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Wie das Dampfschiff „Fürth“ zu seinem Namen kam

Anstelle einer Weihnachtsgeschichte

Achtung: Fiktion!

Vorwort

Der Entwurf zu einem Artikel über die Namensgebung des Dampfschiffes „Fürth“ liegt schon lange in meinem Blog-Ordner. Allerdings ist die Faktenlage sehr dünn, genauer gesagt besteht sie aus einem einzigen Satz in einer Stadtchronik.

Damit lässt sich natürlich kein seriöser, historisch belegbarer Blogartikel schreiben, wie Sie das hier sonst gewohnt sind. So kam mir die Idee, aus der Namensgebung des Dampfschiffs „Fürth“ eine fiktive Geschichte zu machen. Kenner der namengebenden Stadt Fürth werden allerdings bemerken, dass diese frei erfundene Geschichte mit sehr vielen realen Begebenheiten aus der Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts durchsetzt ist.

Aber auch Dampfschifffreunde (jetzt kennen Sie wieder ein Wort mit drei f!) werden einige großartige und bekannte Schiffe der damaligen Zeit in der Geschichte wiederfinden.

Genug des Vorworts, begeben wir uns in den Sommer 1906:

Ullmann und Engelmann, catalogue 1902

Titelseite des Kataloges der Fa. Ullmann und Engelmann 1902; der vollständige Katalog auf https://optical-toys.com

Fürth i. B., den 30. Juli 1906

So ganz konnte und wollte sich Kommerzienrat Justus Ullmann noch nicht an den neuen Namenszusatz „in Bayern“ gewöhnen. Aber nach Beschluss der Ministerialverwaltung vom April sollte die Stadt Fürth nunmehr diese Ergänzung tragen, um Verwechslungen mit anderen Orten gleichen Namens auszuschließen.

Zwar hatte Kommerzienrat Ullmann vor einiger Zeit auch eine dringliche Sendung im Odenwald aufstöbern müssen, aber „sein“ Fürth war nun einmal die mit Abstand größte und bedeutendste Stadt im Kaiserreich mit diesem Namen. Sollten doch die kleineren Orte einen Zusatz erhalten, aber doch nicht „sein“ Fürth!

Im allgemeinen Verkehrsinteresse hieß es, sei der Zusatz zu verwenden und so fügte sich der Seniorchef der Spielwaren-Exportfirma Ullmann & Engelmann diesem Entschluss und begann fortan in seinem Bureau in der Friedrichstraße 15, seine Korrespondenz mit Fürth i. B., auch wenn es ihm innerlich widerstrebte.

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Auszug aus dem Katalog der Fa. Ullmann und Engelmann 1902; der vollständige Katalog auf https://optical-toys.com

Der Brief, den er seinem sprachkundigen und fleißigen Kommis diktieren wollte, war keiner der üblichen Korrespondenz, die er täglich mit Geschäftspartnern in vielen Ländern abwickelte. Deswegen musste er einen Augenblick reflektieren, wie er sein Ansinnen am besten formulieren könne. Er machte sich ebenfalls eine kurze Notiz, beim Nachdruck seiner Briefbögen bei Hermann Schröder in der Rosenstraße den Zusatz „i. B.“ gleich mit eindrucken zu lassen.

Kommerzienrat Ullmann war froh, dass er sich auf seine Mitarbeiter verlassen konnte. Für einen Augenblick schoss ihm eine Episode durch den Kopf, die sich in Fürth im Frühjahr zugetragen hatte. Ein Beamter der städtischen Wasserwerke hatte die erkleckliche Summe von über zwölftausend Mark veruntreut. Erst ein Revisor kam dem Manne auf die Schliche. Er erinnerte sich, die besagte Person im prächtigen Festsaal des Hotels „National“ gesehen zu haben, wo sie sich in großer Gesellschaft sehr spendabel zeigte und Kommerzienrat Ullmann hatte sich damals gefragt, wie gut man wohl bei der Stadt Fürth verdienen möge.

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Auszug aus dem Katalog der Fa. Ullmann und Engelmann 1902; der vollständige Katalog auf https://optical-toys.com

Er dachte wieder an seinen Brief. Der Adressat des Schreibens war Direktor Otto Harms in Hamburg, Vorstand der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft. Mit ihm war Kommerzienrat Ullmann seit vielen Jahren in freundschaftlicher Beziehung und regelmäßigem Kontakt, war die Reederei doch Transporteur für seine Lieferungen nach Australien und sorgte mit ihren zuverlässigen Schiffen dafür, dass seine Waren stets termingetreu ausgeliefert wurden.

Außerdem war Harms ihm bei der Suche nach Geschäftsräumen für seine Hamburger Filiale in der Bergstraße behilflich gewesen, zu dessen Eröffnung er sogar den kurzen Weg von seinem Kontor im Börsenhof herübergekommen war, um ihn persönlich kennenzulernen. Kommerzienrat Ullmann war von dem hanseatischen Kaufmann sofort eingenommen und besonders sympathisch machte ihn die Tatsache, dass er als einer der wenigen Norddeutschen den Namen seiner Heimatstadt kurz und präzise aussprach und kein langgezogenes „Füüürth“ ertönen ließ.

Der australische Markt machte zwar nur einen kleinen Teil seines florierenden Exportgeschäftes aus, erfreute sich jedoch seit Jahren eines kontinuierlichen Wachstums, so dass er in den vergangenen drei Jahren seine Lieferungen verdoppeln konnte. Die Zeichen standen gut, dass sich das Geschäft in den nächsten Jahren weiter positiv entwickeln würde. Außerdem erfüllte es ihn mit einem gewissen Stolz, wenn Kinder am anderen Ende der Welt Freude an seinen Spielzeugen hatten.

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Auszug aus dem Katalog der Fa. Ullmann und Engelmann 1902; der vollständige Katalog auf https://optical-toys.com

Heute wollte sich Kommerzienrat Ullmann jedoch mit einer Bitte an Herrn Direktor Harms wenden und so überlegte er eine ganze Weile, wie er denn seinen Brief beginnen könne. Trotz der guten Geschäftsentwicklung wurmte ihn es innerlich, wenn seine Katalogwaren auf Schiffen wie „Bielefeld“, „Itzehoe“ oder „Offenbach“ nach Australien gelangten.

Viele Städte hatten sich mittlerweile Dampfschiffe zu Botschaftern ihres Namens auserkoren und Kommerzienrat Ullmann fand, dass es Zeit wäre, seine Waren auch auf einem Schiff zu befördern, welches den Namen seiner aufstrebenden Heimatstadt „Fürth“ trug. Schließlich war es nicht nur er; viele Fabrikanten aus Fürth lieferten ebenso Waren in alle Welt und er dachte dabei an seine guten Bekannten Theodor Löwensohn, Oskar Kleefeld und Leopold Bendit.

Eigentlich hatte Kommerzienrat Ullmann den Brief schon früher absenden wollen, aber die vergangenen Monate waren zu ereignisreich. Andere Dinge waren auch schon viel zu lange liegengeblieben.

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Auszug aus dem Katalog der Fa. Ullmann und Engelmann 1902; der vollständige Katalog auf https://optical-toys.com

Im April verstarb unerwartet Heinrich Berolzheimer, der ihm ein väterlicher Freund gewesen war und dessen Ableben ihn sehr schmerzte. Im Mai standen die Hochzeiten bei den Sahlmanns und den Löwensohns in seinem Kalendarium und schließlich galt es ebenfalls noch im Mai, die Jahrhundertfeier in Fürth vorzubereiten. Fürth war jetzt bereits einhundert Jahre beim Freistaate Bayern!

Zu den Feierlichkeiten hatte sich Prinz Ludwig angekündigt und so war verständlicherweise die ganze Stadt in Aufruhr und in höchster Erregung. Natürlich beteiligten sich auch alle bedeutenden Unternehmungen an den Vorbereitungen, um ihre Stadt im besten Lichte erscheinen zu lassen.

In seinem Elternhaus wurde immer noch gerne an ein Ereignis aus dem Jahre 1866 gedacht, als damals König Ludwig II. am 4. Dezember ganz unverhofft und überraschend nach Fürth gekommen war. Die kleine Marie Nathan musste ihm zusammen mit ihrer Freundin den Weg weisen. Anschließend traf der König in der Hauptsynagoge Oberrabbiner Dr. Issak Loewi und zur größten Freude seiner Familie ließ er sich anschließend zu ihren Geschäftsräumen in die Friedrichstraße kutschieren. Er selbst war damals elf Jahre alt und erinnerte sich noch gut an die stattliche Erscheinung des bayerischen Herrschers, der in ihren Räumlichkeiten sichtlich Freude an der Auswahl seiner Einkäufe hatte.

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Auszug aus dem Katalog der Fa. Ullmann und Engelmann 1902; der vollständige Katalog auf https://optical-toys.com

In diesem Jahr, also genau vierzig Jahre später, war der Höhepunkt der Feierlichkeiten die Eröffnung des Berolzheimerianums am 26. Mai. Kommerzienrat Ullmann hätte sich nichts sehnlicher gewünscht, als dass der großherzige Stifter sein Volksbildungsheim noch selbst hätte einweihen können.

Als erstes galt es den Bahnhof zu schmücken, denn Prinz Ludwig sollte mit dem Schnellzug in Fürth eintreffen. Bei Sahlmanns herrschte die größte Aufregung: das Diner mit dem Prinzen sollte in ihrer Villa am Bahnhof stattfinden, wo er auch nächtigten würde. Für die jüdischen Bürger Fürths war es eine außerordentliche Genugtuung, dass der Wittelsbacher nicht im Hotel National logierte, sondern bei der Familie Sahlmann.

Seine Tätigkeit im Theatercomitée beanspruchte ebenfalls mehr Zeit, als Kommerzienrat Ullman voraussehen konnte. Endlich verfügte die Stadt seit nunmehr vier Jahren über eine repräsentative Spielstätte, die durch zahlreiche Spenden aus der Bevölkerung realisiert werden konnte. Auch er hatte sich seinerzeit mit einer stattlichen Summe beteiligt. Aber es hatte sich gelohnt. Die Einweihung dieses prachtvollen Theaters mit der Oper „Fidelio“ am 17. September 1902 war ein voller Erfolg gewesen und er war für einen Moment geneigt, in den Gefangenenchor des ersten Aufzuges einzustimmen, eine vortreffliche Szene!

