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Allan's Adelaide

Ein Blüthner-Konzertflügel an Bord der „Fürth“

Ein edles Instrument

Adelaide, im Juli 1914

Am 24. Juli 1914 wurde in Adelaide, Südaustralien eine Kiste mit einem Flügel auf die „Fürth“ verladen.

Um genau zu sein, geht aus dem Artikel The Week’s Shipments in der Zeitung Daily Commercial News and Shipping List in Sydney, vom 4. Aug 1914 auf Seite 19 nur hervor, dass eine Kiste mit einem „Piano“ verladen wurde:

Hamburg: … 1 cs piano

Der Begriff „Piano“ kann im Englischen allerdings sowohl für ein Klavier „upright piano“ oder einen Flügel stehen „grand piano“.

Ein Telegramm klärt auf

Diese Ungewissheit wird durch ein Dokument im Britischen Nationalarchiv beseitigt, dass nähere Angaben zu diesem „Piano“ gibt und es eindeutig als Konzertfügel, also „grand piano“ ausweist (Quelle: The National Archives, Kew, Referenznummer CO323/651/14).

Es handelt sich um ein Telegramm vom Governeur Ceylon’s, Robert Chalmers, an den Minister für Kolonialangelegenheiten, Lord Harcourt, vom 29. Januar 1915:

Die Londoner Niederlassung der Firma Blüthner hatte sich an Chalmers gewandt, um den Konzertflügel zu erhalten, der sich an Bord der „Fürth“ befunden hatte und beschlagnahmt worden war.

Die zeitliche Verzögerung, mit der diese Bitte an den Gouverneur herangetragen wurde, wäre dadurch zu Stande gekommen, so die Angaben im Telegramm, dass der Flügel irrtümlicherweise an die Niederlassung in Hamburg adressiert war und die Londoner Blüthner-Niederlassung nicht darüber informiert war, dass sich das Musikinstrument an Bord der „Fürth“ befunden hatte.

Im Original:

Telegram

The Governor of Ceylon to the Secretary of State for the Colonies.
(Received Colonial Office 4.3 pm 29th January 1915)

S.S. “Furth” condemned cargo contains grand piano consigned Bluthner and Company of Wigmore Street; London Bluthner’s write that this piano consigned by mistake to their agents Hamburg instead of London no claim has been made because they had no knowledge that piano was on “Furth” Attorney General satisfied from papers produced that bona fide mistake made and no enemy interest in piano authority is requested to restore piano subject to payment charges.
CHALMERS

Das Ministerium für Kolonialangelegenheiten fand die Erklärung schlüssig und schenkte der Darstellung der Blüthner-Niederlassung in der Wigmore Street in London Glauben. Dementsprechend kurz viel die Antwort aus, die am 3. Februar 1915 verschickt wurde:

Draft Telegram
to Governor of Colombo

Your telegram of 29 January
piano ex Furth
proposals approved

Damit war der Weg frei, dass die Londoner Niederlassung den Flügel ausgeliefert bekommen konnte.

International Exhibition 1880 Melbourne, German Court, pianos

Ausstellungshalle mit deutschen Klavieren/Flügeln auf der International Exhibition in Melbourne 1880; Fotograf: Ludovico Hart, Quelle: Museums Victoria Collections

 

Die Firma Blüthner – Klavierbautradition seit 1853

Julius Blüthner gründete im Jahr 1863 in Leipzig eine Pianofortefabrik. Die Stadt gehörte zu dieser Zeit zu den Zentren des europäischen Geistes-, Kultur- und Wirtschaftslebens und der Jungunternehmer schaffte es schnell, mit seinen qualitativ hochstehenden Instrumenten große Bekanntheit zu erlangen.

Julius Blüthner wurde Hoflieferant von Queen Victoria, Zar Nikolaus II., dem dänischen König, dem deutschen Kaiser, dem türkischen Sultan wie auch dem König von Sachsen und bereits 1868 begann er, ein internationales Vertriebsnetz zu installieren.

Im Jahr 1914 gehörte zu diesen Vertriebspartnern die Firma Allan’s Ltd. in Adelaide.

Allan's Adelaide

Anzeige der Fa. Allan’s in der Zeitung The Advertiser, Adelaide vom Dienstag den 16. Juni 1914, S. 15 (Ausschnitt), Quelle: trove.nla.gov.au/

Das Musikhaus Allan’s in Adelaide

Allan’s. Ltd. befand sich in der Rundle Street 53 in Adelaide und somit in bester Lage. In dieser Straße befand sich zum Beispiel auch das Kaufhaus Jas. Marshall & Co. SIEHE: Die Fuerth in australischer Werbung

Allan’s Ltd. hatte das Musikhaus 1911 von Howells, Young & Co. übernommen und innerhalb kürzester Zeit seine Verkaufsfläche verdoppelt und auch die Zahl der Angestellten stark vergrößert.

Die Bedeutung eines Klaviers oder eines Flügels in der damaligen Gesellschaft, zumindest in gut bürgerlichen Kreisen, kann daraus abgelesen werden, dass Allan’s in den Tageszeitungen ganzseitige PR-Anzeigen schaltete und auch sonst regelmäßig in großen Anzeigen für sein Haus warb.

So steht eine ganze Seite am Samstag, den 24. Januar 1914 unter dem Titel „A CENTRE OF MUSICAL LIFE “ (The Mail, Adelaide, Seite 7).

Auf dieser Seite macht Allan’s auch vollmundig Werbung für die Klaviere der Firma Blüthner, die er neben anderen Marken in seinem Musikhaus zum Verkauf anbot. In einem Artikel unter dem Titel THE ROMANCE OF PIANOS heißt es:

“The making of the really good pianos is almost a science, some carefully guarded secrets of which are handed down from father to son. Among these stands the Bluthner, recognised through out the world as one of the greatest pianos that human ingenuity has ever produced”

Anzeige Allan’s: The Advertiser Adelaide Di 16. Jun 1914, S. 15,

Rundle Street with shops, department stores and street traffic. Some of the shops from the extreme left are: Barlows Shoes; Coudrey's Chemist; E.S.Wigg & Son, Stationers; The Coliseum, Donaldson's and James Marshall department stores. People are patronising the street fruit and vegetable barrows and strolling past the shop windows. There is one motor car to be seen amongst the horse-drawn traffic (in front of Marshall's). [On back of photograph] 'Rundle street, looking east from King William Street / Nov. 1909 / Near side of Barlow's (on extreme left) is 30 yards east of King William St.'

Rundle Street, Adelaide, Aufnahme Nov. 1909. Quelle: State Library of South Australia, B3542.

Ein Konzert von Mischa Elman in Adelaide

Die Frage, die sich natürlich stellt, ist, warum ein Konzertflügel der Firma Blüthner von Adelaide nach Hamburg bzw. London transportiert wurde.

Eine Verbindung könnte zu einem Konzert bestehen, dass einer der damals bekanntesten Violinisten  der Welt, Mischa Elman, am 16. Juni 1914 in Adelaide gegeben hatte.

Bei diesem Konzert stand ein „Bluthner grand“ auf der Bühne, wie Zeitungsartikel belegen. Allerdings ist es rein hypothetisch, dass es genau dieser Flügel war, der später auf das Dampfschiff „Fürth“ verladen wurde, aber immerhin eine Möglichkeit.

Ein langer, überschwänglicher Artikel im Advertiser ist am Tag nach der Vorstellung voll des Lobes für ein herausragendes Konzertereignis in Adelaide:

THE ELMAN CONCERT.
A MAGNIFICENT RECEPTION.

Mischa Elman, the world-famed young violinist, swayed an immense audience in the Exhibition Building last night by his heaven-sent genius and strong musical personality. …

Offensichtlich war nicht nur der Redakteur des Advertisers vom Konzert überwältigt, sondern auch das ganze Publikum:

Numerous encores were demanded and freely given.

Am Ende des Artikels bekommt auch der begleitende Pianist viel Lob und der Blüthner-Flügel findet Erwähnung:

The accompanist, Mr. Percy Kalin, was a centre of attraction all the evening. He played with masterly intuition, through a programme which would distress many a solo pianist. He was all that could be desired in a difficult position. There was inspiration for him in the shape of a magnificent Bluthner grand worth 400 guineas.

Der Wert des Konzertflügels war also 400 Guineen, wobei 1 Guinee 21 Shilling entsprach oder wenn man dezimal rechnet, wie wir das heute tun, 1,05 englischen Pfund. Auch wenn es die Guinee als Münze bereits 1914 lange nicht mehr gab, hatte sich der Begriff für die Wertangabe von Luxusgütern erhalten.

Die 400 Guineen waren jedoch eine bescheidene Summe, wenn man den Wert der beiden Geigen, eine Stradivari und eine Amati, zum Vergleich nimmt, wie es im Artikel der Zeitung „The Mail“ gemacht wurde:


WEALTH ON THE CONCERT PLATFORM
Five thousand pounds would be a conservative estimate of the ‚capital‘ worth of the Mischa Elman concerts. His Strad was valued, at £2,500, his Amati scarcely a penny less, and the great new Bluthner, a noble instrument recently imported by Allan’s, cost £400.
The Mail Adelaide Sa 20.
Juni 1914

Zum Vergleich dazu lag das Gehalt eines Frachtschiffskapitäns im Überseeverkehr, also eines sehr gut verdienenden Mannes, zu dieser Zeit bei etwa 30 Pfund pro Monat.

Nachtrag

Mischa Elman wurde 1891 im Russischen Kaiserreich geboren. 1923 siedelte er in die USA über und wurde amerikanischer Staatsbürger. Er starb 1967 in New York City. Er galt als einer der großen Violinisten seiner Zeit.

Die Firma Blüthner verlor bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges mit dem British Empire ihren wichtigsten Exportmarkt. Das traditionsreiche Familienunternehmen meisterte jedoch diese Krise genauso wie spätere und so finden sich auch heute noch Blüthner-Konzertflügel auf den großen Bühnen der Welt: https://www.bluethnerworld.com/de/

Auch heute hat die Fa. Blüthner noch eine Niederlassung in London: 6 Baker Street, Portman Sq. In acht Übungsräumen kann man dort einen Flügel oder ein Klavier spielen https://www.bluthner.co.uk/.

Die Fa. Allan’s fusionierte 2010 mit einem anderen großen Musikhaus, der Fa. Billy Hyde. Das Geschäft in Adelaide wurde im Januar 2018 endgültig geschlossen. Die Gruppe, die Geschäfte in ganz Australien betrieb, meldete im Sommer 2018 Konkurs an. Damit ist ein über 100 Jahre altes Unternehmen vom Markt verschwunden.

