Archiv für den Monat Juni 2026

runners at the starting line, camp Hot Springs, North Carolina 1917/1918

Gefangen in Hot Springs, NC – Lagerleben auf Bildern des Schiffsoffiziers Julius Hagenah

Titelbild: Läufer am Start, Sportfest in Hot Springs, NC; Foto aus dem Album von Julius Hagenah, 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Der Beitrag setzt die Serie von Artikeln, die das Leben im Internierungslager Hot Springs, North Carolina, auf den Aufnahmen des Schiffsoffiziers Juluis Hagenah dokumentieren, fort.

Zur Erinnerung: Nach dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg waren im Frühjahr 1917 die deutschen Seeleute von in amerikanischen Häfen liegenden deutschen Schiffen geholt und interniert worden. Die Seeleute der deutschen Handelsmarine in Hot Springs, North Carolina.

Die Links zu den vorangegangenen Berichten aus Hot Springs finden sie am Ende dieses Beitrages.

Sport und Sportfeste

Für Männer, die regelmäßige und zum Teil schwere Arbeit gewohnt waren, war die erzwungene Untätigkeit des Lageralltags eine Strafe. Die Erhaltung der körperlichen Leistungsfähigkeit stand daher für viele Seeleute im Mittelpunkt des Lagerlebens.

Auf der folgenden Abbildung sehen wir eine Männergruppe, die an einem improvisierten Reck trainieren.

gymnast at the high bar, Hot Springs, North Carolina, Internment Camp 1917/1918
Turnübungen am Reck, Foto aus dem Album von Julius Hagenah, 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Die sportliche Betätigung gipfelte in Sportfesten, die neben den Beteiligten auch eine große Zuschauerschar anzogen.

sports festival, Hot Springs internment camp, 1917/1918
Sportfest mit vielen Zuschauern und Hund, Foto aus dem Album von Julius Hagenah, 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Theater und Kabarett

Komödien und Schwänke standen bei den Theateraufführungen im Vordergrund. Sehr beliebt, und das nicht nur in Hot Springs, sondern auch in allen anderen Internierungslagern während des Ersten Weltkrieges über die ich hier berichtet hatte, waren die Stücke von Gustav Kadelburg.

Auf dem folgenden Foto sehen wir eine Szene aus seinem Schwank in einem Akt „In Civil“.

Am bekanntesten von Kadelburg ist sein mit Oscar Blumenthal verfasstes Lustspiel „Im weißen Rössl“ aus dem Jahr 1898. Das liegt sicher auch daran, dass das Stück später als Vorlage für ein Singspiel (1930) diente und mehrfach verfilmt wurde.

theater in Hot Springs, North Carolina 1917/1918
„In Civil“, Theater im Lager Hot Springs, NC; Foto aus dem Album von Julius Hagenah, 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Neben Theaterstücken erfreuten sich Kabarettabende großer Beliebtheit. Im folgenden Foto mit „Timur Dar und seiner Truppe“, die die Zuschauer für eine kurze Zeit in die Welt des Orients entführten.

Cabaret in Hot Springs, North Carolina, 1917/1918
Kabarett im Lager Hot Springs, NC; Foto aus dem Album von Julius Hagenah, 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

An Silvester 1917/1918 hatten die Seeleute Spaß mit einer bayerischen Trachtengruppe:

cabaret in Hot Springs, North Carolina, New Year's Eve 1917/1918
Silvester 1917/1918, Kabarettabend im Lager Hot Springs, NC; Foto aus dem Album von Julius Hagenah; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Nicht im Bild festgehalten hat Julius Hagenah die Konzerte im Lager: Neben den vielen Seeleuten war nämlich auch das komplette kaiserliche Orchester des dritten Seebataillon aus dem chinesischen Protektorat Tsingtao im Jahr 1918 in Hot Springs angekommen. Ihre Konzerte brachten den Gefangenen einige Abwechslung, waren aber auch bei der einheimischen Bevölkerung äußerst beliebt (die den Konzerten von der Plattform des Bahnhofs außerhalb des Lagers zuhören und zusehen konnten). In dem kleinen Ort, der aus nicht einmal 500 Einwohnern bestand, dürfte es sonst nur wenig kulturelle Angebote gegeben haben.

Mündlich ist von Julius Hagenah überliefert, dass im Lager auch Vorträge über Musik gehalten wurden. Der Orchesterleiter des Seebataillons könnte diese organisiert haben.

