Schlagwort-Archive: Kakao-Compagnie Theodor reichardt

Reichardt Kakao-Werk, Hamburg-Wandsbek, ohne Datum

Die Fracht des Dampfers „Fürth“: Kakao …

… und die Kakao-Compagnie Theodor Reichardt in Wandsbek

Titelbild: Fabrikansicht der Kakao-Compagnie Theodor Reichardt in Wandsbek; Postkarte (ungelaufen und undatiert), F. Bruckmann AG, München, eigene Sammlung.

Zur Fracht der „Fürth“ und anderer Schiffe der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft gehörten zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts Genussmittel wie Kaffee, Kakao oder Tee. Sie erreichten nie die großen Mengen wie zum Beispiel Kopra, also getrocknetes Nährgewebe der Kokosnuss, waren aber zumindest als Beifracht regelmäßig mit an Bord. Verschifft wurden sie von Niederländisch-Indien (heute Indonesien), Ceylon (heute Sri Lanka) oder von der indischen Malabarküste.

Kakao wurde wie viele andere Güter zu dieser Zeit in Säcken transportiert und erreichte die Häfen Europas, wie London, Amsterdam oder Hamburg. Einer der Abnehmer bei Hamburg war die Kakao-Compagnie Theodor Reichardt in Wandsbek (ab 1938 Stadtteil Hamburgs). Das Unternehmen wuchs in der 1920er Jahren zu Deutschlands größtem Hersteller von Kakao und Schokolade heran. Es beschäftigte 1923 bis zu 4000 Mitarbeiter.

Reichardt Kakaowerk, Hamburg-Wandsbek, Postkarte, undatiert
Reichardt Kakao-Werk, Wandsbek, Kakaobohnenlager mit Sacktransportanlage, Postkarte, F. Bruckmann AG München, Quelle: commons.wikimedia.org

Die Anfänge der Kakao-Compagnie Theodor Reichardt

„1892 gründete Friedrich Neumann zusammen mit seinem Schwiegervater in Halle an der Saale die Kakao-Versand-Kompagnie Theodor Reichardt. Da Hamburg seinerzeit zu den weltweit wichtigsten Rohkakaomärkten gehörte, verließ die Firma 1898 Halle und zog nach Wandsbek, damals eine preußische Stadt in Hamburgs Nähe. An der Brauereistraße ließ man eine Fabrik bauen und nannte sich von nun an Kakao-Kompagnie Theodor Reichardt GmbH.“
Quelle: hamburg.de, Kolonialakteure, 19 Biographien von Kolonialakteuren, nach denen in Hamburg Straßen benannt sind.

Die Haupteinfuhr von Kakao erfolgte aus Afrika: aus portugiesisch und britischen Kolonien und zunehmend aus den deutschen Kolonien Kamerun und Togo.

Der deutsche Kakao- und Schokoladengenuss basierte auf kolonialer Ausbeutung, die von Kolonialverbrechen begleitet waren. Mehr dazu finden Sie hier: https://www.hamburg.de/resource/blob/148574/fbe32db742a8647238705d7c134b4653/neumann-reichardt-strasse-data.pdf

1913 sollen 50.000 Tonnen Kakao nach Deutschland eingeführt worden sein, 7000 davon zu Reichardt (gleiche Quelle).

Reichardt Kakaowerk, Wandsbek, Postkarte, undatiert
Röstapparate der Kakao-Compagnie Theodor Reichardt in Wandsbek; Postkarte (ungelaufen und undatiert), F. Bruckmann AG, München, eigene Sammlung

Das Werk in Wandsbek

Die Kakao-Compagnie Theodor Reichardt wuchs schnell zu Wandsbek größtem Unternehmen heran. Hatte das Werk 1899 noch 75 Mitarbeiter, waren 1907 schon 591 und im Jahr 1911 bereits 868 Menschen bei Reichardt beschäftigt.

Reichardt verfügte über ein riesiges Lager zum Zwischenlagern der angelieferten Rohbohnen sowie ebenfalls immense Produktionsräume zum Reinigen, Rösten, Mahlen und Pressen.

Auf den damals sehr beliebten Ansichtskarten stellte sich das Unternehmen werbewirksam dar. Einige davon sind in diesem Artikel abgebildet.

Reichardt Kakaowerk, Wandsbek, Mahlwerke, Postkarte, undatiert
Kollergänge (Mahlwerke) der Kakao-Compagnie Theodor Reichardt in Wandsbek; Postkarte (ungelaufen und undatiert), F. Bruckmann AG, München, eigene Sammlung

Das Wandsbeker Werk bot seinen Mitarbeitern zahlreiche Sozialleistungen, die für die damalige Zeit vorbildlich waren: günstigen Waren- und Lebensmitteleinkauf, Betriebskantine („Speiseanstalt“) mit Freigetränken, gestellte Arbeitskleidung, Dusch- und Schwimmbäder (natürlich streng nach Geschlechtern getrennt) sowie ein Wohnheim.

Wo viel Licht ist, ist natürlich auch viel Schatten: den Mitarbeitern war es verboten, sich gewerkschaftlich zu organisieren.

Eine ausführlichere Darstellung zu den Sozialeinrichtungen und zum gesamten Unternehmen gibt es bei der Wandsbeker Geschichtswerkstatt: https://geschichtswerkstatt.jimdoweb.com/gewerbe/schokolade-aus-wandsbek/

Reichardt Kakaowerk, Wandsbek, Postkarte, undatiert
Reichardt Kakao-Werk, Wandsbek, Brause- und Schwimmbad für Arbeiterinnen, Postkarte, F. Bruckmann AG München, Quelle: commons.wikimedia.org

Der „Kakaokrieg“ in den Jahren 1912/1913

Das Ziel der Kakao-Compagnie Theodor Reichardt war es, das Luxusgut Kakao einem breiten Publikum zu einem erschwinglichen Preis zugänglich zu machen. Durch die Unternehmensgröße profitierte er von den Economies of Scale (Skaleneffekte), also günstigeren Kosten durch Massenproduktion.

