Colombo Ceylon 1907

Die „Fürth“ in Colombo: 11. bis 18. August 1914

Getrennte Wege

Zuletzt habe ich über die Kaperung der „Fürth“ am 10. August 1914 berichtet und die anschließende Verbringung des Frachtdampfers nach Colombo, wo das Schiff am 11. August 1914 eingetroffen ist: Die Kaperung der „Fürth“

Mit dem Eintreffen in Colombo wird die Nachverfolgung der Geschichte des Dampfschiffes „Fürth“ komplizierter. Die bislang gültige Einheit aus Schiff und Mannschaft, die zumindest für eine Fahrt lang Bestand hatte, wird durch den Kriegsausbruch zerrissen. Auch die Ladung nimmt nicht ihren vorgesehenen Weg vom Verschiffungshafen zum vertraglich vereinbarten Bestimmungshafen.

Colombo Harbour 1915

Colombo Harbour 1915, Quelle: State Library Victoria, Referenz: Image H83.103/163

Im Einzelnen:

Das Dampfschiff „Fürth“

Die „Fürth“ wird noch im Hafen von Colombo für (Kriegs-)Transportzwecke umgebaut und später von einem britischen Kapitän nach England überführt werden.

Die Ladung der „Fürth“

Von der ursprünglichen Ladung verbleibt dabei nur eine Teilladung Erze auf der „Fürth“, der Rest wird in Colombo gelöscht.

Die Mannschaft der „Fürth“

Die Mannschaft der „Fürth“ wird getrennt. Nur ein kleiner Teil verbleibt auf dem Schiff und der weitaus größere Teil wird in einem Lager auf Ceylon interniert. Der Rückweg der Seeleute nach Deutschland wird durch die Wirren des Krieges ebenfalls ganz unterschiedlich verlaufen.

Der Blog wird Schiff, Ladung und Mannschaft nachverfolgen, zunächst mit dem Fokus auf das Schicksal der Mannschaftsmitglieder.

„Hamburger Woche“ in Sydney

Die letzte derzeit verfügbare Information über die Mannschaft der „Fürth“ stammt aus der Liste der Hafenpolizei beim Eintreffen in Sydney: Drei Mannschaftslisten der „Fürth“ aus dem Jahr 1914

In der Zeit von Freitag, 10. bis Montag, 20. Juli 1914 herrschte jedoch reger Betrieb von Schiffen der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft in Sydney. Nicht weniger als sieben Schiffe der Reederei kamen in dieser Zeit in Sydney an: die „Essen“ und die „Ulm“ am 10. Juli 1914, die „Fürth“ und die „Osnabrück“ am 13. Juli 1914, die „Oberhausen“ am 17. Juli 1914, die „Sydney“ am 19. Juli 1914 und schließlich die „Cannstatt“ am 20. Juli 1914 (Quelle: http://marinersandships.com.au/).

Während die Offiziere und Ingenieure (Maschinisten) dem Schiff in der Regel für eine Fahrt die Treue hielten, war das für die übrigen Besatzungsmitglieder nicht immer der Fall. Wir hatten den Fall für den Maschinisten-Assistenten W. Heidepriem, der die „Fürth“ in Sydney mit größter Wahrscheinlichkeit verlassen hatte, um auf der „Oberhausen“ anzuheuern: Die Kaperung der „Fürth“

Andere Wechsel von Mannschaftsmitgliedern auf andere Schiffe und umgekehrt sind daher nicht auszuschließen. Außerdem lief die „Fürth“ nach Sydney noch Melbourne, Adelaide und Fremantle an (vergleiche Die letzte Australienfahrt der „Fürth“), wo es Veränderungen in der Zusammensetzung der Besatzung gegeben haben könnte, unter anderem durch Desertion.

Wer letztendlich auf der Fahrt von Fremantle von Colombo wirklich noch an Bord war, ist derzeit zumindest mit einem Fragezeichen zu versehen, außer der Name liegt vor.

Zurück nach Colombo

Das folgende Zitat ist aus dem Bericht des Kapitäns W. Richter („In französischer Gefangenschaft“, 16. Dezember 1914, Hamburger Nachrichten, S. 3)

Colombo harbour 1915

Hafen von Colombo, 1915. Quelle: State Library Victoria, Referenz: H83.103/171

Eintreffen im Hafen

„Am 11. August traf ich im Hafen von Colombo ein, wo mein Schiff vertäut wurde. Die Schieber und Reserveschieber wurden aus der Maschine genommen und dadurch diese unbrauchbar gemacht. Ich bekam dann Polizeimannschaften zur Bewachung an Bord. Meine Mannschaft blieb jedoch bis zum 18. August auf dem Schiffe, wurde dann aber durch bewaffnete Polizeimannschaften von Bord geholt und in das etwa 14 Kilometer von Colombo liegende Gefangenenlager Ragama übergeführt. Nur die nicht mehr militärpflichtigen Leute und die fremder Nationalität blieben an Bord.“

Zu den Personen fremder Nationalität: Laut Mannschaftsliste in Sydney (siehe oben) vom 13. Juli 1914 waren ein US-Amerikaner und zwei Schweden als Heizer und Trimmer an Bord der „Fürth“.

Es folgt der Bericht des dritten Maschinisten und eines Assistenten. Darin muss wiederum das Datum um einen Tag auf den 18. August 1914 geändert werden, da sie bereits zuvor das Datum um einen Tag falsch angegeben hatten (Quelle: Hamburgischer Correspondent und neue hamburgische Börsen-Halle, 31. Oktober 1914, S. 3).

