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Fort Oglethorpe, Orgelsdorf, interment camp, entrance gate, 1919

Abrupter Szenenwechsel – Das Lager Fort Oglethorpe („Orgelsdorf“)

Titelbild: Gefangenenbaracken und Haupttor zum Lager Fort Oglethorpe, Georgia. Das Gelände ist mit einem doppelten Stacheldrahtzaum von etwa 3 Metern Höhe umgeben; Fotograf: Sgt. McGarrigle, United States Army Signal Corps, Aufnahmedatum: 3. Mai 1919; Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fort_Oglethorpe_POW_camp_entrance.jpg

Das Ende des Krieges ist nicht das Ende der Gefangenschaft

Julius Hagenah war seit Ausbruch des Ersten Weltkrieges in den Vereinigten Staaten: Zunächst von August 1914 bis April 1917 auf seinem Schiff, der „Harburg“ der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft (DADG), welches die USA nicht mehr verlassen konnte. Dann im Lager Hot Springs (Juni 1917 bis August 1918) und ab August 1918 bis Juli 1919 in Fort Oglethorpe.

Seinen Aufenthalt in Hot Springs hat Hagenah in zahlreichen Fotografien festgehalten und dokumentiert. Siehe dazu die vergangenen Blogbeiträge:

Der Offizier, Kapitän und Hafenlotse Julius Hagenah

Julius Hagenah – Internierung in New York und Ankunft in Hot Springs, North Carolina

Gefangen in Hot Springs, NC – Lagerleben auf Bildern des Schiffsoffiziers Julius Hagenah

Hochwasser in Hot Springs 1917/18 – Auf Bildern des Schiffsoffiziers Julius Hagenah

In Fort Oglethorpe konnte er dies nicht mehr tun. Wahrscheinlich hatte man ihm seine Kamera abgenommen. Für die Rekonstruktion seiner Gefangenschaft in Fort Oglethorpe greife ich auf andere Text- und Bildquellen zurück.

Die Auflösung des Lagers in Hot Springs (Nord Carolina)

Im Frühjahr 1918 entschied die amerikanische Regierung, alle Zivilgefangenen dem Verteidigungsministerium zu unterstellen. Für das Lager Hot Springs, das vom Arbeitsministerium geleitet worden war, bedeutete dies die Auflösung noch vor Kriegsende.

Alle Gefangenen sollten dann im Sommer 1918 nach Fort Oglethorpe (Georgia) gebracht werden. Den Internierten war klar, dass sie dort nicht die angenehmen Rahmenbedingungen vorfinden würden, wie in Hot Springs.

Ein Typhusausbruch verzögerte die Verlagerung und so dauerte es bis zum 31. August 1918, als alle deutschen Seeleute mit Ausnahme der Erkrankten nach Fort Oglethorpe gebracht worden waren. Insgesamt waren in Hot Springs 26 Todesfälle durch Typhus zu beklagen, 13 weitere Gefangene starben an anderen Ursachen.

German sailors 1917 transported from philadelphia to Fort Oglethorpe
Seeleute der Kaiserlichen Marine auf dem Weg von Philadelphia in die Lager Fort McPherson und Fort Oglethorpe, Ga.; Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Enemy_Activities_-_Miscellaneous_-_German_sailors_off_for_detention_camp._Germain_sailors_from_interned_ships_at_Philadelphia_en_route_for_detention_camps_at_Fort_Oglethorpe_and_Fort_McPherson,_Georgia_-_NARA_-_31479799.jpg

Die Seeleute der Kaiserlichen Marine

Im Gegensatz zu den deutschen Seeleuten der Handelsmarine, die den Status von Zivilgefangenen (Enemy Aliens) hatten, waren die deutschen Seeleute der Kaiserlichen Marine Kriegsgefangene (POW, Prisoners of War). Sie waren nach Kriegseintritt der USA direkt in die beiden Militärlager Fort McPherson und Fort Oglethorpe gebracht worden, beide im Bundesstaat Georgia. Fort McPherson liegt am Stadtrand von Atlanta, Fort Oglethorpe 110 Meilen nordwestlich davon.