Quellen zu Allan’s: http://www.adelaidenow.com.au/business/sa-business-journal/iconic-adelaide-music-store-allans-billy-hyde-closing/news-story/ef1ce1f49ea88ca89f3086cf994f912a und smartcompany.com.au/industries/retail/music-retailer-allans-billy-hyde-collapses-voluntary-administration/ (beide abgerufen am 8.11.2019)

 

Bluthner, Glens, Melbourne

Blüthner-Flügel bei einem Konzert in Melbourne, 30-er Jahre des 20. Jhdts., Glens war der Vertriebspartner von Blüthner in Melbourne, Quelle: State Library of Victoria, Id H2009.21/75

Dampfschiff Plauen, Stapellauf

Das Schwesterschiff „Plauen“ – ein Nachtrag

Die Namensgebung der Schiffe

Vor einigen Wochen habe ich hier im Blog das Schwesterschiff „Plauen“ vorgestellt. Die Zusammenfassung der Geschichte dieses Dampfschiffes finden Sie hier: Schwesterschiffe der „Fürth“: die „Plauen“

Inzwischen habe ich noch ein paar Nachforschungen in Plauen angestellt, über die heute berichte.

Eine Frage, die mich schon lange interessiert, aber auf die ich bislang keine zufriedenstellende Antwort erhalten habe, ist die, wie die Namensgebung der Schiffe vor sich gegangen ist.

Die „Fürth“

Von dem Schiff „Fürth“, dem Hauptthema dieses Blogs, ist aus der Fürther Stadtchronik Paul Käppners nur dieser Eintrag bekannt:

(26.) Die deutsch-australische Dampfschiffahrtsgesellschaft – Sitz in Hamburg – hat auf Anregung der hiesigen Firma Ullmann und Engelmann einem ihrer Frachtdampfer den Namen „Fürth“ gegeben.
Quelle: http://www.dr-alexander-mayer.de/downloads/chronik-1887-1911.pdf, Eintrag vom 26. Februar 1908

Auch im Stadtarchiv ist über das Schiff „Fürth“ nicht zu finden, außer einer Abbildung des Schwesterschiffs „Hagen“, dass sich aber dort ohne eine Bezugnahme auf das Schiff „Fürth“ befindet.

Ullmann und Engelmann, catalogue 1902

Titelseite des Kataloges der Fa. Ullmann und Engelmann 1902; der vollständige Katalog auf https://optical-toys.com

Die „Reichenbach“

Im Fall des Schiffes „Reichenbach“, ebenfalls einem Schwesterschiff der „Fürth“ liegt die Namengebung noch mehr im Dunkeln. Siehe Schwesterschiffe der „Fürth“: Die „Reichenbach“. Auch in der mit großer Wahrscheinlichkeit namensgebenden Stadt Reichenbach im Vogtland ist das Schiff im Stadtarchiv nicht bekannt. Weitere Nachforschungen in Reichenbach (Vogtland) als auch in Reichenbach am Eulengebirge sind bislang im Sande verlaufen.

Die Reichenbach in Burnie

Mit freundlicher Genehmigung des © Maritime Museum of Tasmania, Cyril Smith Collection vol. 11., https://ehive.com/collections/3906/objects/842355/reichenbach

Die „Plauen“

Einen neuen Anlauf nahm ich dann in der Stadt Plauen, die erst im Jahr 2013 die Patenschaft für eine Einfahrbesatzung des Unterseebootes U36 der Deutschen Marine übernommen hatte und – so mein Gedanke – sich vielleicht auch noch an diese ältere Schiffspatenschaft erinnert.

Leider ist aber auch im dortigen Stadtarchiv nichts über die Patenschaft mit einem Dampfschiff bekannt gewesen. Eine Mitarbeiterin der Stadt war dann so freundlich, meine Anfrage an die Vogtlandbibliothek weiterzuleiten, die über ein vollständiges Archiv der lokalen Tageszeitungen verfügen.

In der Tat kamen dann im Archiv der Bibliothek zwei Artikel ans Licht. An dieser Stelle herzlichen Dank für die Unterstützung aus Plauen.

Beide Artikel sind vom 6. März 1907, dem Tag als auch die Nachricht in den Altonaer Nachrichten erschienen war. Hier nochmal die Meldung aus Hamburg:

Stapellauf
Am Montag mittag fand auf der Schiffswerft zu Flensburg der Stapellauf eines der für die Deutsch-australische Dampfschiffahrtsgesellschaft in Hamburg erbauten Dampfers statt. Er erhielt in der Taufe durch Fräulein Oeberg-Helsingborg den Namen „Plauen“. Die Tragfähigkeit des Schiffes beträgt 7000 Tons.
Altonaer Nachrichten, Mittwoch 6. März 1907, Nr. 109, Morgen-Ausgabe, S. 3

Dampfschiff "Plauen"

Das Dampfschiff „Plauen“, © National Library of Australia (State Library of New South Wales), Reference code 456726

Die lokalen Medien

Die Zeitung Vogtländischer Anzeiger und Tageblatt vom 6. März 1907 berichtete ebenfalls darüber, gibt aber leider keine zusätzlichen Informationen preis:

Plauen auf dem Weltmeere.
Auf der Flensburger Schiffswerft stand am Montag der Stapellauf eines für die Deutsch-Australische Dampfschiffahrtsgesellschaft in Hamburg erbauten Dampfers statt, dessen Tragfähigkeit 7000 Tons beträgt. Das Schiff erhielt den Namen „Plauen“. Quelle: Vogtlandbibliothek Plauen

Interessanter ist der zweite Artikel in der Neuen Vogtländischen Zeitung vom 6. März 1907:

Stapellauf des Dampfers „Plauen“.
Leipziger Blätter bringen nachstehende Nachricht aus Hamburg: „Auf der Flensburger Schiffswerft stand heute der Stapellauf eines für die Deutsch-Australische Dampfschiffahrts-Gesellschaft in Hamburg erbauten Dampfers statt, dessen Tragfähigkeit 7000 Tons beträgt. Das Schiff erhielt den Namen „Plauen“. Da es neben unserer Spitzenstadt Plauen nur noch ein Plauen bei Dresden gibt, das jedoch seine Selbständigkeit vor kurzem aufgegeben hat, indem es Dresden einverleibt worden ist, so liegt die Vermutung nahe, daß man, vorausgesetzt daß die Nachricht richtig ist, mit der Taufe des Schiffes auf den Namen Plauen unsere Stadt ehren will. Sonderbar wäre nur, daß man unsere Stadtverwaltung von der Ehrung nicht in Kenntnis gesetzt hat. Sonst ist es Sitte, daß auf diese Weise zu Ehrenden erst um ihr Einverständnis befragt und auch zur Schiffstaufe eingeladen werden. Das ist in diesem Falle jedoch nicht der Fall gewesen, weshalb die Nachricht für Plauen und seine Stadtverwaltung mindestens eine kleine Überraschung ist.“ Quelle: Vogtlandbibliothek Plauen

Fragen bleiben offen

Der Artikel drückt viel Skepsis und Unglauben aus: „Leipziger Blätter bringen…“ oder „vorausgesetzt, daß die Nachricht richtig ist“; die Redakteure hatten also definitiv noch nichts von dem Schiff „Plauen“ gehört.

Das im Artikel genannte Plauen bei Dresden hatte im Jahr 1900 gerade einmal 12.000 Einwohner, war aber bereits am 1. Januar 1903 zu Dresden eingemeindet worden. Industrie oder Handel, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Australien exportiert haben könnten, konnte ich dort nicht aufspüren.

Außerdem hatte die Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft ihre Schiffe nach solchen Städten benannt, „die im Baedeker nicht gerade zu den empfohlenen Reisezielen zählen, dafür aber Standorte großer Industrieunternehmen waren“. Zitat R. Schmelzkopf, Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft, Hamburg 1888-1926 (1984). Damit fällt die Wahl sehr eindeutig auf Plauen im Vogtland.

Die zu Beginn gestellte Frage, wie denn die Patenschaft und die Schiffsbenennung zustande kam, ist leider nach wie vor unbeantwortet, einzig die Stadtverwaltung und die Lokalpresse können wir nun in diesem Fall ausschließen.

Estertalbrücke und Barthmühle bei Plauen

Elsterthalbrücke und Barthmühle bei Plauen, ca. 1890 -1900, Detroit Publishing Co., Views of Germany; Quelle: Library of Congress, https://lccn.loc.gov/2002720601

Das Schiff „Remscheid“

Auch die ausgebliebene Einladung von Stadtvertretern war zumindest kein Einzelfall. Dazu ein dokumentierter Fall aus Remscheid:

„Auf Drängen der Remscheider Kaufmannschaft wandte sich die Stadt Anfang April 1914 an den Norddeutschen Lloyd und bat um die Benennung eines Dampfers mit dem Namen Remscheid.“

Der Norddeutsche Lloyd (NDL) kam dieser Bitte auch nach, jedoch war man bei der Stadt Remscheid nicht damit zufrieden, dass „nur“ ein Frachtschiff im Ostasienverkehr und kein Passagierdampfer den Namen der Stadt tragen sollte.

„In den nächsten Monaten folgen mehrere Schreiben der Stadt an NDL mit der Bitte, doch einen Passagierdampfer mit dem Namen RS zu versehen. Das wurde aber von NDL abgelehnt. Stattdessen folgte im März 1915 die Information an die Stadt, dass der Frachter inzwischen von Stapel gelaufen sei (die Stadt hatte dazu keine Einladung erhalten).“

Quelle der beiden Auszüge: http://www.waterboelles.de/archives/11862-Als-Schiffe-den-Namen-Remscheid-trugen.html

Die Frage nach einem Fracht- oder Passagierschiff stellte sich bei einer Anfrage bei der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft jedoch nicht; die Reederei hatte das Auswanderergeschäft bereits 1894 eingestellt und nur Frachtschiffe in Verkehr. Siehe dazu den Artikel Plakatwerbung

Anm.: Weitere Infos zum Schiff „Remscheid“ mit zahlreichen Abbildungen: www.messageries-maritimes.org/yangtse2.htm (in französischer Sprache) oder hier: http://www.wikiwand.com/de/Remscheid-Klasse

 

Dampfschiff Plauen, Stapellauf

Anzeige zum Stapellauf der „Plauen“ in den Altonaer Nachrichten vom 06. März 1907; Quelle: theeuropeanlibrary.org

Fräulein Oeberg-Helsingborg

Unbeantwortet bleibt im Fall der Benennung des Dampfschiffes „Plauen“ auch die Frage: Wer war Fräulein Oeberg-Helsingborg?

Dieses Fräulein mit dem ungewöhnlichen Namen hatte nach dem Bericht der Altonaer Nachrichten die Schiffstaufe durchgeführt. Wer könnte sie gewesen sein?

 

Hertz Garveri og Skotojsfabrik, Köbenhavn

Die Fracht der „Fürth“: Häute aus Australien für Schuhe aus Dänemark

A/S Hertz‘ Garveri & Skotojsfabrik

Eine direkte Verbindung

Die Fracht an Bord des Dampfschiffes „Fürth“ lässt sich immer dann am anschaulichsten darstellen, wenn die Warenlieferung einem ganz bestimmten Unternehmen zugeordnet werden kann. Letzte Woche hatte wir das an Hand von Erzen und Konzentraten gesehen: Die Erze an Bord der „Fürth“

Diesmal führt uns die Geschichte des Dampfschiffes „Fürth“ nach Kopenhagen, zur Gerberei und Schuhfabrik A/S Hertz Garveri & Skotøjsfabrik.

