Burgermeister von Melle, steamship about 1920

„Bürgermeister von Melle“

Titelbild: Frachtdampfer „Bürgermeister von Melle“, exDuisburg, um 1920, Schornsteinmarke in den Farben der alliierten Flotte (weiß-blaue Ringe), Ansichtskarte, ungelaufen und undatiert; eigene Sammlung

Über den Reeder Siemers, den Hamburger Bürgermeister von Melle und die Stadt Alexandrette

Das Dampfschiff „Duisburg“ der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft

Manchmal gestaltet sich die Suche nach Aufnahmen von Schiffen der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft (DADG) recht schwierig.

Der vorliegende Fall ist ein schönes Beispiel dafür.

Die Ansichtskarte der Titelabbildung zeigt das vermeintliche Schiff „Burgomester von Nelle“ mit dem Hinweis, dass dieses vormals ein deutscher Dampfer gewesen sei. Ein Schiff mit diesem seltsamen Namen hat es jedoch nie gegeben.

Schon bei dem Wort „Burgomester“ müssen Zweifel aufkommen: hier hatten sich offenbar gleich zwei Fehler beim Satz der Karte eingeschlichen. Ein dritter Fehler unterlief beim Nachnamen, so dass aus „Burgomester von Nelle“ richtigerweise „Bürgermeister von Melle“ wird.

„Bürgermeister von Melle“ war jedoch bereits der zweite Name eines Schiffes, das als Dampfer „Duisburg“ bei der Flensburger Schiffbau-Gesellschaft im Namen der DADG gebaut wurde.

Das am 16. Dezember 1898 bestellte Schiff war am 24. Februar 1900 vom Stapel gelaufen und nach 217 Tagen Bauzeit am 4. April 1900 an die DADG geliefert worden. Die vertragsmäßige Bauzeit wurde zwar um 35 Tage überschritten, dennoch war die „Duisburg“ damit das erste Schiff der Reederei im noch jungen 20. Jahrhundert.

Der charakteristische Doppelschornstein mit zwei eng beieinanderliegenden Kaminen weist die „Duisburg“ als Schiff der Meißen-Klasse aus, eine Kleinserie, die um die Jahrhundertwende neunmal hergestellt wurde.

Mehr über die Meißen-Klasse hatte ich den Artikeln über die Schiffe „Varzin“ und „Bielefeld“  geschrieben.

Heute interessiert uns die spätere Geschichte. Deswegen machen wir direkt einen Sprung in das Jahr 1914.

„Duisburg“ lag seit dem 10. Juni 1914 im Hamburger Hafen und war

„am 1. August segelfertig mit voller Ladung nach Charleston S. C., um dann von New York nach Java zu laden.“ Harms (1933)

Der Reederei war es demnach gelungen, eine Zwischenfacht in die USA zu organisieren, damit das Schiff nicht in Ballast über den Atlantik fahren musste.

Von New York wäre die Fahrt dann fahrplanmäßig nach Java gegangen, ein Linienverkehr der zusammen mit der DDG Hansa und der britischen Tyser-Line betrieben wurde. Geschäftsgrundlage für diese regelmäßigen Abfahrten war ein Liefervertrag mit Standard Oil. Siehe dazu den Blogartikel: Im Auftrag Rockefellers

Durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges verblieb das Schiff jedoch in Hamburg. Damit war es eines von gerade einmal acht Schiffen der Reederei, die bei Kriegsausbruch in Deutschland waren und dies bei einer Flottenstärke von insgesamt 55 Schraubendampfern. SIEHE dazu auch: Die deutsche Handelsmarine beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges

Verkauf

Am 27. Februar 1915 verkaufte die DADG den Dampfer „Duisburg“ an die Reederei G.J.H. Siemers in Hamburg, die dem Schiff den neuen Namen „Bürgermeister von Melle“ gab.

Edmund Siemers Hamburg

Edmund Siemers, Hamburger Senator, Kaufmann und Gründer der Universität Hamburg im Jahr 1905; Quelle: Hamburgische Männer und Frauen am Anfang des XX. Jahrhunderts, Rudolf Dührkoop, 1905, über commons.wikimedia.org, Abbildung gemeinfrei

G.J.H. Siemers

Das von Georg Johann Heinrich Siemers 1811 gegründete Unternehmen G.J.H. Siemers wurde unter seinem Enkel Edmund Siemers einer der ersten deutschen Petroleum-Importeure und besaß unter anderem drei Tankschiffe.