In Fort McPherson wurden bis zu 1400 Personen festgehalten, in Fort Oglethorpe etwa 4000. Zwei untenstehende Bilder zeigen die Verlagerung von Zivilgefangenen von Fort McPherson nach Fort Oglethorpe.

baggage of German sailors transported to Fort Oglethorpe 1917
Das Gepäck der Seeleute der Kaiserlichen Marine auf dem Weg von Philadelphia in die Lager Fort McPherson und Fort Oglethorpe, Ga.; Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Enemy_Activities_-_Miscellaneous_-_Preparing_to_move_interned_German_sailors_from_Philadelphia_to_Georgia_-_NARA_-_31480196.jpg

700 internierte Seeleute der Kaiserlichen Marine wurden am 26. März 1917 von den beschlagnahmten Schiffen nach Fort McPherson und Fort Oglethorpe gebracht. Bei den Schiffen handelte es sich um SMS-Prinz Eitel Friedrich und SMS-Kronprinz Wilhelm. Beide ehemaligen Passagierdampfer waren zu Hilfskreuzern umgerüstet worden und wurden 1915 in den USA interniert und 1917 beschlagnahmt. Zu den Kriegsgefangenen gehörte auch die deutsche Prisenmannschaft des englischen Transatlatikliners „Appam“.

German civilian internees 1917, Fort McPherson, Georgia
Deutsche Zivilgefangene verlassen das Lager Fort McPherson, Ga. auf dem Weg nach Fort Oglethorpe, Ga.; Fotograf unbekannt, Aufnahme undatiert (1917/1918); https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Enemy_Activities_-_Internment_Camps_-_Fort_McPherson,_Georgia_-_War_prison_barracks_number_1,_Fort_McPherson,_Georgia._Civilian_prisoners_leaving_for_Fort_Oglethorpe_-_NARA_-_31479619.jpg

German internees leaving Fort McPherson for Fort Oglethorpe 1917/1918
Deutsche Zivilgefangene verlassen das Lager Fort McPherson, Ga. auf dem Weg nach Fort Oglethorpe, Ga.; Fotograf unbekannt, Aufnahme undatiert (1917/1918); https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Enemy_Activities_-_Internment_Camps_-_Fort_McPherson,_Georgia_-_Civilian_prisoners_leaving_for_Fort_Oglethorpe_-_NARA_-_31479573.jpg

Das Lager Fort Oglethorpe („Orgelsdorf“)

Das Lager Fort Oglethorpe lag 110 Meilen nordwestlich von Atlanta in Georgia in unmittelbarer Nähe zur Grenze nach Tennesse und südlich der Stadt Chattanooga. Die Seeleute gaben dem Lager schnell den Spitznamen „Orgelsdorf“.

Das große baumlose leicht wellige Areal von etwa einer Quadratmeile war von einem doppelreihigen, etwa drei Meter hohem Stacheldrahtzaun umgeben. Wachtürme um das Lager waren von Soldaten besetzt und verfügten über Maschinenpistolen, eine Telefonverbindung und Suchscheinwerfer, die die Lagergrenzen nachts regelmäßig absuchten.

Das Lager hatte drei Camps (A, B und C), die jeweils durch Stacheldraht zu den anderen Lagerteilen getrennt waren. Zwischen Lager A und B gab es tagsüber Durchgänge, die ab 17.30 Uhr geschlossen wurden.

Camp A erhielt den Spitznamen „Millionaires‘ Camp“, da die Gefangenen zahlreiche Privilegien genossen. Etwa 90 internierte zahlten hier für ihren Aufenthalt, sei es durch eigene Mittel oder durch Unterstützung von außen. Das sicherte ihnen bessere Verpflegung, komfortablere Unterkünfte und befreite sie von Arbeitseinsätzen. Sie konnten sogar andere Gefangene für sich arbeiten lassen.

In Camp B, dem größten Lagerteil, war die Tagesroutine streng geregelt. Weckruf um 5:30 Uhr, 6.30 Uhr Appell und anschließend Frühstück. Arbeit und Mahlzeiten zu festlegten Zeiten, Nachtruhe (Licht aus!) um 22 Uhr. Unterbringung in Baracken zu je 100 Männern.

Camp C schließlich war das Lagergefängnis für Störenfriede, Gefangene, die als politisch radikal eingestuft waren oder die Arbeit verweigerten. Hier sollen sich etwa 10 Prozent der Internierten bei halben Rationen befunden haben, teilweise auch in Einzelhaft.

