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Probefahrt Dampfer Hamm Menü

Das Menü einer Probefahrt

Sonnabend, der 4. Juni 1910

Über die Probefahrt des Dampfschiffes „Hamm“ konnte ich im Blog ausführlich berichten, da über diese Fahrt ein Artikel in der Tageszeitung Hamburgischer Correspondent und neue Hamburgische Börsen-Halle, am Sonntag, den 5. Juni 1910 erschienen ist. SIEHE: Probefahrt des Dampfers Hamm. Auf dieser Probefahrt begegnete die „Hamm“ dem nach Australien auslaufenden Dampfschiff „Fürth“, das zu seiner siebten Australienreise aufgebrochen war. SIEHE: Ein neuer Kapitaen?

Zwei weitere schöne Dokumente dieser Probefahrt finden sich im Buch von Reinhart Schmelzkopf Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft, Hamburg 1888 – 1926, erschienen 1984 im Eigenverlag (Strandgut-Publikation), bei dem auch alle Bildrechte, der in diesem Artikel verwendeten Abbildungen liegen.

Die beiden Dokumente sind eine Teilnehmerliste, auf die ich noch zurückkomme, und des Weiteren eine Speisekarte für die geladenen Gäste (ca. 100 Personen).

Kiellegung Dampschiff Hamm

Kiellegung des Dampfers „Hamm“, © Reinhart Schmelzkopf, Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft, Hamburg 1888 – 1926

Menüs auf Dampfschiffen

Von Passagierdampfern sind aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zahlreiche Speisekarten erhalten geblieben, die von den großen Reedereien an die Passagiere ausgegeben oder die in den Speisesälen ausgelegt wurden. Die Speisenfolgen, die natürlich in der ersten, zweiten oder dritten Klasse sehr unterschiedlich ausfielen, sind zahlreich dokumentiert und lassen sich im Internet leicht finden.

Anders sieht es bei Frachtschiffen aus, die keine Passagiere beförderten. Falls Sie also Dokumente besitzen, die Aufschluss über die Verpflegung auf Handelsschiffen vor dem ersten Weltkrieg geben, würde ich mich auf Hinweise freuen.

Die folgende Menükarte ist für den Normalbetrieb der Handelsschiffe natürlich völlig unrepräsentativ. Es ist ein Geschäftsessen, zu dem der Direktor der Reiherstieg-Werft, Otto Cornehls und der Direktor der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft, Otto Harms, Geschäftspartner, Kollegen und Vertreter der Hamburger Behörden eingeladen hatten.

Sie gibt eine Vorstellung, was in gutsituierten Kreisen der Hamburger Bürgerschaft zu besonderen Anlässen auf den Tisch kam. Der Redakteur vom Hamburgischen Correspondenten spricht von „exquisiten Genüssen“, die serviert wurden. In einem späteren Blogartikel werden wir sehen, dass dies von der normalen Bordverpflegung meilenweit entfernt war.

Menükarte, Probefahrt Dampfschiff Hamm

Menükarte der Probefahrt des Dampfers „Hamm“, © Reinhart Schmelzkopf, Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft, Hamburg 1888 – 1926

Die Speisefolge der Probefahrt

Die geladenen Gäste wurden am Morgen eingeschifft, so dass die Probefahrt pünktlich um 8.15 Uhr beginnen konnte. Bei Ankunft auf dem Schiff erhielten die Gäste zur Begrüßung Kaffee, Brötchen und Butter.

Um halb zwölf wurde dann ein herzhaftes Frühstück gereicht, zumindest findet sich der Name Frühstück auf der Speisenkarte, wenngleich es vom Charakter her eher einem heutigen Mittagessen entspricht:

Zu Bouillon mit Schweserpasteten (Schweser ist vielleicht bekannter unter dem Namen Kalbsbries) und Beefsteak mit Bratkartoffeln servierte die Reederei einen 1905er Château Cantenac Brown Grand Cru und einen 1906er Trabacher, der leider nicht näher bezeichnet ist.

Das Château Cantenac Brown gehört zur Appellation Margaux und ist als 3ième Grand Cru klassifiziert. 1905 gehörte es dem Weinhändler Louis Armand Lalande, inzwischen hat es mehrfach den Besitzer gewechselt. Wie der 1905er ausgefallen ist, weiß ich nicht, aber Sie können jüngere Jahrgänge des Weins auch heute noch im Handel erstehen.

Den ganzen Tag standen den Gästen Portwein, Sherry und „Liqueure“ am Buffet zur Verfügung. Gespritete Weine waren also in Mode.

Das Diner

Auch das Diner zeugt von einem gediegenen, gutbürgerlichen, aber nicht überzogenen Rahmen, schließlich wurde kein großer Passagierdampfer, sondern „nur“ ein Frachtschiff zur Probe gefahren. Es wurde am (sehr) frühen Abend um 17 Uhr serviert, wobei der eigentlichen Mahlzeit zahlreiche Reden vorausgingen.

Die gereichte Schildkrötensuppe wollen wir schnell überspringen, aus heutiger Sicht aus guten Gründen nicht mehr auf einem offiziellen Menü vorstellbar. Was aber ist ein Landgrafenbrötchen? Hat jemand eine Idee?

Die einzige Literaturquelle, die ich dazu finden konnte, ist Daniel Sandhagen’s Lehr- und Reisejahre: ein komischer Roman, Band 3 (1806). Dort heißt es:

„Jenny, liebes Weib, hast du auch Geld? Laß Zuckerkringeln holen! Landgrafenbrötchen! Daniel, was ist dir lieber? – Du Püppchen, stippst doch gerne. …“ (abgerufen unter books.google.fr)

In dieser Szene wurden die Landgrafenbrötchen zu Tee serviert, also vielleicht ein eher süßes Brötchen, ähnlich einer Brioche?

Weiter geht’s auf der Hamm mit Steinbutt, Kalbsrücken, Spargel und Hamburger Kücken, also Hühnchen.

Eis mit Waffeln, Käse, Früchte und Mokka beschließen das Menü.

Die rechte Spalte der Karte ist leider verdeckt, so dass wir bei den Getränken nur Madeira lesen können, diesen sicher als Aperitif oder zur bereits erwähnten Schildkrötensuppe.

Ein Rezept für die Schweserpasteten

Wer jetzt Appetit bekommen hat, für den sei folgendes Rezept für das Nachkochen der Schweserpasteten hier wiedergegeben, einer damals offensichtlich sehr beliebten Hamburger Vorspeise. Gefunden habe ich es bei Hanna Behnke, Hamburger Küche: Vorspeisen, Suppen und Salate (1923), (Leseprobe abgerufen unter books.google.fr):

Schweserpasteten für 6 Personen:

Zutaten:
1 Schweser [Kalbsbries] im Gewicht von 250 Gr.
½ Kochl. Mehlschwitz
¼ Ltr. Schweserbrühe
1 Teel. Salz
1 bis 2 Eßl. süß. Rahm

Eine kleine Schweser von 250 Gr. wird vorbeitet und gekocht (siehe unter Zungenragout), hiernach in Würfel geschnitten. ½ Kochl. Mehlschwitze wird mit ¼ Ltr. von der Schweserbrühe ausgerührt. Nachdem die Tunke einmal aufgekocht, wird das Fleisch dazu getan und 1 Teel. Salz und 1-2 Eßl. süßer Rahm. Das Ragout wird bis zum Gebrauch zudeckt in heißes Wasser gestellt. Mann kann Austern dazu nehmen, à Person 1-2 Stück. Den Saft der Austern gießt man an das Ragout. Die Austern werden gebraten und beim Anrichten oben auf die Pastete gelegt.

Der Vollständigkeit sei noch der Schlusssatz des vorangegangenen Rezeptes, einem Mocturtle-Ragout, wiedergegeben: Man richtet das Ragout mit Blätterteigbrötchen an oder im Reisrand und kann es auch in Blätterteig-Pasteten füllen.

Guten Appetit!

steamer Maunganui

Von Hamburg mit der „Fürth“ und der „Maunganui“ nach Christchurch

Umladungen nach Neuseeland

Globaler Handel vor dem Ersten Weltkrieg

Ein schönes Beispiel für den weltumspannenden Handel zu Beginn des 20. Jahrhunderts liefert eine Zeitungsmeldung vom 16. Juli 1914 aus Christchurch in Neuseeland.

Es ist eine Importliste von Produkten, die über Umladungen in Australien mit dem Dampfer „Maunganui“ nach Neuseeland gelangten, genauer gesagt nach Lyttelton, einer Hafenstadt bei Christchurch, das selbst keinen Hafen hat.

Unter den Dampfern, die die Waren zunächst von Europa transportierten, sind neben dem Dampfschiff „Fürth“ auch die „Osnabrück“ und die „Ulm“, beides ebenfalls Schiffe der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft.

Deutsche Waren befanden sich sicher ebenfalls an Bord der NDL-Dampfer „Zieten“ und „Westfalen“ (NDL = Norddeutscher Lloyd, Bremen).

Weitere Dampfer, die Waren auf die „Maunganui“ umgeladen hatten: die „Orama“, in Fahrt für die Orient Line (später P&O Line), die „Mongolia“ (P&O Line), die niederländische „Zeelandia“ (Koninklijke Hollandsche Lloyd), der in Melbourne registrierte Dampfer „Karoola“ und die „Ptonus“, ein Schiff, das ich nicht zuordnen kann.

Die SS „Maunganui“

Die im Jahr 1911 in Dienst gestellte „Maunganui“ war für die Union Steam Ship Company of New Zealand im Verkehr zwischen den beiden Kolonien des Commonwealth, Australien und Neuseeland.

Mount Maunganui, wie Maunganui heute heißt, ist ein Stadtteil von Tauranga auf der Nordinsel Neuseelands, ein bekanntes Seebad und liegt am Fuß des gleichnamigen Berges Mount Maunganui.

An Bord der „Maunganui“ am 16. Juli 1914: Kaffee, Schokolade, Mandeln, Tee, Reis, Nudeln, Orangen, Zitronen, Früchte, Genever, Wein, Wachs, Kerzen, Schellack, Blei-Acetat, Papier, Eichenholz, Häute, Öl, Tabak, Zinnbarren, Zinkbarren, Brandy, Salzsäure, Leder und Malzextrakt.

Anm.: Die zu den Produkten gehörenden Mengenangaben sind unten in der Transkription des Originaltextes wiedergegeben.

Nicht dokumentiert ist, welche Waren von welchem Schiff umgeladen wurden. Daher bleibt die Zuordnung reine Spekulation. Vielleicht aus Deutschland an Bord: Wein, Papier, Eichenholz und Malzextrakt?

Sicher ist, dass es die letzte Warenlieferung der „Fürth“ und den anderen deutschen Dampfern für Australien und Neuseeland war.

Zwei Wochen später wurden die weltweiten Handelsbeziehungen deutscher Unternehmen durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs jäh unterbrochen (Die „Fürth“ beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges).

IMPORTS BY MAUNGANUI.

Due at Lyttelton this morning from Melbourne, via Hobart, Bluff, and Dunedin, the Union Company’s intercolonial steamer Maunganui is bringing transhipments ex the steamers Ptonus, Orama, Mongolia, Furth, Osnabruck, Ulm, Karoola, Zealandia, Westfalen, and Zieten. The principal lines are as follow:—13 bags of coffee, 6 cases of chocolate, 6 bags of almonds, 92 packages of tea, 210 bags of rice, 72 bags of macaroni, 107 cases of oranges, 20 cases of lemons, 15 cases of fruit, 50 cases of Geneva, 2 hogsheads of wine, 12 octaves of wine, 8 quarter casks of wine, 141 bags of wax, 300 boxes of candles, 25 casks of shellac, 2 casks of sugar of lead, 14 bales of paper, 135 bales of paper, 346 pieces of oak. 40 bags of hides, 10 barrels of oil, 5 cases of tobacco, 161 lingots of tin, 96 lingots of zinc, 25 cases of brandy, 56 boxes of muriatic acid, 5 bales of leather, and 27 packages of malt extract. The Maunganui will sail this evening for Wellington and Sydney, and will act as the ferry steamer in place of the Wahine, which upon arrival at Lyttelton this morning will be placed in dock for overhaul, resuming in the ferry service on Saturday evening.

