Schlagwort-Archive: Gutierrez Hermanos

Vairon, Schwenn et Cie.

Sherry für die Dominikanische Republik

Titelbild: Rechnung über Transportgebühren des Schiffsmaklers „Vairon, Schwenn & Co.“ an die Brüder Gutieres in Jerez de la Frontera vom 10. Oktober 1910 (eigene Sammlung)

Bei meinen Recherchen zu dem Artikel „Das Dampfschiff Fürth in Le Havre“ bin ich bei einer spanischen Auktionsplattform auf ein interessantes Dokument gestoßen, das ich erworben habe und Ihnen vorstellen möchte.

Es handelt sich um eine Rechnung des Maklers der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft (DADG) in Le Havre, der Firma Vairon, Schwenn & Co, vormals Aug. Bulcke, Vairon & Cie.

Gegenstand der Rechnung, die am 10. Oktober 1910 an die Brüder Gutierrez in Jerez de la Frontera gestellt wurde, sind Transportgebühren für eine Lieferung von Wein und Sherry nach „Monte Christy“ in der Dominikanischen Republik. Durchgeführt wurde die Lieferung ab Antwerpen mit dem Schiff „Schaumburg“, einem Passagier- und Frachtschiff der Hamburg-Amerika Linie (HAPAG).

Der Gesamtbetrag beläuft sich auf 205 Francs und 95 Centimes.

Monte Christy

In der heutigen Schreibweise Monte Christi oder auch ausführlicher San Fernando de Monte Christi ist ein Küstenort in der Dominikanischen Republik unweit der Grenze zu Haiti. Der Ort war Handelszentrum für Bananen, Reis und Kaffee.

Da die Stadt über keinen eigenen Handelshafen verfügte, dürfte der Transport auf dem Seeweg nach Santo Domingo, der Hauptstadt der Dominikanischen Republik, erfolgt sein und anschließend auf dem Landweg nach Montechristi. Auf der Rechnung ist dementsprechend ein Posten „Camionnage“, also Straßentransport, angegeben.

Montechristi, Dominikanische Republik, um 1900
Montechristi, Teilansicht, um 1900; Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Montecriti,_Dominican_Republic_1900s.jpg (sic)

Die Lieferung

Die Rechnung weist „40 cs vin-liqueurs“ aus, also vierzig Kisten Likörwein. Bei dem Ursprungsort Jerez de la Frontera kann es sich dabei nur um Sherry handeln. Außerdem wurde noch ein „fut vin“ also ein Fass Wein nach Monte Christy transportiert.

Zu dem Rechnungsadressaten lässt sich nicht viel herausfinden. Die Brüder Gutierrez (Gutierrez Hermanos) waren Erzeuger und Händler, die wohl hauptsächlich für den Export gearbeitet haben. Im Angebot waren Weine und Spirituosen, wobei der damals sehr beliebte Sherry sicher den Hauptanteil ausgemacht haben dürfte.

Das Unternehmen hatte seinen Sitz in Jerez de la Frontera, der Verschiffungshafen war Cadiz. Wie viele andere Erzeuger und Händler ist die Firma heute vom Markt verschwunden, die Spuren, die sie hinterlassen hat, sind rar.

Das Schiff „Schaumburg“

Durchgeführt wurde die Lieferung mit dem kombinierten Passagier- und Frachtschiff „Schaumburg“.

Die “Schaumburg” war 1892 als „Gulf of Siam“ von Caird & Company in Greenock (am Firth of Clyde, westlich von Glasgow) für die Gulf Line Association Co. gebaut worden. Das Passagier- und Frachtschiff (Kombischiff) hatte 3.433 Bruttoregistertonnen bei einer Länge von 350 Fuß (knapp 107 m).

Die 1879 gegründete Reederei betrieb ursprünglich eine Linie in den Persischen Golf und später eine zweite in den Golf von Mexiko. 1899 folgte die Umbenennung in Gulf Linie, die 1902 von Furness, Withy & Co. übernommen wurde.