Bildnachweis Titelbild: Anzeige von Hertz Garveri og Skotojsfabrik, Kopenhagen, in Isafold (isländische Tageszeitung) Reykjavik, 4. Oktober 1908, S. 248; Quelle: Timarit.is

Belegt ist diese Verbindung zwischen Häuten auf der „Fürth“ und dem dänischen Schuhhersteller durch einen Anspruch, den die Firma an einem Teil der Fracht der „Fürth“ nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs gestellt hatte.

Ein Anspruch, der sich offenbar sehr lange hingezogen hat, den die Datierung von Dokumenten aus dem Britischen Nationalarchiv in Kew läuft bis in das Frühjahr 1917.

Wenn ich die Kurzbeschreibung aus dem Archiv richtig interpretiere, waren die Häute zu diesem Zeitpunkt durch das lange Lagern längst unbrauchbar und dann vernichtet worden und zu allem Überfluss wurden von dem dänischen Unternehmen anschließend auch noch Gebühren verlangt.

Dieser Archiveintrag ist eine Nachricht von Gouverneur Reginald Edward Stubbs in Ceylon vom 4. April 1917 (Nr. 210):

„Ceylon. Prize proceedings: details of charges payable by the claimants in respect of a consignment of hides from SS Furth which were destroyed as being of no value.”
(Ref. CO 323/738/39)

Häute aus Brisbane und Sydney

Mehrere tausend Häute waren in Brisbane und in Sydney auf die „Fürth“ geladen worden (laut Exportmanifest in Brisbane 7083 Stück und in Sydney 5330, plus 200 Stück in Melbourne). Die Exportmeldungen weisen mehrere Versender auf, so dass sicher nur eine Teilmenge dieser Häute für Kopenhagen bestimmt war. SIEHE dazu: Unvollendete Fahrt

Die Häute wurden nass oder trocken transportiert (wet or dry hides). Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Wer das im Detail wissen möchte, hier ist ein Link zu dem Thema: https://www.cargohandbook.com/Hides_and_skins

Gerberei M. Hertz, Kopenhagen, ca. 1888

Die Gerberei M. Hertz im Jagtvej, Kopenhagen, circa 1888; Quelle: commons.wikimedia.org/wiki/File:M._Hertz%27_Garveri_1888.png

Die Gerberei und Schuhfabrik A/S Hertz‘ Garveri & Skotojsfabrik

Die Firma geht auf eine von Abraham Hertz im Jahr 1821 gegründete Gerberei zurück. Die A/S Hertz‘ Garveri & Skotojsfabrik wurde dann 1891 gegründet und 1897 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt.

Für das Jahr 1910 spricht eine amerikanische Marktanalyse der skandinavischen Schuhfabriken von einer täglichen Produktionskapazität von 150 genähten („McKay-sewn“) und 250 Rahmenschuhen (welted).

Das Geschäft befand sich in der Citygade 22 in der Innenstadt Kopenhagens und die Fabrik im Jagtvej 211, ebenfalls in Kopenhagen.

Im Ersten Weltkrieg erfolgt dann ein Zusammenschluss mehrerer dänischer Schuhproduzenten zu einem neuen Unternehmen: M.I. Ballins Sønner & Hertz Garverier og Skøtojsfabriker.

“Consolidation of Danish Leather and Shoe Factories
The earlier talked of consolidation in the leather and shoe industrie; has now been put into effect. The companies joined together are A/S M.I. Ballins Sons, Hertz Tannery & Shoe Factory A/S, the United Shoe factory A/S, and E.F. Jacob and B. Lotinga. The new company that takes over these businesses will have the name M.I. Ballins S
ønner & Hertz Garverier og Skøtojsfabriker.”

Commerce Reports, Band 2, United States, Bureau of Foreign and Domestic Commerce 1918, No. 78, Washington DC, 3. April 1918 (zitiert nach books.google.fr).

Citygade Köbenhavn, 1899

Citygade in Kopenhagen im Jahr 1899, großflächige Stadtsanierung im linken Bildteil, Quelle: commons.wikimedia.org/wiki/File:Citygade_K%C3%B8benhavn_1899.png

Ein spannender Industriefilm

Auf der Internetseite des Dänischen Filminstituts (Det Danske Filminstitut) kann man sich einen vier-minütigen Film aus dem Jahr 1916 anschauen, der die Produktionsprozesse in der A/S Hertz‘ Garveri & Skotojsfabrik zeigt. Es ist ein Stummfilm, Dänischkenntnisse brauchen Sie dazu also keine.

Der Film zeigt die einzelnen Arbeitsschritte in der Gerberei von der Anlieferung der Häute (auf einem Pferdewagen, einzeln als handliche Pakete verschnürt) und gibt einen spannenden Einblick in die damaligen Arbeitsbedingungen, die sicher in Gerbereien anderer Länder sehr ähnlich waren.

Der Film trägt den Titel: Eine moderne Schuhfabrik.

Den Filmtitel finde ich allerdings etwas missverständlich, denn der Film zeigt ausschließlich Arbeiten in der Gerberei. Sehenswert ist er trotzdem.

https://filmcentralen.dk/museum/danmark-paa-film/film/en-moderne-skotojsfabrik

Hertz Garveri Skarvhuset Köbenhavn

A/S Hertz‘ Garveri & Skotojsfabrik, Reinigung der Häute, 1906, Quelle: http://www.heilesen.dk/ahertz/ahfabrik.html

Schöne Fotoalben

Andere Dokumente sind aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg: vier Fotoalben des Unternehmers Alfred Hertz, der selbst viele Aufnahmen in der Fabrik, aber auch von seiner Wohnung, einer Italienreise und anderen Szenen gemacht hat (Fabrikaufnahmen aus dem Jahr 1906).

Hier im Blogartikel beschränke ich mich darauf, zwei Aufnahmen aus der Fabrik wiederzugeben. Empfehlen kann ich den Besuch der Seite

http://www.heilesen.dk/ahertz/index.html

wo Sie die ganze Sammlung betrachten können. Ich finde, es lohnt sich!

A/S Hertz' Garveri & Skotojsfabrik, Köbenhavn, Danmark

A/S Hertz‘ Garveri & Skotojsfabrik in Kopenhagen, Bearbeitung der Häute, 1906, Quelle: http://www.heilesen.dk/ahertz/ahfabrik.html

Wilhelm Merton Frankfurt

Die Erze an Bord der „Fürth“ …

… und die weltweiten Verflechtungen der Metallgesellschaft in Frankfurt/Main

Das Imperium der Familie Merton

Die Auslieferung der Erze in London

Nach der Kaperung der „Fürth“ durch die Royal Navy am 10. August 1914 waren einzig die Erze als Teil der ursprünglichen Ladung an Bord verblieben und wurden mit dem Schiff nach England transportiert.

Von Sydney nach Hamburg bestimmt waren 1010 Tonnen Zinkkonzentrate im Auftrag der Fa. John Paxton. Eigentumsansprüche an diese Erze wurden von der Bank of Australia, einer australischen Geschäftsbank, gestellt.

Auf die Menge von 2000 Säcken Bleikonzentraten, die in Fremantle auf die „Fürth“ kamen, meldete die Fremantle Trading Company Limited Ansprüche an. Diese 1909 gegründete Gesellschaft besaß in Westaustralien einen Tagebau für Eisenerze, Bleiminen sowie einen Erzhandel.

Ein dritter Anspruch auf Ladung kam von der S. & M. Syndicate Limited für 200 Säcke Wolframerze aus Melbourne. Später, im September 1915, wurde dann zwischen Australien und der Britischen Regierung ein Abkommen geschlossen, das den Ankauf aller in Australien gewonnenen Molybdän- und Wolframerze für die Britische Regierung zum Inhalt hatte.

Komplizierte Sachverhalte

Beim vierten Ladungsanspruch auf die Erze an Bord der „Fürth“ beginnt die Geschichte interessant zu werden.

Es geht dabei um 265 Tonnen Bleikonzentrat, die von Sydney für Antwerpen bestimmt waren und um 255 Tonnen Zinkkonzentrate, die von Sydney nach Hamburg transportiert werden sollten.

Der Versand ab Sydney erfolgte im Namen der Australian Metal Co. Ltd. und der Anspruch an der Ladung wurde von der Fa. Henry Merton & Co. Ltd. in London gestellt.

Hier das Schreiben der Fa. Henry Merton & Co. Ltd. an das Colonial Office (Quelle: Britisches Nationalarchiv, Ref. CO 323/649/12):

Henry Merton & Co. Ltd.
2, Metal Exchange Buildings,
Leadenhall Avenue

London 27th November 1914

The Colonial Office, WHITEHALL S.W.

Gentlemen,

ss „Fuerth“

We are consignees of

Lead concentrates 265 12 1 0

Zinc Concentrates 255 11 2 0

by this vessel now arrived in London, and on applying to the Procurator General, have been instructed to apply to you respecting delivery. We shall be obliged by your informing us what proceeding is required to obtain delivery of the goods. Bills of Lading ware forwarded to our solicitors in Colombo to obtain release of the goods, and have not yet been returned.
Yours faithfully,

per pro. HENRY R. MERTON & Co. Ltd.
Unterschriften

Anm.: Das Schreiben ist zweifach unterzeichnet, die Namen habe ich nicht entziffert und auch nicht weiter recherchiert.

Henry R. Merton, London

Anzeige von Henry R. Merton & Co. aus dem Jahr 1903, Quelle: gracesguide.co.uk/File:Im19030411Ir-HRM.jpg

Die Australian Metal Co. Ltd. und Henry Merton & Co. Ltd. in London

Die Australian Metal Co. war kein australisches Unternehmen, wie der Name vielleicht suggeriert. Die Firma wurde vielmehr 1897 von Wilhelm Merton aus Frankfurt gegründet, der auch Mehrheitseigner war. Zwei weitere Teilhaber waren Henry R. Merton & Co. und der Broker Vivian, Younger & Bond.
Quelle: Stefanie Knetsch, Das konzerneigene Bankinstitut der Metallgesellschaft im Zeitraum von 1906 bis 1928, Franz Steiner Verlag Stuttgart 1998, abgerufen unter books.google.fr

Henry R. Merton & Co. Ltd. in London wiederum war ebenfalls eine Gesellschaft im Unternehmensverbund der Metallgesellschaft AG und damit von Wilhelm Merton. Alle Spuren führen uns also nach Frankfurt.

Die Metallgesellschaft

Die Metallgesellschaft AG in Frankfurt wurde im Jahr 1881 von William Ralph Merton, seinem Vater Ralph Merton und Leo Ellinger gegründet. Im Jahr 1912 verfügte das Unternehmen über ein stattliches Grundkapital von 18 Millionen Mark. Auch wenn es sich um eine Aktiengesellschaft handelte, war die Metallgesellschaft ein Familienbetrieb:

„Die Metallgesellschaft war ein typisches Familienunternehmen insofern, als sie nicht nur in Familienbesitz blieb, sondern auch von den Mitgliedern der Eigentümerfamilie gleitet wurde.“
Quelle: ‚Multinationalität hat verschiedene Gesichter‘: Formen internationaler Unternehmenstätigkeit der Société anonyme des mines et fonderies de zinc de la Vieille Montagne und der Metallgesellschaft vor 1914, Susan Becker, Franz Steiner Verlag 2002, abgerufen unter books.google.fr

Patriarch in dem Familienunternehmen war bis zu seinem Tod im Jahr 1916 Wilhelm Merton. Der im Jahr 1848 eigentlich als William Moses geborene Unternehmer englischer Abstammung hatte erst im Jahr 1899 mit seiner Familie die deutsche Staatsbürgerschaft übernommen und war im gleichen Jahr vom jüdischen Glauben zum Christentum übergetreten.