Jetzt im Laufe des Monats Juli war es etwas ruhiger geworden, die Spendensammlung für den geplanten Bismarckturm auf der Hard kam gut voran und der nächste offizielle Termin in seinem Kalender war erst am ersten September, an dem er zur Eröffnung des neuen Pestalozzi-Schulhauses eingeladen war, einer Schule, die zurzeit etwas außerhalb der Stadt östlich der Erlanger Straße errichtet wurde.

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Auszug aus dem Katalog der Fa. Ullmann und Engelmann 1902; der vollständige Katalog auf https://optical-toys.com

Den letzten Anstoß, den seit langer Zeit geplanten Brief nun endlich nach Hamburg zu senden und den Vorstand Otto Harms um die Benennung eines Australdampfers nach der Stadt „Fürth“ zu bitten, gab dann eine Einladung vom gestrigen Tage.

Der Kanalschiffer Weyermann hatte zu einer sonntäglichen Bootspartie zwischen Doos und Kronach geladen. Sein Schiff „Cäsar“ wurde von Pferden gezogen und Kommerzienrat Ullmann war nach der Fahrt überzeugt, dass sich diese Geschäftsidee in Fürth prächtig entwickeln könne.

Auf dem Kanal wurde hitzig über Sport debattiert. Es ging um die Streitigkeiten zwischen dem TV 1860 und seiner Fußballabteilung, der Spielvereinigung. Zurzeit spielte diese auf einer Wiese am Stadtpark, was freilich keine dauerhafte Lösung sein konnte und die Zahlung einer Pacht für einen Platz an der Vacher Straße wurde den Fußballern von den Turnern, die in der Mehrheit waren, nicht zugebilligt. So wurde eine bevorstehende Trennung beider Vereine als Lösung der unbefriedigenden Situation heiß diskutiert.

Mit freudigen Hipphipphurra-Rufen wurde dann das Schiff Weyermanns nach kurzer Rede festlich eingeweiht und es herrschte eine aufgeräumte und gelöste Atmosphäre. Die Diskussion um die Spielvereinigung war abgeflacht und die „Cäsar“ erreichte Kronach.

Bei der anschließenden Herrenpartie im Gasthaus Weigel hatten sie sich köstlich amüsiert. Vor allem der Name des Schiffes „Cäsar“ gab zu allerlei Spott Anlass. Die Welt war längst im Dampfschiff-Zeitalter angekommen und Herr Weyermann nannte ein antriebsloses, von Treidelpferden gezogenes Holzboot nach dem großen römischen Staatsmann Gaius Julius Caesar! Welch eine Anmaßung!

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Auszug aus dem Katalog der Fa. Ullmann und Engelmann 1902; der vollständige Katalog auf https://optical-toys.com

Danach wurde lebhaft über Schifffahrt diskutiert. Das Blaue Band für die schnellste Atlantiküberquerung stand im Mittelpunkt. Die Runde schwärmte von Schiffen wie „Kronprinz Wilhelm“ oder „Kaiser Wilhelm II.“, beides vorzügliche deutsche Schiffe, die den englischen an Geschwindigkeit überlegen waren und mit denen eine Atlantiküberquerung mit über 23 Knoten in weniger als sechs Tagen bewerkstelligt werden konnte.

Theodor Löwensohn berichtete über die Anstrengungen der Engländer, den Deutschen das Blaue Band abzujagen und über die in Bau befindliche „Mauretania“, die im nächsten Jahr das größte Schiff der Welt werden würde und dessen Fertigstellung ungeduldig erwartet wurde. Die geplante Maschinenleistung von 78.000 PS würde die Atlantikquerung so schnell wie nie zuvor werden lassen! Er sah das Blaue Band für Deutschland in größter Gefahr.

Anschließend sinnierte Oscar Kleefeld, wie lange wohl ein Gespann von 78.000 Pferden wäre und wie viele Fässer Bier es ziehen könne. In solch ausgelassener Stimmung ging es dann am frühen Abend mit der Kutsche nach Fürth zurück.

Die Annehmlichkeiten der gestrigen Schifffahrt auf dem Ludwig-Donau-Main-Kanal und der Herrenpartie im Weigelschen Garten noch vor Augen, setzte Kommerzienrat Ullmann erneut zum Diktat an. Mittlerweile hatte er sich den kurzen Wortlaut des Briefes im Kopf genau zurechtgelegt.

Fürth i. B., den 30. Juli 1906

„Lieber Herr Direktor Harms,

Seit vielen Jahren sind wir nunmehr in freundschaftlichster Weise geschäftlich verbunden. Sie tragen mit ihren bestens ausgestatteten Schiffen und termintreuen Fahrten entscheidenden Antheil, dass sich unsere Geschäfte mit Australien in den letzten Jahren zu unserer besten Zufriedenheit entwickelt haben. Ich sage dies nicht nur als Vorstand der Firma Engelmann & Ullmann, sondern auch für den großen Kranze bedeutender Fürther Unternehmungen.

Zusammen sind wir zu der Auffassung gelangt, dass es an der Zeit wäre, ein Schiff nach unserer aufstrebenden Heimatstadt zu benennen, deren Firmen seit vielen Jahren Waren auf den Australdampfern Ihrer Gesellschaft in die ferne Welt befördern.

Meinen werten Kollegen und mir würde eine außerordentliche Befriedigung zutheil kommen, wenn mein Anliegen bei Ihnen auf offene Ohren stöße.

Ich bin, lieber Herr Direktor Harms,

ergebenst der Ihrige

Kommerzienrat Justus Ullmann“

Epilog

Das Dampfschiff „Fürth“ wurde von der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft im November 1906 bei der Flensburger-Schiffsbau-Gesellschaft bestellt und im August 1907 an die Reederei in Hamburg ausgeliefert. Das Dampfschiff begab sich am 24. August 1907 auf die Jungfernfahrt nach Australien, von der es nach fünf Monaten am 26. Januar 1908 zurückkehrte.

Kommerzienrat Justus Ullmann konnte diese Ereignisse nicht mehr miterleben. Er starb am 26. Januar 1907 im Alter von nur 51 Jahren und wurde auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Fürth beigesetzt.

Die vorliegende Kurzgeschichte ist rein fiktiv, wir wissen aus einem Eintrag in der Käppner-Chronik vom 26. Februar 1908 nur folgendes:

„Die deutsch-australische Dampfschiffahrtsgesellschaft – Sitz in Hamburg – hat auf Anregung der hiesigen Firma Ullmann und Engelmann einem ihrer Frachtdampfer den Namen „Fürth“ gegeben.“

Nähere Einzelheiten dazu sind nicht bekannt.

ENDE

Die Abbildungen im Text stammen aus einer Preisliste der Fa. Ullmann & Engelmann, 1902.
Die komplette Preisliste und noch viel mehr sehr schöne Kataloge aus der damaligen Zeit finden Sie auf der wunderbaren Internetseite Optical Toys – A Virtual Musuem (www.optical-toys.com), der privaten Seite eines Sammlers von Spielzeugprojektoren.
Justus Ullmann, gestorben im Januar 1907

Todesanzeige Justus Ullmann, Berliner Zeitung, 29. Januar 1907

tombstone Justus Ullmann, cemetary in Fürth

Grab von Justus Ullmann, Neuer Jüdischer Friedhof Fürth, eigene Aufnahme 2018

Memeler Dampfboot, newspaper, July 1899

Die Männer der „Fürth“: Ingenieur Max Waldheyer

Der Chefmaschinist aus Memel

Zu den beiden Mannschaftslisten der „Fürth“, die hier im Blog bereits veröffentlicht wurden, kommt jetzt ein erstes Porträt eines Mannschaftsmitgliedes der „Fürth“.

Fündig wurde ich in der Zeitung mit dem schönen Namen Memeler Dampfboot in einer Ausgabe aus dem Jahr 1962.

Anm.: Memel heißt heute Klaipėda und liegt in Litauen.

In der Ausgabe vom 5. Mai 1962 gratuliert die Heimatzeitung der Memelländer dem Maschinenbau-Oberingenieur Max Waldheyer zum 90. Geburtstag.

Max Waldheyer

Auszug aus der Mannschaftsliste, Sydney 21. März 1909, Quelle: http://www.marinersandships.com.au

Auf der Mannschaftsliste der „Fürth“ vom 21. März 1909 ist bei der Ankunft in Sydney, als erster Ingenieur ein M. Waldheyer, Alter 37, verzeichnet. Ohne Zweifel ist dies der in Memel geborene Max Waldheyer, wie der in der Zeitung geschilderte Lebenslauf bestätigt:

„Wir gratulieren…

… dem Maschinenbau-Oberingenieur Max Waldheyer zum 90. Geburtstag am 24. April. Der Name Waldheyer dürfte manchem Memeler noch in Erinnerung sein durch Grundbesitz und durch das Kolonialwarengeschäft Waldheyer in Memel-Schmelz gegenüber dem Gerlachschen Holzplatz.
Max Waldheyer wurde in Memel geboren. Schulbesuch bis Sekunda (Mittlere Reife) auf dem Burg-Gymnasium in Königsberg. Dann eine dreijährige Lehrzeit bei der Maschinenfabrik Ongley in Memel in der Lotsenstraße gegenüber dem Gerichtsgebäude.
Im Anschluß wurden auf dem Wege der Ingenieur-Laufbahn eine Reihe von Examen in Flensburg, Danzig und Hamburg abgelegt, die mit Verleihung des Seepatentes C6 ihre Krönung fanden. Von 1902 bis 1915 war Max Waldheyer bei der Deutsch-Australischen Dampfschiffsgesellschaft tätig. Als leitender Ingenieur machte er viele Fahrten nach Afrika, Amerika, Australien, zu den Niederländischen Inseln – fast durch die ganze Welt – und war auch Beauftragter bei verschiedenen Werften für Neubauten seiner Firma. 1914, kurz vor Kriegsausbruch, fuhr Max Waldheyer als leitender Ingenieur bei der Garantiereise des Neubaus „Australia“ (12.500 t), Ladung Dynamit, Kurs Colombo. Vom Ausbruch des Krieges überrascht, wurde die „Australia“ kurz vor Erreichung des Bestimmungshafens gekapert. Nach kurzer Internierung auf Ceylon wurde Max Waldheyer entlassen. Die Heimreise bis Genua erfolgte auf einem holländischen Passagierdampfer….“

Bis hierhin ist das der für uns in Verbindung mit der „Fürth“ der interessanteste Teil. Das Schiff „Australia“ hatten wir in Port Pirie kennengelernt, als es an Bord ein Konzert gab: Bordkonzert in Port Pirie.