Diese wiederum verkaufte die „Gulf of Siam“ und drei andere Schiffe 1903 an die Hamburg-Amerika Linie, die das Schiff in „Schaumburg“ umbenannte. Die „Schaumburg“ wurde auf den Routen in den Golf von Mexiko eingesetzt.

Anmerkung: Die drei anderen Schiffe erhielten die Namen „Altenburg“, „Mecklenburg“ und „Schwarzburg“.

In Zusammenhang mit unserer Rechnung interessiert uns der Oktober1910.

Von Hamburg kommend passierte Schaumburg am 8. Oktober 1910 Cuxhaven mit Ziel West-Indien/Mexiko. Als einer der Zielhäfen wird unter anderem Sankt Thomas angegeben, eine damals noch zu Dänemark gehörende Karibikinsel.

Saint Thomas about 1900
Der Hafen von Sankt Thomas; stereographische Karte, um 1900; Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:StThomasWestIndies.jpg

Anmerkung: Sankt Thomas wurde 1917 von Dänemark an Amerika verkauft und Teil der Amerikanischen Jungferninseln.

Am Rechnungsdatum, dem 10. Oktober 1910 dürfte der Makler die Ware an das Schiff übergeben haben. Wenige Tage darauf, am 15. Oktober 1910, passiert das Schiff Dover in Richtung Karibik. Am 30. Oktober des Monats kam es in St. Thomas an.

Schaumburg in Sankt Thomas
Ankunft des Dampfers Schaumburg in St. Thomas, Algemeen Handelsblad, 1. Nov. 1910; Quelle: delpher.nl

Knapp vier Jahre später, zu Beginn des Ersten Weltkrieges im August 1914 suchte das Schiff Schutz vor den Alliierten im Hafen von Horta auf der Insel Faial (Azoren), im zunächst neutralen Portugal.

Im Februar 1916 wurde es dann von der portugiesischen Regierung wie weitere 71 deutsche Schiffe beschlagnahmt und von der eigens für die Verwaltung der deutschen Schiffe gegründeten Staatsreederei Transportes Marítimos do Estado in Lissabon übernommen, aber von einer britischen Reederei bereedert (gemanagt). Der Name wurde in „Horta“ geändert.

Am 8. Juli 1918 wurde die „Horta“ exSchaumburg von dem U-Boot U 73 der Kaiserlichen Marine nordöstlich von Malta versenkt.

Vairon, Schwenn & Cie.

Zu Vairon, Schwenn & Cie konnte ich bislang nur wenig finden. Das wenige sei hier noch einmal wiederholt, siehe Das Dampfschiff „Fürth“ in Le Havre

Der 1852 in Lübeck geborene Eduard Schwenn war als Angestellter für August Bulcke in Antwerpen tätig gewesen. Offenbar übernahm er die Anteile seines früheren Chefs und führte das Geschäft mit Vairon fort. Der Schiffsmakler hatte seinen Firmensitz in 1, rue Dublocage-de-Bléville in Le Havre.

Laut seinem Briefbogen war der Makler für viele Reedereien tätig. Die Namen der Linien können sie dem Briefbogen entnehmen. Die Vielzahl an Reedereien lässt darauf schließen, dass Le Havre für all diese nichtfranzösischen Linien nur eine untergeordnete Stellung hatte. In den Haupthäfen der DADG waren die beauftragten Makler nur für eine deutlich kleinere Auswahl an Reedern tätig.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber persönlich gefällt mir an diesen alten Dokumenten die Mühe, die sich die Mitarbeiter der Firmen mit ihrem Schriftbild gegeben haben. Allein die Empfängerangabe „Messieurs Gutierrez Hermanos, Jerez de la Frontera“ ist ein kleines geschwungenes Kunstwerk und zeugt von der Wertschätzung, die man seinerzeit seinen Korrespondenten entgegenbrachte.

Rechun an Gutierrez Hermanos, Jerez de la Frontera
Rechnung über Transportgebühren des Schiffsmaklers „Vairon, Schwenn & Co.“ an die Brüder Gutieres in Jerez de la Frontera vom 10. Oktober 1910 (Ausschnitt)