1907 traten Wilhelm Mertons Söhne Alfred und Richard in den Aufsichtsrat ein und man kann sagen, dass „bis zum ersten Weltkrieg ein Geflecht von Merton’schen Tochtergesellschaften, Beteiligungen, Niederlassungen und Vertretungen den gesamten Erdkreis umspannte.“ (gleiche Quelle, S. 79).

Simon Ball, Professor für Internationale Geschichte und Politik an der University of Leeds spricht in einem Artikel der Zeitschrift Enterprise & Society im Jahr 2004 von der Metallgesellschaft sehr bildlich als „The German Octopus
(Enterprise & Society Vol. 5, No. 3 (SEPTEMBER 2004), pp. 451-489).

 

Die Zerschlagung

Zu Friedenszeiten war den Briten die deutsche Dominanz im Metallsektor sicher schon ein Dorn im Auge, aber nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde gehandelt.

„Mit Genehmigung der deutschen und britischen Regierung wurde eine vollständige Lösung unseres und der Metallgesellschaft Verhältnisses zur Henry R. Merton & Co. Ltd., London, herbeigeführt durch Tausch unseres beiderseitigen gesamten Besitzes an Aktien der Henry R. Merton & Co. Ltd. gegen Metallbank- und Metallgesellschaft-Aktien in kleinerem Maßstabe auch andere Aktien und Obligationen.“
HWA, Abt. 119, Nr. 112, Geschäftsbericht der Metallbank und Metallurgischen Gesellschaft von 1915/16 zitiert nach Stefanie Knetsch, Das konzerneigene Bankinstitut der Metallgesellschaft im Zeitraum von 1906 bis 1928, Franz Steiner Verlag Stuttgart 1998, abgerufen unter books.google.fr

Im Verlauf des Ersten Weltkrieges wurde die britische Henry R. Merton & Co. Ltd. dann zwangsliquidiert und reorganisiert. Zwei Nachfolgefirmen gingen aus ihr hervor: die Firmen Gardener & Co. sowie die British Metal Corporation. Später entstand daraus die Amalgamated Metal Corporation Ltd., heute kurz AMC Group.

Die Verflechtungen der Merton-Gruppe beschäftigten die britischen Prisengerichte während des Ersten Weltkrieges reichlich.

Als dann am 6. April 1917 der US-Präsident Woodrow Wilson den Mittelmächten den Krieg erklärte, mussten sich auch die amerikanischen Behörden mit der Metallgesellschaft auseinandersetzen, denn die American Metal Company, kurz AMCO, war ebenfalls ein Tochterunternehmen der Metallgesellschaft AG in Frankfurt.

Durch den Ersten Weltkrieg wurde die Metallgesellschaft AG von ihren ausländischen Ressourcen komplett abgeschnitten.

Henry R. Merton, London

Anzeige von Henry R. Merton aus dem Jahr 1912, Quelle: gracesguide.co.uk/File:Im1912IM-Merton

Ein reiches Vermächtnis

In Frankfurt/Main ist das Vermächtnis Wilhelm Mertons allgegenwärtig. Das Institut für Gemeinwohl, die Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften und nicht zuletzt die Gründung der Universität Frankfurt sind Zeugen eines Unternehmers, der sich mit großem Engagement für seine Heimatstadt einsetzte.

Ausführliche Artikel über Wilhelm Merton und die Familie Merton finden Sie hier: https://frankfurter-personenlexikon.de/

Die Metallgesellschaft AG existierte unter diesem Namen bis in das Jahr 2000. Heute firmiert das Nachfolgeunternehmen als GEA Group Aktiengesellschaft und hat seinen Sitz in Düsseldorf.

Weitere deutsche Metallhändler

Zwei weitere deutsche Firmen waren vor dem Ersten Weltkrieg ebenfalls mit führender Rolle in den internationalen Metallhandel involviert. Es waren dies die Firmen Aron Hirsch & Sohn in Halberstadt sowie das Unternehmen Beer, Sondheimer & Co. in Frankfurt.

Auf Aron Hirsch & Sohn werde ich im Rahmen eines Gerichtsprozesses in Australien während des Ersten Weltkrieges zurückkommen.

Titelbild:
Wilhelm Merton, Porträt
Quelle: commons.wikimedia.org/wiki/File:Wilhelm_Merton_(Porträt)

London Docks, 1920, Wyllie

Das Dampfschiff „Fürth“ in London

Großer Andrang in den Tilbury Docks

Am 26. November 1914 war das Dampfschiff „Fürth“ in London angekommen. SIEHE: Kapitän R. J. Thomson überführt das Dampfschiff „Fürth“ von Ceylon nach England

Der genaue Ankunftsort dürften die Tilbury Docks gewesen sein. Darauf weist das Dokument mit der Referenz BT 99/3082 im Britischen Nationalarchiv hin, welches eine Liste von „unnummerierten Schiffen“ mit provisorischer Zulassung mit den Buchstaben D bis I enthält.

Darin findet sich folgender, kurzer Eintrag:

Furth [at Tilbury] prize ship

Der Hafen von Tilbury befindet sich etwa 25 Kilometer flussabwärts vom Zentrum Londons am Nordufer der Themse. Er wurde in den 80-er Jahren des 19. Jahrhunderts gebaut, um die weiter flussaufwärts gelegenen älteren Häfen Londons zu entlasten und den Zugang größerer Schiffe nach London zu ermöglichen. Heute ist Tilbury der wichtigste Hafen Londons.

Mehr Informationen und Bilder zu den Tilbury Docks unter https://www.gracesguide.co.uk/Tilbury_Docks

Im Winter 1914/1915 war der Hafen durch die vielen ankommenden Schiffe völlig überlastet. Auch die Union-Castle Line hatte ihre Dampfer von Southampton in den besser geschützten Hafen von Tilbury verlegt.

Dazu heißt es:

„5th Dec, 1914 – The Star says that the Tilbury Docks are full, and steamers are lying in the river waiting for berths. Owing to the war numbers of vessels were held up for various reasons and arrived together. The Union Castle Company has removed its boats from Southampton to Tilbury.“

Quelle: http://tott.org.uk/port-of-tilbury-military-links-a-time-line-prepared-by-jonathan-catton/

Auch ein Artikel in der Zeitung Essex Newsman spricht von großem Andrang in Tilbury:

CROWDED TILBURY.
Tilbury Docks were never so full of vessels as at present. An Atlantic transport liner has just arrived, with nearly 14,000 tons of American fruit and other cargo; and ships are continuing to come from all over the world.
Essex Newsman, Sa 5. Dez 1914, S.1; The British Newspaper Archive

Ausführlicher ist ein Artikel im Liverpool Echo vom 4. November 1914:

CONTRAST TO HAMBURG. THAMES FULL OF BUSY SHIPPING. The Tilbury correspondent of the “ Star“ states that the docks wore so full of vessels as at present. The berths are all fully occupied, and there are several steamers lying in the river waiting for berths until the ships in the docks have finished discharging. This is due to the war, because numbers vessels have been held up for various reasons and have arrived together. Then the Union- Castle Line have had to remove their boats from Southampton to Tilbury, and there are two of them discharging there now. One the Atlantic Transport liners has just arrived with nearly 14,000 tons American fruit, and other cargo, and ships are continuing to arrive from all over the world. It is also impossible to hire barge, and the Sheds are crammed with goods. Men have come from London to work as dock labourers, and agricultural labourers from rural Essex have found their way to the docks to work cargoes.
Liverpool Echo, Fr 4. Dez 1914, S. 6; The British Newspaper Archive

Dieser Artikel reist auch eine Problematik an, mit der die Handelsschifffahrt im Ersten Weltkrieg generell konfrontiert war: dem Mangel an qualifiziertem Personal. Viele Seeleute waren in die British Navy oder andere Flotten eingetreten und fehlten nun an Bord der Handelsschiffe.

In den Häfen war die Situation nicht besser: viele zur Marine oder Armee gegangene Stauer fehlten auch hier. Eingespielte „Gangs“ von Stauern wurden zerrissen und das Be- und Entladen der Schiffe übernahmen oft fachfremde Arbeitskräfte, mit Konsequenzen für die Liegezeiten sowie für die Sicherheit von Schiff und Ladung.

Tilbury Docks, London, William Lionel Wyllie

Tilbury Docks, London, Anf. 20. Jh., Aquarell von dem Marinemaler William Lionel Wyllie, Quelle: commons.wikimedia.org/wiki/File:Tilbury_RMG_PW0845.jpg

Das Entladen der „Fürth“

Das Entladen der „Fürth“ hatte die Admiralität dem Unternehmen T & J Harrison anvertraut. Eine Beschreibung dieser Reederei gibt es hier: Ein Logbuch der „Fürth” in Liverpool

Mr Ward von T & J Harrison informierte darüber das Colonial Office, genauer gesagt Herrn C.B.L. Tennyson, juristischer Mitarbeiter im Colonial Office.

Gemäß den Instruktionen der Ceylonesischen Kolonialregierung sollte T & J Harrison alle Waren an Bord der „Fürth“ ausliefern, bis auf 1200 Tonnen Konzentrate, die auf Anweisung des Prisengerichts in Colombo eingelagert werden mussten.

C.B.L. Tennyson Esq.
November 25th. 1914.
s.s. “FURTH”

Mr. Ward of Messrs. T. & J. Harrison informs me that the steamer is due to-day, and in accordance with instructions from the Ceylon Government he will deliver the cargo to the respective Consignees, with the exception of 1200 tons of Concentrates which are to be held to the order of the Marshal of the Ceylon Prize Court. He will pay off the officers and crew and after the discharge has been completed will render to the Crown Agents an account for the expense of the voyage.
Expense will no doubt be incurred in the storage of the Concentrates, so an early decision as to the disposal is desirable.
Quelle: Britisches Nationalarchiv, Akte CO 323/625/70

Anm.: In diesem Schreiben wird die Ankunft der „Fürth“ für den 25. November angekündigt, laut Zeitungsmeldungen erfolgte die Ankunft dann jedoch erst am 26. November 1914.
Die Abkürzung Esq. steht für Esquire und ist ein Höflichkeitstitel.

Greenland Dock, London

Das Greenland Dock in London, 1927, Quelle: commons.wikimedia.org/wiki/File:Greenland_dock_1927.jpg

Herr Boret bietet seine Dienste an

H. D. Boret war der Londoner Agent der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft (DADG). Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges dürfte er damit arbeitslos geworden sein, außer er vertrat noch andere Schifffahrtslinien, die nicht dem Deutschen Reich oder seinen Verbündeten zugehörig waren.