Ebenfalls hat Hagenah mitgeteilt, dass Unterricht in Seefahrtskunde im Camp stattfand. Nachdem die USA in ihren Häfen 94 deutsche Dampfschiffe beschlagnahmt hatten (Quelle: The New York Herald, 7.4.1917) bestand an Lehrern wahrlich kein Mangel. Nach Aussage Hagenahs haben ihm die Stunden im Lager später bei seiner Ausbildung und Prüfung in Hamburg sehr geholfen.

Swimmingpool und Speiseeis

Zwei Überraschungen liefern uns die beiden folgenden Bilddokumente.

Das erste zeigt uns einen Mann neben einem ausgehobenen Becken. Wie die Männer ein solch großes Becken bauen konnten und welche Hilfsmittel ihnen dabei zur Verfügung standen, wird wohl ihr Geheimnis bleiben.

Der Pool könnte natürlich auch schon zu Hotelzeiten bestanden haben, auch wenn die Beschreibung des Mountain Park Hotels ihn nicht ausdrücklich nennt und später von den Seeleuten reaktiviert worden sein. Auf jeden Fall eine beachtliche Leistung.

Das es sich bei dem hier leeren Becken wirklich um ein Schwimmbad handelte, beweist eine Aufnahme von Adolph Thierbach, auf der drei Männer im Becken schwimmen und ein vierter auf einem Sprungbrett steht. Umgeben sind die vier von etwa zwanzig Schaulustigen. Hier der Link: https://www.ibiblio.org/ww1gd/Swimming_Pool_G0012.html

swimming pool, Hot Springs North Carolina, internment camp, 1917/1918
Schwimmbad im Lager Hot Springs, NC; Foto aus dem Album von Julius Hagenah, 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Das zweite Foto zeigt uns eine Schlange von sommerlich gekleideten Männern vermutlich vor der Lagerkantine.

ice cream at the camp canteen, Hot Springs 1917 or 1918
Eisverkauf in der Kantine, Lager Hot Springs, NC; Foto aus dem Album von Julius Hagenah, 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Dass es sich nicht um eine normale Essensausgabe handelt, sehen wir in einer Bildvergrößerung: Der erste Mann in der Schlange hat eindeutig eine Waffel mit einer Kugel Eis in der Hand. Die verantwortlichen Schiffsköche dürften sich mit dieser Aktion viele Freunde gemacht haben.

ice cream in the camp canteen, Hot Springs, North Carolina, 1917 or 1918
Eisverkauf in der Kantine, Ausschnitt, Lager Hot Springs, NC; Foto aus dem Album von Julius Hagenah, 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Hochwasser in Hot Springs

im folgenden Beitrag mit Bildern aus dem Album von Julius Hagenah sehen wir das Lager bei Hochwasser. Weite Teile des Internierungslagers stehen unter Wasser.

Hagenah hat dieses Ereignis in einer Serie von sechs Aufnahmen festgehalten. Bleiben Sie dran und seinen Sie bei den ersten, die diese unveröffentlichten Aufnahmen zu Gesicht bekommen!

Links

Hier die Links zu den vorangegangenen Artikel über den Schiffsoffizier Julius Hagenah:

Der Offizier, Kapitän und Hafenlotse Julius Hagenah

Julius Hagenah – Internierung in New York und Ankunft in Hot Springs, North Carolina

Gefangen in Hot Springs, Nord Carolina – Das „deutsche Dorf“ auf Bildern des Schiffsoffiziers Julius Hagenah

Einen einführenden Artikel über das amerikanische Internierungslager Hot Springs finden Sie hier:

Angelpartie in Hot Springs

Internment camp Hot Springs, NC "German village"1917

Gefangen in Hot Springs, Nord Carolina – Das „deutsche Dorf“ auf Bildern des Schiffsoffiziers Julius Hagenah

Sehnsucht nach der Heimat

Titelbild: Gartenhaus im deutschen Dorf mit ihren stolzen Besitzern, Internierungslager Hot Springs, North Carolina, USA; Foto aus dem Album von Julius Hagenah, Winter 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Dieser Artikel ist eine Fortsetzung des Blogbeitrags Julius Hagenah – Internierung in New York und Ankunft in Hot Springs, North Carolina. Er berichtet von dem internierten Schiffsoffizier Julius Hagenah im Lager Hot Springs in North Carolina. In den Jahren 1917/1918 waren dort etwa 1300 Seeleute von Schiffen der deutschen Handelsmarine interniert.

