für 140 Gefangene und ihre Aufseher konzipiert. Ende 1915 gab es etwa 200 und 1918 dann rund 300 Häftlinge.

In Berrima hatten die Gefangen das Privileg, dass sie nur die Zeit zwischen dem Abend- und dem Morgenappell im Camp verbringen mussten, tagsüber hatten sie die Möglichkeit, sich im Ort frei zu bewegen.

Mehr zu diesen und weiteren Camps demnächst hier im Blog.

Rottnest Island wird wieder Ferieninsel

Nach dem Abtransport aller Lagerinsassen, wurde Rottnest Island für die Weihnachtsfeiertage 1915 wieder als Ferieninsel freigegeben.

ROTTNEST ISLAND.
In the Legislative Assembly last week, in reply to Mr. Smith, the Attorney-General stated that an endeavour would be made to have Rottnest Island available to the public by Christmas, at all events for campers providing their own equipments. The buildings require considerable renovations and the camps were useless. What could be reasonably done in the short time available would be done.
Western Mail, Fr. 3. Dezember 1915, S. 2

Außer einer weiteren Schließung der Insel von 1940 bis 1945 ist Rottnest Island eine Ferieninsel geblieben. Heute erinnert nur noch wenig an die Vergangenheit als Gefängnis und Lager.

Demnächst im Blog

Die anderen Internierungslager für Enemy Aliens in Australien, vor allem Holsworthy, das größte Internierungslager auf dem australischen Kontinent.

Die Camps in Südostasien, darunter das Camp Diyatalawa auf Ceylon, waren wie Rottnest Island ebenfalls im Herbst 1915 aufgegeben worden.

Die auf Ceylon verbliebenen Seeleute der „Fürth“ und anderer Handelsschiffe waren anschließend nach Holsworthy transportiert worden. Sie müssen dort auf viele Kollegen aus den Mannschaften der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft (DADG), des Norddeutschen Lloyd (NDL), der Hamburg-Amerika Line (HAPAG) und der DDG Hansa getroffen sein.

Die Schiffsoffiziere dieser Reedereien trafen sich unter privilegierteren Umständen in den Lagern Trial Bay oder Berrima wieder.