Gleichzeitig betonte der Kakao- und Schokoladenfabrikant die einzigartige Qualität seiner Produkte und warb mit dem Slogan „Reichardt – der Reinste! Reichardt – der Feinste!“.

Begründet hatte das Reichardt damit, „dass die Rohbohnen nach der Röstung nicht nur von den Schalen, sondern auch von den die völlige Reinheit und den Genußwert beeinträchtigenden Samenhäutchen und Keimen befreit werden“.
Quelle: Anzeige der Fa. Reichardt, Bergedorfer Zeitung, 2. April 1912, Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, Hamburger Zeitungen Digital, zeitungen.sub.uni-hamburg.de.

Diese Überlegenheit seiner Qualität propagierte Reichardt in ganzseitigen Zeitungsanzeigen in zahlreichen Medien.

Das konnte den anderen Herstellern nicht gefallen. Gegen „unwahre Behauptungen“ der Firma Reichardt strengten sie daraufhin einen Prozess gegen unlauteren Wettbewerb an, den sie in den beiden ersten Instanzen gewannen.

Diesen Sieg vor Gericht kosteten die im Verband der Deutschen Süßwarenhersteller organisierten Unternehmen aus, in dem sie ihrerseits die Firma Reichardt an den Pranger stellten:

Anzeige im "Kakaokrieg", Januar 1913
Anzeige des Verbandes der Deutschen Schokoladenfabrikanten (Ausschnitt), Hamburger Fremdenblatt, 23. Januar 1913; Quelle: Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, Hamburger Zeitungen Digital, zeitungen.sub.uni-hamburg.de

Unter den sehr zahlreichen Unterzeichnern der Anzeige finden Sie einige, noch heute bekannte Marken der Süßwarenindustrie, wie zum Beispiel Sarotti, Sprengel oder Stollwerck.

Die tausend Mark Geldstrafe (siehe Bild oben) dürfte Reichardt aus der Portokasse bezahlt haben. Die Inserenten setzten hier wohl eher auf die psychologische Wirkung bei den Lesern, sprich Konsumenten. Für diese waren tausend Mark eine stattliche Summe, wenn man bedenkt, dass ein Arbeiter am Monatsende vielleicht mit fünfzig Mark nach Hause gegangen ist.

Der Slogan „Reichardt – der Reinste! Reichardt – der Feinste!“ wurde dann im Mai 1913 endgültig vom Reichsgericht aus dem Verkehr gezogen. 23 Mitglieder des Verbandes der Deutschen Schokoladenfabrikanten hatten vor dem Reichsgericht eine Unterlassungsklage wegen unlauteren Wettbewerbs erhoben.

Das Reichsgericht folgte den Rechtsauffassungen des Landgerichts Altona sowie des Oberlandesgerichts Kiel, die Reichardt jeweils verurteilt hatten. Gegen beide Urteile hatte Reichardt Revision eingelegt.

Quelle: Der Reichardt-Kakao, „der Reinste, der Feinste“ vor dem Reichsgericht. Hamburger Echo, 24. Mai 1913, Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, Hamburger Zeitungen Digital, zeitungen.sub.uni-hamburg.de

Stein des Anstoßes: "Reichardt der Reinste, Reichard der Feinste", 1912/1913, Werbung des Herstellers
„Reichardt der Feinste“; die markante Wortmarke der Firma Reichart, hier aus einer Anzeige in der Bergedorfer Zeitung vom 2. April 1912; Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, Hamburger Zeitungen Digital, zeitungen.sub.uni-hamburg.de

Die 1920er Jahre – Höhepunkt und Schließung der Reichardt-Werke

Die 1920er Jahre hatten für die Kakao-Compagnie Theodor Reichardt zunächst gut begonnen. Das Unternehmen wuchs 1923 zum größten Kakao- und Schokoladenwerk Deutschlands mit rund 4000 Mitarbeitern heran.

1925 mussten durch die schwierige wirtschaftliche Lage jedoch wieder 2800 davon entlassen werden.

Schlimmer kam es 1928: Der 70jährige Firmeninhaber Neumann-Reichardt verkaufte sein Unternehmen und zog sich zurück. Die neuen Eigentümer, ein Bankenkonsortium zusammen mit dem Lebensmittelproduzenten Schicht aus Aussig, schlossen den Produktionsstandort Wandsbek ganz.

Heute ist der Standort der ehemaligen Kakao- und Schokoladenfabrik ein Gewerbepark.

Das Unternehmen Schicht wiederum ging mit der niederländischen Margarine-Union und den britischen Lever Brüdern zusammen. Daraus wurde – Sie ahnen es – Unilever.

Anzeige der Kakao-Compagnie Theodor Reichardt aus dem Jahr 1899
Anzeige der Kakao-Compagnie Theodor Reichardt, in Hamburgischer Correspondent, 30. April 1899, Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, Hamburger Zeitungen Digital, zeitungen.sub.uni-hamburg.de

Neben Kakao und Schokoladen bewarb das Unternehmen 1899 auch Tees, damals noch mit „Th“. Interessant finde ich die Aussage „Reichardt’s Kakao – ein Männerkakao“. Was ich mir darunter wohl vorzustellen habe?