Wie viele Fahrten Max Waldheyer an Bord der „Fürth“ machte, werde ich noch herausfinden. Der im Artikel erwähnte holländische Passagierdampfer könnte die „Koningin Emma“ gewesen sein, ich komme auf dieses Schiff noch zurück.

Spätere Karriere

Hier der weitere Lebenslauf des Ober-Ingenieurs Max Waldheyer, der noch viele interessante Stationen in seinem Leben durchlaufen sollte:

„…Von 1916 bis 1919 war er in Libau (Kurland). Das Reichsverkehrsministerium hatte ihn als technischen Leiter bei der Schiffahrtsabteilung Libau eingesetzt. Von 1919 bis 1925 Vorstand der Rheinschiffahrtsstelle für die besetzten rheinischen Gebiete. Als Vertretung des Reichsverkehrsministeriums hatte er die verantwortungsvolle Aufgabe, die Requisitionen der Entente-Truppen hinsichtlich schwimmender Objekte auf dem Rhein auf ein Mindestmaß zu beschränken. Der Jubilar erinnert sich aus dieser Zeit gern an ein persönliches Telefongespräch mit dem damaligen Oberbürgermeister der Stadt Köln Dr. Konrad Adenauer, dem jetzigen Bundeskanzler. Herr Waldheyer, dienstlich nach Köln beordert, suchte eine Wohnung. Dem Wunsche wurde innerhalb einer halben Stunde entsprochen. Von 1926 bis 1932 folgten 6 Jahre als technischer Direktor bei der Wilhelmshaven-Rüstringer Industriehafenanlagen AG. Ende 1932 mit 60 Jahren, ausgezeichnet mit dem EK II und dem Hamburger Verdienstkreuz, ging er in die wohlverdiente Pension. Er zog nach Königsberg und baute sich in der Cranzer Allee ein Haus. Doch dieser tätige Mann sollte noch nicht zur Ruhe kommen. Man brauchte seine hervorragenden Fachkenntnisse. Im Jahre 1940 holte ihn das Oberkommando der Kriegsmarine und übertrug ihm die Bauaufsicht bei der Schichau-Werft in Königsberg. Hier wurden M-Boote gebaut und Reparaturen an M-U-Torpedobooten und auch an Panzerschiffen ausgeführt. Der Zusammenbruch 1945 und der Verlust seiner ostpreußischen Heimat setzten dieser verantwortungsvollen Tätigkeit ein Ende. Die Flucht nach dem Westen wurde auch ihm nicht erspart. Doch „Wer rastet, der rostet“, und die Pension hatte in den ersten Nachkriegsjahren geringe Kaufkraft. So übernahm er 1946 – mit 74 Jahren – als technischer Leiter den Aufbau einer Kunststoff-Fabrik in Bremen-Burg und war hier noch bis 1952 tätig. Seit 1952 – nun endgültig im Ruhestand – wohnt Max Waldheyer in Hamburg-Bergedorf, August-Bebel-Str. 155. Seine Frau Ella, geb. Preising, ist ebenfalls gebürtige Memelerin. Die Eltern hatten vor Jahren das Restaurations- und Schiffsausrüstungsgeschäft mit Stauereibetrieb in der Holzstraße, Ecke Kreuzstraße. Frau Ella sang im Memeler Oratorienverein und singt noch heute. Am 22. Juni 1960 konnte das Ehepaar Waldheyer goldene Hochzeit feiern. Ein seltenes Glück ist damit diesen beiden prächtigen Menschen beschieden. Bei bester Gesundheit und bei völliger geistiger Klarheit nehmen beide am Zeitgeschehen regen Anteil. Sie spielen mit Begeisterung Skat und sind bei den Veranstaltungen der Landsmannschaft Ostpreußen in Bergedorf stets anwesend. Sobald die Musik zum Tanz aufspielt, sind sie unter den ersten Tänzern. Es ist ein Erlebnis, bei Waldheyers eingeladen zu werden. Frau Ella erfreut durch Klavierspiel und Gesang. Unser Jubilar erzählt aus seinem abwechslungsreichen Leben und er läßt es sich nicht nehmen, drei Treppen herabzusteigen, um die Gäste zu verabschieden.“

Memeler Dampfboot, 113. Jahrgang, Oldenburg (Oldb.), 5. Mai 1962, Nummer 9, S. 125, abgerufen unter
http://memel.klavb.lt/MD/Papildymai1953-1962/19620505.pdf
© Klaipėdos apskrities viešoji I. Simonaitytės biblioteka, 2009-2016

Memeler Dampfboot, newspaper, July 1899

Memeler Dampfboot, Jubiläumsausgabe vom 5. Juli 1899, © Klaipėdos apskrities viešoji I. Simonaitytės biblioteka, 2009-2016

In dem zitierten Artikel ist auch ein Porträtfoto von Max Waldheyer, das ich hier gerne gezeigt hätte, aber aus Copyright-Gründen leider nicht kann. Interessierte folgen daher obenstehendem Link zum Memeler Dampfboot.

Max Waldheyer, chef engineer, steamship Fuerth

Aufgebot Bernhard Max Waldheyer mit Ella Caroline Preising, Hamburgischer Correspondent und neue hamburgische Börsen-Halle, 7. Juni 1910, S. 30, Familien-Nachrichten

Letzte Grüße

Ein letztes Mal gratuliert Das Ostpreußenblatt Max Waldheyer im April 1963 zum Geburtstag:

Wir gratulieren:
zum 91. Geburtstag

Waldheyer, Max, früher Königsberg, Cranzer Allee Nr. 22, jetzt in Hamburg-Bergedorf, August-Bebel- Straße 155, am 24. April.
Das Ostpreußenblatt, 20. April 1963, S. 16

Danach müssen wir das Sterberegister der Stadt Hamburg bemühen, das online verfügbar ist:

Max Bernhard Waldheyer verstarb am 1. Juni 1963 im Alter von 91 Jahren, seine deutlich jüngere Ehefrau (geboren 1890) Ella Marta Caroline Waldheyer, geborene Preising, am 25. April 1971 im Alter von 81 Jahren.

Gambir und Eucalyptusrinde

Natürliche Gerbstoffe

Heute geht es um zwei natürliche Gerbstoffe, die von Australien beziehungsweise von Niederländisch-Indien nach Europa transportiert wurden.

Zur Einführung

„Gerbstoffe“ sind die Chemikalien, mit denen der Gerber den Zerfall der Kollagenfasern des Leders durch Anbindung der Gerbstoffe verhindert. Die Häute würden sonst verwesen. Zur Gerbung werden die unterschiedlichsten Gerbstoffe verwenden. Am weitesten verbreitet sind die Pflanzengerbstoffe, Chrom III und synthetische Gerbstoffe. Das fertige Leder besteht zu 8 bis 45% aus Gerbstoffen.“
https://www.leder-info.de/index.php/Gerbstoff

Und weiter:

„Als Gerbung bezeichnet man den langfristigen Konservierungsprozess der Tierhaut mit oder ohne Haare mittels Gerbstoffe“, https://www.leder-info.de/index.php/Gerben

Wer genauer wissen möchte, wie Leder hergestellt wird und die nötige Zeit mitbringt, kann sich zum Beispiel unter oben zitierten Seiten schlauer machen.

Pflanzliche Gerbstoffe

Zwei wichtige pflanzliche Gerbstoffe, die von der „Fürth“ transportiert wurden, waren Eucalyptusrinde („mallet bark“) und Gambir.

Eucalyptusrinde

Eucalyptusrinde war als Gerbstoff noch relativ neu auf dem europäischen Markt, hat aber auf Grund seiner starken Wirkung schnelle Verbreitung gefunden.

„Mallet bark is one of the more important of the many tanning materials that have appeared in European commerce during recent years, and though considerable doubt existed for a time as to its botanical origin, its value as a tanning agent was readily recognized.”

Weiter heißt es in der gleichen Quelle:

“Procter adds that there is no question that ‚it is one of the strongest natural tanning materials we have had through our hands.‘ ”

Quelle: Mallet Bark. (Eucalyptus occidentalis, Endl., var. astringens, Maiden.), in: Bulletin of Miscellaneous Information (Royal Botanic Gardens, Kew), Vol. 1911, No. 2 (1911), pp. 114-117, abgerufen unter: https://www.jstor.org/stable/4111731?seq=1#page_scan_tab_contents am 11. Okt 2018

Hauling loads of mallet bark near Kojonup, 1906 (?), State Library of Western Australia, Ref: BA2824/34

Transport von Eucalyptusrinde bei Kojonup (West-Australien), ca. 1906, Quelle: State Library of Western Australia, Ref: BA2824/34

„Der zitierte Professor H. R. Procter ist „in der ganzen Welt als „Vater der Gerbereichemie“ wohlbekannt, seine Werke über Lederfabrikation waren in den vergangenen 35 Jahren die führenden.“
Die moderne Chemie in ihrer Anwendung in der Lederfabrikation, NA Wilson, NA Loewe, abgerufen am 11. Okt 2018: https://books.google.fr/books?id=4V-1BgAAQBAJ&dq=professor+H+R+Procter&hl=de&source=gbs_navlinks_s

Also jemand, der genau Bescheid weiß!