Aus einer Anzeige vom 7. Januar 1914 in der Birmingham Daily Post geht hervor, dass er Werbung für Reisen nach Windhuk machte (Quelle: The British Newspaper Archive). Leider ist nicht angegeben, welche Linie er für diese Reisen vertreten hat. Es ist jedoch nahe liegend, dass auch dies eine deutsche Reederei war, denn Windhuk lag zu diesem Zeitpunkt in Deutsch-Südwestafrika.

Am 27. November 1914 adressierte er einen Brief an Mr. Moggridge vom Board of Trade und bot seine Unterstützung beim Abladen des Dampfschiffes „Fürth“ an:

„As for getting on for 30 years, I have been representing this Company’s interests here – of which this steamer is one of its fleet – might I be permitted to act in the matter of her discharge, as naturally I am familiar with all the details and the general procedure, and further , quite apart from the business aspect, am particularly anxious to help in every way possible the many firms who have for so long been supporting the Line.”
Quelle: The National Archives, Kew (London), Referenz CO 323/632/26

Beim Board of Trade wusste man mit dem Schreiben Borets jedoch nichts anzufangen und leitete es an das Colonial Office weiter. Dort verfasste man am 2. Dezember eine freundliche Absage.

Das Schreiben von H. D. Boret kam etwas spät. Die „Fürth“ war schon am 26. November 1914, also einen Tag vor der Absendung des Briefes an den Board of Trade in London angekommen. Außerdem war Boret offensichtlich nicht darüber informiert, das von der ursprünglichen Ladung fast nichts mehr an Bord war. Aber vielleicht wollte er sich auch nur bei den Behörden ins Gespräch bringen und seine Dienste anbieten.

Wenig Informationen

Ansonsten ist über den Agenten Boret wenig zu erfahren. Sein Büro war am Billiter Square (No. 9). Damit war er in unmittelbarer Nachbarschaft zu dem Londoner Büro von T & J Harrison und auch in Fußnähe zu Lloyd’s Register.

Nachdem er in seinem Brief 30 Jahre Geschäftstätigkeit für die DADG angibt, muss er von Anfang an (also bei Aufnahme des Australienverkehrs im Jahr 1889) für die DADG tätig gewesen sein und dürfte daher bei Kriegsausbruch mindestens Mitte Fünfzig gewesen sein.

Otto Harms (1933) schreibt über ihn:
„H. D. Boret, welcher auch die Vertretung der Firma August Blumenthal hatte, und damit die der Seglergruppe. Er hat es aber verstanden, beiden Parteien gerecht zu werden und sich als sehr tüchtig bewährt.“
Quelle: O. Harms (1933) Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft, Hamburg (Schröder & Jeve).

Anm.: Mit „beiden Parteien“ meint Harms die Vertreter der Segelschiffreedereien auf der einen und die Dampfschiffreedereien auf der anderen Seite.

August Blumenthal war Spediteur und Reeder in Hamburg mit Sitz am Glockengießerwall 1 (Adressbuch der Stadt Hamburg von 1914, Quelle: agora.sub.uni-hamburg.de)

Tilbury Docks, London

Tilbury Docks, London um 1890, Aquarell von dem Marinemaler William Lionel Wyllie, Quelle: commons.wikimedia.org/wiki/File:Tilbury_RMG_PW0845.jpg

Das Dampfschiff „Fürth“ sieht seinem Schicksal entgegen

Unklar war nach der Ankunft der „Fürth“ noch, was aus dem Schiff werden sollte. Entweder sollte es von der Admiralität als Frachtschiff genutzt oder verkauft werden.

In einem Telegramm der Admiralität an den Gouverneur Ceylons heißt es:

„Admirality will take over and dispose of “Furth”. I assume no order has been made by Colombo Court which will prevent ship being re-chartered or sold by Admirality and proceeds paid into Prize Fund”
Quelle: Telegrammentwurf vom 1. Dezember 1914, British Archives, CO 323/625/70

Die Admiralität hat sich also noch einmal in Colombo rückversichert, dass über das „Schiff“ vom Prisengericht nicht schon anderweitig verfügt worden war.

In einem handschriftlichen Vermerk ist von dem Plan die Rede, die „Fürth“ im Auftrag der Admiralität als Frachtschiff nach Südafrika segeln zu lassen.
(Quelle: British Archives, CO 323/625/70)

So viel sei vorweggenommen: Es wird ganz anders kommen!

Tilbury Docks, London, Ceramic

Die Ceramic in den Tilbury Docks, ohne Jahresangabe (zwischen 1913 und 1940); Quelle: Passengers in History, an initiative of the South Australian Maritime Museum, passengersinhistory.sa.gov.au/file/38822

Die SS „Ceramic“ in den Tilbury Docks

Zum Abschluss für heute noch eine der seltenen Aufnahmen aus den Tilbury Docks zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie zeigt den Hafen mit dem Schiff „Ceramic“.

Die „Ceramic“ war ein großes Schiff mit 18.481 Bruttoregistertonnen und einer Länge von 655,1 Fuß (ca. 200 m). Gebaut wurde sie von Harland & Wolff in Belfast. Sie bot Unterkunft für 600 Passagiere der 3. Klasse. Sie fuhr für die White Star Line im Australienverkehr. Die Jungfernfahrt startete am 24. Juli 1913 in Liverpool und führte über Kapstadt, Albany, Adelaide, Melbourne nach Sydney.

Im Ersten Weltkrieg wurde die „Ceramic“ als Truppentransporter eingesetzt. (Quelle: theshipslist.com, dort auch die weitere Geschichte des Schiffs)

Information zum Titelbild: London Docks, ca. 1920, Schiff Euripides, Gemälde von William Lionel Wyllie, Quelle: commons.wikimedia.org/wiki/File:Docks_RMG_PW1179.jpg
Tilbury Docks, London, William Lionel Wyllie

Kapitän R. J. Thomson überführt das Dampfschiff „Fürth“ von Ceylon nach England

23. Oktober 1914: Abfahrt aus Colombo

Der Frachtdampfer “Fürth” war am 5. Oktober 1914 vom Prisengericht in Ceylon als rechtmäßige Prise bestätigt worden. SIEHE: Das Dampfschiff „Fürth“ wird kondemniert. Danach hätte das Schiff nach England überführt werden können, aber versicherungstechnische Fragen verzögerten das Ablegen um zweieinhalb Wochen. SIEHE: Dampfschiff „Fürth“: Die Abfahrt nach England verzögert sich

Das Abfahrtsdatum aus Colombo ist aus erster Hand bekannt. Die Quelle ist ein Telegramm des Gouverneurs von Ceylon, Robert Chalmers an den Secretary of State for the Colonies, also den Minister für Kolonialangelegenheiten, zu dieser Zeit Lord Harcourt.

Prize ship “Furth“ left here October 23rd for London please make arrangements for taking over ship on behalf of Crown on arrival.
CHALMERS.

Quelle: Telegramm von Gouverneur Chalmers vom 26. Oktober 1914, Britisches Nationalarchiv, Referenznummer CO 323/625/9

Erze und Waren aus Ceylon

An Bord der „Fürth“ waren bei der Abfahrt eine Ladung Erze aus Australien als Teil der ursprünglichen Fracht und etwa 5000 Tonnen ceylonesische Produkte.

Die Erzmengen sind wie folgt dokumentiert (hier auf ganze Tonnen gerundet, die Originalangaben sind auf das Pfund genau):

255 Tonnen Zinkkonzentrate
265 Tonnen Bleikonzentrate
2.000 Säcke Bleikonzentrate
200 Säcke Wolframerz
1.010 Tonnen Zinkkonzentrate

the steamer Furth often transported ores from Australia to Europe

Die „Fürth“ transportierte regelmäßig Erze von Australien nach Europa (Bild Pixabay)

Über die Natur der ceylonesischen Produkte geht aus den Archivunterlagen nichts hervor.

Mit der Übergabe der Waren bei Ankunft in London wurde die Firma Thomas und James Harrison in London betraut:

„The ship is consigned to Messrs: Thomas and James Harrison, Billiter Street …”  

Zu T & J Harrison mehr in einem der nächsten Blogartikel. Das Unternehmen hatte sich um die ordnungsgemäße Auslieferung der ceylonesischen Produkte und einem Teil der Erze zu kümmern. Ein anderer Teil der Erze dagegen mussten zunächst im Namen des Prisengerichtes in Colombo eingelagert werden, bis eine Entscheidung über ihre Auslieferung getroffen wurde.

Colombo Harbour 1915

Colombo Harbour 1915, Quelle: State Library Victoria, Referenz: Image H83.103/163

Direkte Fahrt

Erwartungsgemäß gibt es auf der Reise der „Fürth“ von Colombo nach England nicht viele Zwischenstationen, da das Schiff und die gesamte Ladung für London bestimmt waren.

Dokumentiert ist die Ankunft in Suez vor der Einfahrt in den Kanal unter anderem in der schottischen Tageszeitung Dundee People’s Journal:

Furth s.s., at Suez from Sydney, Nov 7.

Dundee People’s Journal, Sa 14. Nov 1914, S. 10, SHIPPING INTELLIGENCE
Quelle: British Newspaper Archive

Die Angabe “aus Sydney” ist natürlich prinzipiell richtig, allerdings hatte die „Fürth“ Sydney bereits am 18. Juli 1914 verlassen.

Suez canal, about 1880

Auf die Passage des Suezkanals wartende Schiffe um 1880, Quelle: commons.wikimedia.org; PortSaid Canal 1880.jpg

Falmouth und London

Bevor die „Fürth“ in London ankam, legte sie noch in Falmouth (Cornwall) an:

FALMOUTH, November 23. – Arrived, Furth, from Colombo for London; ….
The Scotsman, Di 24. Nov 1914, S. 10, SHIPPING INTELLIGENCE
Quelle: British Newspaper Archive

Das Eintreffen in London ist für den 26. November 1914 dokumentiert, zum Beispiel in der Tageszeitung The Scotsman, Edinburgh:

LONDON,
26. … Furth, from Colombo; …

The Scotsman, Fr 27.
Nov 1914, S. 2, SHIPPING INTELLIGENCE
Quelle: British Newspaper Archive

Die Mannschaft von Kapitän R. J Thomson

Dass die Firma T & J Harrison mit der Abwicklung der Ladung bei ihrer Ankunft in London (s. o.) beauftragt wurde, war nahe liegend, denn auch die Mannschaft der „Fürth“ auf dieser Reise sollte von diesem Schifffahrtsunternehmen gestellt werden.

Die Crew war ursprünglich mit dem Schiff „Diplomat“ unterwegs, dass jedoch von dem Kleinen Kreuzer „SMS Emden“ am 13. September 1914 versenkt wurde. Ein Großteil der Mannschaft der „Diplomat“ unter Führung von Kapitän R. J. Thomson erreichte dann über Kalkutta Colombo und übernahm das Dampfschiff „Fürth“ für die Fahrt nach London:

“The SS Fürth was captured by the Royal Navy and subsequently manned by Harrison Line’s officers and crew from the Diplomat. The Diplomat was captured on 13 September 1914 by the German commerce raider, Emden in the Bay of Bengal, and after the crew were transferred to the prison ship Kabinga, the Diplomat was sunk. Upon release in Calcutta, Captain Thomson and most of the crew went to Colombo (16 September 1914) and took over the captured SS Fürth and sailed to London.”