Prominente Gefangene

Die in Fort Oglethorpe internierten Deutschen (und Männer aus Österreich-Ungarn) waren sehr heterogen zusammengesetzt: zu der großen Gruppe der Seeleute der deutschen Handelsmarine sowie der Kaiserlichen Marine kamen in Amerika lebende Deutsche. Eine Verdächtigung oder Denunziation reichte aus, um in den Fokus amerikanischer Behörden zu kommen. Sabotage, Spionage oder Äußerungen nationalistischer Natur oder gegen das Gastgeberland waren Grund, um nicht mehr als freier Mensch in den USA leben zu können. Wissenschaftler oder Ingenieure wurden wegen ihres Wissens aus dem Verkehr gezogen, damit sie ihre Kenntnisse nicht dem Feind andienen konnten. Bei Geschäftsleuten konnte eine Denunziation einen unliebsamen Konkurrenten deutscher Herkunft ausschalten. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Prominente Gefangene in Fort Oglethorpe waren zum Beispiel die Dirigenten Dr. Karl Muck (Leiter des Boston Symphony Orchestra) und Dr. Ernst Kunwald (Leiter des Cincinnati Symphony Orchestra), der Schriftsteller, Journalist sowie Kunst- und Literaturkritiker Graf von Montgelas, der Biologe und Genetiker Professor Richard Goldschmidt und der Physiker und Funkpionier Jonathan Zenneck.

Oglethorpe University

Die Eintönigkeit des Lagerlebens und die hohe Dichte der Belegung waren für viele Gefangene eine große Belastung. Dieser psychische Stress konnte zum „Barbed Wire Desease“ führen, die erstmals 1919 von dem Schweizer Arzt Adolf Lukas Vischer als „Stacheldraht-Krankheit“ beschrieben wurde.

Gegen die Langeweile organisierten die Insassen zahlreiche Aktivitäten: Sport, Gärtnern, Schreiben, Malen, Schnitzen, Theater usw.

Großer Beliebtheit erfreute sich die „Oglethorpe University“, eine Art lagerinterne Volkshochschule, mit Kursen zu Fremdsprachen, Wirtschaft, Geschichte, Kunst sowie Ingenieur- und Naturwissenschaften. Insgesamt gab es 700 Einschreibungen für 36 Kurse. Die Biologiekurse von Professor Goldschmidt sollen 400 Interessierte gefunden haben.

Der „Orgelsdorfer Eulenspiegel“ und „Die Bombe“

Eine andere Aktivität war die Redaktion zweier Gefangenenzeitungen. Der in Camp A von Erich Posselt veröffentlichte Orgelsdorfer Eulenspiegel erhob literarischen und künstlerischen Anspruch, während „Die Bombe“ sich eher als kurzes und einfach gehaltenes Mitteilungsblatt präsentierte. Es entstand in Camp B.

Vom „Orgelsdorfer Eulenspiegel“ wurden zwischen Oktober 1918 und Mai 1919 zehn (zwölf?) Ausgaben mit je etwa dreißig Seiten gedruckt. „Die Bombe“ erschien zweiwöchentlich ab August 1918 und durfte auch nach dem Verbot des „Eulenspiegels“ durch die Lagerbehörden im Mai 1919 weiter produziert werden. Wie lange, konnte ich nicht in Erfahrung bringen.

Selbstverständlich unterlagen beide Zeitungen einer strengen Zensur, bevor sie gedruckt und verteilt werden durften.

Die Extra-Ausgabe (Hot Springs-Nummer) von „Die Bombe“ zur Ankunft der Seeleute aus Hots Springs ist in Julius Hagenahs Fotoalbum erhalten. Sie datiert vom 31. August 1918.

Die Bombe, Fort Oglethorpe, August 1918
Gefangenenzeitung „Die Bombe“, Sonderausgabe vom 31. August 1918 anlässlich der Ankunft der Seeleute aus Hot Springs, Titelblatt; Quelle: Album von Julius Hagenah, in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Die eklatanten Unterschiede zwischen Hot Springs und Fort Oglethorpe illustrierte der Herausgeber mit einer satirischen Zeichnung. Sie zeigt zwei Gefangene aus beiden Lagern.