The Press, Christchurch, New Zealand, Volume L, Issue 15021, 16. Jul 1914

Quelle: paperspast.natlib.govt.nz

Sehr ausführliche Informationen über das Dampfschiff „Maunganui“ mit vielen Bildern finden Sie hier: https://ssmaritime.com/SS-Maunganui-Cyrenia.htm.

Erstaunlich ist die Lebensdauer des Schiffes: es war bis 1956 in Fahrt und wurde 1957 in Savona (Italien) abgewrackt.

Bildnachweis Titelfoto: State Library of Victoria (Australien) , Referenz H91.108/528

 

Lloyd's Register, 1909-10, steamer Fürth

Die „Fürth“ in Lloyd’s Register

Im Brunel Institute in Bristol

Lloyd’s Register

Das Lloyd‘s Register of British and Foreign Shipping ist das führende Schiffsregister mit Informationen über alle Handelsschiffe.

Gegründet wurde es bereits vor über 250 Jahren:

„Der Name Lloyd’s geht auf das „Lloyd’s Coffee House“ im London des 17. Jahrhunderts zurück. Hier trafen sich Kapitäne, Schiffseigner und Kaufleute. Sie tauschten Neuigkeiten und Informationen rund um den Schiffsverkehr aus. Edward Lloyd sammelte sie und stellte sie seiner Klientel zur Verfügung.

Im Jahr 1760 gründeten die Kunden des Kaffeehauses die Gesellschaft Lloyd’s Register (LR). Auch der Namensteil „Register“ ist historisch: Die Gesellschaft druckte 1764 das erste Schiffsregister der Welt.“
(Quelle:
http://www.lrqa.de/Ueber-LRQA/unsere-geschichte/).

Lloyd's Register steamer Furth

Lloyd’s Register von 1764, Ausschnitt Titelseite, Quelle: Hathitrust Digital Library

In dem jährlich erscheinenden Register sind alphabetisch alle Handelsschiffe aufgelistet. Zu den Zeiten der „Fürth“ erfolgte die Auflistung der Schiffe in zwei großen Kategorien: Segelschiffe und Dampfschiffe.

Das Brunel Institute in Bristol

Das Brunel Institute in Bristol ist dem Museumsschiff „SS Great Britain“ angeschlossen. Die „SS Great Britain“ war das erste aus Eisen gebaute und mit Dampfmaschine angetriebene Schiff, dass den Atlantik überquerte und dies bereits im Jahr 1845! Der Ingenieur Isambard Kingdom Brunel baute auch die „SS Great Eastern“, die das erste Transatlantikkabel verlegte. Über diese technische Meisterleistung habe ich bereits berichtet: Guttapercha und der Tote aus Borneo

SS Great Britain, Bristol

„SS Great Britain“, Achterschiff, Bristol (England), eigene Aufnahme Februar 2019

Ein Besuch der „SS Great Britain“ ist für jeden Technikfan absolut empfehlenswert (https://www.ssgreatbritain.org/).

Im angrenzenden Brunel Institute gibt es eine Bibliothek mit einer großen Sammlung zur maritimen Geschichte, die nach Anmeldung öffentlich zugänglich ist.

Zu dieser Sammlung gehören auch eine große Anzahl an Lloyd’s Registern. Aus der Zeit der „Fürth“ verfügt die Bibliothek über die Ausgabe von 1909-10. Es ist schon ein besonderer Moment, so eine historische und gewichtige Ausgabe von vor über hundert Jahren in Händen zu halten (selbstverständlich mit bereitgestellten Handschuhen), dann vorsichtig auf ein (ebenfalls bereitgestelltes) großes Kissen zu legen und noch vorsichtiger darin zu blättern.

SS Great Britain Bristol, engine room

„SS Great Britain“, Maschinenraum, Bristol (England), eigene Aufnahme Februar 2019

Fortlaufende Nummer 720

Die „Fürth“ finden wir unter der fortlaufenden Nummer 720 zwischen den Schiffen „Fürst Blücher“ und „Furtor“. In der ersten Spalte ist noch das Unterscheidungs-Signal der „Fürth“ angegeben: RPNJ (SIEHE: Das Unterscheidungssignal der „Fürth“).

Die offizielle Nummer (Numero Officiel) ist dagegen nicht eingetragen, diese wäre die 136777 (SIEHE: Das Titelfoto des Blogs).

Anm: Die „Fürst Blücher“ war ein kleines Seebäderschiff in der Ostsee und ist nicht mit dem Passagierdampfer Blücher, das im Hamburger Hafen mit der „Fürth“ kollidiert war, zu verwechseln (SIEHE: Endlich nach Hause!). Außerdem gab es auch Kriegsschiffe mit dem Namen Blücher.

Lloyd's Register 1909, Fürth

Lloyd’s Register, Ausgabe 1909-10; Titelzeile und Eintrag des Dampfschiffes „Fürth“ zusammenmontiert (linke Hälfte der Seite)

In der zweiten Spalte ist unter dem Schiffsnamen der Name des Kapitäns eingetragen (C.B. Sägert, was eigentlich korrekt C. B. Saegert heißen müsste, da er sich nicht mit Umlaut schrieb). Der Zusatz 98-07 bedeutet, dass C. B. Saegert 1898 sein Kapitänspatent erworben hat und er 1907 das aktuelle Schiff, also die „Fürth“ übernahm.

Außerdem ist angegeben, dass das Schiff über elektrisches Licht verfügte (Elec.light). An dieser Stelle wäre ebenfalls vermerkt, wenn ein Schiff eine Funkanlage besaß (Eintrag Wireless), was für die „Fürth“ nicht der Fall war.

Der Eintrag SteelScSr besagt, dass es sich um einen Schraubendampfer aus Stahl handelt. Außerdem sind Angaben zu den Decks gemacht.

Ex-nom, s’il y a lieu : Hier stehen gegebenenfalls frühere Namen des Schiffes, bei der „Fürth“ wird nach der Umbenennung in „Kerman“ (1915) hier „exFürth“ stehen. Dazu später mehr.

Die Tonnage

Diese Angaben erhielt die Klassifikationsgesellschaft von der Schiffsregisterbehörde in Hamburg. Die Netto- und Brutto-Angaben entsprechen dem Schiffsmessbrief (SIEHE: Die Vermessung der „Fürth“).

Als dritte Maßzahl ist die Tonnage unter Deck („sous le pont“) angegeben (3946). Diese Tonnage entspricht den Angaben im Suez-Messbrief der „Fürth“ („Raum unter dem Vermessungsdeck“). SIEHE: Der Suezkanal-Messbrief des Dampfschiffes „Fürth“

Die Klassifikation (Détails de la Classification)

Die „Fürth“ war in der besten Klassifikationsklasse 100A1, etwas ganz Normales für ein neues Schiff dieser Größe im Überseeverkehr.

Das Tatzenkreuz vor der Angabe weist darauf hin, dass der Bau des Schiffes in der Werft unter besonderer Aufsicht durch die Klassifizierungsgesellschaft Lloyd’s erfolgte (special survey). Die „Fürth“ war von Lloyd’s zuletzt im Januar 1909 auditiert worden (Angabe 1,09) und zwar in Hamburg (Ham).

Laut den damaligen Schiffsmeldungen muss diese Überprüfung des Schiffes zwischen dem 2. und 22. Januar 1909 stattgefunden haben, in dieser Zeit lag die „Fürth“ im Hamburger Hafen.

Das Kürzel LMC mit vorgestelltem Tatzenkreuz sagt aus, dass Maschinenanlage und Boiler beim Schiffsbau (8,07 also im August 1907) von einem Sachverständigen geprüft und an Lloyd’s gemeldet wurden.

Lloyd's Register, steamer Fürth

Lloyd’s Register, Ausgabe 1909-10; Titelzeile und Eintrag des Dampfschiffes „Fürth“ zusammenmontiert (rechte Hälfte der Seite)

Werft und Reeder

In den folgenden Spalten finden sich das Datum der Fertigstellung (8/1907), die Werft (Flensburger Schiffsbau Gesellschaft) und der Ort, was zur Doppelnennung von Flensburg führt.

Anschließend ist der Schiffseigner angegeben, die Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft.

Der Platz in der Spalte unten wurde genutzt, um eine Angabe auf die Konstruktion der Ballasttanks zu machen, die über drei Spalten reicht. Bei der „Fürth“ ist der Ballasttank zellenförmig im Doppelboden ausgeführt war (WB=CellDB). Dann folgen die Maße im Achterschiff (aft), unter Maschine und Kessel (E&B für engine und boiler), im Vorschiff (forward). Die Angabe schließt mit der Kapazität der Ballasttanks (1040 t).

Darüber steht die Angabe, das die „Fürth“ über 7 Schotten (bulkheads, BH) verfügt, die mit Asphalt abgedichtet waren (asp = asphalted).

In weiteren Spalten werden Schiffsmaße, Heimathafen (Hamburg) und Nationalität (German) genannt.

Dampfmaschine

Ausführlich sind die Angaben zur Dampfmaschine.  Die „Fürth“ verfügte über eine Dreifach-Expansions-Dampfmaschine mit 3 Zylindern (T3Cy.). Die folgenden Angaben beziehen sich auf Zylinderdurchmesser und Hublänge (jeweils in Inch).

Der Arbeitsdruck des Kessels ist mit 180lb angegeben (Einheit: Pfund pro Quadratinch).

Die Leitung ist mit 473 NHP angegeben. NHP steht für Nominal Horse Power und errechnet sich nach einer Formel, in die Arbeitsdruck, Zylinderdurchmesser, Hublänge und Heizfläche eingehen.

Unter der Angabe « Creux sur Quille » finden wir schließlich die Seitentiefe des Schiffes von 27 Fuß 9 Zoll, eine Angabe, die wir aus dem Bielbrief der „Fürth“ kennen (SIEHE: Der Bielbrief der „Fürth“ und die Eintragung ins Schiffsregister).

Fazit

Aus Lloyd’s Register lassen sich viele Angaben zu einem Schiff herauslesen. Die vielen Abkürzungen machen die Lektüre nicht gerade leicht, aber jedem Band ist zum Glück ein Abkürzungsverzeichnis vorangestellt (key to abbreviations).

Inzwischen sind viele Ausgaben von Lloyd’s Register auch online verfügbar: https://hec.lrfoundation.org.uk/archive-library/lloyds-register-of-ships-online.

Leider gibt es für den Zeitraum von 1900 – 1929 noch eine große Lücke, ausgerechnet in der Zeit, die für die Rekonstruktion des Dampfers „Fürth“ wichtig wäre.

Sollten Sie also Zugang zu weiteren Ausgaben zwischen 1907 und 1929 haben, freue ich mich auf Ihre Scans der Einträge des Dampfschiffes „Fürth“!

 

 

 

Die "Reichenbach" in Burnie, Tasmanien

Schwesterschiffe der „Fürth“: Die „Reichenbach“

Das Titelfoto

Die „Reichenbach“ in Tasmanien

Das Titelfoto zeigt das Dampfschiff „Reichenbach“ in Burnie (Nordküste Tasmaniens) im Jahr 1913. Mein herzlicher Dank geht an das Maritime Museum of Tasmania, dem Inhaber der Bildrechte, mit dessen freundlicher Genehmigung ich das Bild hier Blog zeigen kann. Das Bild ist Teil der Cyril Smith Collection vol. 11., die handschriftliche Bildunterschrift lautet:

S.S. REICHENBACH AT BURNIE – TAS – APRIL 1913
SS. REICHENBACH – OWNER GERMAN AUSTRALIAN LINE
4271 GR. TONS.
BROUGHT CEMENT TO BURNIE FOR BREAKWATER. APRIL 1913

Referenz: © Reichenbach; Smith, Cyril; P_2015-0587(11)Reichenbach, Quelle: https://ehive.com/collections/3906/objects/842355/reichenbach

Anmerkung: die richtige Tonnage der „Reichenbach“ ist 4217 Bruttoregistertonnen, nicht 4271.

Die Reichenbach in Burnie

© Maritime Museum of Tasmania, Cyril Smith Collection vol. 11., https://ehive.com/collections/3906/objects/842355/reichenbach

Das Maritime Museum of Tasmania besitzt noch andere schöne Objekte der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft. Grund dafür ist, dass der Dampfer „Oberhausen“ bei Kriegsausbruch im August 1914 in einem tasmanischen Hafen lag und dort beschlagnahmt wurde. Die Besatzung wurde interniert (SIEHE: https://geschimagazin.wordpress.com/2014/03/23/der-fall-des-dampfschiffes-oberhausen/ ).