Gambir

Gambir (auch Cachou genannt) war ebenfalls ein Gerbstoff, darüber hinaus aber auch noch ein Farbstoff zum Einfärben von Stoffen.

Der Gambir ist ein Farb- und Gerbstoff, der – ähnlich dem Katechu – aus den Blättern des kletternden Strauches Nauclea Gambir in Hinterindien gewonnen wird. Beide, Catechu und Gambir, liefern eine schöne braune Farbe meist für Baumwolle und Catechu auch eine schwarze Farbe für Seide. http://www.chemie.de/lexikon/Gambir.html

Die Begriffe Catechu/Katechu und Gambir waren im Handel nicht immer klar zu trennen, wie folgendes Beispiel zeigt:

Handelsprodukte: Man unterscheidet 1. den echten oder den Block-Catechu von der Acacia catechu bzw. mimosa und 2. den Gambir-(Gambier-) oder Würfelcatechu aus den Blüten, Blättern und Zweigen von Uncaria-Gambir. Ersterer kommt in verschieden großen, bis zu 100 kg schweren Blöcken oder Ballen (in Stroh- oder Palmblättersäcken) als eine knetbare Paste, letzterer in kleinen, braungelben Würfeln auf den Markt. Bezüglich der Bezeichnung „Gambir“ und „Gambir-Catechu“ herrscht keine Übereinstimmung, insofern als im überseeischen Handel unter Gambir und Gambir-Catechu auch Block-Catechu verstanden wird.“
Enzyklopädie der textilchemischen Technologie, P. Heermann (Hrsg.), Springer-Verlag (1930), https://books.google.fr/books?id=mz_PBgAAQBAJ&dq=gambir&hl=de&source=gbs_navlinks_s

nach der gleichen Quelle: „die wichtigsten Bestandteile des Catechus sind 1. das Catechin (oder die Catechusäure) und 2. die Catechugerbsäure. Dem Catechin kommt die färbende, der Catechugerbsäure die gerbende… Wirkung zu.“

Uncaria gambir

Gambir (Uncaria gambir), Quelle commons.wikimedia.org, Köhler–s Medizinal-Pflanzen-275.jpg

Betelnuss

Eine andere Verwendung der Pflanze Areca catechu oder auch Gerber-Akazie wird klar, wenn man ihre andere Bezeichnung, Betelnusspalme kennt. Deren Nüsse werden im asiatischen Raum als Droge verwendet.

Heutzutage wird Leder vielfach mit synthetischen Gerbstoffen bearbeitet.

Tannine

Eine andere Art, mehr über Gerbstoffe zu erfahren, besteht darin, eine Flasche Wein zu öffnen, falls dieser im Holzfass gereift ist. Tannine sind auch nichts anderes als pflanzliche Gerbstoffe. Meistens kommen sie in diesem Fall aus dem umgebenden Eichenholz, in dem der Wein gelagert wurde.

Zuviel Weinfass-Romantik sollten Sie sich aber nicht hingeben, denn heute übernehmen in vielen Winzereien Holzschnitzel oder edler ausgedrückt, Eichenchips, die gleiche Funktion:

„Eichenchips sind für den Winzer ökonomisch gesehen dem Barriquefass klar überlegen. Für den gleichen Effekt, den man mit einem 700 Euro-Eichenfass erreicht, zahlt man bei Holzchips gerade mal 7 bis 20 Euro.“
https://www.wein.de/de/deutsche-weine/anbau-ausbau/eichenchips-im-weintank-von-der-eu-erlaubt-ein-statement/

Lassen Sie sich Ihren Wein und die darin enthaltenen Gerbstoffe trotzdem schmecken!

Beitragsbild: State Library of South Australia, Men working at a tannery [PRG 280/1/44/262], The interior of a workshop at a tannery in South Australia where men are working at skins spread out on large tables. About 1910
leather suitcase 1913

Ein fertiges Produkt: Lederkoffer, 1913, Copyright National Museum of Australia / CC BY-SA 4.0. http://collectionsearch.nma.gov.au/object/69260

C. B. Saegert, master

Kapitän C. B. Saegert – eine Würdigung

Fünf Jahre Kapitän der „Fürth“

Kapitän C. B. Saegert war Kapitän der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft und verantwortlicher Schiffsführer des Dampfschiffes „Fürth“ vom Tag seiner Probefahrt am 17. August 1907. Kapitän C. B. Saegert hatte die Verantwortung für das Schiff bis Ende August 1912. In dieser Zeit unternahm er als Kapitän der „Fürth“ elf Reisen nach Australien und Niederländisch-Indien.

Obwohl er also fünf Jahre „der Alte“ war, wie die Besatzung ihren Kapitän oft nannte, konnte ich bis heute nur wenige Informationen über ihn finden. Diese spärlichen Informationen stelle ich hier zusammen und hoffe, sie mit Hilfe von eventuellen Nachfahren eines Tages noch ergänzen zu können.

C. B. Saegert, master

Anzeige der DADG vom 30. August 1898 in den Hamburger Nachrichten mit Kapitän Saegert auf dem Dampfer „Sommerfeld“

Ein Glücksfall

Soviel kann ich sagen: Kapitän C. B. Saegert war für das Dampfschiff „Fürth“ ein Glücksfall: Er war zum Zeitpunkt der Übernahme der „Fürth“ bereits ein erfahrener Kapitän. Er hatte bis ins Jahr 1900 die Verantwortung für das Schiff „Sommerfeld“. Am 21. August 1900 übernahm er die Leitung des Dampfers „Bergedorf“, dem Dampfer, der lange nach seiner Zeit als Kapitän am 4. April 1911 an der Südspitze Indiens havarierte und verloren ging: Der Untergang des Dampfers „Bergedorf“ .

„Bergedorf“, Saegert, nach abgehaltener Probefahrt 21. ds. Nachm. von Middlesbrough nach Hamburg.
Schiffsnachrichten in Altonaer Nachrichten / Hamburger neueste Zeitung, 23. August 1900, S. 3

Nicht nur hatte er also lange Erfahrung in der Schiffsführung, sondern er kannte die Fahrtrouten und die angelaufenen Häfen bereits ausgesprochen gut.

The new German-Australian liner Furth, launched on 20th July last, and since described in detail, was taken to a river berth, on arrival yesterday. She is under command of Captain C. B. Saegert who is well known at this port.
The Age, Melbourne, Do 24. Okt 1907, S. 6, SHIPPING INTELLIGENCE.

Aus einer von Kapitän C. B. Saegert am 21. März 1909 unterzeichneten Mannschaftsliste wissen wir, dass er an diesem Tag 56 Jahre alt war. Er ist also 1852 oder 1853 geboren.

Master C. B. Saegert, 56 years old, March 21, 1909

Kapitän C. B. Saegert, Unterschrift mit Altersangabe auf der Meldeliste für die Hafenpolizei in Syndey am 21. März 1909

Keine besonderen Vorkommnisse

Während seiner Zeit als Kapitän, gab es keinen schweren Zwischenfall auf dem Schiff, zumindest keinen, der in der damaligen Presse erschienen wäre. Das gleiche gilt für Unfälle, die allesamt sehr glimpflich abliefen. Das Auflaufen auf Grund am 30. August 1909 im Hafen von Melbourne muss sicher dem Lotsen angelastet werden, das Schiff nahm außerdem keinen Schaden: Suche nach der Waratah. Einen zweiten Zwischenfall gab es in Geelong, als das Schiff beim Andocken vom Wind gegen die Hafenmole gedrückt wurde, aber auch hier waren keine Schäden zu verzeichnen: Die „Fürth“ in Skandinavien.

Im Sommer 1910 hätte Kapitän C. B. Saegert eigentlich ein neues Schiff übernehmen sollen, was aber aus uns unbekannten Gründen dann nicht hatte sein sollen, da der neue für die „Fürth“ ausersehene Kandidat Wienecke das Schiff nicht übernahm: Ein neuer Kapitaen?

Die weiteren Stationen

Am 21. September 1912 verließ das Schiff „Düsseldorf“ (9625 Tonnen Tragfähigkeit) den Hafen Hamburg zu seiner zweiten Fahrt. Kapitän war jetzt C. B. Saegert, der von der „Fürth“ (7010 Tonnen Tragfähigkeit) auf das neuere und größere Schiff gewechselt war.

Sonderbar daran ist, dass die erste Fahrt der „Düsseldorf“ von dem ebenfalls sehr erfahrenen Kapitän der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft, J. Schuldt durchgeführt wurde. Nach nur einer Fahrt mit der „Düsseldorf“ übernahm er bereits wieder ein anderes (und kleineres) Schiff, und zwar die „alte“ Plauen, ein Schwesterschiff der „Fürth“, Baujahr 1907.

Warum? Das weiß ich nicht. Noch in Australien war Kapitän J. Schuldt (nach außen) voll des Lobes über die „Düsseldorf“ gewesen:

“…Regarding the seefaring qualities of the Dusseldorf, Captain J. Schuldt is enthusiastic He reports that the voyage passed, off without remarkable incident, but states that the bunker coal provided at a South African port where the vessel called en route was very poor. Otherwise she would have arrived earlier, although the run across was accomplished in excellent time, as it was.”
Newcastle Morning Herald and Miners‘ Advocate, Mi 29. Mai 1912, S. 4, NEW GERMAN LINER DUSSELDORF.

Das Dampfschiff „Ulm“

Aber auch Kapitän C. B. Saegert blieb nicht lange auf der „Düsseldorf“. Bereits im Jahr 1914 wechselte auch er wieder zurück auf ein kleineres Schiff, die „Ulm“.