Wo ist der Diningroom? Die Bombe 1918, Zeichnung
Gefangenenzeitung „Die Bombe“, satirische Zeichnung in der Sonderausgabe vom 31. August 1918 anlässlich der Ankunft der Seeleute aus Hot Springs; Quelle: Album von Julius Hagenah, in Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Der Neuankömmling aus Hot Springs wird bei dem Anblick des „Diningroom“ nicht begeistert gewesen sein.

Lagerkantine, Fort Oglethorpe, Camp B, 1919
Kantine des Gefangenenlagers Fort Oglethorpe, Camp B, Georgia; Fotograf: Sgt. McGarrigle, United States Army Signal Corps, Aufnahmedatum: 3. Mai 1919; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:War_prison_barracks_at_Fort_Oglethorpe,_Ga._Outside_view_of_the_large_mess_hall_of_the_Prison_camp_-_DPLA_-_0b413b56ccbedfc0f2ccffbbe1f405c0.jpg

Ein zweites Bild existiert vom Inneren und zeigt Gefangene beim Kaffee kochen.

Gefangene kochen Kaffee, Fort Oglethorpe, Lagerkantine 1919
Gefangene beim Kaffeekochen, Küche im Lager Fort Oglethorpe, Georgia; Fotograf: Sgt. McGarrigle, United States Army Signal Corps, Aufnahmedatum: 3. Mai 1919; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:War_prison_barracks_at_Fort_Oglethorpe,_Ga._Making_coffee_in_the_kitchen_-_DPLA_-_7228f1e9c8f3e07131ae65b8c72ff4a8.jpg

Schattenseiten

Mit den schwierigen Lagerbedingen kamen nicht alle Gefangen zurecht. Nicht verschwiegen werden soll, dass manche Lagerinsassen depressiv wurden oder den Lagerkoller bekamen. Die Zahl der Suizide und anderer Todesfälle ist nach meinem Kenntnisstand nicht überliefert. Etwa 50 starben durch einen Ausbruch der Spanischen Grippe.

Andere Insassen verfielen der Spiel- oder der Alkoholsucht. Illegales Schnapsbrennen gehörte in jedem Lager dazu und auf dem abschüssigen Gelände unter der Kantine hatten Gefangene in Fort Oglethorpe eine Art Spielkasino eingerichtet.

Den Nachruf auf einen trunksüchtigen Kameraden veröffentlichte „Die Bombe“ in der erwähnten Extra-Ausgabe:

Eine Grabinschrift.

Hier liegt der Levy-Nathan
Ein Huene von Gestalt
Es machte ihn sein Wesen
Beliebt bei Jung und Alt

Doch eines schoenen Tages
Fiel er in schlechte Haende,
Sank tiefer immer tiefer,
Rasch ging’s mit ihm zu Ende.

Er ward dem Trunk ergeben
Balance ging zum Teufel
„Es ist der Levy-Nathan
Versoffen ohne Zweifel.“

Anmerkung: Der Nachruf ist maschinengeschrieben. Umlaute gab es auf der Maschine nicht.

Krankenstation, Internierungslager Fort Oglethorpe, Georgia, 1919
Krankenstation im Lager Fort Oglethorpe, Georga; Fotograf: Sgt. McGarrigle, United States Army Signal Corps, Aufnahmedatum: 3. Mai 1919; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:War_prison_barracks_at_Fort_Oglethorpe,_Ga._Hospital_in_prison_barracks_-_DPLA_-_36be418232a45d9540c15c0264645db8.jpg

Ungewissheit

Eine schwierige Situation entstand nach dem Waffenstillstand am 11. November 1918.

Der Krieg war vorbei, aber die Gefangenen wussten nicht, wie lange ihre Inhaftierung noch andauern würde. Diesen Zustand mussten deutsche Internierte in allen Erdteilen aushalten, da die Organisation des Rücktransportes Zeit in Anspruch nahm und schlicht die Schiffskapazitäten für die Rückführung nicht vorhanden waren.

Von den 4000 Inhaftierten konnten 3600 im Sommer 1919 Fort Oglethorpe verlassen, nachdem sie zustimmten, nach Deutschland bzw. Österreich-Ungarn ausgeschifft zu werden.

Etwa 400 Gefangene wollten in den USA bleiben und suchten schriftlich nach Fürsprechern. Nach und nach wurden sie auf Bewährung entlassen. Das Lager Fort Oglethorpe wurde offiziell im April 1920 geschlossen.