Zu den Kuriositäten des Museums gehören unter anderem Eierbecher, Weingläser und Bierfilze aus der Offiziersmesse der SS Oberhausen, jeweils mit Werbeaufdruck der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft (Quelle: https://ehive.com/objects?query=Oberhausen)

Schwesterschiffe in Kleinserie

Die Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft ließ zwischen 1905 und 1907 bei der Flensburger Schiffsbau-Gesellschaft sieben baugleiche Schiffe der sogenannten „Hagen-Klasse“ bauen. Eine Kleinserienfertigung, die sich für die Reederei in günstigen Anschaffungskosten niederschlug.

Bereits zwischen 1896 und 1901 wurden auf der gleichen Werft neun Dampfer der „Meißen-Klasse“ erstellt und später dann, in den Jahren 1910 bis 1914, sechs Dampfschiffe der „Adelaide-Klasse“.

Die „Reichenbach“

Die „Reichenbach“ wurde im Oktober 1905 von der Reederei bestellt und am 15. Dezember 1906 ausgeliefert. Die Abmessungen waren mit denen der „Fürth“ identisch: Länge 389 Fuß, Breite 50 Fuß 10 Zoll, Seitentiefe 27 Fuß 9 Zoll. Die Baukosten lagen mit 1 218 000 Mark etwas unter denen der „Fürth“ (1 272 000 Mark).

Kleine Unterschiede traten dann bei der Schiffsvermessung zu Tage, kein Schiff war zu 100 % identisch mit einem anderen. So hatte die „Reichenbach“ 4217 Bruttoregistertonnen gegenüber 4229 der „Fürth“.

Namensgebung

Bei der „Reichenbach“ stellt sich die Frage, welche der zahlreichen Städte und Orte dieses Namens Pate für das Schiff stand.

Mein persönlicher Favorit ist Reichenbach im Vogtland. Einen Beleg dafür habe ich nicht, aber einige Anhaltspunkte, die dafürsprechen. Eine Nachfrage beim dortigen Stadtarchiv brachte leider keine Aufklärung.

In der kleinen Stadt Reichenbach im Vogtland (1910 mit über 29.000 Einwohnern) waren um die Jahrhundertwende, also um 1900, zahlreiche Spinnereien und Webereien ansässig, wie zum Beispiel die Woll- und Seidenweberei Schultz & Donner oder die Färbereien und Appreturanstalten Georg Schleber AG (siehe Abbildung). Die Schleber AG hatte bereits 1888 auf der Weltausstellung in Melbourne ihre Waren ausgestellt.

Ein anderes Standbein der Industrie in Reichenbach i. V. war die Papierherstellung. Bekannt ist sicher auch der Ingenieur August Horch, der von 1902 bis 1904 in Reichenbach Autos fertigte, bevor er dann die Herstellung nach Zwickau verlagerte.

Georg Schleber AG Reichenbach

Georg Schleber AG, Werk Reichenbach 1890, Quelle: Von Th. Beer / E. M. Engels Verlag, Leipzig / Verlag Eckart & Pflug, Leipzig – Eckart und Pflug (Hrsg.): Die Groß-Industrie des Königreichs Sachsen in Wort und Bild; https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1457230

Zwei weitere Reichenbachs, die für die Namensgebung des Schiffes in Frage kämen, wären Reichenbach im Eulengebirge (1910 über 16.000 Einwohner) oder Reichenbach an der Fils (1900 rund 1500 Einwohner), beides Standorte von Baumwollspinnereien und -webereien.

Oder vielleicht ein ganz anderes Reichenbach, an das ich noch gar nicht gedacht habe?

Aufforderung an alle Reichenbacher

Nun die Aufforderung an alle Reichenbacher, Licht ins Dunkel zu bringen und einen Beleg zu beschaffen, welches Reichenbach denn nun Pate stand. Ich freue mich schon jetzt auf Ihre Hinweise!

Im Australienverkehr

Zurück zum Schiff: Wie die „Fürth“ war auch die Reichenbach im Australienverkehr der Deutsch-Australischen Dampfschiffs-Gesellschaft eingesetzt und bediente verschiedene Routen. Auf dem Titelbild ist eine Zementlieferung nach Tasmanien im April 1913 dokumentiert.

Die "Reichenbach" am Australiakai

Die „Reichenbach“ am Australiakai in Hamburg, das Bild ist ein Ausschnitt aus dem bereits gezeigten Bild „Australia-Dampfer am Kai“, eine Aufnahme vom 25. Juli 1913, Schornstein nachträglich koloriert; © Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft, Hamburg, Otto Harms, 1933 (Verlag Schröder & Jeve)

Juli 1914

Vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges war die „Reichenbach“ auf der Linie New York -Java unterwegs (siehe dazu auch: Petroleum für Java). Anschließend wurde sie dann in Südostasien nach Saigon beordert. Dort erhielt die „Reichenbach“ eine Ladung Reismehl für Liverpool, wo sie am 23. Juli 1914 eintraf.

In Liverpool wurde das Löschen der Ladung und das Bunkern von Kohle wegen des drohenden Kriegsausbruchs beschleunigt, so dass die „Reichenbach“ Liverpool am 1. August 1914 wieder verlassen konnte und nördlichen Kurs nahm, um Großbritannien in Richtung Skandinavien zu umfahren.

Zielhafen war Gothenburg (Schweden), wo die „Reichenbach“ Ladung aufnehmen sollte, vermutlich eine Holzlieferung für Australien (SIEHE: Die Barwon-Papiermühle in Fyansford, Geelong). Auf dem Weg dorthin, lief das Schiff am 4. August 1914 Christiansand in Süd-Norwegen an, wo es später interniert wurde.

Am 4. Februar 1915 wurde die „Reichenbach“ in Norwegen verkauft und war für The Bergen Steamship Company / Det Bergenske Dampskibsselskab unter dem neuen Namen „Meteor“ in Fahrt.

Dampfschiff Meteor, exReichenbach

Diese Aufnahme der „Meteor“, ex-„Reichenbach“ von Steuerbord voraus zeigt deutlich die Trennung von Steuer- und Maschinenhaus mit den dazwischenliegenden (kleinen) Ladekränen. © H.Larsson-Feddes samling; http://www.sjohistorie.no/no/skip/19297/

Die letzte Reise

Ende 1916 befand sich die „Meteor“, ex-„Reichenbach“ mit Stückgut auf dem Weg von Philadelphia nach London. Sie hatte Philadelphia am 23. November 1916 verlassen und hatte zunächst eine ruhige, ereignislose Fahrt über den Atlantik.

Am 7. Dezember 1916 wurde das Schiff fünfundzwanzig Seemeilen südwestlich des Bishop’s Rock (Scilly Inseln, Cornwall) von dem deutschen U-Boot UB 29 unter dem Kommando von Erich Platsch aufgegriffen und versenkt. Die Mannschaft konnte das Schiff zuvor in die Rettungsboote verlassen. Später wurden die Männer vom dänischen Schiff „Borneo“ aufgegriffen und nach Falmouth gebracht.

Siehe: www.sjohistorie.no/no/skip/19297/dokumenter

Die „Meteor“ war das letzte Schiff von insgesamt 36, die UB 29 zum Opfer fielen. Am 13. Dezember 1916 wurde UB29 vor Ostende von dem Zerstörer „HMS Landrail“ versenkt.

Im Herbst 2017 erregte UB29 erneut Aufmerksamkeit, da das Wrack erst zu diesem späten Zeitpunkt von Tauchern eindeutig identifiziert werden konnte. Der Fundort wird von der belgischen Regierung geheim gehalten, um die Totenruhe der noch im Schiff befindlichen 23 Soldaten nicht zu stören.

Siehe: https://uboat.net/wwi/boats/?boat=UB+29 und www.youtube.com/watch?v=iEBhNQ_57_0

Quellen zum Text:
Theshipslist.com
sjohistorie.no
The Wrecksite.eu (https://www.wrecksite.eu/wreck.aspx?58869)
R. Schmelzkopf, Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft, Hamburg, 1888 – 1926, Cuxhaven 1984
Otto Harms, Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft, Hamburg 1933.

Suezkanal Messbrief Fürth

Der Suezkanal-Messbrief des Dampfschiffes „Fürth“

Originaldokumente aus Hamburg

Das Protokoll über die Suez-Vermessung

Den Schiffs-Messbrief der „Fürth“ habe ich im Blog bereits ausführlich vorgestellt. Siehe dazu: Die Vermessung der „Fürth“. Durch die nachträgliche Änderung des Vermessungsergebnisses ist er glücklicherweise erhalten geblieben.

Die für die Vermessung des Schiffes und die Ausstellung des Messbriefes zuständige Behörde war im Deutschen Kaiserreich das Kaiserliche Schiffs-Vermessungsamt in Berlin. Der Messbrief selbst wurde dann an die Schiffsregisterbehörde in Hamburg gesandt, die daraufhin das Schiffszertifikat ausstellte: Das Schiffszertifikat der „Fürth“

Eine Woche später, am 21. August 1907, sandte das Kaiserliche Schiffs-Vermessungsamt erneut einen Brief nach Hamburg.

Der Inhalt: Das Protokoll über die Suez-Vermessung des Dampfers „Fürth“ für die Fahrt durch den Suezkanal.

Kaiserliches Schiffsvermessungsamt Berlin, Dampfer Fürth

Schreiben des Kaiserlichen Schiffsvermessungsamtes vom 21. August 1907, © Staatsarchiv Hamburg, Schiffsregisterakte Schraubendampfer Fürth, Registernr. 3656, Ref. 231-4_3005

Der Suezkanal (Sueskanal)

Der Suezkanal wurde am 17. November 1869 eröffnet und veränderte den weltweiten Schiffsverkehr bis zum heutigen Tag.

Die Nutzung des Kanals durch den internationalen Schiffsverkehr wurde dann im Jahr 1888 in der Konvention von Konstantinopel völkerrechtlich reglementiert. Bereits zuvor war ebenfalls in Konstantinopel eine internationale Kommission zusammengetreten, um die Gebühren für die Durchfahrt festzusetzen.

Nachdem alle Nationen gleich behandelt werden mussten, es aber durchaus Abweichungen in den Vermessungspraktiken der einzelnen Länder gab, wurde eine eigene Vermessungsgrundlage geschaffen, was bis heute Bestand hat. Das für den Suezkanal gültige Vermessungsergebnis wurde dann in einem „Schiffsmessbrief für die Kanalfahrt“ dokumentiert. International spricht man vom „Suez Canal Special Tonnage Certificate“.

Anmerkung: Heute ist die Rechtschreibung im Deutschen korrekterweise „Sueskanal“. Zur Zeit des Dampfschiffes „Fürth“ erfolgte die Schreibung in allen Dokumenten mit „z“, also Suezkanal. Hier im Blog folge ich dieser damals üblichen Schreibweise mit „z“, wie sie in den hier gezeigten Originaldokumenten verwendet wurde und wie sie heute nach wie vor im Englischen oder Französischen üblich ist.

Der Suez-Messbrief

Anders als beim Schiffsmessbrief, der von der Vermessungsbehörde in Berlin ausgestellt wurde, wurde der Suez-Messbrief der „Fürth“ von der „Deputation für Handel und Schiffahrt“ in Hamburg erstellt und am 24. August 1907 unterzeichnet. Die Behörde bescheinigte darin der Reederei die Vermessungsergebnisse „auf Grund stattgehabter Vermessung in Gemäßheit der von der internationalen Kommission zur Regelung der Abgaben auf dem Suezkanal angenommenen Regeln“.

Suez-Messbrief der Fürth

Schiffsmessbrief für die Kanalfahrt der „Fürth“, Version vom 24.08.1907, oberer Teil des Dokuments; © Staatsarchiv Hamburg, Schiffsregisterakte Schraubendampfer Fürth, Registernr. 3656, Ref. 231-4_3005

Der Bruttoraumgehalt der „Fürth“ wird auf dem Suezkanalbrief mit 5445 Registertonnen angegeben. Davon abzugsfähig sind dann Räume für Mannschaft und Navigation sowie Maschinenräume. Zusätzlich werden 75 % des vermessenen Maschinenraums für die Kohlenbunker in Abzug gebracht. Dieser prozentuale Abschlag für die Treibstoffe („Treibkraftabzug“) wird in der Schiffsvermessung als sogenannte „Donauregel“ bezeichnet. Das Endergebnis der Vermessung war dann ein Nettoraumgehalt von 4087 Registertonnen.