Obwohl das Lager nur gut 16 Monate bestand, hatten die Gefangenen in dieser Zeit eine enorme Bautätigkeit an den Tag gelegt. Das belegt auch, dass die Leitung des Lagers den Internierten viele Freiheiten zugestanden hatte.

So entstand in der kurzen Zeit ein kleines Dorf, dass eindeutig deutsche Züge besaß und in dem die Seeleute ihre Sehnsucht nach der Heimat ausdrückten: mehr oder weniger kleine Häuschen, die von gepflegten Gärten umgeben waren, ein Dorfbrunnen, eine Kapelle und im Zentrum sogar eine Dorfkirche, deren Höhe ich auf beachtliche 12 Meter schätze.

Dorfkirche, Internierungslager Hot Springs, Nord Carolina, 1917
Kirche im „Deutschen Dorf“ des Internierungslager Hot Springs, Nord Carolina; Foto aus dem Album von Julius Hagenah, Winter 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Das Foto dürfte bei der Einweihung der Kirche bzw. an Weihnachten 1917 entstanden sein. Vielleicht sind die beiden Ereignisse auch zusammengefallen. Wir werden es nicht mehr erfahren.

Die Gartenhäuser zeugen vom hohen handwerklichen Geschick ihrer Erbauer. Diese dürften Kapitäne oder höhere Offiziere gewesen sein, die es sich leisten konnten, zu ihrem Vergnügen Baumaterial von örtlichen Firmen kommen zu lassen. Bei der Fülle von Gartenhäusern sieht es so aus, als wäre ein regelrechter Wettbewerb beim Bau dieser Häuschen entstanden.

Hot Springs North Carolina, Internment camp 1917/1918
Gartenhaus im deutschen Dorf mit ihrem Besitzer, Internierungslager Hot Springs, Nord Carolina, Foto aus dem Album von Julius Hagenah, Winter 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Die rege Bautätigkeit war eine Möglichkeit, dem eintönigen Lagerleben mit seiner Langeweile zu entkommen. Außerdem waren die Häuschen ein Rückzugsort, der eine Privatsphäre bot, wie sie sonst im Lager nicht anzutreffen war.

German village, Hot Springs, NC, 1917/1918
Bau eines neuen Gartenhauses an der Dorfstraße, Internierungslager Hot Springs, Nord Carolina, Foto aus dem Album von Julius Hagenah, Winter 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

German Village, Internment Camp Hot Springs, North Carolina, 1917/1918
Zwei Seeleute auf einer Bank im „deutschen Dorf“, Internierungslager Hot Springs, Nord Carolina, USA; Foto aus dem Album von Julius Hagenah, 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Aber auch diejenigen, die keine eigenen Häuschen besaßen oder niemanden kannten, der eines besaß, hatten im Lager Möglichkeiten, sich in der Natur zu bewegen. Ein Luxus, dessen sich die Männer bewusst gewesen sein müssen.

Spring Creek, French Broad River, Hot Springs, North Carolina, 1917/1918
Brücke über einen kleinen Zufluss zum French Broad River (vermutlich der Spring Creek), Internierungslager Hot Springs, North Carolina, Foto aus dem Album von Julius Hagenah, 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Das Karussell

Neben den vielen Gartenhäuschen und der Kirche gab es im deutschen Dorf noch eine weitere Attraktion. Ein funktionstüchtiges Karussell mit vier Gondeln, in denen sich jeweils zwei Personen gegenübersitzen konnten. In Größe und Ausstattung hätte es auf einem Jahrmarkt stehen können. Julius Haganah hat es leider nicht in seinem Album, aber es findet sich bei den Fotografien von Adolph Thierbach. Nachdem ich die Bildrechte nicht besitze, kann ich Sie nur darauf verweisen. Sie finden es hier: https://www.ibiblio.org/ww1gd/Carousel_G0065.html

Das deutsche Dorf im Lager Hot Springs hatte allerdings kein langes Leben; im August 1918 wurde das Lager Hot Springs geschlossen und die Internierten nach Fort Oglethorpe überstellt, einem Militärlager, dass solche Freiheiten nicht mehr gewährte.

Bei der Beendigung des Ersten Weltkrieges soll das deutsche Dorf von verbliebenen Lagerwachen zerstört worden sein.

Hot Springs internment camp 1917
Angelpartie, Hot Springs, North Carolina, Aufnahme vermutlich aus dem (Spät-)Sommer 1917, Press Illus. Service über commons.wikimedia.org
Originaltext: A beautiful river forms the western boundary of the camp affording the German fishermen to try their luck.