Dieses Petroleumgeschäft wurde 1891 von der Deutsch-Amerikanischen Petroleum-Gesellschaft (DAPG) übernommen, aus deren britischer Tochtergesellschaft später BP hervorging. Siehe dazu:
Die „Kerman“, exFürth in der Flotte der British Tanker Company und der deutsche Ursprung der Marke „British Petroleum

Siemers fand in der Salpeterfahrt ein neues Betätigungsfeld. 1904 besaß Siemers fünf Segelschiffe („Susanna“, „Edmund“, „Thekla“, „Hans“ und „Kurt“) sowie einen Schraubendampfer („Bürgermeister Hachmann“).

Die Segler wurden so befrachtet, dass am Ende ihrer jeweiligen Reise Salpeter von der südamerikanischen Westküste nach Europa transportiert werden konnte. Eine typische Reise auf diesen langen Fahrten dauerte etwa 9 Monate. Mit vielen zusätzlichen, gecharterten Schiffen importierte Siemers jährlich 2 bis 3 Mio. Tonnen Salpeter nach Europa.
Quelle: Grundlagen und Entwicklung der regelmäßigen deutschen Schiffahrt nach Südamerika, Otto Behrens, 1905 über books.google.fr

Neben seiner Geschäftstätigkeit war Edmund Siemers ein großzügiger Stifter: 1896 ermöglichte er den Bau einer der ersten Lungenheilanstalten in Deutschland. 1907 finanzierte er das Vorlesungsgebäude auf der Moorweide, das den Grundstock der Hamburger Universität darstellt. Heute (2022) führt die Edmund Siemers-Stiftung seine Stiftungsideale fort.

Durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges fiel die Salpeterfahrt plötzlich weg und Siemers musste umdisponieren. Damit kommen wir wieder zum Schiff „Bürgermeister von Melle“.

von Melle, Hamburg, Bürgermeister

Werner von Melle, 1905; Quelle: Hamburgische Männer und Frauen am Anfang des XX. Jahrhunderts, Rudolf Dührkoop, 1905, über commons.wikimedia.org, Abbildung gemeinfrei

Werner von Melle

Aus dem Dampfer „Duisburg“ wurde 1915 das Schiff „Bürgermeister von Melle“. Werner von Melle war seit 1915 Erster Bürgermeister von Hamburg. Wie Siemers setzte sich auch von Melle für die Wissenschaften ein: 1907 hatte der damalige Senator und Präses der Oberschulbehörde die Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung ins Leben gerufen, die die finanzielle Grundlage der späteren Universität legen sollte. In der Bürgerschaft setzt sich von Melle dafür ein, dass das von Siemers gestiftete Vorlesungsgebäude einen Bauplatz erhielt.

Vielleicht hat Siemers als Dank dafür sein neues Schiff nach dem Bürgermeister Werner von Melle benannt.

Auch Siemers erstes Dampfschiff hatte bereits den Namen eines Hamburger Bürgermeisters erhalten: „Bürgermeister Hachmann“.

Das Schiff „Bürgermeister von Melle“ im Ersten Weltkrieg

Schiffsbewegungen im Ersten Weltkrieg zu rekonstruieren ist aus verständlichen Gründen schwierig. Wer wollte schon dem Feind kundtun, wo man gerade Fracht über das Meer transportierte. Aber ein paar Anhaltspunkte gibt es im Nachhinein doch.

Ein interessantes Bild findet sich in der digitalen Sammlung des schwedischen Seefahrtmuseums Sjöhistoriska museet:

Rodkallen, Burgermeister von Melle 1917

„Bürgermeister von Melle“ bei Rödkallen, 1917 (Bottnischer Meerbusen, Nordschweden), Fotograf H. Tegström, Quelle: Sjöhistoriska museet, Ref. Fo57231C; public domain

Die Fotografie zeigt „Bürgermeister von Melle“ beim Leuchtfeuer Rödkallen, das sich im Luleå-Archipel in der Nähe der Stadt Luleå befindet.

Luleå war der wichtigste Exporthafen Nordschwedens, spätestens seitdem die Stadt per Bahn an die Erzvorkommen von Kiruna angeschlossen war.

Das Foto lässt also vermuten, dass Siemers während des Ersten Weltkrieges schwedische Erze nach Deutschland transportiert hat, nachdem andere Quellen, wie zum Beispiel Australien, versiegt waren.