Die neuen Australdampfer Freiberg und Ulm. Die Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft stellt, wie schon von uns mitgeteilt, im Laufe dieses Monats zwei neue Dampfer, Freiberg und Ulm, in Dienst, von denen der erstere, auf Tecklenborgs Werft in Geestemünde erbaut, am 11. April seine Probefahrt machte und seit dem 13. April hier schon in Ladung liegt. Der 9600 Tons große Dampfer ist mit einer dreifachen Expansions-Heißdampfmaschine von 4000 Pferdestärken ausgerüstet, die dem Dampfer auf der Probefahrt eine Geschwindigkeit von 14,6 Seemeilen in der Stunde verlieh. —Der zweite Dampfer, Ulm, auf der Neptunwerft in Rostock erbaut, ist etwa 1000 Tons kleiner als der Dampfer Freiberg. Der Dampfer macht am 18. April seine Probefahrt und geht im Anschluß an diese direkt nach Gothenburg weiter. Der Dampfer erhält dort eine Teilladung nach Australien, die er in Frederikstad kompletteren wird. Von Frederikstad tritt der Dampfer die erste Reise an. Führer des
Dampfers Freiberg ist Kapitän I. Renz, und die Führung des Dampfers Ulm erhält Kapitän Saegert, bisheriger Führer des derselben Reederei gehörenden Dampfers Düsseldorf.
Hamburger Anzeiger, 17. April 1914, S. 5

Von Skandinavien aus steuerte die „Ulm“ Emden an, den letzten deutschen Hafen, den Kapitän C. B. Saegert vor dem Ersten Weltkrieg anlaufen sollte:

Ulm, ss., 4,700 tons, Capt. Saegert, left Emden May 7. Due June 17. Messrs. Strelitz Bros.,
agents, The West Australian, Perth, Do 28. Mai 1914, S. 6, SHIPPING

Emden, Germany, mole, postcard 1922

Die Mole in Emden, Postkarte, 1922, Quelle: http://www.zeno.org/Ansichtskarten

Eine sehr lange Reise

Die erste Reise mit der “Ulm” sollte die einzige bleiben und viel, viel länger dauern als vorhergesehen (über 5 Jahre).

Die „Ulm“ kam am 22. Juli 1914 in Newcastle N.S.W. (Australien) an, um dort Kohlen für Amboina, Makassar und Java zu laden. Am 2. August 1914 ist das Schiff von Newcastle abgegangen, ohne auf volle Ladung zu warten und erreichte am 20. August 1914 Banjoewangi.
Quelle: Otto Harms, Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft (1933).

Anm.: Banjoewangi heißt heute Banyuwangi und liegt am östlichen Ende der Insel Java, gegenüber der Insel Bali. – Die vorgezogene Abfahrt von Newcastle war von der Reederei wegen des drohenden Eintritts Großbritanniens in den Krieg angeordnet worden, der dann am Abend des 4. August 1914 (GMT) erfolgte (in Australien bereits der 5. August 1914).

Amboina/Ambon (Molukken – Ost-Indonesien)

Während des Ersten Weltkriegs lag das Schiff „Ulm“ spätestens ab September 1914 im Hafen von Amboina (Ambon), einer kleinen Insel gleichen Namens im östlichen Indonesien. An Bord natürlich auch der Kapitän: C. B. Saegert.

Ambon/Amboina port

Blick vom Strand auf den Hafen von Amboina, 1922, Quelle: Collectie Nationaal Museum van Wereldculturen, Amsterdam, Inventarnr. TM-33000958

Im Jahr 1915 und 1916 spenden Kapitän C. B. Saegert sowie einige andere Besatzungsmitglieder für die Kriegshilfe:

47. Gabenverzeichnis der Hamburger Kriegshilfe
(Die Aufrufe der Hamburgischen Kriegshilfe und des Roten Kreuzes werden in der Sonntagsausgabe veröffentlicht.)
Deutsche Bank, … Deutsch-Austral.-Dampfsch.-Ges., Dampfer „Ulm“, Kapitän C. B. Saegert 50, 2. Steuermann P. Hoffmeister 170, 4. Steuermann R. Bloese 50, 4. Maschinist L. Reichard 50
Hamburger Anzeiger, Fr 2. Juli 1915, S. 11

Gabenverzeichnis der Hamburgischen Kriegshilfe
Deutsche Bank: … Kapitän C. B. Saegert u. Maschinisten-Anwärter C. Heesch vom D. „Ulm“, z. Zt. Amboina,
Niederländisch-Indien, durch Deutsch-Austral. Dampfsch.-Ges. 80.(Neue Hamburger Zeitung, 2. Juni 1916,Seite 4)

Außerdem liegt mir eine von Kapitän C. B. Saegert unterschriebene Original-Abrechnung für den Schiffskoch Wilhelm Holst vom 27. März 1917 vor, ebenfalls ausgestellt in Amboina (auf dieses Dokument komme ich noch einmal zurück).

C. B. Saegert, master

Kapitän C. B. Saegert, Originalunterschrift auf einem Dokument des Jahres 1917, eigene Sammlung

Drei Todesfälle

Eine weitere Spur des ersten Kapitäns der „Fürth“ habe ich im Jahr 1922 gefunden, die allerdings Ereignisse aus den Jahren 1914 bis 1916 betrifft:

Das Seeamt zu Hamburg verhandelte am Mittwoch den 1. November 1922 drei Todesfälle, die sich auf dem Dampfer „Ulm“ unter der Leitung von Kapitän C. B. Saegert zugetragen hatten.

Der zeitlich erste Fall ereignete sich am 7. September 1914 im Hafen von Sawai, womit wir auch den Aufenthaltsort des Schiffes für diesen Tag kennen. Zu den beiden anderen Todesfällen kam es dann im Jahr 1916 im Hafen von Ambon.

Anm. Sawai liegt im Norden der Insel Pulau Seram, weniger als eine halbe Tagesreise von Ambon.

Die Namen der Verunglückten: Der Leichtmatrose Franz Carl Gustav Paul Kötteritzsch, ertrunken beim Bewegen eines Beibootes im Hafen von Sawai (7. September 1914); der dritte Offizier Hugo Max Hornuff am 2. Juni 1916 durch Sturz in den Unterraum des Schiffes und der Matrose Fritz Heinemann genannt Woebbekind, am 10. April 1916 ebenfalls durch Sturz in den Unterraum. Alle drei Todefälle wurden bei der Verhandlung des Seeamtes als Unglücksfälle eingestuft, an denen niemanden ein Verschulden trifft.
Quelle: Hamburgischer Correspondent und neue hamburgische Börsen-Halle, 02. November 1922 , S. 27

Ob Kapitän C. B. Saegert allerdings bei der Verhandlung im Jahr 1922 selbst anwesend war, ist nicht dokumentiert.

Letzte Informationen

Eine (für den Moment) letzte Spur von Kapitän C. B. Saegert gibt es im Frühjahr 1919 in einer Zeitungsmeldung über eine Meuterei auf dem Schiff „Ulm“ (De Preanger-bode, 12. Apr 1919).

Danach konnte ich bislang keinen Hinweis mehr auf Kapitän C. B. Saegert finden.

Er muss theoretisch noch bis zum 30. August 1919 in Ambon gewesen sein, dem Tag, als die „Ulm“ fast ein Jahr nach Kriegsende an die Briten übergeben wurde, wie die Zeitung Bataviaasch nieuwsblad am 29. August 1919 berichtete:

Amboina, 29 Aug. (Aneta). De schepen-overgavs.
De heden overgegeven schepen ,Manila“ en ,Teo Pao“ voeren de Statenbondvlag met in den top de Britsche kleuren. De overgave van de ,Ulm“ heeft Zaterdag plaats.
Bataviaasch nieuwsblad, 29-08-1919

Erst dann kann er zusammen mit der verbliebenen Mannschaft das Schiff verlassen haben und hat wahrscheinlich auf schnellstem Weg versucht, über Makassar und Batavia nach Deutschland zurückzukommen. Er war zu diesem Zeitpunkt bereits 66 oder 67 Jahre alt und dürfte seinem Ruhestand in der Heimat sehnsüchtig entgegengesehen haben.

Allerdings kamen im Herbst 1919 sehr viele Kriegs- und Zivilgefangene aus aller Welt nach Deutschland zurück, ein einzelner Kapitän ist in dieser großen Zahl an Heimkehrern nur schwer auszumachen…

Kapitän Claus Berthold Saegert aus Stralsund?

Laut der Transkription eines Dokumentes der Hafenbehörde in Sydney vom 22. Januar 1902 beim Eintreffen des Dampfers „Bergedorf“ steht die Abkürzung der Vornamen für Claus Berthold Saegert, damals 49 Jahre alt und als Ort wurde in der Meldung für die Hafenpolizei Stralsund angegeben. Im Scan des Originals (www.marinersandships.com.au) sind diese Angaben allerdings nicht zu lesen, vielleicht wurden sie auf der Außenseite des Dokumentes gemacht, die nicht eingescannt wurde. Aber immerhin eine Spur…

Stralsund port, about 1900

Führt uns die Spur nach Stralsund?
Stralsund vom Hafen mit Dampfer Altefähr, Postkarte, um 1900, Quelle: http://www.zeno.org/Ansichtskarten

Für alle sachdienlichen Hinweise, die dazu dienen, das Profil von Kapitän C. B. Saegert zu vervollständigen, vorab herzlichsten Dank!

Loading bales of wool onto a ship, Queensland, about 1910

Abschied und Reparatur

Die elfte Fahrt der „Fürth“ nach Australien ist jetzt online

Linie 1, vom 16. März – 23. August 1912

Es ist die letzte Fahrt von Kapitän C. B. Saegert auf der „Fürth“ und gleichzeitig die erste, auf der eine bedeutende Menge Wolle auf der „Fürth“ nach Europa transportiert wurde. Neu ist ebenfalls Bombay als Hafen auf der Rückreise.

Außerdem musste die „Fürth“ schweres Wetter durchstehen und nach der Rückkehr nach Hamburg in die Werft von Heinrich Brandenburg zur Reparatur.

Viel Neues gibt es also entdecken, am besten gleich unter Schwere See im Blog!

Bildnachweis: Loading bales of wool onto a ship, Queensland, ca. 1910,
Quelle: State Library of Queensland, Referenz: 147203
Linoleum

Die Fracht der „Fürth“

Kopal und Dammar –

In loser Folge betrachten wir Waren, die auf dem Dampfschiff „Fürth“ nach Europa transportiert wurden, um zu sehen, was das überhaupt ist und was in der damaligen Zeit daraus hergestellt wurde und zum Teil auch heute noch wird.