Quelle: National Museums Liverpool, Maritime Archives & Library, T & J Harrison Ltd, Ref.code B/HAR, Acc. No.: MMM.2005.59, abgerufen unter discovery.nationalarchives.gov.uk/ am 9. Oktober 2019.

Die Größe des 1912 gebauten Schiffes „Diplomat“ ist mit 7615 Bruttoregistertonnen (BRT) angegeben (Quellen: theshipslist.com und wrecksite.eu). Die „Diplomat“ war für ihre Zeit also ein großes Frachtschiff, vergleichbar mit der „Australia“ der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft (7480 BRT), siehe: Bordkonzert in Port Pirie. Zum Vergleich dazu das Dampfschiff „Fürth“, das 4229 BRT hatte.

Ein Bild des Schiffes „Diplomat“, Baujahr 1912, scheint nicht zu existieren. Selbst die Webseite des Caledonian Maritime Research Trust (clydeships.co.uk), eine Datenbank aller in Schottland gebauten Schiffe, kann zu diesem Schiff keine Abbildung anbieten. Über die SMS „Emden“ und die Versenkung der „Diplomat“ mache ich demnächst noch einen eigenen Artikel.

Weitere Quellen bestätigen Kapitän R. J. Thomson

Im Britischen Nationalarchiv gibt es zwei Dokumente, die ebenfalls Kapitän R. J. Thomson als Kapitän der „Fürth“ im Oktober/November 1914 dokumentieren: Das erste ist ein Antrag auf die Zahlung eines Bonus für den Kapitän, datiert vom 6. April 1915:

Ceylon. Prize steamer Furth: question of payment of a bonus to the ship’s commander.
Original Correspondence From: Crown Agents, Folio(s): 434-437 (Ref. CO 323/665/63).

Das zweite Dokument ist die Zurückweisung dieses Antrags vom zuständigen Gouverneur (Mai 1915):

Ceylon. SS Furth: decision by the Governor not to support the proposed payment of a bonus to Captain R J Thomson for his appointment as master of the ship; includes a copy of a letter from Mr F Bowes, Principal Collector of Customs.
Original Correspondence From: Governor Chalmers, Despatch No 345 (Ref. CO 323/654/69).

Anm: Diese Dokumente habe ich den National Archives in Kew nicht eingesehen, eventuell geben die Originale mehr Auskunft über die Person des Kapitäns R. J Thomson.

Ein geradezu sensationelles Originaldokument

Hier im Blog geht es demnächst weiter mit einer Vorstellung der Reederei T & J Harrison. In den Archivunterlagen des Unternehmens befindet sich ein echter schiffshistorischer Schatz für die Rekonstruktion des Dampfschiffes „Fürth“ im Jahr 1914.

Ankunft in London

Später dann die Ankunft der „Fürth“ in London, genauer gesagt in den Tilbury Docks. Bei dieser Gelegenheit werden wir auch den Londoner Agenten der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft kennen lernen.

Bildnachweis Titelbild:
Tilbury Docks, London, Anf. 20. Jh., Aquarell von dem Marinemaler William Lionel Wyllie,
Quelle: commons.wikimedia.org/wiki/File:Tilbury_RMG_PW0845.jpg
colombo harbour, panorama from GOH, 1907, colored postcard

Dampfschiff „Fürth“: Die Abfahrt nach England verzögert sich

Versicherung von Schiff und Fracht

Zusage aus London steht aus

Am 5. Oktober 1914 wurde das „Dampfschiff „Fürth“ vom Prisengericht in Colombo als rechtmäßige Prise erklärt und ging damit in das Eigentum der britischen Krone über. SIEHE: Das Dampfschiff „Fürth“ wird kondemniert

Der Abfahrt des Schiffes nach Großbritannien stand also eigentlich nichts mehr im Wege… eigentlich.

Truppen oder Fracht?

Zunächst war beabsichtigt worden, mit der „Fürth“ Truppen nach England zu transportieren.

Auf Ceylon gab es nämlich militärische Reserveeinheiten, die Ceylon Defence Force (CDF). Viele Freiwillige dieser Einheiten reisten nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges nach England und schlossen sich der British Army an.

Der Plan, das Dampfschiff „Fürth“ für den Transport von Truppen zu nutzen und das Schiff im Konvoi mit anderen Schiffen segeln zu lassen, wurde jedoch wieder fallen gelassen.

colombo harbour, penfield 1907

Pier in Colombo, Abbildung aus dem Buch „Wanderings East of Suez in Ceylon, India, China and Japan“ von F. C. Penfield, 1907, Quelle: commons.wikimedia.org/wiki/File:Wanderings_east_of_Suez_in_Ceylon,_India,_China_and_Japan_(1907)_(14579820968).jpg

Stattdessen sollte das Schiff für den Transport von Waren verwendet werden. Die Waren wiederum sollten aber gegen Kriegsrisiko versichert werden, was jedoch nur möglich war, wenn auch das Schiff selbst gegen Kriegsrisiko versichert war.

Um diese Versicherung hatte sich aber keiner gekümmert, da ja zunächst der Transport von Truppen und nicht der von Waren vorgesehen war.

Dazu heißt es im Original:

„the reason why nothing has been done as regards the insurance of the “Furth” is that it was intended to send the Ceylon contingent by her, and the question of insurance was held up until a decision had been taken as to the transport of the contingent and the possible provision of a convoy. As she is not to be used for the contingent we must proceed with the question of insurance.”

Quelle: Britisches Nationalarchiv, Referenznummer CO 323/625/9; handschriftliche Notiz, die im Ministerium des Secretary of State for the Colonies zur Vorbereitung einer Antwort auf ein Telegramm des Gouverneurs von Ceylon, Robert Chalmers, vom 18. September 1914 verfasst wurde.

Gouverneur Chalmers hatte jedoch Anfang Oktober 1914 noch immer keine Antwort auf die Frage nach der Versicherung der „Fürth“ erhalten, weshalb er am 3. Oktober 1914 noch einmal in London beim Secretary of State for the Colonies nachhakte:

„Should be glad to receive early reply to my telegram of September 21st sent in cypher.“

Gouverneur Chalmers war offensichtlich ungeduldig, er wollte das Schiff möglichst schnell nach London senden.

So folgt bereits am 5. Oktober ein nächstes Telegramm von Gouverneur Chalmers nach London. Es lautete:

“October 5th. Referring to my telegram of September 21st and also to my telegrams of the 3rd October, S.S. “Furth” is being used for cargo and not for contingent. Shipment has been delayed on account uncertainty in regard to insurance. Shall be glad to receive earliest reply by telegram.
CHALMERS”

Colombo harbour 1915

Hafen von Colombo, 1915. Quelle: State Library Victoria, Referenz: H83.103/171

Überfüllter Hafen

Die Situation in Colombo zu diesem Zeitpunkt dürfte schwierig gewesen sein: Die beschlagnahmten Schiffe beanspruchten Platz im Hafen, die abgeladenen Waren der Schiffe mussten in den Lagerhäusern am Hafen eingelagert werden, bis Verschiffer ihre Ansprüche geltend gemacht hatten und vom Gericht darüber entschieden worden ist. Lagerplatz, der den normalen Warenfluss entscheidend behindert haben dürfte. Außerdem stauten sich sicherlich einheimische Waren im Hafen, die für den Export bestimmt waren und nicht abtransportiert wurden, wie dies vorgesehen war.

Das Deutsche Reich als Absatzmarkt war weggefallen und auch auf Ceylon selbst war vieles im Umbruch. Zum Beispiel kam das große Unternehmen Freudenberg in Zwangsverwaltung. Siehe: Freudenberg & Co. in Colombo

Entscheidungsfindung in London und Colombo

In London unterdessen sah man sich beim Secretary of State for the Colonies gezwungen, in der Angelegenheit auch das Schatzamt (Her Majesty‘s Treasury) und die Admiralität zu konsultieren.

In Colombo schaltete sich die Industrie und Handelskammer ein, die darauf hinwies, dass der Abtransport von Waren für Ceylon von enormer Wichtigkeit sei und dass 5000 Tonnen Waren, die mit dem Schiff „Fürth“ nach London gehen sollten, helfen würden, die Verstopfung des Hafens Colombo zu mindern.

Gleichzeitig wies die Kammer jedoch nochmals darauf hin, dass der Schiffskörper selbst versichert sein müsse, denn ohne eine solche Versicherung sei es den Verschiffern unmöglich, ihre Waren gegen Kriegsrisiko zu versichern.

„Chamber of Commerce express gratitude for relief or trade congestion by “Furth” which has 5,000 tons of Ceylon cargo booked for London and mostly already on board ready to sail in a few days. Chamber of Commerce urges imperative agree war risk on hull coming under Government scheme otherwise shippers cannot insure cargo against war risks in usual way. Government only formally insuring their own prize. Chamber of Commerce joins in begging favour of earliest sanction as it is of utmost importance to Ceylon.”
CHALMERS

Quelle: Telegramm von Gouverneur Chalmers vom 10. Oktober 1914, Britisches Nationalarchiv, Referenznummer CO 323/625/9

Colombo Ceylon 1907

Colombo 1907: Queen Street, mit Leuchtturm, Quelle: New York Public Library’s Digital Library, digital ID e75f4360-c5d2-012f-ef16-58d385a7bc34

Abfahrt nach London

Letztlich übernahm der Board of Trade die Versicherung für diesen Fall, auch ohne, dass das Schiff selbst gegen Kriegsrisiko versichert war (war risks scheme).

Schließlich konnte das Dampfschiff „Fürth“ die Reise nach England am Freitag, dem 23. Oktober 1914 antreten:

„Prize ship “Furth“ left here October 23rd for London please make arrangements for takting over ship on behalf of Crown on arrival.
CHALMERS.

Quelle: Telegramm von Gouverneur Chalmers vom 26. Oktober 1914, Britisches Nationalarchiv, Referenznummer CO 323/625/9

Mehr über die Fahrt des Dampfschiffes „Fürth“ nach London demnächst hier im Blog!

Quellennachweis Titelbild:
Colombo, Blick vom Grand Oriental Hotel auf den Hafen, Hafenbehörde rechts in der Bildmitte, kolorierte Postkarte 1907, Quelle: commons.wikimedia.org/wiki/File:Colombo_Harbour_%26_shipping_(NYPL_Hades-2359785-4044550).jpg

Beschreibung Rumfordsche Suppe (Originaltext)

Mannschaftsessen auf dem Dampfschiff „Fürth“: Rumfordsche Suppe

Bordverpflegung

Ausgehend vom kürzlich hier im Blog veröffentlichen Menü der Probefahrt des Dampfschiffes „Hamm“, habe ich recherchiert, was damals an Bord von Schiffen der Marine bzw. Handelsmarine typischerweise auf den Teller kam.

