logbook Furth, 1914

Logbuch der „Fürth“ (4) – Abfahrt aus Hamburg

Schiff los!

Bildnachweis Titelbild: Schiffstagebuch der „Fürth“, nummerierte Seite 4, Ausschnitt, mit freundlicher Genehmigung des National Museums Liverpool (Merseyside Maritime Museum), Ref. B/HAR/11/4/1

Letzte Vorbereitungen am 25. April 1914

Am 25. April 1914 brach die „Fürth“ zu ihrer letzten Australienfahrt auf. Bis es jedoch so weit war, mussten noch die letzten Vorbereitungen getroffen und das Schiff vollständig beladen werden. Zum Bunkern und Laden siehe: Tagebuch der „Fürth“ (3) – Bunkern und Laden im Hamburger Hafen

Um die fahrplanmäßige Abfahrt nicht zu gefährden, wurde die Zahl der Stauer von fünf Gängen auf acht Gänge erhöht:

Sonnabend d. 25. April 1914. Schönes Wetter

Die Kompasse kamen mit Prüfungsattest versehen zurück an Bord; alle in Ordnung. (Eintrag in roter Schrift)

Laden von 7 h am bis 7 h pm mit 8 Gängen. 7 h pm fertig mit Laden

Raumwache wie gestern.

Neue Mannschaft kam an Bord u. verrichtete Decksarbeit.

3 h pm  nahmen 22 Postkolli über hierunter 3 Wertkolli

Mannschaft, Proviant u. Wasser genügend an Bord für die bevorstehende Reise und ist das Schiff den Vorschriften der S.B.G. gemäß ausgerüstet und in jeder Hinsicht fähig, die bevorstehende Reise anzutreten

Ruderleistung wurde nachgesehen ebenso die Telegraphen.

Anmerkungen:

Die Schiffe hatten mehrere Kompasse an Bord. Dies war in den Unfallverhütungsvorschriften geregelt.

Handelsschiffe. Die Mindestanzahl der auf Handelsschiffen aufzustellenden Kompasse ist in den Unfallverhütungsvorschriften der See-Berufsgenossenschaft angegeben.
Danach genügen im allgemeinen drei Kompasse, nämlich
1 Steuerkompass
1 Regelkompass, der zugleich Peilkompaß ist,
1 Reserve-Steuerkompaß in besonderem Kasten, um ihn bei Bedarf in Benutzung nehmen zu können.
Quelle: Hilfsbuch für den Schiffbau: Erster Band, E. Foerster, Berlin 1928 (Springer), abgerufen unter books.google.fr

Laut Inventarliste des Schwesterschiffes „Neumünster“ gab es sogar vier Kompasse an Bord: einen Peil-, einen- Steuer-, einen Fluid- und einen Reservekompass. Quelle: Inventarliste des Schwesterschiffes „Neumünster“, State Records Office of Western Australia, AU WA S398 – cons. 4230/1)

Postkolli ist eine alte Bezeichnung für Postpakete, Wertkolli also Wertpakete

SBG = See-Berufsgenossenschaft, diese verdankte ihre Entstehung der Sozialgesetzgebung der 80-er Jahre des 19. Jahrhunderts. Sie war im Jahr 1887 gegründet worden und Träger der gesetzlichen Unfallversicherung. Heute (2020) ist sie ein Teil der Berufsgenossenschaft Transport und Verkehrswirtschaft (BG Verkehr).

Telegraphen meint die Kesseltelegraphen, die der Befehlsübermittlung an Bord dienten. Die „Fürth“ war noch nicht mit einer Telegraphie-Anlage per Funk ausgerüstet. Siehe: Telegrafie per Funk

boiler telegraph

Kesseltelegraf auf der Brücke – Bild symbolisch (Quelle: Pixabay)

Die Liegezeit

Eine vollständige Seite im Logbuch wurde der Liegezeit in einem Hafen gewidmet. Das wird auch in allen anderen Häfen so sein. Das zeigt die Bedeutung dieses Parameters für die Reederei.

In diesem Fall war die Liegezeit durch notwendig gewordenen Anstrich und Reparatur nach der Kollision mit dem Dampfer „Blücher“ außergewöhnlich lang. Normalerweise wäre die „Fürth“ nach etwa einer Woche Liegezeit wieder nach Australien aufgebrochen.