Dieser erste Messbrief für die Kanalfahrt scheint also geradeso noch rechtzeitig fertig geworden zu sein, denn der Tag der Ausstellung (24.08.1907) ist identisch mit dem Abfahrtsdatum der „Fürth“ zu ihrer Jungfernfahrt: Eine Jungfernfahrt mit Verspätung.

Suez-Messbrief des Dampfschiffes Fürth

Schiffsmessbrief für die Kanalfahrt der „Fürth“, Version vom 24.08.1907, unterer Teil des Dokuments; © Staatsarchiv Hamburg, Schiffsregisterakte Schraubendampfer Fürth, Registernr. 3656, Ref. 231-4_3005

Der zweite Suez-Messbrief

Da der deutsche Schiffs-Messbrief der „Fürth“ nachträglich berichtigt wurde (siehe: Die Vermessung der „Fürth“), gibt es auch vom Suez-Messbrief der „Fürth“ eine zweite, korrigierte Fassung.

Mit Schreiben vom 6. Februar 1908 an die Schiffsregisterbehörde sandte die Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft (DADG) den ersten Suez-Messbrief mit der Bitte um Berichtigung an die Behörde zurück:

„Ir. Nr. 165 VI
Im Besitze der geehrten gestrigen Mitteilung erlauben wir uns, der Behörde beiliegend den Suezkanal-Meßbrief für D. „Fürth“ zu behändigen und zugleich ergebenst zu bemerken, daß der deutsche Meßbrief bereits vom Kaiserlichen Schiffsvermessungsamt berichtigt worden ist.
Hochachtungsvoll und ergebenst
Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft
Harms“

Anm.: „behändigen“ war ein damals übliches Verb im Sinne von „übergeben“
Deutsch-Australische Dampfschiffs-Gesellschaft Hamburg

Schreiben der DADG vom 6.2.1908 © Staatsarchiv Hamburg, Schiffsregisterakte Schraubendampfer Fürth, Registernr. 3656, Ref. 231-4_3005

Am 26. Januar 1908 war die „Fürth“ von der Jungfernfahrt nach Hamburg zurückgekommen und der Original-Messbrief konnte erst zu diesem Zeitpunkt an die Behörde geschickt werden. In einer Verfügung der Behörde vom 14. Februar 1908 an die Reederei heißt es dann unter Punkt 4: Berichtigung des Suezkanalmessbriefes

Auch diesmal war der Briefverkehr „just-in-time“, denn am 15. Februar 1908 sollte die „Fürth“ zu ihrer zweiten Australienfahrt aufbrechen und wie üblich auf der Heimreise durch den Suezkanal fahren: Eisbären für Adelaide.

Von dieser zweiten Version des Suezmessbriefes der „Fürth“ liegt kein Exemplar im Staatsarchiv Hamburg vor, so dass ich über die Änderung des Nettoraumgehaltes in dieser Messbriefversion keine Angaben machen kann. Die Geschichte ist damit jedoch noch nicht zu Ende.

Eine zweite Berichtigung im Jahr 1910

Ein weiteres Schreiben, das im Staatsarchiv Hamburg erhalten geblieben ist, ist datiert vom 7. November 1910, also über 2 ½ Jahre später. Erneut sandte das Kaiserliche Schiffsvermessungsamt in Berlin ein Protokoll über die Vermessung des Dampfers „Fürth“ zur Ausfertigung eines Messbriefes für die Fahrt durch den Suezkanal nach Hamburg an die Deputation für Handel, Schiffahrt und Gewerbe.

Nachdem ich keine Angabe über Änderungen der Vermessungsregeln aus dem Jahr 1910 finden konnte, gehe ich davon aus, dass die bestehende Reglementierung neu interpretiert und ausgelegt wurde. Jeder, der sich mit Schiffsvermessung beschäftigt, weiß von dieser Interpretationsfähigkeit zu berichten. Der Wikipedia-Artikel zum Thema bietet dazu einen interessanten Einstieg.

Der jüngste vorliegende Schiffsmessbrief für die Kanalfahrt ist datiert vom 9. November 1910 und weist jetzt einen Nettoraumgehalt von 3967 Registertonnen auf, also 120 Registertonnen weniger.

Das neue Ergebnis kam im Wesentlichen durch die Neuberechnung der Aufbauten zustande.

Es bleibt die Frage offen, ob die „Fürth“ diesen neuen Messbrief für die Kanalfahrt bereits in Hamburg an Bord hatte, denn das Schiff hatte den Hafen einen Tag vorher, am 8. November 1910, zur nächsten Australienfahrt verlassen (Pfeffer aus Tellicherry). Eventuell wurde er auf dem Landweg nach Rotterdam oder Antwerpen nachgesandt, doch das ist reine Spekulation.

Suezkanal Messbrief Fürth

Suezkanal-Messbrief der „Fürth“ mit geändertem Nettoraumgehalt, Version von 9. November 1910 © Staatsarchiv Hamburg, Schiffsregisterakte Schraubendampfer Fürth, Registernr. 3656, Ref. 231-4_3005

 

Die Kanalgebühren für den Suezkanal

Eine Vorstellung über die Kanalgebühren gibt uns Otto Harms, der Direktor der DADG in seinem Buch über die Reederei (1933):

„Die Gesamtausgaben für diese Gebühren zum Satze von 6 ¼ Frs. beliefen sich im ersten Vierteljahr 1914 auf über 740000 Frs., wobei hervorzuheben ist, daß es sich mit Ausnahme der Linie 5 nur um heimkehrende Schiffe handelt, welche die Ausreisen um Südafrika gemacht hatten.“

Die 6 ¼ Franc beziehen sich auf die Nettoregistertonne pro Durchfahrt, so dass von Januar bis März 1914 Schiffe der DADG mit einem Raumgehalt von 118400 Nettoregistertonnen durch den Suezkanal fuhren. Bei überschlagsweise gerechneten 5400 Nettoregistertonnen pro Schiff ergäbe dies 22 Kanalfahrten alleine für die ersten drei Monate 1914.

Anm.: Die „Fürth“ zählte 1914 bereits zu den kleineren Schiffen, daher habe ich einen wesentlich höheren Durchschnittswert von 5400 Registertonnen für die Tonnage angesetzt.
Die Kanalgebühren waren 1890 noch 9,5 Frs. gewesen und wurden nach und nach gesenkt, nach Ansicht der Reeder aber (natürlich) immer noch viel zu hoch.

Eine stattliche Summe

Umgerechnet entsprachen die 740 000 Frs. vor dem Ersten Weltkrieg einer Summe von etwa 600 000 Mark (Wechselkurs 1 Franc = 0,81 Mark).

Für das Dampfschiff „Fürth“ (3967 Registertonnen) wurde also 1914 der Betrag von 24800 Franc für eine Durchfahrt fällig, also rund 20.000 Mark. Die „Fürth“ erreichte Suez am 18. März 1914 und durchfuhr anschließend den Kanal in Richtung Mittelmeer (SIEHE: Endlich nach Hause!).

Die stattlichen Kanalgebühren waren der Grund, dass die Reederei den Kanal fast ausschließlich für die Heimfahrten benutzte und die ausgehende Linienfahrt nach Australien und Ostasien über Südafrika durchführte.

Der Schwedenausweis

Der Suezkanal war nicht das einzige Fahrtgebiet, für das die „Fürth“ ein besonderes Dokument an Bord haben musste.

Für den Verkehr in den schwedischen Häfen war der Schwedenausweis notwendig. Dort, genauer gesagt in Gothenburg war die „Fürth“ auf ihrer neunten Fahrt (SIEHE: Die „Fürth“ in Skandinavien).

Der folgende Satz mag einen Eindruck davon geben, wie kleinlich die unterschiedlichen Vermessungsbestimmungen ausgestaltet wurden:

„Nach ihm [dem Schwedenausweis] sind alle freistehenden Niedergangshäuser, selbst wenn sie verschließbar sind, aber zu abzugsfähigen Räumen führen, von der Vermessung frei.“

Deshalb heißt es auch in der gleichen Quelle:

„Es ist dringend zu wünschen, daß die Schiffsvermessung durch internationale Vereinbarung so weit vereinfacht und vereinheitlicht wird, daß jedes Schiff nur einen Meßbrief zu führen braucht, der in allen Staaten und Kanälen anerkannt wird.“
Handbuch für die Schiffsführung, J. Müller, J. Krauß, M. Berger, 3. Ausg., Springer, 1938, abgerufen über books.google.fr am 10.07.2019

Der Suezkanal, als auch der Panamakanal haben bis heute (2019) ihre eigenen Vermessungsregeln und Messbriefe. Der Schwedenausweis wurde nach dem Zweiten Weltkrieg abgeschafft.

Koningin Emma sinking

Die abenteuerliche Reise des Kapitäns der „Fürth“, W. Richter, auf der „Koningin Emma“

Endstation Marseille

Aufbruch in Colombo

Bildnachweis Titelbild: Das Sinken der „Koningin Emma“,
© https://wrecksite.eu/wreck.aspx?74565

Kapitän W. Richter war eines der wenigen Besatzungsmitglieder, die im Hafen von Colombo (Ceylon) auf der, von den Briten beschlagnahmten „Fürth“, bleiben konnten.

Über diese Zeit im Hafen hatte ich ausführlich berichtet: Die „Fürth“ in Colombo: 11. bis 18. August 1914 und Wie ein bekannter deutscher Physikprofessor auf die „Fürth“ kam.

Anschließend berichtet Kapitän Richter weiter über seine Fahrt nach Europa
(Quelle: Hamburger Nachrichten, 16. Dezember 1914, S. 3, http://www.theeuropeanlibrary.com):

„Am 25. September erhielten ich sowie ein dritter Offizier einen Freipaß von der englischen Regierung in Colombo zugestellt, auf dem merkwürdigerweise ausdrücklich bemerkt war, daß wir auch an der Weiterreise durch Frankreich nicht gehindert werden durften. Gleichzeitig bei der Überreichung der Freipässe wurde uns befohlen, uns an Bord des inzwischen von Java zurückgekehrten holländischen Dampfers Konigin Emma zu begeben, um mit diesem nach einem neutralen Hafen abgeschoben zu werden. Die Reise dorthin mußten wir aber selbst bezahlen. Der holländische Dampfer sollte uns nach Genua bringen, und wir beide waren froh darüber, daß wir bald wieder in die Heimat gelangen sollten. Jedoch kam es ganz anders als wir dachten.“

Koningin Emma (1913)

„Koninigin Emma“, Aufnahme von 1913; Quelle: https://wrecksite.eu/wreck.aspx?74565

Mit dem Postschiff „Koningin Emma“ war bereits Prof. Hupka von Europa in Ceylon angekommen (Wie ein bekannter deutscher Physikprofessor auf die „Fürth“ kam). Jetzt war das Schiff auf dem Rückweg von Batavia, wo es am 17. September 1914 den Hafen Tandjoeng Priok verlassen hatte.

Vertrokken: Ned. ss. Koningin Emma, gez. Ouwehand, naar Singapore, Sabang en Amsterdam.
Het nieuws van den dag voor Nederlandsch-Indië, 18. Sep 1914

Die Abfahrt von Colombo erfolgte am 26. September 1914, einen Tag nach der Freilassung Kapitän Richters und des dritten Offiziers der „Fürth“, H. Wodarz.

Het ss. Koningin Emma, mailschip van de Stoomvaart Maatschappij „Nederland“, vertrok van Colombo op 26 dezer op weg naar Holland.
Het nieuws van den dag voor Nederlandsch-Indië, 28. Sep 1914

Im Mittelmeer

Kapitän W. Richter berichtet weiter:

„Unterwegs kamen wir durch den Suezkanal. Hier herrschte reges militärisches Leben, da eine Menge großer Transportschiffe in Port Said lag. Wir wurden daher wohl auch nicht weiter durch Anhalten belästigt, da die dort liegenden Kriegsschiffe genug mit den Transportschiffen zu tun hatten.“

Die „Koningin Emma“ hatte Suez am 6. Oktober 1914 passiert (Quelle: De Sumatra Post, 10. Okt. 1914).