Max von Recklinghausen, Holzschnitt, Strasse im Lager Fort Oglethorpe, 1917-1919
Fort Oglethorpe, Holzschnitt aus der Lagerzeitung Orgelsdorfer Eulenspiegel von Max von Recklinghausen, Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:24-01-010-print.jpg

Für interessierte Leser

Erich Posselt, der Herausgeber des Orgeldorfer Eulenspiegels, hat 1927 einen Artikel über seinen Aufenthalt im Lager Fort Oglethorpe in der Zeitschrift American Mercury veröffentlicht.

Erich Posselt, Prisoner of War No. 3598, in American Mercury, 1927, V. 11, S. 313-323; University of California, abgerufen über Hathitrust https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=uc1.32106019601175&seq=321 am 23.07.2026

Kursk 1919 German deportees

Die Abschiebung Deutscher aus Australien

Rücktransport nach Deutschland (1919/1920)

Titelbild:
Abgeschobene Deutsche auf der “Kursk“, 1919, Quelle: Australian War Memorial, HO4148, public domain

Deutsche in Australien am Ende des Ersten Weltkrieges

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden 6150 Personen, überwiegend Deutsche und Deutschstämmige, aus Australien abgeschoben. Ebenso betroffen waren Staatsangehörige Österreich-Ungarns.

Von den 6150 Menschen waren 5414 in Lagern interniert gewesen. Die übrigen waren Familienmitglieder (Frauen, Kinder), die vom Verteidigungsministerium (Defense Department) ebenfalls aufgefordert wurden, das Land zu verlassen.

Über 1000 Personen legten Beschwerde gegen die Abschiebung beim Commonwealth Alien Board ein, allerdings wurde nur 306 Anträgen stattgegeben.

Darunter waren 179 Personen, die vorher die australische Staatsbürgerschaft angenommen hatten oder in Australien geboren waren.

Alle anderen mussten das Land verlassen.

Quelle: http://www.migrationheritage.nsw.gov.au/exhibition/enemyathome/holsworthy-internment-camp/index.html

Darling Harbour, German deportees, 1919

Darling Harbour, Sydney, australische Soldaten bewachen die Ankunft eines Zuges mit deutschen Gefangenen am Kai bei der Einschiffung auf die „Kursk“; Quelle: Australian War Memorial, HO4144; public domain.

Die Abschiebung

Für den Rücktransport der unerwünschten Personen nach Europa waren von der australischen Regierung zehn Schiffe vorgesehen.

Offiziell trugen die Schiffe die Bezeichnung H.M.A.T., also His Majesty’s Australian Transport, zum Beispiel H.M.A.T. „Rugia“. Der Einfachheit halber lasse ich diese Bezeichnung in der Folge weg.

Ships for transport of German deportees 1919

Liste der Schiffe für den Rücktransport Deutscher aus Australien in den Jahren 1919/1920; Quelle: Australian War Memorial, AMW2019.8.46

Zielhafen der Schiffe war zunächst Rotterdam, da die britische Seeblockade deutscher Häfen bis über die Mitte des Jahres 1919 hinaus andauerte.

In der Folge gebe ich einige Informationen zu den Schiffen und den Fahrten. Es handelt sich dabei um ausgewählte Beispiele. Weder sind alle Schiffe erwähnt, noch alle Fahrten. Diese sollten sich bis in die Mitte des Jahres 1920 hinziehen und einige Schiffe unternahmen mehrere Fahrten.

Ferner habe ich darauf verzichtet, die Ankunftsmeldungen der Schiffe in den niederländischen Medien zu übersetzen. Ich denke, man kann den Inhalt auch ohne Kenntnisse des Niederländischen zumindest grob verstehen.

Das Lager Holsworthy, in dem viele Deutsche gefangen waren, bestand noch bis in das Jahr 1920 fort, der letzte Gefangene verließ das Lager am 5. Mai 1920.
Quelle: Holsworthy Internment Camp during Word War I, Beverley Donald 2014; dictionaryofsydney.org

Der Krieg war zu diesem Zeitpunkt fast achtzehn Monate vorbei.

„Willochra“

Das erste Schiff, dass Gefangene nach Rotterdam brachte, war die „Willochra“. Die Abfahrt aus Sydney war am 22. Mai 1919.