Heute geht es um tropische Harze: Kopal und Dammarharz.

Kopal (Copal)

„Kopale sind rezent fossile Harze unterschiedlicher Herkunft. Man findet sie in der Oberflächenschicht des Bodens (ca. 3 Meter) und sie werden üblicherweise ‚gegraben‘. Die Stücke sind einige Zentimeter groß. … Die diese Harze liefernden Bäume sind zumeist ausgestorben, so dass über die jeweiligen Stammpflanzen wenig gesagt werden kann.“
Quelle: Kremer-Pigmente, Datenblatt 60150, 60161 Kopalharze

Kopale sind also ein sogenanntes subfossiles Harz, das heißt sie stehen zwischen heutigen, rezenten Harzen, die noch direkt von der Pflanze geerntet (gezapft) werden können und dem fossilen Bernstein.

Man unterscheidet Kopale nach ihrem Ursprungsgebiet, welches sich in allen tropischen Breiten befinden kann oder auch nach ihrer Härte. Der Schmelzpunkt der Ostindischen oder Manila-Kopale liegt je nach Varietät bei zirka 100 bis 200 °C.

Verwendung von Kopal

Kopal wird zum Beispiel zur Herstellung von Kopallacken verwendet, die sich durch ihre robuste Oberfläche auszeichnen und dadurch als Schiffslacke oder Wagenlacke in den Handel kamen. Zur Erinnerung: die Mehrzahl der Menschen fuhr noch mit Kutschen einher und der Begriff Wagen bezieht sich auf die hölzernen Konstruktionen der Kutschwagen, die vor Wind und Wetter geschützt werden mussten. Aber auch im Innenbereich wurden Kopallacke im Instrumentenbau, zum Beispiel als Klavierlack eingesetzt.

Linoleum

Des Weiteren wurde Kopal für die Herstellung von Linoleum gebraucht. Linoleum ist in Deutschland im ausgehenden 19. Jahrhundert vor allem als Bodenbelag stark in Mode gekommen:

„Zwischen 1882 und 1898 siedelten sich gleich drei Linoleum-Fabriken in Delmenhorst an. Die Delmenhorster-Linoleum-Fabrik (ab 1896 Hansa-Linoleumwerke Delmenhorst), die Anker-Linoleumwerke und die Schlüssel-Linoleumwerke. Weitere Fabriken wurden 1882 in Rixdorf (Berlin-Neukölln), 1883 in Köpenick (Berlin), 1893 in Maximiliansau (bei Karlsruhe) und 1897 in Bedburg bei Köln gegründet, 1899 kamen die Germania-Linoleumwerke in Bietigheim bei Stuttgart hinzu. … Bis zum Ersten Weltkrieg nahm die deutsche Linoleum-Industrie einen enormen Aufschwung.“
Die geschichtliche Entwicklung des Linoleums im 19. Jahrhundert, www.baunetzwissen.de

Linoleum

Muster eines alten Linoleum-Fußbodenbelags; Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Black_and_green_linoleum.jpg

Die Rohstoffe von Linoleum

„Linoleum besteht zu 100% aus organischen und mineralischen Rohstoffen, von denen über 80% nachwachsend sind, und an denen sich seit der Erfindung des Produktes im 19. Jahrhundert nichts Wesentliches verändert hat. Zu den Bestandteilen von Linoleum gehören:“

Leinöl, das aus dem Samen des Flachses gewonnen wird, Harze als zweitwichtigster Bestandteil sowie Trockenstoffe (Sikkative), Holzmehl und Kreide als Füllstoffe, Farbpigmente, Jutegewebe als Trägermaterial und auch recyceltes Linoleum.
https://www.baunetzwissen.de/boden/fachwissen/_linoleum/die-rohstoffe-von-linoleum-958007, abgerufen am 19.9.2018

In sicherlich deutlich kleineren Mengen fand und findet Kopal in der Dentaltechnik als Füllmaterial Verwendung und auch Buchbinder verwendeten Kopallacke zur Auffrischung von Buchumschlägen aus Saffianleder.

Dammarharz

Dammar ist ebenfalls ein Rohstoff zur Herstellung von Lacken. Es wird in der Malerei auch als Firnis (Schutzschicht) eingesetzt. Außerdem findet es als Räucherwerk Verwendung.

„Dammar ist ein helles, gelbliches, leicht splitterndes Harz mit glattem Bruch, welches aus Südostasien stammt. Der Name ist malayisch und bedeutet Harz oder auch Fackel (Fackeln aus Dammarharz sind besonders gut, weil sie nicht tropfen). Es gibt mehrere, in die Familie Diptocarpaceae einzuordnende Bäume, von denen das Harz stammen kann. … Die Bäume werden zur Dammargewinnung mit tiefen Einschnitten versehen, in denen sich das Harz sammeln kann.“
Quelle: Kremer-Pigmente, Datenblatt 60000 & 60001 Dammar aus Indonesien

Nicht immer ist die Abgrenzung zwischen Kopal und Dammar so klar definiert, wie wir es oben im Text gesehen haben. Bei dem Exponat aus den Museums Victoria Collections finden wir beide Begriffe nebeneinander:

Dammar

Harzprobe – Agathis dammara, vor 1922, Das Harz ‚Manila copal,‘ ‚Macassar copal,‘ etc., wird von Bäumen gewonnen oder im Boden gegraben.
Museums Victoria Collections https://collections.museumvictoria.com.au/items/377990
Abgerufen 19. September 2018

Auch wenn die Abgrenzung nicht ganz klar ist, beides sind tropische Harze und wurden auf der „Fürth“ und anderen Schiffen in großer Menge aus Ostasien nach Europa importiert.

Colombo Harbour 1915

Ein kleines Jubiläum

Die zehnte Fahrt der „Fürth“
vom 7. Oktober 1911 bis 9. März 1912
(DADG, Linie 2) ist jetzt online

Zuverlässig erfüllt die „Fürth“ ihren Fahrdienst nach Australien nun schon zum zehnten Mal. Eine routinemäßige Fahrt, bei der auf der Rückfahrt ein neuer Hafen angelaufen wird: Colombo!

Warum Ceylon jetzt regelmäßig angelaufen wurde, erfahren Sie im Blog: Die zehnte Fahrt

Beitragsbild: Colombo Harbour 1915, Quelle: State Library Victoria, Referenz: Image H83.103/163
advertisement, continental, guttapercha, 1903

Guttapercha und der Tote aus Borneo

Kein neuer Commissario

– Guttapercha –

Keine Sorge, Guttapercha ist nicht noch ein neuer „Commissario“ und der Tote aus Borneo auch keine exotische Leiche. Aber eins nach dem anderen!

Auf den Fahrten der „Fürth“ treffen wir einige Waren an, die heute weitgehend in Vergessenheit geraten sind, wie zum Beispiel die Guttapercha oder auch nur kurz Gutta genannt. Wenn Sie nicht gerade in einem Dentallabor arbeiten, sind Sie wahrscheinlich noch nie in Berührung mit diesem, zur Zeit unseres Dampfschiffes „Fürth“, sehr begehrten Rohstoff gekommen. Ich auch nicht.

Und wer weiß heute schon noch, dass der weltweite Erfolg des größten deutschen Industrieunternehmens, der Firma Siemens, zu einem großen Teil auf dieser Substanz und ihrer Verarbeitung beruht?

Aber beginnen wir auf der Insel Java, wo die „Fürth“ regelmäßig Batavia, Soerabaya und auch Tjilatjap anlief (heute Djakarta, Surabaya und Cilacap) und Guttapercha nach Europa brachte.

guttapercha java

Guttapercha-Verarbeitung auf Java (ca. 1920/1930); Quelle: commons.wikimedia.org, File:COLLECTIE TROPENMUSEUM West-Java Tjipetir arbeiders bedienen de machines die de guttapercha wassen en persen TMnr 60020167.jpg

Der Guttaperchabaum

Dort, auf Sumatra, Borneo sowie auf der malaiischen Halbinsel, wächst der Guttaperchabaum (Palaquium gutta). Dieser tropische Laubbaum wird bis über 20 Meter hoch und liefert reichlich Milchsaft. Einige andere Arten der Gattung Palaquium liefern ebenfalls Guttapercha, aber nicht immer in der gewünschten Qualität.

Durch Trocknung, Reinigung und Aufkochen erhält man aus dem Milchsaft ein kautschukähnliches Produkt, die Guttapercha.

guttapercha java

Nicht erst seit Palmöl: Die Abrodung von tropischen Wäldern auf Java für Guttapercha-Plantagen
Quelle: commons.wikimedia.org, File:COLLECTIE TROPENMUSEUM Proefaanplant van guttapercha op de rubberonderneming Langsa West-Java TMnr 60020174.jpg

Eigenschaften

„Das wesentlichste Merkmal, durch welche sich Guttapercha ohne weiteres von dem mit ihr so oft identifizierten Kautschuk unterscheidet, ist zweifellos die bereits von Tradescant erwähnte, und auch von D’Almeida, sowie Montgomerie betonte Eigenschaft, beim Eintauchen in heißes Wasser weich und plastisch zu werden, dann beim Abkühlen jede ihr vorher gegebene Gestalt beizubehalten und hart, aber keineswegs spröde, wie andere Harze zu werden. Dem gegenüber wird Kautschuk in heissem Wasser nicht weich, und behält seine ursprüngliche Elastizität und Spannkraft fast unvermindert bei.“
Dr. Eugen Obach (1899): Die Guttapercha, Verlag von Steinkopff & Springer, Dresden,
abgerufen unter:
http://dfg-viewer.de/show/?tx_dlf%5Bpage%5D=1&tx_dlf%5Bid%5D=http%3A%2F%2Fdigital.ub.uni-duesseldorf.de%2Foai%2F%3Fverb%3DGetRecord%26metadataPrefix%3Dmets%26identifier%3D1259277&tx_dlf%5Bdouble%5D=0&cHash=47b26e1b8afb23734d48166b38dc3659

Ein guter Isolator

Guttapercha hat neben dieser einfachen Verformbarkeit noch eine andere, sehr begehrte Eigenschaft: sie ist ein guter, sogar sehr guter Isolator. Womit wir zur Firma Siemens & Halske kommen.

