Seltenes Gastspiel
Titelbild: Le Havre, Quai des Casernes am Bassin du Roi, Postkarte, gelaufen 1908; eigene Sammlung.
Die Schiffe der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft (DADG) fuhren auf ihrem Rückweg von Australien beziehungsweise Niederländisch-Indien fahrplanmäßig durch den Suezkanal nach Europa zurück.
Im Mittelmeer war Marseille die einzige Anlegestation. Dann ging es in der Regel nach Amsterdam, manchmal auch über Antwerpen oder Rotterdam zurück nach Hamburg.

Ganz vereinzelt hatten die Schiffe auch genügend Fracht für die französischen Atlantikhäfen an Bord, um diese anzulaufen. Für das Dampfschiff „Fürth“ sind drei kurze Aufenthalte dokumentiert: einer in Le Havre vom 23./24. Dezember 1908, ein anderer in St. Nazaire am 10. Juni 1909 und ein dritter und letzter am 12. Juni 1909 in Le Havre.
Die kurzen Liegezeiten geben bereits einen eindeutigen Hinweis darauf, dass nicht viel Fracht abgeladen wurde. Das Schiff dürfte auch nicht in die eigentlichen Häfen eingelaufen sein, sondern die Fracht auf Reede mittels eines Leichters oder an der Pier gelöscht haben. Das sparte Zeit und Geld in Form von Hafengebühren.

Transatlantikverkehr
Seit 1847 besaß Le Havre eine Eisenbahnverbindung nach Paris. Das brachte nicht nur eine starke Ausweitung des Güterverkehrs zwischen beiden Städten, sondern auch eine starke Zunahme an Reisenden.
Über viele Jahre war die Geschichte des Hafens von Le Havre untrennbar verbunden mit dem Linienverkehr der großen französischen Reederei Compagnie Générale Transatlantique (CGT). Schiffe wie „France“ (1912), „Paris“ oder „Normandie“ waren legendäre Namen auf der Linie Le Havre – New York.

Anmerkung: Die „France“ (1912) ist nicht zu verwechseln mit dem ebenfalls sehr bekannten Transatlantikliner gleichen Namens aus dem Jahr 1960.
Voiron, Schwenn und Co.
Der Schiffsmakler der DADG in Le Havre war das Unternehmen Voiron, Schwenn und Co., vormals Aug. Bulcke, Voiron und Co.
Der 1852 in Lübeck geborene Eduard Schwenn war als Angestellter für August Bulcke in Antwerpen tätig gewesen. Offenbar übernahm er die Anteile seines früheren Chefs und führte das Geschäft mit Voiron fort. Der Schiffsmakler hatte seinen Firmensitz in 1, rue Dublocage-de-Bléville in Le Havre.
Laut seinem Briefbogen war der Makler für viele deutsche Reedereien tätig: die Hamburg-Amerika Linie, Hamburg Süd, die Roland Linie, die Woermann-Linie, die Deutsche-Ost-Afrika-Linie, die Argo-Reederei, die Deutsche-Levante-Linie und die Oldenburg-Portugiesische Dampfschiffs-Rhederei. Hinzu kommen laut Geschäftspapier von 1910 noch vier weitere ausländische Linien.
Die Vielzahl an Reedereien lässt darauf schließen, dass Le Havre für all diese nichtfranzösischen Linien nur eine untergeordnete Stellung hatte. In den Haupthäfen der DADG waren die beauftragten Makler nur für eine deutlich kleinere Auswahl an Reedern tätig.

Fleisch und Steinnüsse
Für den Aufenthalt in Le Havre vom Juni 1909 haben wir Kenntnis über die von Australien nach Le Havre transportierte Fracht: zum einen wurden in Sydney Steinnüsse (ivory nuts) für Le Havre geladen, allerdings bleibt die Mengenangabe sehr vage „a quantity of ivory nuts“. Für einen Zollbericht wahrlich keine exakte Angabe.
Für Townsville (Queensland, Australien) ist die Menge hingegen eindeutig: Hier heißt es: Havre, 935 cs meats. Die Abkürzung „cs“ steht für cases, also Kisten. Es sollte sich hier um Dosenfleisch handeln, da das Dampfschiff „Fürth“ über keine Kühlanlage verfügte.
Über das geladene Dosenfleisch und seine Verwendung lässt sich nur spekulieren. Seeleute kannten ein faseriges, billiges Dosenfleisch unter dem Namen „Kabelgarn“, da es wie das Ende eines Taus aussah (und wohl auch so ähnlich schmeckte).
Sollte sich etwa die renommierte Transatlantikreederei CGT in Australien mit billigem Dosenfleisch verproviantiert haben, dass sie dann ihren Mannschaften auf den Transatlantikfahrten vorsetzte? Nicht auszuschließen, aber auch nicht zu belegen.

Steinnüsse
Die zweite belegte Fracht für Le Havre war „ivory nuts“ (Steinnüsse, Taguanüsse).
Steinnüsse sind Produkte der Steinnusspalmen, die in Südamerika wachsen. Allerdings liefern auch Palmen aus Ozeanien Nüsse ähnlicher Qualität (Austral- oder Tahitipalmen).
Das Material der Steinnüsse sieht Elfenbein sehr ähnlich, daher auch der englische Name. Es war ein geschätzter Rohstoff der lokal wichtigen Knopfindustrie. In Deutschland waren das die Städte Schmölln in Thüringen oder Linden in Niedersachsen (heute Stadtteil von Hannover).
In Frankreich war die Stadt Méru nördlich von Paris im Departement Oise für ihre Knöpfe berühmt. Heute bewahrt dort das Musee de la Nacre et de la Tabletterie die Erinnerung an diese Tradition. Nacre heißt im Deutschen Perlmutt und verweist auf einen anderen wichtigen Rohstoff der damaligen Knopfherstellung.
Neben Knöpfen wurden aus Steinnüssen auch Schach- und Spielfiguren, Würfel, Schmuck und anderes hergestellt.