Dieses Schiff ist in australischen Unterlagen ebenfalls als His Majesty’s Australian Transport bezeichnet, dabei muss es eigentlich H.M.N.Z.T. heißen, also His Majesty’s New Zealand Transport.

Die „Willochra“ diente im Ersten Weltkrieg nämlich als Truppentransporter für neuseeländische Soldaten.

Auch im Sommer 1919 war das Schiff in Wellington abgefahren und hatte etwa 300 Gefangene an Bord, die aus Neuseeland abgeschoben worden waren. In Sydney wurde die „Willochra“ mit Deutschen „aufgefüllt“.

Zuvor mussten zahlreiche Österreicher, die von Neuseeland mit der „Willochra“ gekommen waren, das Schiff verlassen und wurden per Zug ins Holsworthy Camp gebracht. Für sie war ein anderer Transport nach Europa vorgesehen. (Quelle: The Sun, Sydney, 27. Mai 1919)

Austrian Internees 1919 Sydney harbour

Österreichische Gefangene gehen in Sydney von Bord der „Willochra“, The Sun, Sydney, 27. Mai 1919, S. 8. Die schwarzen senkrechten Streifen an der Schiffswand sind Teil des „Dazzle Painting“, einem Camouflage-Anstrich mit geometrischen Mustern.

Willochra

„Willochra“ in Camouflage, Quelle: Mackrell Papers, Manawatuheritage.pncc.govt.nz; ID 2018P_Mackrell-PapersS5F2_024577

Die Zeitung De Maasbode berichtete am 18. Juli 1919 über die Ankunft der „Willochra“ in Rotterdam und kündigt das nächste Schiff, die „Kursk“ an:

Willochra, Rotterdam, 1919

Zeitungsartikel über die Ankunft der „Willochra“ und die erwartete Ankunft der „Kursk“ in Rotterdam; De Maasbode, 18. Juli 1919, S. 3; http://www.delpher.nl

Die „Willochra“ fuhr am 20. Juli von Rotterdam nach London weiter, die begleitenden britischen Wachmannschaften gingen am 21. Juli 1919 in Tilbury von Bord.

Willochra

Die „Willochra“ in „zivilem Anstrich“, Aufnahme von Allan C. Green, Datum unbekannt (wahrscheinlich vor 1914), Quelle: State Library Victoria, BIB ID 1651329.

„Kursk“

Eine Woche nach der „Willochra“, am 29. Mai 1919, verließ die „Kursk“ den Hafen von Sydney. Sie erreichte Rotterdam am 28. Juli 1919.

Die „Kursk“ war ursprünglich ein russischer Passagierdampfer der Russian American Line. Nach der Oktoberrevolution kam das Schiff unter britische Flagge. Im Jahr 1921 wurde die „Kursk“ ein Schiff der Baltic American Line und in „Polonia“ umbenannt.

An Bord der „Kursk” befand sich auch Professor Erich Hupka, über den ich hier im Blog berichtet hatte, da er kurze Zeit im Hafen von Colombo auf dem Frachtdampfer „Fürth“ festgesetzt worden war: Wie ein bekannter deutscher Physikprofessor auf die „Fürth“ kam

„… Familie Hupka verließ Australien zusammen mit vielen weiteren Kriegsgefangenen am 29. Mai 1919 auf dem Truppentransporter „Kursk“, einem ehemaligen russischen Auswandererschiff. Auf dem überbelegten Schiff waren die hygienischen Zustände katastrophal. An den Folgen einer auch aus diesen Gründen an Bord ausgebrochenen Lungenpest verstarb unter anderem auch Dr. Erich Hupka. Er wurde zwei Stunden später in Höhe der südafrikanischen Stadt Durban dem Meer übergeben.“
Zitat aus: Deutsche im Ersten Weltkrieg in Ostasien und Australien von Gerhard Dannemann, 2018, Book on Demand (abgerufen über books.google.fr).

Ehefrau Therese kehrte mit ihrem Sohn Herbert über Rotterdam nach Oberschlesien zurück.

Kursk 1919, at sea

Die „Kursk“ auf See. Das Foto wurde während der Stunde aufgenommen, an denen die Männer einmal täglich ihre Ehefrauen (und Kinder) besuchen konnten. Quelle: Australian War Memorial, HO4145; public domain.