„Das Jahr 1847 wird in der Geschichte der Guttapercha-Industrie allezeit denkwürdig bleiben. Wurde doch in demselben die Pflanze, von der dieses industriell wertvolle Produkt stammt, zum ersten Male von Sir William Jackson beschrieben. Und im gleichen Jahr begann auch Dr. Ernst Werner von Siemens, damals Artillerieleutnant in der Preussischen Armee, die Verwendung von Guttapercha zur elektrischen Isolierung unterirdischer Telegraphenleitungen aufzunehmen. Er erbaute damals eine Maschine, mittels welcher Draht fortlaufend mit dem Stoffe umhüllt werden konnte. Diese Maschine ist, mit geringen Änderungen, bis auf den heutigen Tag im Gebrauch geblieben.“
Dr. Eugen Obach (1899): Die Guttapercha, Verlag von Steinkopff & Springer, Dresden.

Allegorical scene showing Neptune with a trident in foreground, and lion representing Great Britain holding one end of the Atlantic cable and eagle representing the United States holding the other end of the cable, with ocean between them and cities behind them. Includes portrait of the inventor, Cyrus Field, at top center.

Das achte Weltwunder, Originalbeschreibung: Allegorical scene showing Neptune with a trident in foreground, and lion representing Great Britain holding one end of the Atlantic cable and eagle representing the United States holding the other end of the cable, with ocean between them and cities behind them. Includes portrait of the inventor, Cyrus Field, at top center.
Quelle: Library of Congress, https://lccn.loc.gov/93510355

Das achte Weltwunder

Der Bedarf an Kabeln war in der zweiten Hälfte des neunzehnten und zu Beginn des 20. Jahrhunderts enorm. Unterirdische Telegrafenleitungen wurden über hunderte Kilometer über Land gelegt und ab 1856 begann die Geschichte einer technischen Meisterleistung, die damals als achtes Weltwunder gefeiert wurde: Die 1866 nach mehreren Fehlversuchen gelungene Installation eines über 2000 Meilen langen Unterseekabels zwischen Europa und Nordamerika. Ein Meilenstein in der Kommunikationstechnik.

Guttapercha war also sehr begehrt und wurde entsprechend teuer.

„Dazu kommt, was wesentlich mitspricht, daß der Preis der Guttapercha immer mehr steigt, und wenn dieser Punkt bei den großen Unterseekabeln nicht von entscheidender Bedeutung ist, so wird doch die Kostenfrage, wenn es sich um elektrische Anlagen, z. B. für Beleuchtungszwecke handelt, eine sehr wesentliche.“
Arthur Wilke (1893): Die Elektrizität, ihre Erzeugung und ihre Anwendung in der Industrie und Gewerbe, Springer Verlag Berlin Heidelberg (abgerufen unter books.google.fr)

Djeloetong oder „Dead Borneo“

Dies hatte zur Folge, dass auch andere Produkte als Ersatzstoffe für Guttapercha auf den Markt kamen. Einer davon war Djeloetong, mit Handelsnamen auch „Dead Borneo“, das ebenfalls auf der „Fürth“ nach Europa transportiert wurde.

Der ungewöhnliche Handelsname „Dead Borneo“ soll darauf zurückgehen, dass das Holz des Djeloetong-Baumes ein bevorzugtes Material für die Herstellung von Särgen war. Deswegen also „der Tote aus Borneo“. Sie mögen mir diese etwas freie Übersetzung nachsehen.

djeloetong

Djeloetong (Handelsname Dead Borneo) ist ein Ersatzstoff für Guttapercha,
Quelle: Hubert Winkler (1912), Botanisches Hilfsbuch: für Pflanzer, Kolonialbeamte, Tropenkaufleute und Forschungsreisende, Hinstorffsche Verlagsbuchhandlung, Wismar (abgerufen unter books.google.fr)

Golfbälle

Falls Sie Golf spielen: Golfbälle wurde um die Jahrhundertwende (also um 1900) ebenfalls aus Guttapercha hergestellt.

„The Gutta Percha ball was the ball that opened Golf to the masses, the first major development in the evolution of the golf ball.

Gutta Percha revolutionised the game of golf,… „
(https://www.standrewsgolfco.com/shop/products/heritage-collection/clubs-and-balls/historic-balls/the-bramble-guttie/)

So ein Golfball hieß je nach Oberflächenbeschaffenheit „Guttie“ oder „Bramble“. Diese Bälle finden Sie antiquarisch oder auch als Replik. Das ist vielleicht mal ein ungewöhnliches Geschenk für einen Golfer und Sie können jetzt ja auch noch eine Geschichte dazu erzählen! Lassen Sie mich bitte wissen, wenn Sie einen Guttapercha-Ball ausprobieren, wie er sich von modernen Bällen unterscheidet.

Im Plastozän

Heute, im Zeitalter des „Plastozän“, ist Guttapercha weitgehend in Vergessenheit geraten. Verwendet wird es nach wie vor in der Zahntechnik:

„In der Zahnmedizin wird es als provisorisches Füllmaterial und zur Herstellung von Abdrücken sowie zum Verfüllen der Wurzelkanäle bei Wurzelkanalbehandlungen verwendet.“
(http://www.chemie.de/lexikon/Guttapercha.html)

Falls Sie im Sommer an den Atlantik fahren und am Strand spazieren gehen, achten Sie mal auf gummiartige Substanzen im Strandgut, vielleicht fällt Ihnen ja echtes Guttapercha in die Hände! Mehr dazu in einem Artikel der Zeit:
https://www.zeit.de/2015/06/strandgut-cornwall-fundstueck-tjipetir

Das Titelbild des Beitrags ist eine Werbung der Firma Continental aus dem Jahr 1903, die damals noch Continental Caoutchouc & Guttapercha Co. hieß. Auch das haben wir im Plastikzeitalter längst vergessen.

advertisement, continental, guttapercha, 1903

Werbung der Continental Caooutchouc & Guttapercha Co. Hannover aus dem Jahr 1903
Quelle: commons.wikimedia.org (File:1903 Werbung Continental Pneumatic Continental Caoutchouc & Guttapercha Co. hannover.JPG)

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Telegrafie per Funk

An der Küste

Das spurlose Verschwinden der „Waratah“ (Suche nach der Waratah) Ende Juli 1909 führte dazu, dass der Ausbau der Funktechnologie an der australischen Küste beschleunigt wurde.

Bereits im August 1909 kam das Thema auf die Tagesordnung:

In view of the Waratah’s disappearance and numerous shipping casualties, the South African Union delegates are consulting the Admiralty with a view to securing the installations of wireless telegraphy along the coast.
Coolgardie Miner, Fr 13. Aug 1909, Seite 3

Und weiter:

WIRELESS TELEGRAPHY.
The Commonwealth Government is anxious to establish wireless telegraphy stations at Sydney and Fremantle, but is in a difficulty as to the particular system that should be adopted. Vice Admiral Fawkos, when consulted by the Federal authorities, said that the Admirality would not object to any system, so long as communication with the Marconi installation on war vessels was possible. Vice-Admiral Poore makes a definite recommendation that the Marconi system should be adopted in Australia. Sir John Quick has opened up communication with the Commonwealth representatives in London as to the best system to be installed. When this question has been settled tenders for Australian stations are to be called. Mr. Deakin has, at the request of the Postmaster-General, cabled to the Commonwealth officer in London, asking him to obtain the best professional and scientific advice on the question whether Australian tenders for wireless installations should be Iimited to the Marconi system or should be made general.
The Daily Telegraph, Sydney, Sa 16. Okt 1909, S. 12.

Bau der Anlagen

Der Bau der Anlagen wurde 1910 begonnen:

Wireless Telegraphy
The tender of the Australian Wireless Limited, of £4150 per station, has been accepted for the erection of wireless stations at Sydney and Fremantle. The range of communication of the accepted system will be 1250 miles in the day time, and probably double that distance at night.
The Inverell Times, Di 5. Apr 1910, S. 2

Der Vorstand der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft (DADG), Otto Harms, nahm an, dass Niederländisch Indien „bald folgen würde“.

capeborda_telegraphstation_B-8424

Cape Borda, Telegrafenstation, um 1910
Quelle: State Library of South Australia, Referenznummer B8424

Auf den Schiffen

In der Tat machte die neue Technologie zu dieser Zeit große Fortschritte und ein Jahr später waren im Lloyd’s Schiffsregister diejenigen Schiffe gekennzeichnet, die über Telefunken-Anlagen verfügten.

WIRELESS TELEGRAPHY.
The increasing extent to which wireless telegraphy and submarine signalling are being used in passenger steamers is shown by the fact that there are now recorded in Lloyd s Register Book 702 vessels fitted with wireless telegraphic installations and 459 with submarine signalling apparatus.The Sydney Morning Herald, Mi 16 Nov 1910, S. 10, WIRELESS TELEGRAPHY.

Die Zuverlässlichkeit der Anlagen weltweit und ihre Reichweite wurde immer besser.