Für die Fahrt am 25. April 1914 auf der Linie 1 der DADG war eigentlich der Dampfer „Osnabrück“ vorgesehen. Quelle: Hamburgischer Correspondent und neue Hamburger Börsen-Halle, vom 10. April 1914

Die „Fürth“ war ebenfalls auf Linie 1 vorgesehen, jedoch mit einer Abfahrt am 11. April 1914, also vierzehn Tage vorher. Nachdem die „Fürth“ allerdings erst am 7. April 1914 um 12.50 Uhr zurück war, musste umdisponiert werden.

Die Havarie mit dem Dampfer „Blücher“ am 17. April 1914 brachte dann den geänderten Zeitplan fast wieder durcheinander. SIEHE: Tagebuch (2) : Die „Fürth“ im Trockendock Allerdings gelang die Reparatur innerhalb von nur 2 Tagen, so dass am 23. und 24. April mit 5 Gängen geladen werden konnte. Am 25. April wurde die Zahl der Gänge von 5 auf 8 erhöht, um eine fahrplanmäßige Abfahrt zu garantieren. Dies gelang: um 19.05 Uhr hieß es dann „Schiff los!“

Liegezeit in Hamburg

7. Apr. 0 h 50 m pm bis 25. April 7 h 5 m pm = 18 Tage 6 h 15 m

Tiefgang bei Abgang vorn 15‘11‘‘; hinten 21‘5‘‘; Mitte 18‘8‘‘

Tank 1 – 6 u. 8 – 10 voll; Tank 7 lenz.

den 25. April 1914

Steuermann R. Hoffmann

Anmerkung:

Den Originaltext finden Sie im Titelbild dieses Blogbeitrags.

Der Tiefgang wurde bei Abfahrt und Ankunft des Schiffes mit zwei oder drei Werten notiert, mindestens mit dem Tiefgang hinten und vorne.

1903 war eine Tiefladelinie eingeführt worden, die das Freibord neu festlegte und 1907 „kam es zu einer Verständigung mit England über die Lademarke“ (O. Harms, 1933).

Zurückzuführen ist die Lademarke auf Samuel Plimsoll. Die Marke („Plimsollmarke“) wurde 1890 in England eingeführt und später weltweit übernommen.

Tank = Trinkwassertank; lenz = leer

Plimsoll Marke

Schema einer Plimsoll Marke, die Buchstaben LR neben dem Kreis stehen für Lloyd’s Register; Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Load_line.jpg, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

Die Linien auf den Seiten entsprechen Süß- oder Meerwasser, Jahreszeiten oder Fahrtgebieten, z. B. WNA steht für Winter Nord Atlantik, hier durften/dürfen die Schiffe am wenigsten beladen werden.

 

Schiff los!

Die nächste Seite des Tagebuchs beginnt dann mit der Abfahrt vom Kai am Abend des 25. April 1914 (19.05 Uhr).

 

7 h 5 m pm O. Zt. Schiff los, Schlepper „Emil“ und „Johanna“, Hafenlotse Kraeft I.

7h 30 pm Hafenlotse von Bord, Seelotse Breekwold trat in Funktion.

11 pm pass. Brunsbüttel

11.40 Oste Riff F. S.

 

Einträge zum Wetter:

Wind Nord/Nordwest, Stärke 5/4

Steuern auf Anweisung d. Lotsen

Barometer: bc 770.5;

Thermometer: 11 °C

 

Anmerkungen

O. Zt. = Ortszeit

Barometer: Die „Fürth“ hatte ein Barometer an Bord, die damals übliche Einheit war Torr. 760 Torr entsprechen einer physikalischen Atmosphäre, dem mittleren auf Meereshöhe herrschenden Luftdruck. Eine Atmosphäre wiederum entspricht 1013,25 mbar.

Die Angabe bc vor dem Luftdruck bezieht sich auf Beaufort’s Bezeichung des Wetters, sie bedeutet: b = klarer Himmel, c = einzelne Wolken . Siehe: Das Schiffstagebuch der „Fürth“ – eine Einleitung

 

Der Schlepper „Emil“ und die Reederei Petersen & Alpers

Beim Verholen der „Fürth“ im Hafen assistierten tags zuvor die Schlepper: „Emil“ und „Caroline“, jetzt bei der Abfahrt „Emil“ und „Johanna“.