„Als die Konigin Emma Port Said verließ, gingen etwa 25 große, mit farbigen Truppen besetzte Transportschiffe mit uns in See, den gleichen Kurs nach dem Westen mit uns aufnehmend. Bis zum 10. Oktober erfuhr die Weiterreise keine Unterbrechung, dann aber hielt uns südlich von Italien der französische Kreuzer Casa Bianca an.“

Die „Casabianca“ war ein älteres, zum Minenleger umgebautes, französisches Kriegsschiff (1895 fertiggestellt).

Casabianca aviso-torpilleur

Das französische Kriegsschiff CASABIANCA, Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:CASABIANCA_MN_1w.jpg

Malta und Biserta (Bizerte)

„Der an Bord gekommene Marineoffizier nahm uns fast sämtliche Papiere ab und befahl dem Kapitän des holländischen Dampfers, weil angeblich Konterbande (Gummi) an Bord sei, nach Malta zu fahren. Von dort mußte die Konigin Emma nach Biserta gehen, und schließlich erhielt sie Befehl, nach Marseille zu fahren, wo sie am 19. Oktober eintraf.“

Als Konterbande wurden Waren bezeichnet, die mittelbar oder unmittelbar zur Kriegsführung eingesetzt werden konnten.

Die Aussage, dass das Schiff Biserta anlief, wird durch einen Zeitungsartikel bestätigt. Er listet noch mehrere Waren auf, die hier laut diesem Artikel beschlagnahmt wurden:

Het s.s. Koningin Emma werd genoodzaakt te Biserta (bfl Tunis) alles te lossen wat als voorwaardelflke contrabande wordt beschouwd: koffie, rubber, tapioca, huiden, mais, thee en lijnkoeken.
Het nieuws van den daag voor Nederlandsch-Indië, 19. Okt 1914

Übersetzung: Die SS Königin Emma wurde gezwungen, alles, was in Biserta als bedingte Schmuggelware gilt, zu entladen: Kaffee, Gummi, Tapioka, Häute, Mais, Tee und Ölkuchen.

Anm.: Bizerte (Biserta) ist eine tunesische Hafenstadt.
koningin emma (1913)

„Koninigin Emma“, Aufnahme aus der Zeit des Ersten Weltkrieges mit großem Schriftzug und großer niederländischer Flagge am Bug; Quelle: https://wrecksite.eu/wreck.aspx?74565

Eintreffen in Marseille

Das Eintreffen von Kapitän Richter und des, bislang in den Quellen nicht namentlich genannten dritten Offiziers, H. Wodarz, ist in der Passagierliste der „Koningin Emma“ beim Eintreffen in Marseille belegt:

PASSAGIERSLIJST.
Aangekomen passagiers.
St. Koningin Emma, vertrokken van Batavia d.d 17 September en gedeeltelijk te Marseille gedebarkeerd. Kapitein P. Ouwehand.
G. Bakker, mr. J. Barlagen Bussemaker, G. Boker, J. Blackburn, A. J. Blanckenhagen en echtg., W Blom, N. Bolijn en echtg., W. Brakel Jr., A. W. H. M. Bruning, B. Buizert, H. A. F. de Bijl Nachenius. en echtg., C. A. Carlier, G. I. Chapplo. mevr. F Cochins en kind, J. Couwenberg, F. A. W. Creutzberg, mevr. van Dijk. Orestie Fanoli, Ch. von Freyburg, mej. L. Gerlach, mevr. M. H. N. Gerth v. Wijk, kapt. F. H. R. Gronau, J. Haag, echtg. en 3 kind., J. v d. Haar. H. J. v. Hal, E. A. F. v. Hille, D. J. N. v. d Hoop, P. Kazen, mevr. Ch. Kokke en 3 kind., N. J. Koolemans Beyne, echtg. en 2 kind., J. C. Th. Kroesen, C. Kunst, mej. van der Linden, Ch. R. Mac Cubbin, J. L. Martens, J. van Merkenstein en kind, G. C Moody, mevr. Morris en 3 kind., kapt. W. Müller, A_ J. Pabbruwo en 2 kind., H. H. Pelster, H. S. Pitch, J. Poll, echtg. en kind, Th. Pool, I. Ramaswamy, F M. Razona Schultz, dr. C. Kichter en echtg. H. Richter, kapt. F. W. Richter, G. Rijnders, J. Scheltens. J. W. Sickemeijer, echtg. en kind, Th. J. Soeters, A C. Spek, jongejuffr. P. E. Taat, mevr. J. M. Veltkamp Helbach, N. van Vriesland, H. C. van Weeren, C. P. Weil, J. Wilson, H. Wodarz, J. J. C. de Wolff, benevens H. M. troepen en schepelingen.
Quelle: Het nieuws van den dag : kleine courant, 26. Okt 1914, Hervorhebungen durch den Autor

Anmerkung: Viele aus Übersee ankommende Passagiere legten ab Marseille den Weg in die Niederlanden mit dem Zug zurück.

Weitere Leidensgenossen

„Hier wurden außer mir und dem dritten Offizier, noch zwei an Bord befindliche Kapitäne der Bremer Hansa-Linie und Professor Dr. Kahle, der von Ägypten kam, von Bord geholt.“

Die zwei Kapitäne der Hansa-Linie sind in der Passagierliste aufgeführt, sie kamen ebenfalls aus Colombo. Prof. Kahle hingegen fehlt in der Liste, was darauf zurückzuführen sein dürfte, dass er erst in Ägypten auf das Schiff kam und die Meldung bereits vorher telegrafisch übermittelt wurde.

Die Kapitäne der Hansa-Linie waren laut Passagierliste der „Koningin Emma“ F. H. R. Gronau, Kapitän des Dampfers „Rappenfels“ und W. Müller, Kapitän der „Moltkefels“. Beide Schiffe der Bremer Hansa-Linie waren ebenfalls von den Briten aufgebracht worden und lagen in Colombo: Die „Fürth“ in Colombo: 11. bis 18. August 1914

Bei Prof. Kahle dürfte es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um den Theologen und Orientalisten Prof. Dr. Paul Kahle handeln (1875-1964). Dieser war von 1903-1908 Pfarrer der Deutschen Evangelischen Gemeinde Kairo gewesen.

„Nachdem er nach Deutschland zurückgekehrt war, unterrichtete Kahle an der Universität in Halle (1909-1914) und erwarb im Jahr 1914 in Gießen den Titel ordentlicher Professor.“ http://www.paulkahle.unito.it/index.php/About/biography_kahle?lang=de

Eventuell kam er von einer Studienreise, als er von der „Koningin Emma“ geholt wurde, was ich aber nicht weiter recherchiert habe. Falls jemand sicher sagen kann, dass es nachweislich dieser Prof. Kahle war, der mit Kapitän Richter gereist ist, wäre ich für einen Hinweis auf den Beleg dankbar.

Eine Quelle besagt, dass der deutsche Professor einen Pass vom englischen Oberbefehlshaber hatte und sich daher in Sicherheit wog und auf die Rückreise nach Deutschland über Genua gewagt hatte (De Sumatra Post, 16. Dez 1914).

Gefangennahme

Setzen wir den Bericht von Kapitän Richter fort:

„Mit unserem übriggebliebenen Gepäck mußten wir in einem selbst gemieteten Wagen zur Polizeiwache fahren, wo unsere Papiere und die auf den Pässen befindlichen Personalbeschreibungen geprüft wurden. Wir mußten bis gegen Mitternacht in dem Untersuchungsraum der Wache bleiben. Auf unser Bitten gestattete man uns, von einem in der Nähe befindlichen Gasthaus Essen kommen zu lassen, da wir keine Speisen von der Polizei erhielten. In der Nacht wurden wir noch auf den holländischen Dampfer zurückgebracht, auf dem wir bis zum 22. Oktober blieben, der dann, nachdem er die für Genua bestimmte Ladung gelöscht hatte, Marseille verließ, um nach Amsterdam weiterzufahren.“

„Wir Deutsche freuten uns schon, der Gefangensetzung entronnen zu sein, als kaum eine halbe Stunde vor Ausgang der Konigin Emma wir Fünfe den Befehl erhielten, unsere noch übriggebliebenen wenigen Habseligkeiten zusammenzupacken, um abgeführt zu werden. Unter den übrigen Fahrgästen befanden sich noch zwei Deutsche, die aber aus Java in der holländischen Kolonialtruppe gediet [sic!] hatten und sich in ihrer Uniform auf der Heimreise nach Amsterdam befanden. Sie sollten gleichfalls gefangen genommen werden. Sie waren mit uns bereits zum Verlassen des Schiffes angetreten, als der holländische Konsul erschien und unter Hinweis auf die Uniform die Freilassung der beiden Kolonialsoldaten verlangte, worauf diese auch freigegeben wurden. Wir fünf wurden nun auf einen kleinen Schleppdampfer gebracht, der uns nach dem Fort Nicolas übersetzte.“

Bestätigte Angaben

Die Angaben von Kapitän Richter im letzten Paragraphen werden von einem anderen Passagier des Schiffes bestätigt (Zeitungsartikel De reis van de „Koningin Emma”, De Sumatra Post, 16. Dez 1914). Im Artikel muss es statt „der holländische Konsul“ wohl richtig heißen „der holländische Kapitän“.

Der Artikel De reis van de „Koningin Emma” gibt auch über das weitere Schicksal der beiden Deutschen im Dienst der holländischen Kolonialtruppen Auskunft (Artikel im Original im Niederländischen):

„Der Kapitän der „Emma“ protestierte energisch und sagte, er würde nicht zulassen, dass diese beiden holländischen Soldaten in Uniform von Bord eines holländischen Schiffes gebracht würden. Sie wurden dann allein gelassen, aber in Gravesend wurde dasselbe wiederholt. An den Docks, zu denen das Schiff abgeschleppt worden war, wurden die beiden Soldaten von bewaffneten Engländern bewacht. Einer von ihnen war krank und nicht in der Lage war, aus seinem Bett zu gehen, und schließlich wurde angeordnet, die beiden an Land zu bringen. Die Bahre wurde vom Schiffsarzt der „Emma“ zur Verfügung gestellt.

Der Kapitän protestierte vergeblich, wandte sich aber sofort an das niederländische Generalkonsulat in London, was dazu führte, dass der Gesandte Van Swinderen sich mit der englischen Regierung in Verbindung setzte. Am Tag vor der Abfahrt des Schiffes wurde einer der beiden Soldaten wieder an Bord gebracht, der andere blieb im Krankenhaus, wurde aber nach der Genesung wieder freigelassen.“

Anmerkung: Gravesend ist eine englische Hafenstadt am Unterlauf der Themse und wurde auf der Rückreise nach Amsterdam fahrplanmäßig angelaufen.

Auch zur Verhaftung der fünf Deutschen, inklusive Kapitän Richters, gibt der Augenzeuge eine Einschätzung:

„Insbesondere die französischen Behörden befanden sich in völliger Unsicherheit über die Gründe und die Rechtmäßigkeit der von ihnen selbst vorgenommenen Festnahme. Sie ignorierten englische Pässe und misstrauten den Frachtbriefen, auf denen „Order to Rotterdam“ durchgestrichen und durch „Order to London“ ersetzt wurde.“

Unsicherheit hin oder her – die fünf Deutschen waren verhaftet.

Lange Verzögerung

Die „Koningin Emma“ erreichte Amsterdam schließlich mit viel Verzögerung am 5. November 1914.

SCHEEPVAART.
Het ss. Koningin Emma is 5 dezer te Amsterdam aangekomen.
De Preanger-bode, 11. Nov. 1914

Insgesamt war das Schiff fast drei Wochen länger und damit fast doppelt so lang unterwegs wie die „Tabanan“, mit der zwei andere Besatzungsmitglieder der „Fürth“ von Colombo nach Rotterdam gefahren waren (Rückkehr nach Deutschland mit dem Dampfschiff „Tabanan“). Die „Tabanan“ war eine Woche später aus Colombo ausgelaufen (2. Okt 1914) und erreichte die Niederlanden 12 Tage vor der „Koningin Emma“, nämlich bereits am 24. Okt 1914.