Nachdem uns von Frachtschiffen keine Menükarten vorliegen, wie wir das von den großen Passagierschiffen kennen, müssen wir andere Wege gehen, um herauszufinden, was die Mannschaft auf dem Dampfschiff „Fürth“ als Verpflegung bekam.

Von einigen Gerichten können wir davon ausgehen, dass es sie mit größter Wahrscheinlichkeit an Bord gegeben hat. Zu diesen Speisen gehörte die Rumfordsche Suppe, die im 19. Jahrhundert große Bekanntheit erlangte, heute jedoch weitgehend in Vergessenheit geraten ist.

Die Entstehung der Rumfordschen Suppe

Das Rezept für die Rumfordsche Suppe (oder auch Rumfordsuppe) geht zurück auf Benjamin Thompson, den Reichsgrafen von Rumford, einem Amerikaner, der auf einigen Umwegen nach München gekommen war und dort dem Kurfürsten Karl Theodor von der Pfalz diente.

Reichsgraf von Rumford

Benjamin Thompson, Reichsgraf von Rumford; Quelle: commons.wikimedia.org/wiki/File:Rumford.jpg

Die Suppe wurde von ihm 1795 entwickelt, um zu niedrigsten Kosten die Soldaten der Armee zu ernähren. Später wurde die Suppe auch in großer Menge an Bedürftige verteilt und verbreitete sich von München aus in viele Suppenküchen des von den Koalitionskriegen gegen Napoleon gebeutelten Mitteleuropas.

Auch in dem von Hungersnöten gezeichneten Jahr 1816, das heute noch als „Jahr ohne Sommer“ bekannt ist, da der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora das Wetter in Europa komplett durcheinander gebracht hatte, wurde die Rumfordsche Suppe an viele notleidende Menschen abgegeben.

In der Folgezeit blieb die Rumfordsche Suppe ein Standardessen bei Armee, Marine und überall da, wo viele Menschen günstig verköstigt werden mussten.

Man nehme

Wie es sich für ein einfaches Gericht gehört, sind die Zutaten der Rumfordschen Suppe in der Originalfassung schnell aufgelistet: Wasser, Graupen, Erbsen, Kartoffeln, Salz und Essig.  Das Ganze wurde stundenlang gekocht und dann in Suppenteller auf Scheiben altbackenen Brotes gegossen, damit die Leute auch etwas zum Kauen hatten und damit die Mahlzeit länger vorhielt.

In späteren Jahren wurden am Rezept zahlreiche Verfeinerungen vorgenommen, so dass unzählige Variationen der Rumfordschen Suppe existieren. Laut einer Verballhornung des Namens kam alles hinein, was „rum“ liegt und „fort“ muss.

Rumfordsuppe; Quelle: commons.wikimedia.org/wiki/File:Rumfordsuppe.jpg

Rumfordsuppe; Quelle: commons.wikimedia.org/wiki/File:Rumfordsuppe.jpg

Das Rezept nach Brodmeyer

Wie können wir nun davon ausgehen, dass die Rumfordsche Suppe über einhundert Jahre nach ihrer Erfindung auf dem Speiseplan des Dampfschiffes „Fürth“ stand?

Einen gewichtigen Anhaltspunkt dazu gibt uns ein Kochbuch, genauer gesagt ein Schiffskochbuch. Zusammengestellt und herausgegeben wurde es von Karl J. H. Brodmeyer bei Eckardt & Messtorff, Nautische Verlagsbuchhandlung in Hamburg 11. Es ist ca. 1908 in erster Auflage erschienen und fand großen Anklang bei der Marine, aber auch auf Handelsschiffen.

Es enthält 351 Rezepte und Handlungsanweisungen für die Bordküche. Die einzelnen Kapitel: Suppen, Fleischgerichte, Geflügel, Fische, Gemüse, Kompotts, Salate, Eierspeisen, Soßen, Klöße und Füllsel.

Ein Kapitel hat den sperrigen Namen „Gerichte aus Salz- und präs. Fleisch, sowie Corned Beef und präserviertem Lachs“. Dem Abschluss bilden Getränke sowie ein Kapitel über das Backen an Bord.

Im Kapitel über Suppen finden wir die Rumfordsche Suppe sehr prominent an dritter Stelle. Daher die Annahme, dass die Suppe weiterhin recht beliebt war. Zumindest bei den Kapitänen, denn sie war kostengünstig und bei den Köchen, da leicht zuzubereiten. Ob sie es auch bei der Mannschaft war, muss ich unbeantwortet lassen.

Wenn auch die Zubereitungsarten des Schiffskochbuchs und vor allem die Kochzeiten aus heutiger Sicht recht befremdlich erscheinen, gibt das Rezept einen guten Eindruck, wie man sich eine Rumfordsche Suppe an Bord der „Fürth“ vorzustellen hat:

Ausgangspunkt in dem Rezept bei Brodmeyer ist eine Knochenbrühe.

„Die Suppe wird aus Baten- oder frischen Knochen hergestellt. Man zerhackt die Knochen und setzt sie mit Speck (Speckschwarte und Abfällen) und fein geschnittenen Suppenwurzeln in Wasser zum Kochen an. Die Suppe muß so lange kochen, bis der Speck weich ist. Den Speck nimmt man heraus und ebenso die Knochen, wozu man die Suppe am besten durch ein Sieb laufen läßt. Dann setzt man sie von neuem zum Kochen an. Pro Kopf tut man 50 Gramm gelbe Erbsen, die man den Abend vorher in kaltem Wasser eingequollen hat, und 8 Gramm Graupen in die Brühe. Dann übergießt man pro Mann ungefähr 2-3 geschälte und in Würfel geschnittene Kartoffeln mehrmals mit kochendem Wasser, das man ablaufen läßt, und fügt sie hinzu, wenn Erbsen und Graupen ziemlich weich sind. Die Kartoffeln läßt man in der Suppe gar kochen und würzt mit Salz und gehackter Petersilie.“

Quelle: Schiffskochbuch, Karl J. H. Brodmeyer, 2. Auflage, Eckhardt & Messtorff, Hamburg.

Anm: Im Buch ist kein Jahr angegeben. Die zweite Auflage wird in Antiquariaten meist auf das Jahr 1913 datiert.

Mahlzeit!

Selbst in der Literatur fand die Rumfordsche Suppe Erwähnung. Heinrich Heine zitierte sie in Zusammenhang mit puritanischen Bewegungen in der Gesellschaft folgendermaßen :

„Alle überlieferte Heiterkeit, alle Süße, aller Blumenduft, alle Poesie wird aus dem Leben herausgepumpt werden, und es wird davon nichts übrigbleiben als die Rumfordsche Suppe der Nützlichkeit.“
Quelle: Heinrich Heine über Ludwig Börne, Hamburg 1840 (Hoffmann und Campe, abgerufen über books.google.fr)

Beschreibung Rumfordsche Suppe (Originaltext)

Beschreibung der Rumfordschen Suppe, Auszug aus Benj. Grafen von Rumford kleine Schriften politischen, ökonomischen und philosophischen Inhalts, Band 1, S. 254, abgerufen unter books.google.de

In loser Folge demnächst weitere Rezepte aus Brodmeyers beliebtem Schiffskochbuch.

steamer Maunganui

Von Hamburg mit der „Fürth“ und der „Maunganui“ nach Christchurch

Umladungen nach Neuseeland

Globaler Handel vor dem Ersten Weltkrieg

Ein schönes Beispiel für den weltumspannenden Handel zu Beginn des 20. Jahrhunderts liefert eine Zeitungsmeldung vom 16. Juli 1914 aus Christchurch in Neuseeland.

Es ist eine Importliste von Produkten, die über Umladungen in Australien mit dem Dampfer „Maunganui“ nach Neuseeland gelangten, genauer gesagt nach Lyttelton, einer Hafenstadt bei Christchurch, das selbst keinen Hafen hat.

Unter den Dampfern, die die Waren zunächst von Europa transportierten, sind neben dem Dampfschiff „Fürth“ auch die „Osnabrück“ und die „Ulm“, beides ebenfalls Schiffe der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft.

Deutsche Waren befanden sich sicher ebenfalls an Bord der NDL-Dampfer „Zieten“ und „Westfalen“ (NDL = Norddeutscher Lloyd, Bremen).

Weitere Dampfer, die Waren auf die „Maunganui“ umgeladen hatten: die „Orama“, in Fahrt für die Orient Line (später P&O Line), die „Mongolia“ (P&O Line), die niederländische „Zeelandia“ (Koninklijke Hollandsche Lloyd), der in Melbourne registrierte Dampfer „Karoola“ und die „Ptonus“, ein Schiff, das ich nicht zuordnen kann.

Die SS „Maunganui“

Die im Jahr 1911 in Dienst gestellte „Maunganui“ war für die Union Steam Ship Company of New Zealand im Verkehr zwischen den beiden Kolonien des Commonwealth, Australien und Neuseeland.

Mount Maunganui, wie Maunganui heute heißt, ist ein Stadtteil von Tauranga auf der Nordinsel Neuseelands, ein bekanntes Seebad und liegt am Fuß des gleichnamigen Berges Mount Maunganui.

An Bord der „Maunganui“ am 16. Juli 1914: Kaffee, Schokolade, Mandeln, Tee, Reis, Nudeln, Orangen, Zitronen, Früchte, Genever, Wein, Wachs, Kerzen, Schellack, Blei-Acetat, Papier, Eichenholz, Häute, Öl, Tabak, Zinnbarren, Zinkbarren, Brandy, Salzsäure, Leder und Malzextrakt.

Anm.: Die zu den Produkten gehörenden Mengenangaben sind unten in der Transkription des Originaltextes wiedergegeben.

Nicht dokumentiert ist, welche Waren von welchem Schiff umgeladen wurden. Daher bleibt die Zuordnung reine Spekulation. Vielleicht aus Deutschland an Bord: Wein, Papier, Eichenholz und Malzextrakt?

Sicher ist, dass es die letzte Warenlieferung der „Fürth“ und den anderen deutschen Dampfern für Australien und Neuseeland war.

Zwei Wochen später wurden die weltweiten Handelsbeziehungen deutscher Unternehmen durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs jäh unterbrochen (Die „Fürth“ beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges).

IMPORTS BY MAUNGANUI.

Due at Lyttelton this morning from Melbourne, via Hobart, Bluff, and Dunedin, the Union Company’s intercolonial steamer Maunganui is bringing transhipments ex the steamers Ptonus, Orama, Mongolia, Furth, Osnabruck, Ulm, Karoola, Zealandia, Westfalen, and Zieten. The principal lines are as follow:—13 bags of coffee, 6 cases of chocolate, 6 bags of almonds, 92 packages of tea, 210 bags of rice, 72 bags of macaroni, 107 cases of oranges, 20 cases of lemons, 15 cases of fruit, 50 cases of Geneva, 2 hogsheads of wine, 12 octaves of wine, 8 quarter casks of wine, 141 bags of wax, 300 boxes of candles, 25 casks of shellac, 2 casks of sugar of lead, 14 bales of paper, 135 bales of paper, 346 pieces of oak. 40 bags of hides, 10 barrels of oil, 5 cases of tobacco, 161 lingots of tin, 96 lingots of zinc, 25 cases of brandy, 56 boxes of muriatic acid, 5 bales of leather, and 27 packages of malt extract. The Maunganui will sail this evening for Wellington and Sydney, and will act as the ferry steamer in place of the Wahine, which upon arrival at Lyttelton this morning will be placed in dock for overhaul, resuming in the ferry service on Saturday evening.