Zumindest „Emil“ konnte ich eindeutig der Fa. Petersen & Alpers zuordnen, die auch heute noch Schiffsassistenz im Hamburger Hafen anbietet:

„1. Januar 1913:
… EMIL und AUGUSTE kommen als letzte Vorkriegsneubauten von P & A in Fahrt. P & A disponieren 17 Schlepper.“

Die Geschichte von P & A ist eine sehr lange:

„Die Reederei Petersen & Alpers ist der älteste noch im Familienbesitz befindliche Dienstleistungsbetrieb im Hamburger Hafen. Die Unternehmensgeschichte reicht zurück bis zum 6. September 1793. An diesem Tag legte der Ewerführer Michael Christian Petersen den Bürgereid als Schiffer ab. 1818 setzte sein Sohn Johann Michael das Unternehmen fort, der schließlich gemeinschaftlich mit Andreas Heinrich Alpers seine Bollen durch den Hamburger Hafen stakte. Jan Petersen wiederum gründete 1859 in der dritten Generation das Kontor Petersen & Alpers, das er 1877 in das Handelsregister eintragen ließ. Den ersten eigenen Schlepper der Reederei bestellte Jan Petersen 1879 – die „Petersen & Alpers“ mit 170 PS.“
Quelle: Petersen-alpers.de/de/geschichte

Emil, Auguste, Hafen Hamburg

Schlepper Emil, Aufnahme von 1938 (Ausschnitt); Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-H16145 / CC-BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de)

Oste Riff F.S.

Das Feuerschiff Oste-Riff wurde 1891 nach einer Veränderung des Fahrwassers in der Elbe ausgelegt. Es befand sich in der Nähe von Neuhaus an der Mündung der Oste in die Elbe (Landkreis Cuxhaven).

Die interessante und bebilderte Geschichte dieses mehrfach ausgetauschten Feuerschiffs von 1891 bis 1921 finden Sie auf der sehr informativen Internetseite über Baken an der Nordsee, Jade, Weser und Elbe:  http://www.baken-net.de/fs_osteriff.htm

 

Nächste Woche im Blog

Die Küstenfahrt der „Fürth“ nach Antwerpen.

Außerdem: Bootsrolle, Feuerrolle und andere Bekanntmachungen an Bord.

hawser - Trosse

Trosse (Bild Pixabay)

 

Copyright-Hinweis

Auf dem Logbuch ist ein © Copyright, das nach dem Zeitpunkt des Todes des Verfassers für 70 Jahre fortbesteht. Der erste Teil des Logbuches ist von Kapitän Richter, aber in großen Teilen auch von seinem ersten Offizier.

Kapitän Richter starb am 19. Februar 1917, somit sind die 70 Jahre lange abgelaufen. Jedoch ist mir für den ersten Offizier R. Hoffmann das Todesdatum nicht bekannt. Ich weise deshalb pflichtgemäß darauf hin, dass deshalb noch ein © Copyright auf dem Logbuch bestehen könnte.

Über alle Hinweise zu dem 1. Offizier R. Hoffmann bedanke ich mich herzlichst im Voraus. Bislang kann ich nur als Hinweis geben, dass er für diese Fahrt neu auf die „Fürth“ gekommen und im Sommer 1914 32 Jahre alt war: siehe Drei Mannschaftslisten der „Fürth“ aus dem Jahr 1914

Schiffstagebuch der „Fürth“ von April bis August 1914

In der Reihe des Logbuchs der „Fürth“ sind bisher hier im Blog erschienen:

Das Schiffstagebuch der „Fürth“ – eine Einleitung

Tagebuch (2) : Die „Fürth“ im Trockendock

Tagebuch der „Fürth“ (3) – Bunkern und Laden im Hamburger Hafen

 

 

Ein Gedanke zu „Logbuch der „Fürth“ (4) – Abfahrt aus Hamburg

  1. Pingback: Der Schatz des Kapitän Wellhöfer | Das kurze, aber bewegte Leben des Frachtdampfers „Fürth“

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