Über diese Verzögerung machte auch der bereits zitierte Passagier seinem Unmut Luft:

„Fünf Deutsche und fünfzig Kisten Gummi – schließlich alles, warum das neutrale Handelsschiff von einem Hafen zum anderen geschleppt, tagelang aufgehalten, durchsucht, behindert und in jeder Hinsicht beeinträchtigt wurde.“ (De reis van de „Koningin Emma”, De Sumatra Post, 16. Dez 1914).

Koningin Emma sinking

Das Sinken der „Koningin Emma“ am 22. September 1915, Quelle und weitere Informationen: https://wrecksite.eu/wreck.aspx?74565

Der Untergang der „Koningin Emma“

Fast ein Jahr später hätte dieser Passagier dann ernsteren Grund zur Klage gehabt: Am 22. September 1915 lief die „Koningin Emma“ auf der Fahrt von Batavia nach Amsterdam vor der englischen Südost-Küste in der Nähe der Themsemündung auf eine (vom U-Boot SM UC-7 der Kaiserlichen Marine gelegte) Mine und sank. Alle Personen an Bord konnten gerettet werden (Quellen: https://wrecksite.eu/wreck.aspx?74565 und http://www.stoomvaartmaatschappijnederland.nl/ss-koningin-emma-ii-phmfp-1913-1915/)

Gefangenschaft in Marseille

Nächste Woche hier im Blog: Das Schicksal von Kapitän Richter, dem dritten Offizier der „Fürth“, H. Wodarz, den beiden anderen deutschen Kapitänen Gronau und Müller sowie von Professor Kahle in Marseille: Gefangenschaft im Fort Nicolas.

SS Tabanan

Rückkehr nach Deutschland mit dem Dampfschiff „Tabanan“

Der dritte Maschinist und ein Assistent der „Fürth“ auf dem Heimweg von Colombo

Bildnachweis Titelbild: © https://www.shipsnostalgia.com/gallery/showphoto.php/photo/969778/title/tabanan/cat/513

Freilassung aus dem Gefangenenlager Ragama

Das Dampfschiff „Fürth“ lag seit dem 11. August 1914 im Hafen von Colombo. Die meisten Mannschaftsmitglieder waren dann eine Woche später, am 18. August, von Bord geholt und in das Gefangenenlager Ragama transportiert worden. Über dieses Lager hatte ich in zwei Blog-Artikeln ausführlich berichtet: Gefangenschaft auf Ceylon – Mannschaftsmitglieder der „Fürth“ berichten und Das Lager Ragama auf Ceylon.

Zwei der Besatzungsmitglieder der „Fürth“ wurden am 1. Oktober 1914 freigelassen und konnten die Heimreise antreten (Quelle: Bericht eines Assistenten und des dritten Maschinisten der „Fürth“ aus Hamburgischer Correspondent und neue hamburgische Börsen-Halle, 31. Okt 1914, S. 3).

„Am 1. Oktober durften wir beide endlich abreisen. Auch andere sind freigelassen worden, wie wir hörten. Aber ihnen ist es nicht geglückt, ihr Ziel zu erreichen. Angeblich sind sie trotz ihrer Papiere später von französischen Schiffen wieder festgenommen worden. Wir mußten vor unserer Abreise die schriftliche Versicherung geben, daß wir in diesem Kriege nicht gegen die Engländer kämpfen werden.“

Wie wir noch sehen werden, gehörten auch Kapitän W. Richter und der dritte Offizier H. Wodarz zu den weniger Glücklichen, denn die beiden gerieten auf der Rückreise für einige Zeit in französische Gefangenschaft.

Reise mit dem Dampfschiff „Tabanan“

Mit dem Dampfer „Tabanan“ des Holländischen Lloyd fuhren wir heim. Unterwegs wurde unser Schiff von einem japanischen Kriegsschiff angehalten, in Gibraltar eingeschleppt, im Kanal angehalten und in Dover wurden wir Deutsche auf ein Kriegsschiff gebracht, wo man uns die endgültige Freiheit gab. Wir bestiegen wieder die Tabanan“, die uns nach Rotterdam brachte, von wo wir die Reise nach Hamburg mit der Bahn zurücklegten.“

A BRITISH DESTROYER EXAMINING A DUTCH STEAMER.

Ein niederländisches Dampfschiff wird von einem englischen Zerstörer überprüft; Quelle: The Times history of the war, 1918, London (commons.m.wikimedia.org).

Das Schiff „SS Tabanan“ war ein 1908 fertiggestelltes Postschiff der Reederei „Rotterdamsche Lloyd“. Zusammen mit der Reederei „Stoomvaart Maatschappij Nederland“ stellte der „Rotterdamsche Lloyd“ einen wöchentlichen Passagier-, Post- und Frachtverkehr zwischen den Niederlanden und Niederländisch-Indien, dem heutigen Indonesien sicher.

Die „Tabanan“ war von der Schiffsbau-Gesellschaft Koninklijke Maatschappij ‚De Schelde‘. Scheepswerf en Machinefabriek in Vlissingen erbaut worden. Das Schiff hatte ein 4000 PS starke Dreifach-Expansions-Dampfmaschine, die die „Tabanan“ auf 14 Knoten brachte. Die Maße des Schiffes waren: Länge 400,5 Fuß, Breite 49,1 Fuß und Tiefe 27,4 Fuß. Damit war die „Tabanan“ ähnlich groß wie das Dampfschiff „Fürth“. Die Ladekapazität betrug 3246 Netto-Registertonnen (5247 Brutto-Registertonnen). Die „Tabanan“ konnte 204 Passagiere aufnehmen.

Das Schiff lief bis 1930 unter holländischer Flagge, wurde dann in die Türkei verkauft und war unter dem Namen „Ege“ bei verschiedenen Reedereien in Fahrt. Die „Ege“, exTabanan wurde 1954 in Italien verschrottet.

Quelle der Schiffsdaten: Stiftung Maritimhistorische Datenbank (Stichting Maritiem-Historische Databank) http://www.marhisdata.nl/.

Nederland, Rotterdamsche Lloyd

Abfahrten der Postschiffe ab Batavia, September bis Dezember 1914, Het nieuws van den dag voor Nederlandsch-Indië, 12. Sep 1914; Quelle: delpher.nl

Die Fahrtroute der „Tabanan“

Die „Tabanan“ legte einen Tag nach der Freilassung der beiden Besatzungsmitglieder der „Fürth“ in Colombo ab:

De „Tabanan“ van Java naar Rotterdam, vertrok 2 Oct. van Colombo
Haagsche courant, 5.
Okt 1914

Der weitere Fahrtverlauf: Port Said (13.10.), Gibraltar passiert (20.10.), Kap Finisterre passiert (Galizien, 21.10.) und Ankunft in Rotterdam am 24.10.1914 um 19.35 Uhr.

Quelle für alle niederländischen Tageszeitungen ist die Seite: http://www.delpher.nl
De ,,Tabanan“ van Java naar Rotterdam, vertrok 13 October van Port-Said
Haagsche courant, 15.
Okt 1914
De „Tabanan“ van Java naar Rotterdam, passeerde 20 October Gibraltar.
Haagsche courant, 22. Okt 1914
Het stoomschip Tabanan, van Java naar Rotterdam, passeerde 21 Oct. des namiddags Kaap Finisterre.
Rotterdamsch nieuwsblad, 23. Okt 1914
ZEETIJDINGEN.
BINNENLANDSCHE HAVENS
ROTTERDAM aangekommen.
24 Oct. namiddag:
… 7.35 s. TABANAN, Rott. Lloyd, Batavia. Lloydkade stukgoed.
Uren van aankomst in den Nieuwen Waterweg.
De Maasbode, 25. Okt 1914

Die im Bericht der beiden Mannschaftsmitglieder beschriebenen Verzögerungen der Fahrt können nicht von langer Dauer gewesen sein, denn nach einem Artikel des Bataviaasch Nieuwsblad kam die „Tabanan“ fahrplanmäßig in Rotterdam an.

Nederlandsch-Indië. Batavia, 26 Oct.
Onze Mailbooten. — De Rotterdatnsche Lloyd verzoekt ons mede te deelen, dat het s. s. Insulinde jl. Vrijdag te Rotterdam arriveerde, terwijl het s. s. Tabanan Zondag aldaar aankwam. De laatste boot is dus zeer waarschijnlijk niet door vreemde oorlogsschepen aangehouden, daar ze precies op tijd is binnengeloopen.
Bataviaasch nieuwsblad, 26. Okt 1914

Übersetzung: Der Rotterdamsche Lloyd bittet uns, Ihnen mitzuteilen, dass die „SS Insulinde“ am letzten Freitag in Rotterdam ankam, während die „SS Tabanan“ am Sonntag dort angekommen ist. Das letzte Schiff wurde daher wahrscheinlich nicht von fremden Kriegsschiffen festgehalten, da es genau nach Fahrplan ankam.

Keine Passagierliste für Colombo

In den niederländischen Medien (http://www.delpher.nl) sind bei Ankunft des Schiffes in Rotterdam leider nur die Passagiere aus Batavia aufgeführt, so dass keine Angaben über die in anderen Häfen zugestiegenen Passagiere vorliegen, was erlaubt hätte, die Passagierliste mit den Namen der Mannschaftsmitglieder der „Fürth“ abzugleichen.

Am Samstag, den 24. Okotober 1914 waren die beiden Seeleute am Abend in Rotterdam angekommen und haben dann nach eigenen Angaben den Zug nach Hamburg genommen.

Hendschel‘s Telegraph

Aus dem damals beliebten Kursbuch Hendschel‘s Telegraph können wir erfahren, dass eine direkte Zugfahrt von Rotterdam nach Hamburg möglich war: Fahrtzeit etwa 9,5 Stunden. Das Billet zweiter Klasse ist mit 16,40 Gulden, also 27,72 Mark angegeben. (Umrechungskurs: 1 Gulden entsprach 1,69 Mark).
Ausgabe Mai 1914, Quelle: http://www.deutsches-kursbuch.de/1914/917_hoch.htm

Hendschel‘s Telegraph war eine Übersicht der Eisenbahn-, Post-, Dampfschiff- und Telegraphen-Verbindungen und wurde seit etwa 1847 bis 1930 herausgegeben. Erster Herausgeber war Ulrich Friedrich Hendschel, Fürstlich Thurn und Taxis’scher Ober-Postamts-Secretär und Cours-Bureau-Beamter.

„Der Sohn Emil Heinrich Ulrich H. (1835-1909), ein jüngerer Bruder von Albert H., setzte nach dem Tod des Vaters 1862 das Reisekursbuch unter dem eingeführten Titel fort, das dann bis 1930 – zuletzt allerdings nicht mehr unter familiärer Beteiligung – regelmäßig erschien.“
Zitat: https://frankfurter-personenlexikon.de/node/2553

Die Spur verliert sich

Genau eine Woche später erschien dann das Interview der beiden Mannschaftsmitglieder der „Fürth“ in der Hamburger Tageszeitung Hamburgischer Correspondent und neue hamburgische Börsen-Halle (ohne Nennung der Namen).

Weiter habe ich die Spuren nicht verfolgt, was auch schwierig oder gar unmöglich sein dürfte. Die Namen der beiden sind nicht gesichert: A. Herrde  (3. Maschinist der „Fürth“, zuletzt dokumentiert in Sydney am 14. Juli 1914; der „Assistent“: eventuell J. Ernst, Maschinen-Assistent der „Fürth“, ebenfalls dokumentiert in Sydney am 14. Juli 1914).

Als nächstes werde ich über die Heimreise von Kapitän Richter und dem dritten Offizier der „Fürth“, H. Wodarz, berichten, die weit weniger reibungslos verlief.

Erich Hupka, Interferenz der Röntgenstrahlen

Wie ein bekannter deutscher Physikprofessor auf die „Fürth“ kam

Die „Fürth“ in Colombo – Teil 2
(nach dem 18. August 1914)

Das Dampfschiff „Fürth“ war am 11. August 1914 in Colombo angekommen. Zuvor war es am 10. August von dem britischen Kriegsschiff „HMS Espiegle“ gekapert worden und traf in Begleitung dieses Schiffes in Colombo ein. Die Mannschaft blieb noch bis 18. August an Bord und wurde dann größtenteils in das Gefangenenlager Ragama gebracht. Nur wenige Besatzungsmitglieder blieben an Bord zurück. Siehe auch: Die Kaperung der „Fürth“ und Die „Fürth“ in Colombo: 11. bis 18. August 1914

Die folgende Schilderung des Kapitäns W. Richter ist leider sehr kurz gehalten. Er gab sie in einem Artikel der Hamburger Nachrichten am 16. Dezember 1914 auf Seite 3 wieder.

