Sehnsucht nach der Heimat
Titelbild: Gartenhaus im deutschen Dorf mit ihren stolzen Besitzern, Internierungslager Hot Springs, North Carolina, USA; Foto aus dem Album von Julius Hagenah, Winter 1917/1918; Aufnahme in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie
Dieser Artikel ist eine Fortsetzung des Blogbeitrags Julius Hagenah – Internierung in New York und Ankunft in Hot Springs, North Carolina. Er berichtet von dem internierten Schiffsoffizier Julius Hagenah im Lager Hot Springs in North Carolina. In den Jahren 1917/1918 waren dort etwa 1300 Seeleute von Schiffen der deutschen Handelsmarine interniert.
Obwohl das Lager nur gut 16 Monate bestand, hatten die Gefangenen in dieser Zeit eine enorme Bautätigkeit an den Tag gelegt. Das belegt auch, dass die Leitung des Lagers den Internierten viele Freiheiten zugestanden hatte.
So entstand in der kurzen Zeit ein kleines Dorf, dass eindeutig deutsche Züge besaß und in dem die Seeleute ihre Sehnsucht nach der Heimat ausdrückten: mehr oder weniger kleine Häuschen, die von gepflegten Gärten umgeben waren, ein Dorfbrunnen, eine Kapelle und im Zentrum sogar eine Dorfkirche, deren Höhe ich auf beachtliche 12 Meter schätze.

Das Foto dürfte bei der Einweihung der Kirche bzw. an Weihnachten 1917 entstanden sein. Vielleicht sind die beiden Ereignisse auch zusammengefallen. Wir werden es nicht mehr erfahren.
Die Gartenhäuser zeugen vom hohen handwerklichen Geschick ihrer Erbauer. Diese dürften Kapitäne oder höhere Offiziere gewesen sein, die es sich leisten konnten, zu ihrem Vergnügen Baumaterial von örtlichen Firmen kommen zu lassen. Bei der Fülle von Gartenhäusern sieht es so aus, als wäre ein regelrechter Wettbewerb beim Bau dieser Häuschen entstanden.

Die rege Bautätigkeit war eine Möglichkeit, dem eintönigen Lagerleben mit seiner Langeweile zu entkommen. Außerdem waren die Häuschen ein Rückzugsort, der eine Privatsphäre bot, wie sie sonst im Lager nicht anzutreffen war.


Aber auch diejenigen, die keine eigenen Häuschen besaßen oder niemanden kannten, der eines besaß, hatten im Lager Möglichkeiten, sich in der Natur zu bewegen. Ein Luxus, dessen sich die Männer bewusst gewesen sein müssen.

Das Karussell
Neben den vielen Gartenhäuschen und der Kirche gab es im deutschen Dorf noch eine weitere Attraktion. Ein funktionstüchtiges Karussell mit vier Gondeln, in denen sich jeweils zwei Personen gegenübersitzen konnten. In Größe und Ausstattung hätte es auf einem Jahrmarkt stehen können. Julius Haganah hat es leider nicht in seinem Album, aber es findet sich bei den Fotografien von Adolph Thierbach. Nachdem ich die Bildrechte nicht besitze, kann ich Sie nur darauf verweisen. Sie finden es hier: https://www.ibiblio.org/ww1gd/Carousel_G0065.html
Das deutsche Dorf im Lager Hot Springs hatte allerdings kein langes Leben; im August 1918 wurde das Lager Hot Springs geschlossen und die Internierten nach Fort Oglethorpe überstellt, einem Militärlager, dass solche Freiheiten nicht mehr gewährte.
Bei der Beendigung des Ersten Weltkrieges soll das deutsche Dorf von verbliebenen Lagerwachen zerstört worden sein.

Originaltext: A beautiful river forms the western boundary of the camp affording the German fishermen to try their luck.