„Am 17. August wurden die deutschen Mannschaften von sämtlichen Schiffen nach Ragama auf Ceylon gebracht, wo wir sechs Wochen unter wenig beneidenswerten Umständen bleiben mußten. Von der „Fürth“ blieben nur der Kapitän, der erste Maschinist, der dritte Offizier, ein Maschinenassistent und der Koch an Bord. Wir wurden vollständig als Gefangene behandelt, trotzdem wir doch Angehörige der Handelsmarine waren und wir beide ebenso wie Leute von anderen Schiffen nachweisen konnten, daß wir nicht militärpflichtig sind.“

Im Abgleich mit der oben zitierten Mannschaftsliste aus Sydney wären die auf dem Schiff verbliebenen Mannschaftsmitglieder: Kapitän W. Richter, der Chefingenieur (erster Maschinist) W. Collier, der dritte Offizier H. Wodarz, ein Maschinenassistent (J. Ernst oder ein namentlich nicht bekannter Assistent) und der Koch H. Albrecht.

Die Namensangaben sind alle unter Vorbehalt zu sehen (siehe oben). Ganz sicher an Bord war Kapitän W. Richter, von dem der andere Augenzeugenbericht stammt und auch der dritte Offizier H. Wodarz. Dessen Name wird später auf einer Passagierliste zusammen mit Kapitän Richter stehen.

Abweichung

Der zitierte Bericht des Assistenten und des dritten Maschinisten hat eine Abweichung zum Bericht des Kapitäns, der ausgesagt hatte, dass auch die Mannschaftsmitglieder fremder Nationalität an Bord geblieben waren.

Mehrere Schiffe gekapert

In der Zeit ab dem 11. August 1914, welche die „Fürth“ zwangsweise im Hafen von Colombo verbrachte, teilte sie ihr Schicksal mit anderen deutschen Dampfern und einem österreichisch-ungarischen Schiff, die ebenfalls gekapert wurden und im Hafen von Colombo lagen.

bay of Colombo, Ceylon 1915

Bucht von Colombo, 1915, Quelle: State Library Victoria, Image H83.103/172

Über alle gekaperten Schiffe gibt ein Dokument aus dem Britischen Nationalarchiv Auskunft:

Folio 214: telegram from Colombo to Admiralty 20th August 1914 – list of German ships captured on East Indies station: Trifels, Steinturm, Reichenfels, Rappenfels, Furth, Australia, Moltkefels, Josef Agost Foherezeg.
http://discovery.nationalarchives.gov.uk/details/r/C12813014

Die Schiffe „Trifels“, „Steinturm“, „Reichenfels“, „Rappenfels“ und „Moltkefels“ waren Dampfschiffe der Deutschen Dampfschifffahrts-Gesellschaft „HANSA“, Bremen.

Wer sich für die Reederei DDG HANSA interessiert, dem sei die Internetseite http://www.ddghansa-shipsphotos.de/ wärmstens empfohlen.

Das Schiff „JÓZSEF AGOST FÖHERCZEG“ war ein in Nordengland erbautes Frachtschiff der Hungarian-Levant Steamship Co Ltd in Fiume (http://www.tynebuiltships.co.uk/J-Ships/jozseffoherczeg1904.html).

Fiume, das heutige Rijeka, war vor dem Ersten Weltkrieg eine bedeutende Hafenstadt des Königreiches Ungarn. Die Reederei Hungarian-Levant Steamship Co Ltd unterhielt eine Verbindung von der nördlichen Adria nach Australien und Neuseeland.

Ausführliche Informationen zur Bedeutung der Stadt Fiume für das Königreich Ungarn finden Sie hier:
https://deutsche-schutzgebiete.de/wordpress/projekte/oesterreich-ungarn/ungarn/fiume/

Demnächst im Blog: Die Mannschaft der „Fürth“ im Gefangenenlager Ragama auf Ceylon.

Bildnachweis des Titelbildes:

Queen Street, showing light house, Colombo, 1907, New York Public Library’s Digital Library, digital ID e75f4360-c5d2-012f-ef16-58d385a7bc34

6 Gedanken zu „Die „Fürth“ in Colombo: 11. bis 18. August 1914

  1. Pingback: Der Kapitän der „Fürth“, W. Richter, als Gefangener in Marseille – Teil 2 | Das kurze, aber bewegte Leben des Frachtdampfers „Fürth“

  2. Pingback: Der Kapitän der „Fürth“ in Gefangenschaft in Marseille | Das kurze, aber bewegte Leben des Frachtdampfers „Fürth“

  3. Pingback: Die abenteuerliche Reise des Kapitäns der „Fürth“, W. Richter, auf der „Koningin Emma“ | Das kurze, aber bewegte Leben des Frachtdampfers „Fürth“

  4. Pingback: Wie ein bekannter deutscher Physikprofessor auf die „Fürth“ kam | Das kurze, aber bewegte Leben des Frachtdampfers „Fürth“

  5. Pingback: Das Lager Ragama auf Ceylon | Das kurze, aber bewegte Leben des Frachtdampfers „Fürth“

  6. Pingback: Gefangenschaft auf Ceylon – Mannschaftsmitglieder der „Fürth“ berichten | Das kurze, aber bewegte Leben des Frachtdampfers „Fürth“

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