„Die Ladung meines Schiffes wurde bis auf eine Teilladung Erz gelöscht und das Schiff dann für Transportzwecke umgebaut. Am 8. September wurden bei mir drei gefangene Deutsche an Bord untergebracht. Sie waren von Bord des holländischen Dampfers Konigin Emma geholt worden und kamen von Europa. Es waren Professor Dr. Hupka, der für die deutsche Regierung nach Tsingtau gehen sollte, Ingenieur Lupien, der nach Java für die holländische Regierung wollte, und ein Pflanzer Eggers aus Colombo. Sie blieben an Bord bis zum 18. September und wurden dann nach Ragama abgeführt.“

Professor Erich Hupka

Die folgenden Zitate stammen aus dem Buch „Gefangen am anderen Ende der Welt: Deutsche im Ersten Weltkrieg in Ostasien und Australien von Gerhard Dannemann, 2018, Book on Demand (abgerufen unter books.google.fr).

„Der Physiker Dr. Karl Erich Hupka war als Professor mit einem Lehrauftrag an die Deutsch-Chinesische Hochschule von Tsingtau berufen worden. Zusammen mit seiner Ehefrau Therese schiffte er sich im Hafen von Genua auf einem holländischen Dampfer ein. Auf der Überfahrt wurden die frisch vermählten Eheleute vom Ausbruch des Krieges Überrascht, denn bereits am 15. August 1914 endete ihre Fahrt in Colombo auf Ceylon (dem heutigen Sri Lanka), wo der Dampfer Kohlen nehmen musste und wo die Eheleute und weitere Deutsche von den Engländern, den damaligen Kolonialherren und derzeitigen Kriegsgegnern des Deutschen Reiches, von Bord geholt und in das aus langen Wellblechbaracken bestehende Lager Diyatalawa gesteckt wurden.“

Die Hochschule von Tsingtau befand sich im Deutschen Pachtgebiet Kiautschou, das 1898 vom Kaiserreich China an das Deutsche Kaiserreich verpachtet worden war. Die Hauptstadt dieses Gebietes war Tsingtau (heute Qingdao), heute in Europa vor allem durch die Großbrauerei bekannt, die ihre Wurzeln in dieser Zeit als deutsches Kolonialgebiet hat.

Eine ausführliche und gut recherchierte Darstellung von dem deutschen Gebiet Kiautschou finden Sie hier:
https://deutsche-schutzgebiete.de/wordpress/projekte/kolonien/kiautschou/

Offen bleibt, wo Hupka und seine Frau zwischen dem 15. August und dem 8. September 1914 festgehalten wurden.

Am 18. September 1914 wurde Hupka und die beiden anderen Gefangenen laut Kapitän Richter nach Ragama gebracht. Dies aber nur vorübergehend, denn:

„Am 24. Oktober wurden die Internierten, darunter der Physiker Erich Hupka, von Ragama in das in den Bergen im Innern der ceylonesischen Insel gelegene Internierungslager Diyatalawa verlegt, das von bis zu 2.400 m hohen Bergen umgeben ist. Das Klima dort war wesentlich angenehmer als im tropischen Colombo.“ (Quelle: Dannemann, s. o.)

Hier blieb Hupka mit seiner Frau ein gutes Jahr. In dieser Zeit bekamen sie Nachwuchs:

„Genau ein Jahr später, nämlich am 15. August 1915, kann ihr Sohn Herbert in der Gefangenschaft zur Welt.“

Der Sohn Herbert Hupka wurde sehr viel später in der Bundesrepublik Deutschland als Politiker bekannt, der sich für die Sache der Vertriebenen eingesetzt hat. Er starb 2006.

Diyatalawa camp. Ceylon

Diyatalawa Camp. Ceylon. Blick nach Süden. Quelle: The National Archives UK, Ref.: CO 1069-588-1.

Aber auch in Diyatalawa sollte die junge Familie nicht lange bleiben:

„Mit ihrem Baby wurden sie zusammen mit vielen anderen Internierten im November 1915 weiter nach Australien verfrachtet. Dort wurden die Kriegsgefangenen zunächst in das Hauptlager Holdsworthy gebracht und von dort auf verstreut im Lande liegende Internierungslager, seinerzeit sogenannte „Concentration Camps“ verteilt.“

Alle in Asien befindlichen Gefangenenlager, wie auf Ceylon oder in Singapur waren im Herbst 1915 aufgelöst worden und die dort Internierten wurden anschließend nach Australien transportiert.

Über die Lager in Australien mache ich hoch einen eigenen Blogartikel, da viele deutsche Seeleute von Handelsschiffen dort interniert waren und dieser Teil der australischen Geschichte wenig bekannt ist.

Tragisches Schicksal

Das tragische Schicksal von Prof. Erich Hupka nehme ich hier vorweg:

„Im Sommer 1918 mussten sämtliche Internierten in das neu errichtete Lager Molonglo umziehen, wo sie bis zur Ausweisung blieben. Familie Hupka verließ Australien zusammen mit vielen weiteren Kriegsgefangenen am 29. Mai 1919 auf dem Truppentransporter „Kursk“, einem ehemaligen russischen Auswandererschiff. Auf dem überbelegten Schiff waren die hygienischen Zustände katastrophal. An den Folgen einer auch aus diesen Gründen an Bord ausgebrochenen Lungenpest verstarb unter anderem auch Dr. Erich Hupka. Er wurde zwei Stunden später in Höhe der südafrikanischen Stadt Durban dem Meer übergeben.“

Auch dieses Zitat stammt aus: Deutsche im Ersten Weltkrieg in Ostasien und Australien von Gerhard Dannemann, 2018, Book on Demand (abgerufen über books.google.fr).

Ehefrau Therese kehrte mit ihrem Sohn Herbert über Rotterdam nach Oberschlesien zurück.

Ende des Aufenthaltes in Colombo

Zurück zur Schilderung von Kapitän Richter:

„Am 25. September erhielten ich sowie ein dritter Offizier einen Freipaß von der englischen Regierung in Colombo zugestellt, auf dem merkwürdigerweise ausdrücklich bemerkt war, daß wir auch an der Weiterreise durch Frankreich nicht gehindert werden durften. Gleichzeitig bei der Überreichung der Freipässe wurde uns befohlen, uns an Bord des inzwischen von Java zurückgekehrten holländischen Dampfers Konigin Emma zu begeben, um mit diesem nach einem neutralen Hafen abgeschoben zu werden. Die Reise dorthin mußten wir aber selbst bezahlen.“

Der dritte Offizier der „Fürth“ war H. Wodarz, Mitte zwanzig (er war auf der Mannschaftsliste der „Fürth“ in Sydney vom 13. Juli 1914 mit 25 Jahren eingetragen). Drei Mannschaftslisten der „Fürth“ aus dem Jahr 1914

Der Name des Dampfers lautet richtig geschrieben „Koningin Emma“. Es war ein Passagier- und Frachtdampfer der Reederei „Stoomvaart Maatschappij Nederland“ und bediente die Post-, Passagier- und Fracht-Linie zwischen den Niederlanden und Niederländisch-Indien.

Die „Koningin Emma“ verließ den Hafen von Colombo einen Tag, nachdem Kapitän W. Richter und der 3. Offizier H. Wodarz ihre Freipässe bekommen hatten.

Die Abfahrt des Schiffes ist dokumentiert in der Zeitung „De Sumatra Post“ vom 5. Oktober 1914 (Quelle: http://www.delpher.nl)

Scheepstijdingen.
De Koningin Emma is 26 Sept. uit Colombo vertrokken, richting Holland.

Mehr über dieses Schiff und die Schwierigkeiten des Kapitäns und seines Offiziers auf der Heimreise demnächst hier im Blog.

 

Hupka, Interferenz der Röntgenstrahlen
Titelseite des Buches von Dr. Erich Hupka; hier war er bereits als Dozent der Hochschule in Tsingtau genannt, eine Stadt, in der er nie ankommen sollte
De Sumatra Post, Medan

Das Lager Ragama auf Ceylon

Ein weiterer Augenzeugenbericht

De Sumatra Post, Medan

Ergänzend zu den Darstellungen des Assistenten und des dritten Maschinisten der „Fürth“ (Gefangenschaft auf Ceylon – Mannschaftsmitglieder der „Fürth“ berichten) stelle ich hier noch einen anderen, ergänzenden Bericht eines Deutschen über das Gefangenenlager Ragama auf Ceylon vor, um ein vollständigeres Bild zu bekommen.

Dieser Bericht erschien in der Tageszeitung „De Sumatra Post“ in Niederländisch-Indien, der erste Teil am 8. September 1914 und die Fortsetzung dann am 24. September 1914. Die Quelle ist die niederländische Internetseite http://www.delpher.nl.

Ich möchte vorausschicken, dass die deutsche Übersetzung des niederländischen Textes von mir ist. Sollten Sie also meinen Übersetzungskünsten vom Niederländischen ins Deutsche misstrauen, was ich völlig normal fände, verweise ich auf die Internetseite http://www.delpher.nl.

Prinses Juliana, stoomboot

Das Dampfschiff „Prinses Juliana“ in der Schleuse von IJmuiden am 25. September 1910 zu Beginn ihrer Probefahrt, Quelle: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=64030090

Hier der erste Teil des Berichtes aus der Zeitung „De Sumatra Post“ vom 8. September 1914:

„Gefangene auf Ceylon. Aus einem Brief eines deutschen Gefangenen in Ceylon: Bei Ankunft unseres Postbootes (der „Juliana“) in Colombo erschien ein englischer Polizist an Bord, der alle Deutschen mit einem Polizeischiff in den Hafen bringen ließ, wo sie befragt wurden. Der noch immer unter Militärdienst stehende deutsche Soldat wurde verhaftet. Am Abend wurden wir an Bord der „Gallia“, eines Bootes der Seychellen-Kompanie, gebracht und blieben dort vier Tage bis Dienstag, den 18. August. Wir wurden mit der Eisenbahn zum Lager Ragama, einem Lager der britischen Armee, transportiert.“

Der vollständige Name des niederländischen Schiffes war „SS Prinses Juliana“ (siehe Abbildung oben).

Am Dienstag, den 18. August 1914 waren auch die Mannschaftsmitglieder der „Fürth“ von Bord geholt und nach Ragama gebracht worden. Siehe: Die „Fürth“ in Colombo: 11. bis 18. August 1914

Und weiter:

„Das Lager hat einige Kasernen und ist mit Stacheldraht abgesperrt. Es gibt ein kleines Gebäude, 2 x 1 1/2 Meter, wo sich ein Wasserhahn 50 cm über dem Boden befindet, unter dem Geschirr, das natürlich von uns selbst gereinigt wird, da es keinen Service gibt, aber wir müssen uns auch unter diesem Wasserhahn waschen. Es gibt einen Nachteil, wir können uns vorstellen, dass wir uns in jede mögliche Richtung beugen müssen, um das Wasser über den Körper fließen zu lassen. Bier oder anderer Alkohol ist nicht verfügbar. Wir trinken Tee und wieder Tee, weil wir dem Trinkwasser nicht trauen können.

Mittlerweile sind hier in diesem Lager etwa 100 Deutsche und Österreicher interniert. Die Offiziere und Reserveoffiziere wurden nach zwei Tagen in eine große Baracke abgetrennt, wo sie es nun etwas bequemer haben. Wir schlafen auf Feldbetten, die wir jeden Abend wieder neu aufstellen. Moskitonetze gibt es nicht. Wir machen selbst Essen, Kochen, waschen das Geschirr ab etc. Eine Kantine war noch nicht da. Meine Schuhe haben seit unserer Ankunft in Colombo keine Bürste mehr gesehen. Wenn eine Kantine aufgemacht wird, können wir vielleicht solche Dinge bekommen. Man muss so etwas mitgemacht haben, um es sich vorzustellen. Lassen Sie uns schließlich hoffen, dass es nicht lange dauern wird!“

Soweit der erste Teil des (aus dem Niederländischen übersetzten) Berichtes aus der Zeitung „De Sumatra Post“ in Medan.