The Press, Christchurch, New Zealand, Volume L, Issue 15021, 16. Jul 1914

Quelle: paperspast.natlib.govt.nz

Sehr ausführliche Informationen über das Dampfschiff „Maunganui“ mit vielen Bildern finden Sie hier: https://ssmaritime.com/SS-Maunganui-Cyrenia.htm.

Erstaunlich ist die Lebensdauer des Schiffes: es war bis 1956 in Fahrt und wurde 1957 in Savona (Italien) abgewrackt.

Bildnachweis Titelfoto: State Library of Victoria (Australien) , Referenz H91.108/528

 

Lloyd's Register, 1909-10, steamer Fürth

Die „Fürth“ in Lloyd’s Register

Im Brunel Institute in Bristol

Lloyd’s Register

Das Lloyd‘s Register of British and Foreign Shipping ist das führende Schiffsregister mit Informationen über alle Handelsschiffe.

Gegründet wurde es bereits vor über 250 Jahren:

„Der Name Lloyd’s geht auf das „Lloyd’s Coffee House“ im London des 17. Jahrhunderts zurück. Hier trafen sich Kapitäne, Schiffseigner und Kaufleute. Sie tauschten Neuigkeiten und Informationen rund um den Schiffsverkehr aus. Edward Lloyd sammelte sie und stellte sie seiner Klientel zur Verfügung.

Im Jahr 1760 gründeten die Kunden des Kaffeehauses die Gesellschaft Lloyd’s Register (LR). Auch der Namensteil „Register“ ist historisch: Die Gesellschaft druckte 1764 das erste Schiffsregister der Welt.“
(Quelle:
http://www.lrqa.de/Ueber-LRQA/unsere-geschichte/).

Lloyd's Register steamer Furth

Lloyd’s Register von 1764, Ausschnitt Titelseite, Quelle: Hathitrust Digital Library

In dem jährlich erscheinenden Register sind alphabetisch alle Handelsschiffe aufgelistet. Zu den Zeiten der „Fürth“ erfolgte die Auflistung der Schiffe in zwei großen Kategorien: Segelschiffe und Dampfschiffe.

Das Brunel Institute in Bristol

Das Brunel Institute in Bristol ist dem Museumsschiff „SS Great Britain“ angeschlossen. Die „SS Great Britain“ war das erste aus Eisen gebaute und mit Dampfmaschine angetriebene Schiff, dass den Atlantik überquerte und dies bereits im Jahr 1845! Der Ingenieur Isambard Kingdom Brunel baute auch die „SS Great Eastern“, die das erste Transatlantikkabel verlegte. Über diese technische Meisterleistung habe ich bereits berichtet: Guttapercha und der Tote aus Borneo

SS Great Britain, Bristol

„SS Great Britain“, Achterschiff, Bristol (England), eigene Aufnahme Februar 2019

Ein Besuch der „SS Great Britain“ ist für jeden Technikfan absolut empfehlenswert (https://www.ssgreatbritain.org/).

Im angrenzenden Brunel Institute gibt es eine Bibliothek mit einer großen Sammlung zur maritimen Geschichte, die nach Anmeldung öffentlich zugänglich ist.

Zu dieser Sammlung gehören auch eine große Anzahl an Lloyd’s Registern. Aus der Zeit der „Fürth“ verfügt die Bibliothek über die Ausgabe von 1909-10. Es ist schon ein besonderer Moment, so eine historische und gewichtige Ausgabe von vor über hundert Jahren in Händen zu halten (selbstverständlich mit bereitgestellten Handschuhen), dann vorsichtig auf ein (ebenfalls bereitgestelltes) großes Kissen zu legen und noch vorsichtiger darin zu blättern.

SS Great Britain Bristol, engine room

„SS Great Britain“, Maschinenraum, Bristol (England), eigene Aufnahme Februar 2019

Fortlaufende Nummer 720

Die „Fürth“ finden wir unter der fortlaufenden Nummer 720 zwischen den Schiffen „Fürst Blücher“ und „Furtor“. In der ersten Spalte ist noch das Unterscheidungs-Signal der „Fürth“ angegeben: RPNJ (SIEHE: Das Unterscheidungssignal der „Fürth“).

Die offizielle Nummer (Numero Officiel) ist dagegen nicht eingetragen, diese wäre die 136777 (SIEHE: Das Titelfoto des Blogs).

Anm: Die „Fürst Blücher“ war ein kleines Seebäderschiff in der Ostsee und ist nicht mit dem Passagierdampfer Blücher, das im Hamburger Hafen mit der „Fürth“ kollidiert war, zu verwechseln (SIEHE: Endlich nach Hause!). Außerdem gab es auch Kriegsschiffe mit dem Namen Blücher.

Lloyd's Register 1909, Fürth

Lloyd’s Register, Ausgabe 1909-10; Titelzeile und Eintrag des Dampfschiffes „Fürth“ zusammenmontiert (linke Hälfte der Seite)

In der zweiten Spalte ist unter dem Schiffsnamen der Name des Kapitäns eingetragen (C.B. Sägert, was eigentlich korrekt C. B. Saegert heißen müsste, da er sich nicht mit Umlaut schrieb). Der Zusatz 98-07 bedeutet, dass C. B. Saegert 1898 sein Kapitänspatent erworben hat und er 1907 das aktuelle Schiff, also die „Fürth“ übernahm.

Außerdem ist angegeben, dass das Schiff über elektrisches Licht verfügte (Elec.light). An dieser Stelle wäre ebenfalls vermerkt, wenn ein Schiff eine Funkanlage besaß (Eintrag Wireless), was für die „Fürth“ nicht der Fall war.

Der Eintrag SteelScSr besagt, dass es sich um einen Schraubendampfer aus Stahl handelt. Außerdem sind Angaben zu den Decks gemacht.

Ex-nom, s’il y a lieu : Hier stehen gegebenenfalls frühere Namen des Schiffes, bei der „Fürth“ wird nach der Umbenennung in „Kerman“ (1915) hier „exFürth“ stehen. Dazu später mehr.

Die Tonnage

Diese Angaben erhielt die Klassifikationsgesellschaft von der Schiffsregisterbehörde in Hamburg. Die Netto- und Brutto-Angaben entsprechen dem Schiffsmessbrief (SIEHE: Die Vermessung der „Fürth“).

Als dritte Maßzahl ist die Tonnage unter Deck („sous le pont“) angegeben (3946). Diese Tonnage entspricht den Angaben im Suez-Messbrief der „Fürth“ („Raum unter dem Vermessungsdeck“). SIEHE: Der Suezkanal-Messbrief des Dampfschiffes „Fürth“

Die Klassifikation (Détails de la Classification)

Die „Fürth“ war in der besten Klassifikationsklasse 100A1, etwas ganz Normales für ein neues Schiff dieser Größe im Überseeverkehr.

Das Tatzenkreuz vor der Angabe weist darauf hin, dass der Bau des Schiffes in der Werft unter besonderer Aufsicht durch die Klassifizierungsgesellschaft Lloyd’s erfolgte (special survey). Die „Fürth“ war von Lloyd’s zuletzt im Januar 1909 auditiert worden (Angabe 1,09) und zwar in Hamburg (Ham).

Laut den damaligen Schiffsmeldungen muss diese Überprüfung des Schiffes zwischen dem 2. und 22. Januar 1909 stattgefunden haben, in dieser Zeit lag die „Fürth“ im Hamburger Hafen.

Das Kürzel LMC mit vorgestelltem Tatzenkreuz sagt aus, dass Maschinenanlage und Boiler beim Schiffsbau (8,07 also im August 1907) von einem Sachverständigen geprüft und an Lloyd’s gemeldet wurden.

Lloyd's Register, steamer Fürth

Lloyd’s Register, Ausgabe 1909-10; Titelzeile und Eintrag des Dampfschiffes „Fürth“ zusammenmontiert (rechte Hälfte der Seite)

Werft und Reeder

In den folgenden Spalten finden sich das Datum der Fertigstellung (8/1907), die Werft (Flensburger Schiffsbau Gesellschaft) und der Ort, was zur Doppelnennung von Flensburg führt.

Anschließend ist der Schiffseigner angegeben, die Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft.

Der Platz in der Spalte unten wurde genutzt, um eine Angabe auf die Konstruktion der Ballasttanks zu machen, die über drei Spalten reicht. Bei der „Fürth“ ist der Ballasttank zellenförmig im Doppelboden ausgeführt war (WB=CellDB). Dann folgen die Maße im Achterschiff (aft), unter Maschine und Kessel (E&B für engine und boiler), im Vorschiff (forward). Die Angabe schließt mit der Kapazität der Ballasttanks (1040 t).

Darüber steht die Angabe, das die „Fürth“ über 7 Schotten (bulkheads, BH) verfügt, die mit Asphalt abgedichtet waren (asp = asphalted).

In weiteren Spalten werden Schiffsmaße, Heimathafen (Hamburg) und Nationalität (German) genannt.

Dampfmaschine

Ausführlich sind die Angaben zur Dampfmaschine.  Die „Fürth“ verfügte über eine Dreifach-Expansions-Dampfmaschine mit 3 Zylindern (T3Cy.). Die folgenden Angaben beziehen sich auf Zylinderdurchmesser und Hublänge (jeweils in Inch).

Der Arbeitsdruck des Kessels ist mit 180lb angegeben (Einheit: Pfund pro Quadratinch).

Die Leitung ist mit 473 NHP angegeben. NHP steht für Nominal Horse Power und errechnet sich nach einer Formel, in die Arbeitsdruck, Zylinderdurchmesser, Hublänge und Heizfläche eingehen.

Unter der Angabe « Creux sur Quille » finden wir schließlich die Seitentiefe des Schiffes von 27 Fuß 9 Zoll, eine Angabe, die wir aus dem Bielbrief der „Fürth“ kennen (SIEHE: Der Bielbrief der „Fürth“ und die Eintragung ins Schiffsregister).

Fazit

Aus Lloyd’s Register lassen sich viele Angaben zu einem Schiff herauslesen. Die vielen Abkürzungen machen die Lektüre nicht gerade leicht, aber jedem Band ist zum Glück ein Abkürzungsverzeichnis vorangestellt (key to abbreviations).

Inzwischen sind viele Ausgaben von Lloyd’s Register auch online verfügbar: https://hec.lrfoundation.org.uk/archive-library/lloyds-register-of-ships-online.

Leider gibt es für den Zeitraum von 1900 – 1929 noch eine große Lücke, ausgerechnet in der Zeit, die für die Rekonstruktion des Dampfers „Fürth“ wichtig wäre.

Sollten Sie also Zugang zu weiteren Ausgaben zwischen 1907 und 1929 haben, freue ich mich auf Ihre Scans der Einträge des Dampfschiffes „Fürth“!