Kursk 1919, Durban, Johann Petersen, Gneisenau

Trauerfeier für den an Bord der „Kursk“ gestorbenen Torpedomatrosen von SMS „Gneisenau“ Johann Petersen in Durban; Quelle: Australian War Memorial, HO4149, public domain.

Petersen (geboren in Kiel am 14.3.1892) wurde auf dem Friedhof in Durban begraben; neben ihm Georg Boysen aus Flensburg. Insgesamt waren an Bord sechzehn Todesopfer zu beklagen.
Siehe dazu auch : https://historischer-kreis.de/erinnerungen-an-die-spanische-grippe-vor-101-jahren/

Kursk, Durban 1919

Während des Aufenthalts der „Kursk“ im Hafen von Durban wurden die deutschen Gefangenen täglich an den Strand „Bluff Beach“ begleitet. Quelle: Australian War Memorial, HO4146, public domain.

„Tras-os-Montes“

Das Schiff “Tras-os-Montes“ ist hier im Blog unter seinem alten Namen „Bülow“ hier im Blog schon einmal kurz erwähnt worden.

Die „Bülow“ war ein Schiff des Norddeutschen Lloyd Bremen, das bei Ausbruch des Krieges in Portugal festgehalten worden war und dann 1916 von Portugal übernommen wurde und den neuen Namen „Tras-os-Montes“ erhielt.

Der von der „Bülow“ abgemusterte Schlachter Max Heigold hatte sich mit dem Schmied Max Benkert Anfang Juli 1914 in Antwerpen an Bord der „Neumünster“ geschlichen. Die beiden blinden Passagiere hatten sich am 5. Juli 1914 bei Kapitän Herrmann gemeldet. SIEHE: Aus dem Logbuch des Schiffes „Neumünster“

Die erste Abfahrt der „Tras-os-Montes“ aus Sydney scheiterte, da kurz danach die Spanische Grippe an Bord ausbrach und das Schiff nach Sydney zurückkehren musste.

Tras os montes, spanish flu, 1919

Nach einem Influenza-Ausbruch musste die „Tras-os-Montes“ nach Sydney zurückkehren, Algemeen Handelsblad, 24. Juni 1919; http://www.delpher.nl

Die „Tras-os-Montes“ verließ Sydney schließlich am 9. Juli 1919. Über Albany und Port Natal (Durban) lief sie nach Rotterdam und schließlich nach London (Tilbury). Die Wachmannschaften verließen dort am 6. September 1919 das Schiff.

“Ypiranga”

Die “Ypiranga” verließ Sydney am 12. August 1919 und erreichte Rotterdam am 10. Oktober mit 943 Deutschen, davon 839 Männer, 60 Frauen und 44 Kinder.

Ypiranga 1919 in Rotterdam

Ankunft der “Ypiranga” in Rotterdam, Nieuwe Rotterdamsche Courant, 10. Okt. 1919; http://www.delpher.nl

Weitere Schiffe

Zum Abschluss dieses Artikels noch einige Meldungen aus der niederländischen Presse über die Ankunft anderer Schiffe mit deutschen Gefangenen in Rotterdam. Es sind dies die „Windhuk“, die „Rio Negro“, die „Valencia“ und die „Rugia“.

Die Abschiebung dauerte bis in den Sommer 1920 an. Laut The Australasian vom 12. Juni 1920 verließen 29 Deutsche mit dem Schiff „Main“ Australien.

Windhuk ship 1919

De Tijd: godsdienstig-staatkundig dagblad, 11.12.1919

Rio Negro 1919

La gazette de Hollande, 27. Okt. 1919

Valencia 1919

Haagsche Courant vom 12. Dez. 1919

SS Rugia 1919

La gazette de Hollande, 12.12.1919

Demnächst im Blog

Rückkehr nach Deutschland

Die Mannschaften der Deutschen Handelsmarine kehrten nach etwa fünf Jahren zu ihren Familien zurück.

Schwieriger war die Lage für diejenigen, die vor dem Krieg in Australien gewohnt hatten und jetzt in ein für sie fremd gewordenes Land zurückgeschickt worden waren.

Deutschland war nicht mehr das Land, das sie verlassen hatten und unter Millionen Vertriebenen und durch die Wirren des Krieges Geflüchteten waren die aus Australien Abgeschobenen eine kleine Minderheit.

Ihre Schicksale sind im Nachkriegsdeutschland untergegangen.