Die Hoffnung auf die Kantine wird enttäuscht werden. Die beiden Besatzungsmitglieder der „Fürth“ hatten zwar berichtet, dass eine solche eingerichtet wurde, aber die Preise unerschwinglich hoch waren.

Fortsetzung

Am 24. September 1914 erschein dann die Fortsetzung des Berichtes, wieder in der Zeitung „De Sumatra Post“:

„Unser Zustand hat sich verbessert, denn wir, Offiziere und Reserveoffiziere, bewohnen jetzt eine Hütte. Unsere einfachen Feldbetten sind jetzt auch mit Moskitonetzen ausgestattet, so dass wir einigermaßen schlafen können. Unser Menü besteht Tag für Tag aus Rindfleisch mit Kartoffeln und … Zwiebeln. Außerdem wird erstaunlich viel Marmelade verbraucht. Abgesehen von einigen unerfüllten Bedingungen sind wir bisher gesund. Der Alkohol ist fast ganz aufgebraucht. Wenn es Ihnen möglich ist, senden Sie uns ein paar Zigarren, denn wir können hier nichts zu rauchen bekommen. Die Sumatra-Häftlinge begrüßen Sie herzlich. Herr Fetter ist im Krankenhaus von Colombo.“

Von einem „Herrn v. Vetter“ berichteten auch die beiden Crewmitglieder der „Fürth“. Offensichtlich hatten die Gefangen (zumindest die Offiziere) inzwischen auch eine kleine Menge alkoholische Getränke bekommen, was zur Zeit der Schilderung des ersten Teils noch nicht der Fall war.

Der Bericht des Augenzeugen endet hier.

Links mit Bildmaterial

Bilder aus dem Ragama Camp aus dem Ersten Weltkrieg konnte ich leider keine finden. Über Hinweise dazu wäre ich dankbar.

Wie das Lager zur Zeit des 2. Burenkrieg (1899-1902) ausgesehen hat, illustriert diese Webseite:

http://notes.lakdiva.org/pow/pcbw/pcbw_ragama.html

Die Bilder auf der Seite stammen aus dem Buch „Paper Currency of the Anglo-Boer War, 1899-1902“, von John Ineson, erschienen beim Verlag Spink.

Das Buch hat die Wertgutscheine zum Inhalt, die im Burenkrieg von der Lagerleitung herausgeben wurden und mit denen die Gefangenen in der Lagerkantine Waren kaufen konnten (wenn sie denn über die Mittel dazu verfügten). Es zeigt aber auch einige Bilder über das Lager selbst (alle Dokumente und Bilder aus der Zeit des Burenkrieges).

Ragama Camp Ceylon

Abbildung: Kantinen-Gutschein aus dem Ragama Camp zur Zeit des Burenkrieges.
Quelle: http://notes.lakdiva.org/pow/190x_bpow_cics_ra.html.

Der Bedingung des Rechteinhabers, mit der Abbildung die kompletten Nutzungsbedingungen anzugeben, komme ich hier nach. Bevor Sie also auf die Idee kommen, dieses Foto weiterzuverwenden, lesen Sie bitte diesen Text:

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Weitere Informationen über die Camps auf Ceylon zur Zeit des Burenkrieges mit einigen Abbildungen:

https://www.angloboerwar.com/other-information/89-prisoner-of-war-camps/1839-camp-for-boers-ceylon-sri-lanka

Ein Physikprofessor auf der „Fürth“

Nächste Woche im Blog: Ein bekannter deutscher Physikprofessor wird zehn Tage auf der „Fürth“ verbringen. Wer und Warum? Das erfahren Sie nur hier im Blog über das Dampfschiff „Fürth“!

Ceylon map 1914, Baedeker

Karte von Ceylon, heute Sri Lanka, etwa 1914. Auf Englisch beschriftet. Baedeker, Karl: Indien. Handbuch für Reisende. Verlag Karl Baedeker, Leipzig, 1914, p. 6 f. Quelle: commons.wikimedia.org/wiki/File:Ceylon_(ca_1914).jpg

 

Diyatalawa camp. Ceylon

Gefangenschaft auf Ceylon – Mannschaftsmitglieder der „Fürth“ berichten

Das Lager Ragama bei Colombo

Strenge Vorschriften

Am 18. August 1914 wurde die Mannschaft der „Fürth“ bis auf einige wenige Besatzungsmitglieder von bewaffneten Truppen vom Schiff, das im Hafen von Colombo lag, geholt und ins das Lager Ragama gebracht. Siehe: Die „Fürth“ in Colombo: 11. bis 18. August 1914

ceylon, Ragama Camp and Diyatalawa Camp (yellow dot)

Karte von Ceylon, heute Sri Lanka, Südteil, etwa 1914. Ragama (auf der Karte gelb eingekreist) liegt an der Westküste in der Nähe von Colombo. Der gelbe Punkt ist der Ort des größten Lagers auf Ceylon: Diyatalawa. Baedeker, Karl: Indien. Handbuch für Reisende. Verlag Karl Baedeker, Leipzig, 1914, p. 6 f. Quelle: commons.wikimedia.org/wiki/File:Ceylon_(ca_1914).jpg

Zunächst lassen wir Kapitän W. Richter zu Wort kommen, der das Gefangenenlager Ragama in seinem Bericht kurz beschreibt (Hamburger Nachrichten, 16. Dezember 1914, S. 3):

„Ragama ist ein auf einem hohen Hügel liegender Truppenübungsplatz, umgeben von Reisfeldern. Es herrscht daher dort feuchte und ungesunde Luft, so daß unter den dort festgehaltenen Leuten einige Fälle von Malaria vorkamen. Ragama ist bekannt aus dem Burenkriege, weil die gefangenen Deutschen, die zusammen mit den Buren gekämpft hatten, dort gefangen gehalten wurden. Die Behandlung der Gefangenen durch die englische Regierung war nicht schlecht. Sie wurden von eingeborenen Truppen bewacht. Das Essen, das meine Leute erhielten, war gut, da es mir, der ich als Nichtmilitärpflichtiger an Bord der Fürth zurückgeblieben war, auf mein Ersuchen gestattet worden war, ihnen Proviant vom Schiffe zukommen zu lassen. Meine Leute hatten daher genug zu essen. Sonst war das gelieferte Essen sehr knapp und mäßig.“

Diyatalawa camp. Ceylon

Diyatalawa camp. Ceylon. Blick nach Süden. Quelle: The National Archives UK, Ref.: CO 1069-588-1.

Eine andere Einschätzung

Die Beschreibung des Lagers klingt dann von den direkt betroffenen Mannschaftsmitgliedern ganz anderes, vor allem was die Versorgungslage betrifft. Die Zitate stammen aus dem Bericht eines Assistenten und des dritten Maschinisten der „Fürth“ (Hamburgischer Correspondent und neue hamburgische Börsen-Halle, 31. Oktober 1914, S. 3).

„Im Lager von Ragama wurden wir in Hütten untergebracht, die zum Teil noch aus der Zeit des Burenkrieges herrührten, und in Gruppen eingeteilt, die sich einen Vorstand zu wählen hatten. Wir wurden mit Eß-, Koch- und Waschgeschirr ausgerüstet und erhielten als Proviant rohes Fleisch, Zwiebeln, Kartoffeln, etwas Reis, eine Dose Milch pro Tag und Tisch, Brot, Tee und ein wenig schlechten Zucker. Als Kochstätte improvisierten wir einen Herd im Erdboden aus Ziegeln, und als Heizmaterial lieferte man uns Holz in großen Blöcken. Die Rationen waren sehr klein, und wenn uns der Kapitän der „Fürth“ nicht anfangs mit Lebensmitteln versorgt hätte, wären wir halb verhungert. Qualvoll war auch das ewige Einerlei der Speisekarte. Täglich bekamen wir genau das Gleiche. Eine Abwechslung im Fleisch trat erst in den letzten Tagen ein, als man uns auf unter Bitten Lammfleisch verabreichte. Außer der Mittagsmahlzeit genossen wir nur Tee und trockenes Brot. Von der Kantine, die auf unsere Beschwerden eingerichtet wurde, konnten wir keinen Gebrauch machen, da die Preise lächerlich hoch waren. Als Lagerstätte war jedem von uns ein Feldbett zugewiesen worden, mit einem Kissen, einer Seegrasmatratze und einer Decke.“

Ragama Camp, Ceylon

Postkarte an einen Gefangenen, kurz POW oder „Prisoner of War“ im Lager Ragama, Burenkrieg, 1902, Quelle: commons.wikimedia.org

Weiter berichten die beiden Besatzungsmitglieder der „Fürth“ von ihrem eintönigen Aufenthalt im Gefangenenlager Ragama:

„Die Vorschriften, nach denen wir uns zu richten hatten, waren außerordentlich streng, aber über die Behandlung durch die schwarzen Aufseher haben wir uns nicht zu beklagen und Bestrafungen kamen in unseren Abteilungen nicht vor. Mit den schwarzen Polizeisoldaten standen wir auf gutem Fuß. Sie zeigten sich eher deutsch- als engländerfreundlich und erleichterten uns unsere Lage nach Möglichkeit. Das ging sogar manchmal so weit, daß sie von ihren Vorgesetzten bestraft wurden. Auch wir versuchten alles, um über die Trübsal unserer Lage hinwegzusetzen, indem wir Spiele arrangierten. Mit Genauigkeit wurde die Ordnung des Tages eingehalten, die mit Weckruf, Aufruf, Proviantverteilung, Kochen der Mahlzeiten, wieder Aufruf wechselte. Um 6 ½ Uhr mußte alles in den Hütten sein und um 10 Uhr wurde das Licht gelöscht. Unter unseren Leidensgefährten, die es um nichts besser hatten als wir, befanden sich auch ein Sohn des Generalobersten v. Kessel, ein Freiherr v. Massenbach und ein Freiherr v. Vetter. Sie waren als Pflanzerangestellte drüben tätig gewesen und waren auf der Reise in die Heimat von den Engländern abgefaßt worden. Auch ein österreichischer Ober-Stabsingenieur, der aus der Heimat kommend seine Dienststelle auf dem Kreuzer Kaiserin Elisabeth“ hatte antreten wollen, war unter ihnen. Uns wurde als Warnung für unser Verhalten erzählt, der englische Kommandant des Gefangenenlagers habe gedroht, wenn die Engländer in Deutschland noch weiter so schlecht behandelt würden, wie es ihm zu Ohren gekommen sei, so werde er mal zehn Mann von uns auslosen! Was daß heißen sollte, war uns klar.

Von den wahren Kriegsereignissen erfuhren wir nichts; nur schlimme Botschaften wurden uns vorgelogen, auch Briefe gelangten nicht in unsere Hände.“

Die Bezeichnung „drüben“ in dem Bericht dürfte sich auf Niederländisch-Indien, das heutige Indonesien, beziehen.

Diyatalawa Camp Ceylon

Diyatalawa Camp auf Ceylon, Zeitungsartikel mit Verwendung des Fotos von A. W. Andree (s.o.) Quelle: www.angloboerwar.com/other-information/89-prisoner-of-war-camps/1839-camp-for-boers-ceylon-sri-lanka

Ende der Gefangenschaft

Die Leidenszeit der beiden Besatzungsmitglieder der „Fürth“ war dann nach sechs Wochen beendet:

„Erst nach sechs trostlosen Wochen der Ungewißheit über unsere Zukunft und über das Schicksal des Vaterlandes, unter drückenden Beschränkungen der Lebensweise bei mangelhafter Beköstigung und umgeben von ungesundem Klima erlöste uns der Nachweis unserer Militäruntauglichkeit aus unseren Nöten.

Auf Bemühen des amerikanischen Konsuls, an den wir uns gewandt hatten, wurde uns von der englischen Regierung endlich die Rückreise in die Heimat gestattet.“

Die beiden Mannschaftsmitglieder der „Fürth“ mussten bis zum 1. Oktober 1914 in dem Gefangenenlager Ragama verbringen.

Über die Fahrt der beiden Augenzeugen nach Europa berichte ich demnächst hier im Blog.