WIRELESS TELEGRAPHY
The Norddeutscher Lloyd is fitting 15 of their steamers engaged in the Far Eastern trade with Telefunken wireless installations. Some of the wireless installations are now in Hongkong and will be installed on those vessles which do not make the home trip. It is expected that the Coblenz, Prinz Sigismund, and Prinz Waldemar will be equipped at Hongkong. The telefunken system is said to be one of the best wireless systems in the world, and recent installations on some of the German steamers have made record despatches.
The longest distance was covered by the German mail steamer Klist, which sent a message from the Mediterrean Sea to North Sea, across the Alps of Switzerland, 2500 kilometers distant. Another steamer, the A(?)*, of the Roland Line, of Bremen, has made another record by sending a message from Valparaiso across the Andes to Buenos Ayres.
Newcastle Morning Herald and Miners‘ Advocate, Sa 13. Aug 1910, S. 4.
*Name des Schiffes unleserlich

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Morsetaste für Funktelegrafie, ca. 1899
© Museums Victoria (Australien), https://collections.museumvictoria.com.au/items/404170

Die Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft (DADG)

Auch die DADG stattete ab 1911 ihre Schiffe mit Anlagen zur „drahtlosen Telegraphie“ aus:

„Der erste unserer Dampfer, welcher sie erhalten hatte, war „Adelaide“, 13. Juli 1911. Im Mai 1912 waren es sieben. Auf den ersten Reisen waren die Schiffe auf 2400 Seemeilen Entfernung mit Südafrika in Verbindung. Das war mehr als die Hälfte des Abstandes von beiden Kontinenten und damit war die Brauchbarkeit dargetan.“

Aber nicht nur alle neuen Schiffe erhielten Funkanlagen, sondern auch ältere wurden nachgerüstet:

„Es wurden dann nicht nur alle Neubauten mit den Anlagen ausgerüstet, sondern auch nach und nach die älteren Schiffe, soweit es ohne erhebliche Mehrkosten anging.“

Nach anderen Informationen im Buch waren es aber zahlenmäßig nur wenige der älteren Schiffe, die noch eine Funkanlage erhielten, zum Beispiel „Wismar“, „Eßlingen“ oder „Fremantle“, Schiffe die im Zeitraum zwischen November 1910 und Mai 1911 an die Reederei abgeliefert wurden.

Das Dampfschiff „Fürth“

Das Dampfschiff „Fürth“ wurde von der Reederei nicht nachgerüstet. Inwieweit dies beim Kriegsausbruch 1914 Konsequenzen hatte, kann heute nicht mehr beantwortet werden. Wir werden aber noch einmal darauf zurückkommen.

Ungekennzeichnete Zitate aus dem Buch von Otto Harms: Fundstueck

 

master's signature, C. B. Saegert, stemship Fürth

Die Mannschaft der Fuerth

Ein Originaldokument aus dem Jahr 1910

National Archives of Australia

Das Bestellen von Dokumenten in Archiven ist vergleichbar mit dem Ziehen von Losen bei einer Losbude auf der Färdder Kärwa (für alle Interessierten: Die Fürther Kirchweih findet 2018 wieder vom 29. September bis 14. Oktober statt).

Außer einer knappen Inhaltsbeschreibung ist über das Originaldokument nichts bekannt und erst wenn man das (kostenpflichtig) bestellte und eingescannte Originaldokument dann vor sich hat, weiß man, ob man einen kleinen Trostpreis („jedes Los gewinnt“) oder vielleicht doch einen Hauptgewinn gezogen hat.

Der „Lospreis“ beim australischen Nationalarchiv liegt bei ca. 15 € für den Scan eines kleinen Dokuments. Der Service funktioniert tadellos.

Water Police Office Fremantle, inward report, Furth, December 29, 1910

Kopfzeile des Formulars (Detail)
© National Archives of Australia, K271, FURTH 29 DEC 1910

Die Mannschaftsliste der „Fürth“

Immerhin konnte ich bei zwei bestellten Dokumenten bei den National Archives of Australia schon einen schönen „Gewinn“ verbuchen: Eine Mannschaftsliste der „Fürth“, ausgestellt von der Crew und unterschrieben von Kapitän C. B. Saegert höchstpersönlich für die australische Hafenpolizei in Fremantle (Westaustralien) am 29. Dezember 1910. Dort war die „Fürth“ auf ihrer achten Australienfahrt am Tag zuvor angekommen.

© Copyrighthinweis: Das Dokument wurde von der australischen Hafenpolizei ausgestellt. Das Copyright liegt daher beim Australian Government, National Archives of Australia, die Referenznummer ist K271.

Die Liste der Crew enthält 41 Namen, somit ist auch die Frage nach der Mannschaftsstärke der „Fürth“ aus erster Quelle beantwortet. Angaben von vergleichbaren Schiffen ließen auf eine Zahl „um die 40“ schließen, aber so herrscht nun Klarheit.

Von den Mannschaftsmitgliedern waren 37 ab Hamburg an Bord, 4 erst ab Antwerpen.

Inward report, Water Police Office Fremantle, December 29,1910

Einreisedokument der Hafenpolizei Fremantle für die „Fürth“ vom 29. Dezember 1910
© National Archives of Australia, K271, FURTH 29 DEC 1910

Deck und Maschine

Die Liste unterscheidet in zwei Spalten das Deckspersonal (21 Personen) und das Maschinenpersonal (20 Personen).

Das Deckspersonal: Neben dem Kapitän gibt es vier Offiziere (Steuerleute), einen Zimmermann, 2 Bootsmänner, 2 Köche, 2 Stewards und 9 Matrosen.

Zu den Steuerleuten lesen wir bei Otto Harms:

„Unsere Dampfer fuhren alle mit drei Steuerleuten. Auf den langen Seestrecken – Antwerpen-Südafrika – von dort nach Australien – bot sich Zeit genug, Papiere und Bücher für Ladung, Navigation, Karten, Proviant usw. – in Ordnung zu halten. Als die Zahl der Anlaufhäfen sich vermehrte und damit größere Anforderungen gestellt wurden, ist ein vierter Steuermann zugegeben worden, und zwar von 1904 an.“
Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft, Hamburg, Ihre Gründung und Entwicklung bis zum Kriege, Otto Harms, Hamburg 1933, S. 103.

Das Maschinenpersonal besteht aus vier Maschinisten, 2 Assistenten und 14 Heizern.

Die Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft legte Wert darauf, dass ihre Besatzung aus deutschen Seeleuten bestand. Das ist der Mannschaftsliste auch deutlich zu entnehmen.

„Die Besatzungen der Schiffe bestanden selbstverständlich nur aus Deutschen; …“
Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft, Hamburg, Ihre Gründung und Entwicklung bis zum Kriege, Otto Harms, Hamburg 1933, S. 179.

Wenn ein/e Ahnenforscher/in seinen/ihren Vorfahren entdeckt: Jeder Hinweis ist höchst willkommen und würde die Geschichte der „Fürth“ immens bereichern!

Hinweis: Die Handschrift des Formularausfüllers ist nicht immer deutlich. Die Transkription der Namen erfolgt daher ohne Gewähr. Vor allem I und J sind sehr ähnlich.

Deck

Zunächst die Mitglieder der Decksmannschaft:

deck crew, steamer Fürth, 29.10.1910

Die Deckcrew der „Fürth“ © National Archives of Australia, K271, FURTH 29 DEC 1910

Ein interessantes Detail in der Liste der Decksmannschaft ist, dass der 3. Offizier am Ende der Liste steht. War er es, der die Liste ausgefüllt hat und sich an das Ende gesetzt hat? Dagegen spricht meiner Meinung nach die Tatsache, dass der Eintrag beim 4. Offizier, Ihlefeld, offensichtlich nachträglich von 3. Steuermann auf 4. Steuermann korrigiert wurde. War es daher vielleicht der erste oder zweite Offizier, der die Liste erstellt hat und dabei einen seinen Kollegen beim Eintragen vergessen hat? Wir wissen es nicht.

Maschine

Und jetzt das Maschinenpersonal:

Crew engine, steamer Fürth, December 29, 1910

Die Maschinencrew der Fürth © National Archives of Australia, K271, FURTH 29 DEC 1910

Die Liste unterscheidet nicht zwischen Heizern und Trimmern, alle sind als Heizer „Firemen“ aufgeführt.

Anm.: Der erste Ingenieur heißt wohl P. J. Heß, anstelle von P. I. Hefs, wie oben angegeben (Korrektur vom 17. Oktober 2018).
Trimmer sind für die Beischaffung der Kohle aus den Bunkern zuständig.

Ein zweites Dokument

Zurück zur Einleitung, in der ich von zwei Dokumenten oder „Losen“ gesprochen habe:

Im zweiten angeforderten Dokument, das eine Mannschaftsliste ausgehend aus einem australischen Hafen ankündigt, heißt es nur lapidar: „Mannschaft wie im Hafen eingehend“. Was das Dokument dann doch noch zu einem Trostpreis macht und nicht zu einer „Niete“, sind die Namen von vier desertierten Mannschaftsmitgliedern. Mehr leider nicht.

Dabei hatte ich mir Informationen über die später auf Ceylon (Sri Lanka) inhaftierten Mannschaftsmitglieder zu Beginn des Ersten Weltkrieges versprochen. Zu diesem Dokument aus dem turbulenten Jahr 1914 kommen wir später noch einmal zurück.

Der Lohn der Arbeit

Harms gibt in seinem oben zitierten Buch auch einen Einblick in den Verdienst der Mannschaften, allerdings beziehen sich die Zahlen auf die Anfangsjahre der Gesellschaft (ab 1889). Daher dürfte die absolute Höhe für die Zeit der „Fürth“ nicht mehr stimmen, aber die Relation zwischen den einzelnen Rängen hat sich sicher nicht wesentlich verändert.

„Bei der D.A.D.G. fingen die Kapitäne mit 360 M monatlich an, erste Steuerleute mit 120 M, zweite 90 M, dritte 75 M, erste Maschinisten mit 300 M. In 1892 Matrosen 55 M, Heizer 65 M, Trimmer befahren 55 M, unbefahren 40 M, in 1894 5 M weniger, Koch 100 M, Zimmermann 80 M, Bootsmann 75 M.“
Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft, Hamburg, Ihre Gründung und Entwicklung bis zum Kriege, Otto Harms, Hamburg 1933, S. 103.

Zum Vergleich das Anfangsgehalt des Geschäftsführers Otto Harms: 7500 M (jährlich).

Unterkunft und Verpflegung

Weiter heißt es zum Thema Unterkunft und Verpflegung:

„In Uebereinstimmung mit der einfachen Lebensweise stellte sich auch die Beköstigung billig, bei den meisten Kapitänen unter 1,20 M, bei einigen erheblich darunter und zwar im Durchschnitt für Kajüte und Logis, und die Leute waren dabei nicht weniger zufrieden – oder mehr unzufrieden – als später.“
(gleiche Quelle)

Nachtrag: In einem anderen Dokument konnte ich für einen Schiffskoch der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft im Jahr 1914 eine Heuer von 130 M finden (statt 100 M wie oben angegeben).