Eine weitere Quelle belegt, dass das Schiff 1917 in Fahrt war: am Vormittag des 14. November 1917 forderte „Bürgermeister von Melle“ Hilfe an, als es südlich der Tonne B der Alten Weser-Fahrt auf einer Bank festgekommen war. Erst die steigende Flut brachte den Dampfer wieder frei, wurde erst durch „Drache“, dann durch Kriegslotsendampfer nach der Weser geleitet.
Zitate aus: Artillerieschulboot „Drache“ und die Erlebnisse des Emil Weinmann, Michael Ziefle, Auszug über google.books.fr

Nach dem Krieg

Nach dem Ersten Weltkrieg musste Deutschland seine Handelsflotte an die Siegermächte abtreten. Die ersten beiden Schiffe, die am 21. März 1919 den Hamburger Hafen in Richtung Liverpool verließen waren „Bürgermeister Schröder“ und „Bürgermeister von Melle“.
Quelle: 1919 – als alles möglich schien, Dietmar Schlecht-Nimrich, BoD 2019; Auszug abgerufen über books.google.fr

Anschließend wurde das Schiff als Entschädigung an die französische Regierung ausgeliefert, die den Namen nicht änderte.

1922 wurde die exDuisburg dann an die Société Générale de Transport Maritime à Vapeur in Marseille verkauft, die das Schiff „Mont Aigoual“ nannte, bevor es 1924 in Toulon abgewrackt wurde.

In der Fachliteratur findet man, dass das Schiff bereits unter der französischen Regierung nicht mehr in Fahrt war (Schmelzkopf 1984) und auch nie unter französischer Flagge gefahren sei (Perchoc, http://www.marine-marchande.net). Als Grund wird bei Perchoc der schlechte Zustand des Dampfers genannt.

Le Havre

Belege, dass das Schiff doch noch in Fahrt war, habe ich aber recherchieren können, zumindest für das Jahr 1919 und 1921:

Die Zeitung Petit Havre vom 5. August 1919 berichtet, dass nach einem Arbeitskampf das Entladen der Schiffe wieder aufgenommen wurde. Unter den Schiffen an den Quais de la Gironde et de la Garonne befand sich auch „Bürgermeister von Melle“. (Quelle: Archives municipales du Havre, archives.lehavre.fr)

Le Havre, sous-marins 1913

Le Havre, Hafenbecken mit den U-Booten „Thermidor“, „Floréal“ und „Ventose“, Aufnahme vom 23. Juli 1913; Quelle: Französische Nationalbibliothek https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b6926557s

Alexandrette

Für 1921 existiert eine Ansichtskarte des Schiffes, die identisch mit der Karte der Titelabbildung ist und die ich auf einer Verkaufsplattform gefunden habe (aufgrund des hohen Preises habe ich jedoch vom Kauf abgesehen).

Die Karte trägt den Vermerk, dass sie ein Andenken an die Überfahrt von Alexandrette nach Beirut ist und dass diese Überfahrt vom 22. bis 24. Januar 1921 stattgefunden habe.

„souvenir de la traversée Alexandrette – Beyrouth 22 Janvier 24 Janvier 1921“

Alexandrette (auch Alexandretta) ist das heutige Iskenderun in der Südtürkei (Provinz Hatay) und liegt 170 Seemeilen nördlich von Beirut. Laut Encyclopedia Britannica (1911) hatte es etwa 10.000 Einwohner

Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte Alexandrette zum französischen Mandatsgebiet für Syrien und Libanon. Dieses umfasste das heutige Syrien, den Libanon und die türkische Provinz Hatay.

Alexandretta

Alexandrette (Iskenderun), Hafen, ohne Jahresangabe; Quelle: commons.wikimedia.org

Dazu passt eine Meldung in der Tageszeitung Le Sémaphore de Marseillle vom 21. Juli 1921, nach der „Bürgermeister von Melle“ in Alexandrette 23 Sack Wurzeln, 51 Ballen Wolle sowie 13 Tonnen Regierungsmaterial geladen hatte. Bereedert wurde das Schiff nach der Zeitungsmeldung zu dieser Zeit von der großen französischen Reederei Messageries Maritimes, Schiffsführer war ein Kapitän Roux. (Quelle: retronews.fr)

Eingehendere Recherchen würden sicher noch weitere Quellen ans Tageslicht bringen.

Das Schiff „Bürgermeister von Melle“ hat demnach im Jahr 1921 vermutlich Städte im Mandatsgebiet miteinander verbunden oder war im Verkehr zwischen Frankreich und dem Mandatsgebiet eingesetzt.

Gesichert ist, dass „Bürgermeister von Melle“ 1924 in Toulon abgewrackt wurde und dann endgültig von den Meeren verschwunden war.

Im Jahr 1925 brachte die Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft erneut einen Dampfer mit Namen „Duisburg“ in Fahrt. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Alexandretta

Alexandrette (Iskenderun), Hauptstraße (rue du Phare), ohne Jahresangabe; Quelle: commons.wikimedia.org

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